Suppenkasper

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    Suppenkasper


    „Iss deine Brühe.“
    „Nein.“
    „Iss die Brühe, es wird dir gut tun.“
    „Nein!“
    „Alexander Beaufort, du isst jetzt diese Brühe, sonst setzt es was!“
    Der Angesprochene zog sich die Decke über den Kopf und rollte sich darunter zusammen, als hegte er die Hoffnung, wie es kleine Kinder manchmal tun, dass man verschwand, wenn man selbst auch nichts sah. Es war eine vergebliche Hoffnung. Hände griffen nach seinem Schutzkokon und entrissen ihn ihm. Er fror nicht, doch der plötzliche Temperaturwechsel brachte das Zittern zurück, das ihn vorher schon heimgesucht hatte.
    „Oh, sieh dich nur an.“, sagte seine Peinigerin mit Mitleid in der Stimme. „Du musst erbärmlich frieren...“
    „Das würde ich nicht, hättest du mir nicht die Decke weggenommen.“, klagte er mit kindlicher Ungnade und richtete sich notgedrungen auf. Immerhin konnte er sich in frisch aufgeschüttelte Kissen lehnen, doch die Freude darüber war nur von kurzer Dauer, denn ihm wurde die Suppenschale mit solcher Vehemenz vor die Brust gestoßen, dass der heiße Inhalt über seine schweißfeuchte Haut schwappte. Fluchend sprang er auf, was die restliche Brühe im Raum und, wie er mit einer gewissen Genugtuung feststellte, auf seiner Schwester verteilte. Danettes Quietschen besserte seine Laune schlagartig.
    „Oh, schau dir an, was du angerichtet hast, das Kleid ist ruiniert!“
    „Das ist deine eigene Schuld, was quälst du mich auch so?“
    „Quälen? Ich sorge dafür, dass du gesund wirst!“
    Unter seinem Blick schrumpfte sie ein klein wenig, denn es war nicht zu leugnen, dass er nun zitternd, mit beinahe verbrannter Brust halbnackt und fiebernd vor ihr stand. Unwirsch scheuchte sie ihn mit beiden Händen zurück ins Bett.
    „Einerlei, du legst dich nun wieder hin und ich hole dir frische Brühe herauf.“
    „Ich willaber keine Brühe!“, schimpfte er aus seiner Festung aus Decken und Kissen heraus, hinter deren Zinnen er ungnädig zu seiner Schwester herauf sah.
    „Wirst du wohl aufhören, dich wie ein kleines Kind zu benehmen?! Du bist schlimmer, als meine drei Söhne und die sind gerade erst dem Windelalter entwachsen!“
    „Vielleicht liegt es ja an dir.“
    „Alexander!“
    Ergeben hob er beide Hände. „Bei den guten Göttern, dann bring mir eben diese Brühe, wenn es dich glücklich macht...“, stöhnte er enerviert und Danette marschierte die zwei Stockwerke nach unten in die improvisierte Küche der neuen Praxis.
    Gestritten hatte sie gerade nicht etwa mit einem Kind, sondern mit einem erwachsenen Mann, auch wenn sich dieser Unterschied heute nur an der Größe festmachen ließ. Es stimmte, was die Leute sagten. Ärzte waren schreckliche Patienten und Alexander verhalf diesem Sprichwort noch einmal zu ganz neuen Dimensionen.

    Eigentlich war sie hier als Adams Vorhut. Als der älteste Beaufort-Bruder von Alexanders Praxiseröffnung erfahren hatte und das nicht von ihm persönlich, war eine gute Flasche Brandy zu Bruch gegangen und die Ader an seiner Schläfe hatte wieder unschön zu pochen begonnen. Es gab eine Wette unter den jüngeren Geschwistern, welcher von ihnen acht es wäre, der sie dereinst zum Platzen brachte. Bisher war Deborah, die Jüngste, unangefochtene Favoritin auf den Titel gewesen, doch diese Aufregung nun hatte Alexander aufholen lassen.
    Adam schäumte und es war nur eine Frage der Zeit, bis er selbst hier in der Stadt auftauchte, um seinen Bruder zur Rede zu stellen. Danette war gekommen, um die Wogen vielleicht vorab bereits ein wenig glätten zu können, auch wenn sie glaubte zu wissen, was Alexander, den Bruder, der ihr am nächsten war, angetrieben hatte.
    Doch anstatt mit ihm zu sprechen, füllte sie nun vom Gasthaus gelieferte Hühnerbrühe in eine Schale, weil ihre Mutter bei Krankheit darauf schwor und sie Alexander in erschreckendem Zustand aufgefunden hatte. Woher er die Energie für den Streit eben genommen hatte, war ihr ein Rätsel, denn auch wenn sie kein Arzt war, so wusste sie von ihrer Mutterschaft genug, um zu wissen, dass er hoch fieberte. Seinen rissigen Lippen nach zu urteilen, trank er nicht genug und weil ihm eine Haushälterin oder ganz allgemein eine Frau fehlte, aß er vermutlich auch nicht.
    Sie hätte ihn schütteln können! Sie würde ihn schütteln, gleich nachdem er seine Brühe gegessen hatte. Jeden einzelnen Löffel davon.
    Entschlossen nahm sie wieder die Stufen nach oben, durchquerte die Wohnstube und erklomm die Stiegen zum Dachgeschoss, wo Alexanders Bett sich befand. Gewillt, ihm das trotzige Kind diesmal auszutreiben, holte sie bereits tief Luft – und stieß sie dann doch wieder langsam aus.
    Das Bild, das sich ihr bot, stach ihr ins Herz. Der große Mann schlief, die roten Locken zerzaust und an den Schläfen bereits anklebend. Unter den Laken, die er sich mal vom Körper schob, mal bis zum Kinn zog, wand er sich im Fieber, das ihn fest im Griff zu haben schien und als Danette seine Stirn fühlte, hätte sie beinahe vor Schreck aufgeschrien. Er glühte und als sie einmal an seiner Schulter rüttelte, erwachte er nicht. Sie drohte in Panik zu verfallen, war er doch sonst der Ruhige und Besonnene in solchen Situationen, bis sie sich an die eigenen Fähigkeiten erinnerte.
    „Danette, du Backfisch, reiß dich zusammen.“
    Sie war eine Beaufort! Und diese zeichneten sich, selbst wenn es keiner von ihnen als besonders schmeichelhaft empfand darauf hingewiesen zu werden, durch eine gewisse Sturheit aus. Auch Krankheiten gegenüber, deshalb griff sie nach ihrer Tasche, entnahm ihr eine große Schürze und band sie sich um. Es wurde Zeit für Wadenwickel.

Kommentare 2

  • Ovy -

    Tragisch wie auch komisch.
    „Nehmen Sie einen Moment im Wartezimmer Platz. Der Herr Doktor hat Zeit für Sie, sobald man ihn aus seiner Kissenburg hervorgelockt und er sein Süppchen gegessen hat. Einen Augenblick Geduld.“

  • Arlassia -

    Ahje... Danette, go. Rette dein Brüderchen. Er kann es nicht allein.