Winterfeuer (I)

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  • Es war der Gestank, der ihn weckte. Etwas Dumpfes, Fauliges, das stechend in seine Geruchskanäle drang. Sein eigener Atem?
    Mit einem Stöhnen rollte Ghabriel den Kopf zu seiner Schulterpartie, und er spürte die Mühe, die es ihm bereitete, den Rest seines Körpers folgen zu lassen, der wie eingemauert an dem Untergrund zu haften schien, auf dem er lag. Nur mit enormer Anstrengung konnte der Mann ihn davon überzeugen, seinen eigenen Befehlen zu gehorchen und die Gliedmaßen herumzudrehen, bis er stabil auf seiner rechten Seite ruhte.
    Eine bittere, zähe Flüssigkeit rann über seine Lippen und an diesen entlang sein Kinn herab. Speichel, der seit einer gefühlten Ewigkeit in seinem Mundraum verblieben sein musste, denn sein Rachen war so trocken, dass Ghabriels Zunge an seinem Gaumen festklebte, als er diesen zu befeuchten versuchte. Er hob seine Lider, doch um ihn herum herrschte eine beinahe vollkommene Dunkelheit.
    Seine Augen rollten in ihren Höhlen zurück. Ghabriel kämpfte den Dämmerzustand nieder, in den er abermals zu verfallen drohte. Die Muskeln in seinem Leib fühlten sich übersäuert an, die Haut spannte sich unangenehm wie eine zu eng gewordene Hülle um sein Fleisch und alles, was darunter lag; als hätte sie zu viel Wasser verloren und nur noch er selbst bewege sich in diesem kokonartigen Gebilde.
    Die klammen Hände gegen den nächsten Widerstand stemmend, drückte er sich davon ab und wuchtete seinen Torso in eine halb aufrechte Position. Seine Arme zitterten, und einer davon versagte ihm den Dienst. Ghabriel erwartete, hart aufzuschlagen, doch er landete relativ weich auf einem warmen, nachgiebigen Körper, der unter seinem Gewicht hätte zusammenfahren sollen, doch er tat es nicht.
    Seine Fingerkuppen ertasteten Blanche. Es hätte jede Frau sein können, deren Schenkel, Taille und Brüste Ghab fühlte, doch die Konturen der Mesmerin waren ihm dermaßen vertraut, dass er sich nicht einmal bis zu ihrem Gesicht hinauf arbeiten musste, um zu wissen, wen er vor sich hatte. Einer inneren Eingebung folgend schob er die Linke durch die Leere auf seiner anderen Seite und erreichte schließlich einen weiteren Leib, ebenso warm und genauso reglos: Alexander, der ein gutes Stück weiter von ihm entfernt lag als Ghabriels Gefährtin. Er rüttelte den Mann an der Schulter. Sie schien kaum auf die Kraft zu reagieren, die auf sie einwirkte. Bei Blanche erging es ihm genauso. Als hingen Mesmerin und Arzt beide in einer Art umgekehrten Zeitschleife fest, die jedes Geschehen um sie herum bis ins Unerträgliche verlangsamte.
    Eine Zeitschleife.
    Hatte Blanche wirklich diese Technik gebraucht, um das aggressive Sporengebilde einzufangen, ehe es sich abermals auf einem organischen Material festsetzen konnte, um es mit seiner verseuchten Magie zu durchsetzen? Ghabriel erinnerte sich nur bruchstückhaft an das Geschehen, und bei einem Großteil von dem, was sein Kopf ihm als gegeben vorzugaukeln versuchte, konnte er nicht einmal sagen, ob es tatsächlich passiert war. Hatte man ihn betäubt? War er wach gewesen? Er vermochte es nicht einzuschätzen. In seinen Ohren schien Blanches von Panik durchtränkte Stimme nachzuhallen und eine sich ihr entgegen stellende, beinahe mauerartige Ruhe, die all die Angst abfing, die gegen sie anbrandete. Alexanders?
    Ein scharfer Schmerz in der Brust ließ Ghabriel erneut stöhnen, und zumindest dieser Teil seines Gedächtnisses frischte auf. Er atmete; langsam und tief, und auch, wenn die Pein ihm schier den Brustkorb zu sprengen schien: ein, nur ein einziges, unvernünftiges Mal, holte er so ausgiebig Luft, bis Schwindel ihn erfasste und kalter Schweiß auf seine Stirn trat, und er den verbrauchten Sauerstoff wieder aus den geweiteten Lungenflügeln entlassen musste. Dann setzte er sich auf.
    Er kippte kopfüber aus dem Bett. Dieses Mal war der Aufprall deutlich ungnädiger, und Ghabriel biss sich auf die Zunge, als sein Gesicht auf die Bretter des Holzdielenbodens schlug, weil seine Reflexe noch nicht ausreichten, um ihn abzufangen. Der charakteristische, eisenhaltige Geschmack von Blut füllte das Innere seiner Mundhöhle; ein Aroma, das er schon oft auf seiner Zunge gehabt hatte, und er nutzte die Flüssigkeit, um endlich zu schlucken. Er brauchte etwas zu trinken und Bewegung, um seinen Kreislauf wieder in Gang zu bekommen, also zog er sich an der Wand, die er im Dunkeln finden konnte, in jene Richtung, in welcher er die Treppe vermutete.
    Eine Ahnung von verbranntem Lampenöl, dessen Geruch in seine Nase stieg, leitete ihn. Ghabriel konnte sich nicht vorstellen, dass Alexander die Lichtquelle mit Absicht gelöscht hatte. Sie musste ihm aus gegangen sein, ohne, dass der Arzt es bemerkt hatte. Ghabriel tastete nach den Wasservorräten, von denen er wusste, dass der Mediziner sie bereitgestellt hatte, war allerdings nicht in der Lage, sie zu lokalisieren. Er schien vollkommen die Orientierung verloren zu haben, und das, obwohl er genau wusste, wo sie waren und wie es ihm sie herum aussehen musste. Ghab hob eine Hand an seinen Kopf und erstarrte, als er die Berührung seiner eigenen Haut fühlte. Für einige Sekunden wurde das Luftholen nebensächlich, und seine Lippen teilten sich, auch wenn kein Laut daraus hervordrang.
    Ghabriel begann, die Treppe nach unten zu suchen. Es war ihm vollkommen gleichgültig, ob er dafür auf allen Vieren herumkrauchen musste wie ein Hund. Der Umstand hätte ihn in diesem Moment kaum weniger erniedrigen können, als er das Geländer unter seinen sehnigen Gliedmaßen spürte und mit aller Kraft danach griff, um sich selbst halb laufend, halb auf dem Hinterteil rutschend in das verlassen daliegende Erdgeschoss zu bugsieren. Auch hier war es dunkel, doch Ghabriel kannte eine Lichtquelle, die das vom einen Moment auf den anderen zu beheben vermochte.
    Das grelle Aufleuchten, als er den Schalter für die mit Dutzenden Scherben versehene Apparatur fand, raubte ihm nicht nur die Sicht, sondern auch den Atem, denn der Schmerz in seinen Augen war unerträglich. Ghabriel musste sie mit seinem Unterarm schützen, bis er sich so weit daran gewöhnt hatte, dass er es wagen konnte, diesen wieder sinken zu lassen. Suchend sah er sich nach der nächsten, spiegelnden Oberfläche um, fand keine und riss einen Holzkasten aus seiner Halterung, bis er Alexanders Handwerkszeug vor sich liegen sah. Er tauchte seine Hände in die Schublade und schob das sensible Besteck vorsichtig zusammen, den Blick nicht von der blank polierten Oberfläche wendend.
    Das helle Leuchten war aus seiner Iris gewichen. Schlichtes, gewöhnliches Grün sah ihm selbst entgegen aus einem Gesicht, das ernsthaft erstaunt wirkte; ein Erstaunen, das etwas Jungenhaftes besaß, so deutlich, wie es zu erkennen war, nicht länger beeinflusst durch die verholzende Maske, zu der sich seine Züge im Laufe der Zeit gewandelt hatten und für die er sich erst Tage zuvor hatte anhören müssen, ob sie überhaupt beweglich war; in der Lage dazu, menschliche Gefühle darzustellen, oder ob er bereits völlig zur Maschine verkommen war, die nur noch abbildete, nicht mehr produzierte. Das wilde, rote Haar war zerlegen und verstrubbelt, und als Ghabriel einmal mit seiner Hand hindurchfuhr, ließ es sich problemlos von dem Mann über seinen Kopf zurückkämmen, weich in seine Stirn fallend.
    Seine Handinnenfläche war noch immer rau und schwielig, doch etwas hatte sich verändert. Die beinahe borkige Hornhaut, die er in der Regel unter geschmeidigem Wildleder verborgen hatte, war verschwunden. Er bewegte die kräftigen Finger und legte sie über die bare Brust, wie um ein imaginäres Hemd zu schließen. Er würde niemals etwas anderes als ein Grobmotoriker sein, aber er war ausreichend agil, als dass er auch etwas so Kleines wie einen Knopf durch eine entsprechende Öse bekommen würde.
    Ghabriel ließ die Hände sinken und drückte die Schublade zurück an ihren Platz. Hunderte Gedanken strömten durch ihn hindurch, und er versuchte nicht, sie daran zu hindern, als er sich aufrichtete und seine Schultern kreisen ließ, den kühlen Boden unter seinen nackten Fußsohlen fühlte, zum ersten Mal seit einer sehr langen Zeit.
    Er legte den Kopf in den Nacken, seine Augen schließend, und als er sie wieder öffnete, lag ein fast schon dunkles Lächeln auf seinen Zügen, während er den Moment der Erkenntnis mit einem schier frivolen Gefühl des Genusses auskostete.
    Die Konstellation des reinen Denkens war endlich vorbei.
    Es wurde Zeit für die Phase des Handelns.

Kommentare 14

  • Ovy -

    Also sie verwandeln sich alle in sylvariartige Pilzsporenmenschen, ye?
    Oder haben Sie einfach nur Pilze gegessen?

    Was auch immer, mysteriös las es sich.

    • Travon -

      [img]https://vignette.wikia.nocookie.net/lego/images/b/b0/S14PlantMonster.png/revision/latest?cb=20151009194048[/img]

    • Ovy -

      Auch gut. Dachte jetzt aber eher so an die Fünfziger - Schwarzweiß, viel zu laute dramatische Orchestermusik, amerikanische Kleinstadt. Blanche kreischt sich die Seele aus dem Leib, ihre Rolle ist es von unserem sehr männlichen Helden Ghabriel gerettet zu werden, welcher im Boxlampf mit den Monstern sein Hemd verliert. Alexander ist der geniale aber verschrobene Wissenschaftler mit Hornbrille.

      'Plantpods - It came from the Grove!' (USA, 1957)

    • Travon -

      Erinnert mich irgendwie an Galaxy Quest. "Hast du es also wieder geschafft, dein Hemd auszuziehen."

  • Vaas -

    Sehr interessant und sehr veranschaulichend geschrieben :)

    • Travon -

      Vielen Dank für das Feedback. Schön, dass gerade du das sagst, mit deinen eigenen, sehr stimmungsvollen Texten.

    • Vaas -

      Ah, nicht doch, danke xD Aber das hier ist deine Geschichte, da sollte nur Lob für dich stehen :P

    • Travon -

      Tob dich aus. 8)
      Davon abgesehen ist es mein Lob und ich verteile es, wo ich will. ;)

  • Levi Iorga -

    Cool.

  • Alessa Di Saverio -

    Woah....war tatsächlich das Erste, was mir dazu einfiel :D Ich hatte immer das Gefühl, wissen zu müssen, was im nächsten Satz geschieht, aber jedes Mal war ich beim Weiterlesen überrascht. Toll. Wirklich toll. Und am tollsten ist es, wieder eine Geschichte von dir zu lesen <3

    • Travon -

      Vielen Dank, das freut mich natürlich. Schön, wenn du beim Lesen Spaß hattest. Mach dich auf weitere Überraschungen gefasst. ;)

    • Alessa Di Saverio -

      Als ob ich nicht ohnehin schon Nägel kauen würde! XD

    • Travon -

      Oha, ich gebe mir Mühe, keine Erwartungen zu enttäuschen, versprochen. :)