Artikel von „Estelion“ 113

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  • Adrian war zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit in Götterfels gewesen. Banel hatte ganz Recht, wenn er sagte, dass „der Scheiß ein Ende haben“ musste. Adrian hatte Malicia Libanez eingefordert, die ihn eigenen Worten nach verraten hatte. Er hatte es ein Geschäft genannt, Auge um Auge, und Lynn gegenüber verlangt, dass sie das Mädchen auslieferte. Er wusste, dass Lynn dazu überhaupt nicht befugt war.

    Die Beratung, wie mit der Situation zu verfahren sei, ging los, als Helena wieder da war. Es war anders als früher. Lynn, Trajan und Banel waren da, und ungünstigerweise hörte auch der Neue einiges, was für seine Ohren nicht bestimmt war. Hinterher fragte Helena sich, warum sie es zugelassen hatte. Weshalb sie so gleichgültig darüber dachte, was der Neue mitbekam. Hatte sie das Leben aus so vollen Krügen gesoffen, dass es ihr nicht mehr schmeckte? Jeden Tag hatte sie Vergeudung auf der Zunge, wie ein bitteres Kraut, dessen Geschmack sich mit nichts auf der Welt runterspülen… [Weiterlesen]
  • Als Adrian Iorga aus Löwenstein zu Besuch kam, war Helena nicht im Mindesten vorbereitet. Sie hatte ihn nicht erwartet, deshalb erstaunte sein plötzliches Auftauchen sie umso mehr. Sie hätte es ihm vielleicht übel genommen, dass er sich nicht angemeldet hatte, obwohl er das eigentlich nie tat, aber sein Anblick war für sie eine derartige Überrumpelung, dass alles, was sie diesbezüglich zu ihm sagte, war: „Was ist mit deinem Auge?“
    Er sah frisch aus, wie immer, ein Mann, dem die Welt gehörte, zumindest jener Teil davon, den er gerade für sich beanspruchte. Seine Garderobe war auf Maß gearbeitet, seine Bewegungen präzise in einer Weise, die man beherrschte oder nicht, aber niemals nachahmen konnte, wenn man sie nicht selbst an sich hatte. Sein Haar war gewaschen und gescheitelt, seine Rasur tadellos, und um sein rechtes Auge leuchtete, wie mit dem Pinsel dorthin gestrichen, ein dunkelviolettes Veilchen.
    „Ich bin ein paar Mal ungünstig gegen einen Tisch gelaufen“, behauptete er so… [Weiterlesen]
  • „Ich will wissen, was über diese Artefakte geredet wird, die angeblich aufgetaucht sind.“ Helena stemmte ihre Stiefel ungehobelt gegen die Tischkante und stellte sie dann brav unterhalb des Tisches ab, abwechselnd; immer wenn ihr eine Position langweilig wurde, nahm sie die andere ein. Sie saß in der Küche, ihr gegenüber ein noch junger Mann mit unscheinbarem Aussehen. Hinten an der Anrichte stand Trajan und horchte.
    „Gegenstände aus Elona“, fuhr Helena fort. „Die so unsagbar wertvoll sein sollen, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Irgendetwas Uraltes.“
    „Artefakte, die aufgetaucht sin'?“, nuschelte der unauffällige Kerl. Er hatte etwas Kluges in den Augen, das er nicht verstecken konnte. Deshalb war er Helena sofort aufgefallen. „Hatte...glaub' ich, bisher nich' viel von gehört. Ich soll dir also Bescheid geb'n, sobald ich was drüber erfahre?“
    Während der Mann sprach, brachte Trajan ein gefaltetes Leinensäckchen zum Tisch. Er legte es neben die Holzkiste, die dort stand,… [Weiterlesen]
  • „Scheiße.....scheiße....“
    Helena rumpelte schnurgerade gegen den Holzpfosten, der schon immer vor der Treppe zur Wunderlampe gestanden hatte. Sie tat es mit einem Gang, der für eine Betrunkene zu beflissen war, musterte den Holzpfeiler und setzte ihren Weg in die Innenräume des Gasthauses gleich verblendet wie zuvor fort. Nachdem sie Hugh, dem Wirt, in einer energischen und vorschnellen Art viel zu viel Geld entgegengedrückt und ihn wie einen gierigen Hund hingestellt hatte, ohne dass er sich dieses Vorwurfs durch sein Zutun verdient gemacht hatte, stieg sie mit einem Glas Kartoffelschnaps die Hintertreppen zum Balkon hoch.
    „Wann wirst du der Stadt den Rücken kehren?“, murmelte sie ihrem Glas entgegen. Sie ahmte Worte nach, das hätte jeder gehört, nur hörte sie keiner, weil sie unterwegs ausschließlich mit sich selbst sprach. „Die Stadt hat dich nicht verdient. Wann wirst du der Stadt den Rücken kehren?“ Manisch und besessen wie das Kind, das nichts kennt als die Welt
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  • Als Narcis spät abends nach Hause kam, hörte er Gelächter aus dem Wohnzimmer. Es waren nur zwei oder drei Stimmen, die da lachten, diese aber lachten so intensiv, dass er sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dort würde irgendeine Komödie aufgeführt. Es musste etwas unglaublich Lustiges im Gange sein, er mochte Lustiges und in der Diele war niemand, den er fragen konnte, also ging er und traf Helena an. Mit ihr am Tisch verteilt saßen ihr Bruder Ilie und ihrer aller Cousin Kolja, außerdem stand dort eine große Platte mit Obst und Naschwerk und sie alle hatten verschiedene Getränke.
    „Was ist denn hier los?“, fragte Narcis, als er reinkam.
    Vorhin hatte Helena allen Bescheid gesagt, dass Victor und Claire für eine Weile ins Anwesen einziehen würden. Daraufhin hatten sich Alexej und Lynn zurückgezogen und Helena hatte über Vito ausrichten lassen, dass sie nicht mehr gestört werden wollte. Durch diese Aussage und den Besuch des Doktors Beaufort wenige Stunden vorher, der sich
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  • Vor einigen Jahren hatte Leon Iorga beschlossen, dass er ein neues Lager für seine Waren brauchte. Schmuggelgut und Rauschmittel. Irgendwo hatte er es unterbringen müssen. Darum hatte er seinen besten Freund Hermes losgeschickt. Dieser erfuhr von einer Frau namens Breena, ein vorlautes Mädchen, das im Flaschenhals gearbeitet hatte und in irgendeiner Weise mit Sate, dem Pächter jenes Etablissements verbandelt war, dass im Ossa-Viertel ein Laden leer stand. Das alte Tabakgeschäft von Malcom Blythe, der vom neuen Morgen in seinem eigenen Geschäft aufgeknüpft worden war. Breena hatte den Rat gegeben, sich in der zerbrochenen Wunderlampe an eine Frau namens Diarmai zu wenden. Über Diarmai hatte Hermes Kontakt zum Minister Lando Stark hergestellt und bald darauf wurden Papiere unterschrieben und aus der Idee mit dem Lagerhaus war der Lächelnde Meridian geworden.

    Das Lagerhaus kauften die Iorgas trotzdem. Es befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo ein Mann namens Cird
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  • Der Name Nicolae Iorga löste in Löwensteiner Kreisen keinen Schrecken aus. Das war, weil die meisten ihn nicht kannten. Als Oberhaupt des geschäftlich erfolgreichsten Familienzweiges der Familie Iorga war öffentliches Auftreten für ihn keine Bedingung. Er konnte es sich erlauben, abseits des gesellschaftlichen Rauschens und Tosens zu leben, als ein König in einem untergründigen Palast, der nur eine Hand voll Hofleute um sich brauchte und den Rest von rechter und linker Hand, körperlich andere Personen, dirigieren ließ. Er musste es sogar, denn seine Geschäfte waren derart pikant, er selbst hatte seine Position in einen derartigen Taumel von Unantastbarkeit erhoben, dass die Zahl derer die ihn fürchteten so hoch war wie die jener, die ihn tot sehen wollten. Meist sah man ihn allerdings gar nicht. Es gab vielleicht fünf, vielleicht sieben Menschen, die er zu sich vorließ. Manchmal ließ er nicht einmal seine eigene Familie ein. Er verabscheute das Ordinäre, er führte ein[Weiterlesen]
  • Der Tisch war über und über mit Blumen beladen. In dieser Reichhaltigkeit lag etwas Peinliches, das einen erfasste, wann immer man durch den Flur ins Wohnzimmer kam. Wer den Tisch sah – und er war nicht zu übersehen - fragte sich unweigerlich, ob jemand geheiratet hatte oder jemand gestorben war. Diese zwei Möglichkeiten gab es und nichts anderes hätte den Prunk und Überfluss gerechtfertigt, der sich hier mit Lilien und Narzissen und Rosen und leuchtenden Grabesblumen offenbarte. Denn es war jemand gestorben. Es war schon über eine Woche her, damit war die Frist eigentlich vorbei, das zugedachte Maß an Trauerzeit längst überschritten. Aber es war Besuch aus Löwenstein angerückt, und da Adrian Iorga schon immer ein unweigerliches Faible für Opulenz besessen hatte, war es kein Wunder, dass er es auch diesmal übertrieb.
    Jetzt saß er dort mit übereinandergeschlagenen Beinen in seinem perfekten Frack und hielt die sauberen Hände offen, als wolle er irgendeinen Gegenstand aus der Luft
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  • „Adya! Adya, nein! Lass mich runter!“
    Helena Iorga, ein siebenjähriges Mädchen in einem buttergelben Kleid, schwebte wie eine Ballerina durch die Luft. Ein goldener Rausch aus Locken fiel ihr übers Gesicht. So sehr sie auch versuchte, den Boden zu erreichen, so fern war er ihr doch von den Schultern ihres älteren Vetters aus, der sie herumtrug und keinem ihrer Versuche nachgab, sich zu befreien.
    „Nein nein nein nein nein!“
    Sie lachte und zappelte. Sie kämpfte und strampelte. Ihr Lackschuh traf Adrian in den Rücken, der zwar zusammensackte, aber nicht anhielt. Er rannte weiter mit ihr auf den Schultern durch das Haus, dicht hinter ihm Helenas ältester Bruder Leon, genüsslich wie ein königlicher Aufseher.
    „Lasst mich runter, ihr Schrecklichen! Ich hau euch beide zusammen!“
    „Na mach doch, du kleiner General!“, spottete Adrian.
    Und das nächste, was er tat, war, sie im Schrank niederzulassen und sie ins Innere zu drücken.
    „Nein nein nein nein! Lass mich runter!“, rief sie noch wild
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