Der Mentor - Abendliche Aufgabe

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  • Kurzgeschichten des Freizeit-Autors Jack Samuel Lynn
    Der Mentor - Eine Verantwortung

    Die Nacht ist bereits in den Hain eingekehrt und schützend legt sich die schimmernde Dunkelheit über die Blätter des blassen Baumes. Hunderte von Glühwürmchen beginnen damit in vielen kleinen Tänzen die Wege der Sylvari zu erhellen, welche zu später Stunde noch unterwegs sind. Sie liefern die Getreide, Beeren und Früchte ab, die sie über den Tag hinweg auf den Feldern des Caledonwaldes geerntet haben, sie wanken und wandeln angetrunken aus der Sternenlaube hinaus, unterhalten sich in stillen Ecken über Geheimnisse oder aber sie stehen wie Mirahn ruhig auf einem Posten und betrachten mit neugierigem Auge das Treiben in der geliebten Heimat.

    Eines der Glühwürmchen schafft es jedoch die Aufmerksamkeit des Beobachters auf sich zu ziehen, als es beginnt das dunkelgrüne Gesicht des Sylvari zu erhellen und letztlich auf seiner Nase landet, um sich dort eine Pause von den anstrengenden Lufttänzen zu genehmigen. In einer Mischung aus Irritation und Amüsement hebt der Sylvari erst seine rechte Borkenbraue an, ehe er rechtsseitig schmal lächelt. Mit einer vorsichtigen Handbewegung schiebt er das Insekt sanft von seiner Nase und lässt es auf seine Finger krabbeln. Neugier und Behutsamkeit spiegelt sich in seinem Blick, während er den Kopf leicht schrägt und das Wesen betrachtet, welches sich einen Weg von seinem Finger in die Kuhle seiner Handfläche sucht. Flach legt sich das längliche Insekt mit dem leuchtenden Hinterteil auf seiner Hand nieder und beginnt dabei kleinere Unreinheiten zwischen den Fasern seiner Hand heraus zu picken und zu essen.

    „Mirahn.“ Eine weibliche Stimme, zwar sanft aber gezeichnet von erhöhtem Whiskykonsum, erklingt hinter ihm. Er kennt die Stimme, doch antwortet er nicht. Stattdessen hebt er das Glühwürmchen auf Augenhöhe vor sich, während er die Weite der Schritte abschätzt, die sich langsam von hinten nähern. Es werden noch gut fünf Meter sein. Tief atmet er ein, ehe er seinen ersten Beobachtungspostenbesucher mit einem sanften, aber langanhaltenden Pusten von seiner Hand wieder in die Lüfte zu den anderen Männchen befördert, die versuchen mit ihren Balztänzen die Weibchen an den Ästen des Mutterbaums für sich zu gewinnen. „Mirahn.“ Die Stimme ist mittlerweile dicht hinter ihm angekommen. Er wendet sich um, nachdem er dem Glühwürmchen einen kurzen Augenblick nachgesehen hat. Sein Blick legt sich auf die Schwester, die ihn aufgesucht zu haben scheint.

    „Grüß Euch, Tinera.“ Die Stimme ist rau, alt und birgt Weisheit, als auch Ruhe in sich. Er muss seinen Kopf leicht senken, um zu der bedeutend kleinerenund fast schwarzen Vertreterin des Sylvarivolkes herunter zu sehen. Gut anderthalb Köpfe unterscheidet die beiden in der Größe, jedoch gehört Mirahn mit fast zwei Metern Höhenwuchs zu den weit überdurchschnittlich größeren Sylvari. In Sachen Körperbau unterscheiden sich die beiden ohnehin stark. Er ist hochgewachsen, breit gebaut und trägt ein dichtes Blättergeflecht auf dem Kopf, welches er zu einem Zopf gebunden hat. Sie ist klein und schlank, wenn auch mit weiblichen Rundungen. Ihr Kopf ist bewachsen mit stachelgespickten Wurzeln, welche sie rechtsseitig am Kopf wellig runterhängend trägt. Auch ist ihr freier Rücken gepickt mit Dornen. Ihren Körper hat sie gehüllt in leichtem, jungem Blätterwuchs, während seiner überwuchert ist mit verwurzelten, alten Geäst, welches sich je nach Bewegung knarzend zu Laut meldet. Die Blätter sind durchwachsen von dunklen Fasern, wie von Brauntönen hinüberreichen zu dunklem Türkis und Grün.

    „Ihr sagtet, ich soll Euch aufsuchen, wenn ich das Meditationstraining weiterführen möchte.“ Bestimmtheit liegt in ihrem Blick und der auserkorene Mentor nickt auf ihre Worte hin, während er selbst nicht verbal antwortete. Seine rechte Hand hebt er stattdessen und deutet die Spirale hinab, welche von seinem Posten hinab zu den Wegen des Hains führt. Trotz der auffordernden Geste wirkt es mehr wie eine Einladung, welcher Tinera nachkommt. Sie wendet sich vom dunkelgrünen Mentor ab und beginnt in einem anmutigen Gang die Spirale hinab zu steigen, welche sie eben erst erklommen hat. Mirahn folgt ihr in einem ruhigen Gang. Der Weg der beiden führt sie an den betrunkenen Geschwistern, den Händlern und den geheimnistuerischen Nachtblüten, welche der Sylvari eben noch beobachtet hat, vorbei nach unten, tiefer in den Hain, bis sie an der kleinen Brücke ankommen, welche sie zur Terrasse der Träumer führt. Den gesamten Weg über schweigen sie und auch jetzt fällt kein weiteres Wort. Zielstrebig überquert Tinera die Brücke und betritt die Terrasse der Träumer, ehe sie sich neugierig umsieht. Viel hat sich in den Wochen ihrer Abwesenheit nicht geändert. Die Halle des Kapselkomplexes in welcher sich am Rand zwei lange, begehbare Windungen in Form einer Doppelhelix emporziehen, die Tische auf welchen Karaffen mit Wasser und Saft stehen, Kelche um trinken und die einfachen Holzschalen mit Früchten, Obst, Nüssen und Beeren. Alles ist so, wie gehabt. Auch die eingeölten Holzschalen, in welchen sich normalerweise die Maden winden und räkeln, ehe sie verspeist werden, stehen auf den Tischen, doch sind diese leer. Offenbar der späten Stunde geschuldet. Die Heilkundigen des Hains, in der anliegenden Kapsel, kümmern sich um die Speisen, diese werden die Maden wohl irgendwo hingebracht haben, bis sie morgen wieder verspeist werden dürfen.

    Während Tinera sich in der Kapsel umblickt hat sie nicht bemerkt, dass Mirahn neben ihr steht und sie neugierig und abwartend ansieht. Ein Räuspern ihrerseits folgt, als sie den Blick bemerkt, lächelt knapp und entschuldigend und führt ihren Gang durch die große Kapsel fort, jedoch kann sie dabei nicht widerstehen sich auf dem Weg eine Nuss aus einer der Schalen zu nehmen, um sich diese in den Mund zu stecken.

    Mirahn folgt ihr weiterhin gelassen, auch wenn er ihre Träumerei und Wegnahrungsaufnahme mit einem amüsierten Kopfschütteln quittiert. Er folgt ihr durch die zweite Kapsel, den Versammlungssaal, ehe sie nach links abbiegen in den offenen Bereich der Terrasse mit dem Teich. Ein Ort der Ruhe und der Meditation. Tief und entspannt atmet Mirahn durch, als sie vor dem Teich ankommen und das Plätschern des Wassers vernehmen.

    Er wusste was zu tun ist und er wusste, dass es nicht einfach sein wird. Schlimmer noch, er wusste nicht, ob es überhaupt möglich ist.
    Eine Lautlose, die sich freiwillig über einen langen Zeitraum vom Traum getrennt hat, zurück zum Traum führen.

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