Artikel von „May“ 6

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  • Traum



    Marena erkannte die Frau vor ihr nicht. Nicht im ersten Moment zumindest. Schulterlang und modern geschnitten war das weiße Haar, statt Roben in rot und gold oder einer Rüstung trug sie eine elegante schlichte Hose und eine feine Seidenbluse. Sie stand in der Mitte einer ordentlich aufgeräumten Küche, in der einen Hand einen zusammengehefteten Stapel an Papieren, in der anderen eine Tasse duftenden Pfefferminztee.

    Vielleicht wäre es einfacher gewesen zu erkennen, wer da stand, wenn die Unbekannte nicht mit dem Rücken zu ihr gestanden hätte.

    „Dann habe ich Marian gesagt, sie soll mir die Arbeit einfach auf den Tisch legen, ich würde sie mir morgen ansehen. Jetzt musst du dir einmal vorstellen… heute Morgen kam ich in mein Büro und auf der Arbeit… saß ein kaum Nussknackerhohes Erdkonstrukt!“

    Ein Lachen. Warm und tief, ein Mann.

    „Sie hat dir statt einer schriftlichen Arbeit einfach das Miniaturergebnis ihrer Forschungen auf den Schreibtisch gesetzt? Hatte sie[Weiterlesen]
  • Glückliche Stunden


    Es war das erste Mal, dass sie froh über die schlichte Taschenuhr war, die Fanny in einem Anflug von fast mütterlicher Sorge zu ihrem Gepäck gelegt hatte. Bislang hatte das wenig dekorative dafür umso präzisere Uhrwerk ein Schattendasein unter ihren Ersatzkleidern gefristet. Jetzt dagegen... bewies es seinen Wert.

    Einmal die Stunde Tee kochen. Die Tasse jedem still hinstellen. Dann sammelst du die alten Verbände ein, gehst sie auskochen. Eine einfache Tätigkeit. Ein bisschen anstrengend aber einfach. Die ausgekochten Verbände hängst du zum Trocknen hinaus - drin würden sie die Luft anfeuchten und das Raumklima unangenehmer als möglich machen.

    Ihre Schritte trugen sie zu dem Tablett mit Bechern, in die sie den Tee gießen wollte. Heute war einer der guten Tage. Heute war eindeutig ein guter Tag. Es lag niemand im Sterben, es schrie niemand vor Schmerzen und es gab noch genug Tee für alle. Was konnte man sich mehr von einem Morgen wünschen?

    Ein schmales Lächeln… [Weiterlesen]
  • Die Schriftrolle ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Der ganze Ärger des Abends und des Morgens, der letzten Tage... auf einmal schien er weit weniger präsent. Was für ein unangenehmer Gedanke das sie so tief geschlafen hatte, dass es ihr nicht einmal aufgefallen war... Jemand - unabhängig davon ob Freund oder Feind - hatte es geschafft etwas auf ihrem Bett abzulegen und sie war nicht einmal aufgewacht.

    Was wenn es Jormag gewesen wäre? Ein Schneeball gegen die Wand. Die Zielübungen zeigten Wirkung. Mittlerweile trag sie eigentlich fast immer dieselbe Stelle. Gut... weniger Jormag und mehr die Eisbrut. Aber was wenn es Angreifer gewesen wären? Oder jemand der durchdrehte?

    Ihre Hände fühlten sich kalt vom Schnee an, kalt und frostig.

    Es war aber kein Feind gewesen.

    "Ho Marena."

    Im ersten Moment hatte die Anrede sie vollkommen aus dem Konzept gebracht. Typisch nornig... aber welcher Norn schrieb ausgerechnet ihr schon Briefe? Locce? Konnte Locce überhaupt schreiben? Von allen Norn… [Weiterlesen]
  • Ein Teil von Allem



    Sie hatte ja wirklich vorgehabt, es bei einem einfachen kurzen Spaziergang zu belassen. Nur eine Runde durch die Feste, damit die Knochen und Gelenke nicht zu rosten begannen. Es war nicht so, als hätte sie geplant sich ablenken zu lassen.

    Nicht geplant, gewünscht.

    Ihr Blick glitt über den am Boden liegenden Schnee. Dieses Mal hatte sie den Mantel tatsächlich vergessen und ausnahmsweise bereute sie es sogar. Ein bisschen. Nicht wirklich. Die Wahrheit ist, du willst krank werden. Du willst verletzt werden. Wenn du erst wirklich krank oder verletzt bist, haben sie einen Grund dich heim zu schicken. Du kannst protestieren, gibst dann nach und darfst nach Hause.

    Sie wollte nicht krank werden! Sie wollte sich nicht verletzen oder überarbeiten! Marena ballte die Hände zu Fäusten. Das war nicht der Grund warum sie spazieren ging. Das war auch nicht der Grund warum sie stehen geblieben war und begonnen hatte aus Schnee kleine Kugeln von Apfelgröße zu formen und… [Weiterlesen]
  • Nach Hause



    Du solltest nach Hause zurück kehren.

    Sie hob zehn Finger gen des Sanitäters und wartete einen Moment, ehe sie das Lazarett verließ. Zehn Minuten. Zehn Minuten raus aus diesem nach Blut und Schweiß riechenden Raum, in dem sie es keine Sekunde mehr ausgehalten hätte.

    Du gehörst nicht hierher. Sie hat es dir gesagt. Du bist nicht Teil des Trupps.

    Nein, sie hatte nicht gesagt: "Marena, du bist nicht Teil des Trupps." Sie hatte sich den Fremden zugewandt und auf die Frage, ob die Weißhaarige auch dazu gehört geantwortet: "Sie ist nicht Teil des Trupps."
    Das machte es nur leider kein bisschen besser.

    Du gehörst in die Stadt. Dort ist dein "Trupp". Was willst du nur hier?

    Ihre Schritte trugen sie leise aus dem Lazarett, die Kapuze und den Mantel hatte sie zurück gelassen - schiere Dummheit. Aber es waren auch nur zehn Minuten. Zehn Minuten im Schnee waren nicht tödlich, sondern eine reine Abhärtung. Gut für die Gesundheit. Vielleicht fand sich ja sogar ein See indem du[Weiterlesen]
  • Empathie



    Warum jetzt, hm? Warum machst du ausgerechnet jetzt den Mund auf, obwohl du genau weißt, dass dabei nichts rum kommt?

    Ärgerlich presste sie die Lippen aufeinander und ging in der Mitte der Gruppe weiter. Hätte sie nur ihre Klappe gehalten. Rabenstatuen die Fragen stellten waren eine Sache. Vor allem wenn die Frage so einfach zubeantworten war.

    Die Pflicht zu helfen steht an erster Stelle.

    Auch wenn man dadurch des Öfteren ins Sperrfeuer geriet. Das Problem am Helfen allerdings, merkte die Weißhaarige in Gedanken an, war selten die Situation in der man zu helfen suchte selbst und sehr viel öfter dafür die Tatsache, dass man nicht wusste wie.

    „Mensch, Empathie ist dir manchmal wirklich ein Fremdwort!“

    Ihre Hand schloss sich fester um den Griff des Dolches. Sie blieb nicht stehen. Noch nicht... Die Schritte um sie herum zwangen sie weiter zugehen. Immer weiter. Nur nicht anmerken lassen, worüber sie gerade nachdachte.

    Abgesehen davon, dass ein Stein bessere[Weiterlesen]