Artikel von „Llarrian“ 27

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  • "Wie....gefiel er dir?"

    Adam befiel mit Übermacht das Bedürfnis, sich noch tiefer in den Sessel zu graben. Aber er tat es nicht, im Gegenteil: Der Baronet setzte sich auf, legte die Unterarme auf den Tisch und die Fingerspitzen locker, aber akkurat aneinander. Wie das gerade wirkte, war ihm klar. Er mochte ein direkter Mensch sein, geradeheraus und praktisch veranlagt - aber Adam Beaufort war auch wieder nicht so simpel gestrickt, die Kniffe und Akzente seiner Stellung nicht ab und an einzusetzen. Zu schade war er sich dafür auch nicht.
    Wie gefiel er dir?
    Eine solche Frage, so hatte Adam gelernt, brachte stets gewichtige Ereignisse mit sich. Sie konnte beste Neuigkeiten oder nichts Gutes zugleich verheißen. Er hatte sie bereits aus den Mündern mehrerer seiner Geschwister gehört, immer dann, wenn sie um Rat oder Erlaubnis bezüglich ihrer Partnerwahl zu ihm gekommen waren. Er mochte diese Gespräche, nicht, weil sie bedeuteten, dass seine Verwandten ihn als Familienoberhaupt
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  • Ein Baronet in Hemdsärmeln war auf Hainwacht kein ungewöhnlicher Anblick.
    Adam Beaufort stand auf dem Standpunkt, dass es genügte, sich für die Öffentlichkeit korrekt zu kleiden. Hier aber, im heimatlichen Hort der Familie war es nichts Ungewöhnliches, den Baronet nur in Hemd und Hosen, ja, oft sogar ohne Weste herumlaufen zu sehen. Auch wenn seine Frau ihn liebevoll spottete oder seine Mutter Adam "ihren kleinen Wilden" nannte, egal, wie alt oder groß er wurde: Der Baronet war es so zufrieden. Seine kräftige Statur war immer schon ein Alptraum für jeden Schneider gewesen, umgekehrt jedes noch so angemessene Jackett eine Plage für den designierten Träger. Wann immer Adam durfte, wie zum Beispiel hier zuhause, ließ er diese lästigen Dinger aus Wolle und Tweed in den Händen des Kammerdieners und zog in hellem Leinen seiner Wege.
    Heute war sein Hemd nicht einmal besonders sauber. Gerade noch vor einer Halbstunde hatte Adam seine speiende, kleine Tochter an der Brust gehalten und jene
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  • Damals

    "Anny, komm doch endlich raus. Biiitte. Du hockst schon seit Stunden da drin."
    Das blonde Mädchen saß am Rand des trockengelegten Brunnens, mit beiden Händen auf Stein abgestützt. Ihre weißbestrumpften Beine schaukelten aus dem dunklen Schürzenkittel heraus, die kurzen Absätze der kleinen Lackschuhe tockerten gegen vermoosten Stein. Wäre da nicht eine schmerzvolle Dringlichkeit in der hellen Kinderstimme gewesen, man hätte meinen können, das Mädchen säße dort zum Spaß.
    Aus dem Brunnen drang Stille.
    "Ioan, ich weiß, dass das wirklich unschön ist." Nach einer kurzen Pause fuhr Antonia Stanwick fort. Sie mühte sich schon seit anderthalb Stunden, verantwortungsbewusst und geduldig, wie es eine Neunjährige noch nicht sein sollte. "Sie schreit und riecht und verlangt alle Aufmerksamkeit Mamas. Aber jetzt ist sie nun einmal da. Komm doch heraus, Anny, Liebes. Es nutzt doch niemandem, wenn du da unten hockst."
    Keine Antwort.
    Antonia seufzte und nahm das weißblonde Haar im Nacken
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  • Damals


    "Du wirst sehen, heute geschieht es."
    "Bestimmt. Es ist der ideale Zeitpunkt. Und es wird auch wirklich langsam höchste Zeit."
    Antonia Stanwick saß an ihrem Schminktisch. Als älteste Schwester hatte sie eigentlich das Privileg ihres eigenen Zimmers. Und dennoch konnte an Abenden wie diesen, wenn es galt, sich für einen Ball oder eine Gesellschaft vorzubereiten, auch dieses Privileg nichts dagegen ausrichten, dass ihre beiden kleinen Schwestern das Zimmer ebenso belagerten.
    Mirabel, die Mittlere, lag quer über Antonias Bett gestreckt, hatte, wie üblich, ein Buch aufgeschlagen. Sie war, sah man von Ioan ab, die Stanwick mit dem geringsten Enthusiasmus für gesellschaftlichen Firlefanz. "Dann ist das Theater endlich vorbei und wir können anfangen, einen Ehemann für Poppy zu suchen."
    "Nenn mich nicht mehr so! Ich habe vierzehn Pfund abgenommen, du Biest!" Isobel, die jüngste Stanwick, die eigentlich noch nie "Poppy" genannt werden wollte, warf ein Zierkissen nach ihrer Schwester.
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  • Es rasselte schwer, als die Gittertüre sich öffnete und der Mann schreckte ein wenig hoch. Nicht, weil er sich tatsächlich erschrocken hätte, sondern weil man es eben so tat, wenn man jäh aufgeweckt wurde.
    Er hatte geschlafen oder zumindest gedöst. Was war ihm auch anderes übrig geblieben? Es gab eben nicht viel zu tun in diesem miefigen Raum, umgeben von Leuten, die einander kaum wohlgesonnen waren. Noch dazu war sein eines Auge beinahe völlig zugeschwollen, warum nicht das Zweite einfach auch zumachen. Einfach ein wenig dösen. Er hatte sich dazu den strategisch günstigsten Ort ausgesucht: Vorne an den Gitterstangen, an denen es zwar zugig wie Hölle war und dabei trotzdem nach altem Urin stank, wo aber sein Rücken nach draußen zu den Wachhabenden gewandt war. Es war deren Job, darauf zu achten, dass sich zumindest in ihrer Sichtweite die Insassen nicht gegenseitig abmurksten.
    Glücklicherweise war das hier ohnehin nicht die größte Gefahr. Das hier war das Westliche Marktviertel,… [Weiterlesen]
  • "Kommst du zu Bett, Liebling?"

    Lisjewira Varyl war immer noch eine attraktive Frau. Der elegante Bogen ihres Halses straffte sich, als sie den Kopf hob, um den Abendkuss ihres Gemahls zu empfangen und mit einem Lächeln der Gewohnheit zu beantworten. Es war nur eine kurze Lippenberührung und dennoch regte sich jähe Abscheu in der Magengrube der Gräfin. Sie hasste diesen Schnauzbart, sie hasste diesen Mund und sie hasste dieses Gefühl pflichtbewusster Beliebigkeit, mit der er ihre Wange berührte, jeden verdammten Abend, seit über dreißig Jahren nun schon. Lisjewira wusste nicht genau, wann das angefangen hatte, doch sie haderte nicht. Hatte sich arrangiert. Vielleicht war es eben nach Jahrzehnten der Zweckehe und zwei dynastisch notwendigen Kindern die einzig mögliche Richtung, die ein solches Zusammenleben nehmen konnte: Höflich unterdrückte Abneigung...und ansonsten größtmögliche Distanz.

    "Natürlich, Marcus."

    Die Gräfin sah ihrem Gatten durch den Schminkspiegel zu, wie er den Raum
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  • Es war später Abend und die meisten Häuser der Nachbarschaft waren schon dunkel oder im Begriff, die Lichter zu löschen um der wohlverdienten Nachtruhe nachzukommen. Dass in der Hüttenbiegung Vier an den meisten Tagen der Woche noch bis spät nachts das kühle, bläuliche Licht der Paraphernalienmanufaktur auf die Gasse hinausdrang, das wunderte keinen der Nachbarn mehr. Der irre Stanwick arbeitete eben lang, immerhin war er fleißig wenn schon nicht freundlich oder zugänglich. Es hatte auch schon eine ganze Weile nicht mehr geknallt dort in der Werkstatt und die lautstarken Streits mit der Assistentin gehörten ebenso der Vergangenheit an. Im Prinzip störte Stanwick niemanden und so sollte er eben machen, was er da drin halt so...machte.
    So wie jetzt.
    Gerade war der Konstrukteur damit beschäftigt, Runenfolgen mit einem speziellen Leylötkolben in Mithrilstreifen zu ätzen. Er kam gut voran, das Werkstück brauchte nur noch einen Gravurdurchgang und konnte dann in der mit Arkanpartikeln… [Weiterlesen]
  • TOCK!
    TOCK!
    TOCK!


    Es war recht früher Morgen, als das Schlagen von Stahl auf Holz die Schneestille zerbiss. Das Wäldchen, dem das Hacken entsprang war ein Stück weit entfernt vom Gehöft und so kam dort nicht viel mehr an als jener helle, hallende Lärm von Äxten. Eins. Zwei. Tock...Tock, nicht zu hastig, nicht zu träge. Wie ein zufriedener Herzschlag. Wer auch immer da hackte, er hatte Zeit und keine Eile.


    "Hick uuund hack,
    die Rinde geknackt,
    das Holz schön gespalten,
    du kannst dich nicht halten!

    Hack uuund hick,
    der Stamm ist noch dick!
    Fällt Schnee von den Zweigen
    musst du dich bald neigen!"



    In den scharf ausschlagenden Rythmus zweier Äxte schmiegten sich zwei Stimmen. Ein Mann und eine Frau sangen miteinander und wo die Frauenstimme Talent und Wärme mitbrachte, ergänzte die Männerkehle mit Kunstfertigkeit und Mut das fröhliche Holzfällerlied. Eik und Grit waren das, die mit abwechselndem Axtschlag eine anständige Schneekiefer in der Mangel hatten. Schlug die eine zu,
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  • Gendarran, 1327. Ein Gut südlich von Nebo.

    Luciana Borlotti war eine hervorragende Haushälterin. In ihren fähigen Händen liefen alle Stränge des emsigen Haushaltes zusammen. Und für ein Anwesen der Größe und Güte des Stammsitzes Ährenstolz hieß das schon etwas - vor allem eine ganze Menge Verantwortung. Es war sie, die das Personal auswählte und drillte, einteilte und streng auf Kurs hielt. Von der kleinsten Spülmagd bis hinauf zum Kammerdiener seiner Hochgeboren stand alles unter den scharfen Augen und klaren Regeln der Signora in Habachtstellung. Es war sie, die dafür sorgte, dass alles saubergehalten wurde, dass frische Laken auf den Betten, flackerndes Feuer in den Kaminen und eine angemessene Speisenfolge auf dem Esstisch auftauchte. Sie entschied, welche Chaisen neu bezogen wurden, welche Rosen in diesem Jahr im alten Glashaus der Contessa gepflanzt wurden, welche Kandelaber bei welchem Anlass die Freitreppen erleuchteten. Nichts von alledem tat sie für sich und… [Weiterlesen]
  • Gendarran, 1291. Ein Gut südlich von Nebo.


    Marianne Fourné war ein wunderbares Kindermädchen. Seit Geburt der jungen Therese, erst- und einzig geborene Tochter des Hauses De La Valle, kümmerte sie sich in jeder Hinsicht um den jungen Adelsspross. Vom Windeln wechseln bis zum Einkleiden in zarte, weiße Spitze sorgte die mütterliche Frau für ihren Schützling. Ihre Pflichten reichten vom Pusten aufgeschlagener Knie bis zu den Tintenflecken erster Schreibübungen; geleiteten das zarte Mädchen vom ersten Winterfest bis zur letzten Tanzstunde. Madame Fourné war da, um den Alltag des Kindes und später der heranwachsenden Edlen zu beaufsichtigen und zu gestalten und den hochgeborenen Eltern zu den seltenen Stunden des Beisammenseins bei Diner oder Tee eine perfekte Tochter zu liefern. Darüber hinaus liebte Madame Fourné ihren Schützling Therese von ganzem Herzen. Es blieb nicht aus, Bande des Herzens zu einem Kinde zu knüpfen, das zwar niemals im eigenen Leib wuchs, doch in… [Weiterlesen]