Der Hüter - Reue

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  • Kurzgeschichten des Freizeit-Autors Jack Samuel Lynn
    Der Hüter - Reue

    Schwer sind seine Schritte auf dem Weg, welchen er vor sich hat. Er trägt in dieser Nacht keine Hainhüterrüstung und dennoch hat das Gefühl ein bedeutend größeres Gewicht auf den Schultern zu tragen. Er hat etwas zugelassen, was er sich schwor niemals wieder zu tun. Nicht noch einmal wollte er jemanden so dicht an sich heran lassen. Nicht noch einmal wollte er, dass jemand anderes seine Schwachstelle wird. Nicht noch einmal wollte er jemanden in solch eine Gefahr bringen. Dennoch hat er es wieder getan und er bereute es bereits jetzt. Damals ist es etwas anderes gewesen. Er war jung und unerfahren. Er ließ es geschehen, ihn an sich heran, er hieß Annawech und es endete fatal. Nur zu genau erinnert er sich an die Vergangenheit.

    „Shin!“ langsam dreht er sich um und lächelt bereits, als er die Stimme vernimmt und sucht nach der Quelle. Jene Quelle ist ein hochgewachsener, schlanker Sylvari, fast so groß wie er, von heller, fast weißer Haut mit schwarzer Linienmaserung. Seine langen, weißen Kopfblätter wippen leicht, während er schnellen Schrittes auf Shin zugeht. In der linken Hand hält er einen Stein, welcher Shin zum Seufzen bringt, bevor Annawech angekommen ist. Keine weiteren Grußworte werden gewechselt. Die Hände der beiden Sylvari landen im Nacken des jeweils anderen und greifen dort packend zu, ehe sie sich zueinander ziehen und sich kurz, aber von Leidenschaft geführt küssen. Als Shin seine Augen wieder öffnet sieht er in die gänzlich schwarzen Augen seines Gegenübers und schüttelt leicht den Kopf. Er verbleibt schweigend, aber abwartend. Ein Lächeln breitet sich auf Annawechs Zügen aus, welches Shin unweigerlich erwidert. „Du hast deinen Wetzstein vergessen, Tölpel.“ Mit diesen Worten löst Annawech seine Hand aus dem Nacken des Bruders und drückt ihm den Stein vor die gerüstete Brust.
    „Danke.“, spricht dieser gedämpft und nimmt den Stein an sich, ehe er den vollgepackten Blätterrucksack von den Schultern senkt und öffnet, um den Stein hinein zu stopfen. „Wie lange wirst du fort sein, Borke?“ erkundigt sich der Helle wissbegierig mit einem besorgten Unterton. Der hockende, packende Hüter verschließt den Rucksack wieder und sieht zu seinem Liebsten auf. „Der Einsatz wird lediglich eine Woche brauchen, das sagte ich dir aber auch schon mehrere Male, Schmalbirke.“ Shin schmunzelt nach seinen Worten und erhebt sich, während er den Rucksack wieder über seine Schulter wirft. „Pass auf unsere Kapsel auf.“ Zum Abschied legt er seine Hände an Annawechs Schultern und blickt ihm entgegen. Dieser erwidert die Geste und so blicken sie sich wenige Sekunden einfach nur an, ehe beide Lächeln und Shin sich abwendet.
    Die Hainhüter warten bereits auf den Anführer dieses Ausflugs. Sein erster eigener Auftrag, den er führen darf. Mit einem Nicken deutet er den Kollegen an los zu gehen. Doch statt den losmarschierenden Hainhütern zu folgen sieht er noch einmal über seine Schultern zu seinem Geliebten.

    Es verdunkelt sich um ihn herum. Annawech liegt unter ihm am Boden. Gelblich ist das Blut welches ihm aus dem Mundwinkel und aus der Nase läuft. Seine Augen sind weit aufgerissen, während er sich mit blutverschmierten Händen an Shins Unterarm klammert, welcher das Schwert hält, das bis zum Ansatz in Annawechs Brust getrieben wurde. „Warum?“ haucht der Sterbende bitterlich. „Du hast mich verraten, Shin. Du hast uns verraten! Wir hätten im Albtraum vereint sein können.“ Die Sicht des Hainhüters verschwimmt langsam. Schemenhaft erkennt er, wie er seinen Geliebten auf die Seite dreht und ihm einen Dolch in den Herzknoten rammt.

    Ein Schrei ist es, welcher ihn wieder weckt.
    Er ist den Weg entlang gewandert und im Hain angekommen. Vertieft in diesen düsteren Tagtraum hat er nicht bemerkt, wie seine Füße ihn führten. Während er nur langsam zu sich kommt, sieht er erst jetzt, dass er eine kleine, zierliche Schwester umgerempelt hat. „Oh, verzeiht mir bitte.“ Spricht er gedämpft und geht auf ein Knie, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Sie redet mit ihm, doch vernimmt er ihre Worte lediglich wie in Watte eingehüllt. Es scheint etwas Freundliches zu sein, daher nickt er nur. „Mutterbaums Segen.“ Nach diesen Worten geht er weiter, tiefer in den Hain.

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