Ascalonisches Feuer

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  • Staub brannte in seinen Augen. Ghabriel hob den Blick zu einer rötlich goldenen, ascalonischen Sonnenscheibe empor und verengte die Lider, um sie vor dem Licht und der Mischung aus Sand, Erde und längst ausgedörrter Grassaat zu schützen, die auf trockenen Böen durch die von Menschen verlassenen Häuserschluchten getrieben wurde. Der warme Wind griff in die roten Haarsträhnen in Stirn und Nacken des Elysiumswächters und ließ einen Teil davon durch sein Sichtfeld tanzen.
    Das Gebäude wirkte verlassen, obwohl Ghabriel wusste, dass dieser Schein trug. Der rissige Putz zwischen ausgebleichten Querbalken verriet das lange zurückliegende Baujahr, die Farbe an Fensterrahmen und –läden hatte schon in der letzten Generation zu bröckeln begonnen. Was einst Geranien in weiß gestrichenen Blumenkästen gewesen sein mochten, waren nur noch braungraue Stängel, in braungraues Holz gepfercht. Ghabriels Fokus schweifte über das von Schmutz und Regenschlieren milchig gewordene Glas.
    Auf die Entfernung war ein zwischen faserige Gardinen geschobener Gewehrlauf nur schwer hinter den tarnenden Stoffbahnen auszumachen. Hatte er am Küchenfenster eine Bewegung gesehen? Möglicher Weise handelte es sich um eines der Kinder. Es wäre aber auch eine geduckte Frauengestalt denkbar gewesen, vornübergebeugt in das Spülbecken gelehnt… und sicher nicht so erfreut, draußen jemanden zu erspähen, wie man es von den vier Jungen wohl hätte annehmen können.
    Ghabriel lenkte seinen Fokus von dem verfallenden Einfamilienhaus fort und hinüber zu Gervais. Der Blondschopf wirkte angespannt. Selbst über die Distanz zwischen ihnen hinweg konnte Ghabriel die hervortretenden Linien seiner Kiefermuskulatur erkennen, während der Mann die Zähne aufeinander gebissen und die Brauen so weit zusammengezogen hatte, dass sie sich über der gekrausten Nasenwurzel beinahe berührten. In geduckter Haltung, ein Knie am Boden, die gepanzerte Linke auf dem anderen abgelegt, verharrte er hinter einigen aufgestapelten Kisten, die einst für einen Transport nach Götterfels oder in eine der anderen, großen Menschensiedlungen bereit gemacht worden und niemals an ihrem Bestimmungsort angelangt waren, aufgebrochen und ihres Inhaltes beraubt und damit für ihren ursprünglichen Besitzer nur noch wertloser Ballast. Genauso zurückgelassen wie die ganze Gegend, von der aus man einen wunderschönen Blick auf die nicht weit entfernt liegenden Falkentore besaß.
    Gervais deutete mit einer Kinnbewegung in Richtung des Bauwerks und Ghabriel schüttelte kaum merklich den Kopf. Er signalisierte ihm damit sowohl, dass er keine Informationen zu irgendwelchen Silhouetten hatte gewinnen können, wie auch, dass über die Sicherheit der Situation in diesem Moment nur schwerlich Auskunft zu erteilen war. Gervais nickte langsam, sich mit der Schulter dichter gegen seine Deckung pressend.
    Ghabriel hatte das Gefühl, die Gedanken des Mannes von seinen narbengefurchten Gesichtszügen ablesen zu können. Volles Risiko und alle Karten auf einen Sturmangriff setzen? Oder war ein taktischer Rückzug die bessere Variante, um zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal wiederzukommen?
    Und die Kinder? Sollte er sie einfach hier zurücklassen? Zwei Herzen kämpften in Gervais‘ Brust miteinander.
    Blanche hinter ihnen rollte mit den Augen und schnippte die aufgerauchte Zigarette gen Boden. „Meine Güte, Gervais“, stöhnte sie. „Kannst du nicht einfach hingehen und klopfen?“
    Gervais Allister gestikulierte mit einer Hand, um die Frau in ihrer Runde zum Schweigen zu bringen, doch es hätte sowieso nichts geholfen, denn sie stand mitten auf dem Hof, für alle Welt sichtbar und sprach nicht besonders leise. Er fluchte, drückte sich in einen aufrechten Stand hoch und rieb sich den Nacken. „Du weißt ja nicht, wie sie ist, wenn sie mich nicht sehen will…“
    Blanche schnaubte. „Ich weiß, wie ich wäre, wenn mein Kerl sich wie ein feiger Backfisch vor meiner Tür herumdrücken würde und nicht die Eier hätte, sich mir zu stellen.“
    Ghabriel trat aus dem Schatten des Ochsenkarrens hervor, der schon lange keinen Ochsen mehr gespürt hatte und am Rand des Grundstücks langsam verrottete. „Also können wir jetzt endlich Mittagessen gehen, während Gervais sich bei Rowenna entschuldigt?“
    „Warum sollte ich mich bei ihr entschuldigen?“, schnauzte Gervais, als mit einem Mal die Tür aufgerissen wurde und ein sechsjähriger Junge hinaus spähte. Seine Kleidung war abgetragen und schmutzig, doch das Gesicht gewaschen und die Haare ordentlich gekämmt. Als er den Blondschopf erkannte, hellte sich seine Mimik auf. „Gervais!“, rief er voll ehrlicher Begeisterung, die Allister neben Ghabriel und Blanche schwer getroffen zusammenfahren ließ. „Mama! Mama! Gervais ist da!“ Gregory stürmte auf ihn zu und warf sich aus dem Lauf in seine Arme. Noch währenddessen erschienen zwei weitere Kinder und eine schlanke, dunkelhaarige Frau im Türrahmen, die ein Baby von vielleicht drei, vier Wochen in einem Tragetuch vor ihrer Brust barg. Gervais - Gregory auf den Schultern, die beiden anderen Jungs begrüßend, die ebenfalls auf ihn zugelaufen waren - und Rowenna wechselten einen langen Blick. Dann drehte sie sich herum und trat wieder ins Hausinnere, die Pforte hinter sich offen lassend.
    „Ja~“, machte Blanche etwas gedehnt und hakte sich bei Ghabriel ein, um sich von ihm den schmalen Weg zur Straße hinunter führen zu lassen. „Ich denke, wir können endlich Mittagessen gehen.“

Kommentare 36

  • Ovy -

    Ha, ja, hatte am Anfang auch so einen Italowestern-Vibe.

    Wobei mir immer noch nicht klar ist, wann endlich die Pilzmutanten ins Spiel kommen. ;>

    • Travon -

      Pilzmutanten und Feuer vertragen sich nicht gut. Obwohl... so ein gut durchgerösteter Champignon-Mutant könnte eine Bereicherung für jedes Angrillen sein. hmm

  • Lianne -

    Ich schließe mich da meinen Vorpostern einfach mal schlicht an - Gefällt mir supergut.
    Vor allem natürlich DER Moment! :D

  • Estelion -

    Du schreibst, wie immer, sehr gut. Allerdings haben mich diesmal zu Anfang des Textes ein biiiisschen die vielen Adjektive rausgebracht. :) Ich hab das manchmal, wenn ich merke, dass sie sich häufen, dass ich fast nur noch darauf achten kann. :)

    Wer ist Gervais?

    • Travon -

      Ein Charakter meiner Frau.

      Dass ich so viele Adjektive drinnen hatte, liegt vermutlich an dem eigenen Trugschluss: "Stimmungsdichte = sehr konkrete Beschreibungen", obwohl ich das selbst beim Lesen auch nicht zwingend brauche. Ich stelle es mir nicht immer leicht vor, als Autor einen Text zu lesen. Man steckt wahrscheinlich voller Reflektionen, was man selbst anders gemacht hätte. Danke für den Hinweis und dein Feedback.

    • Estelion -

      "Man steckt wahrscheinlich voller Reflektionen, was man selbst anders gemacht hätte." <-- Nein, nicht unbedingt. Natürlich liest man immer ein bisschen als Autor, aber meist lese ich einfach und entweder es inspiriert mich oder nicht. Manchmal fällt mir halt "was Handwerkliches" auf, aber das heißt nicht, dass ich damit immer im Recht bin.

      "Stimmungsdichte = sehr konkrete Beschreibungen" <-- Ein absoluter Trugschluss. Allerdings einer, dem ich sehr oft selbst aufsitze. :) Ich verstehe GENAU was du meinst und kämpfe selbst unter anderem genau DAGEGEN an.

      Was das inspirieren angeht. Du gehörst trotzdem zu den Menschen, deren Schreibstil ich durchaus als inspirierend empfinde. Das heißt, wenn ich was lese, bekomm ich selbst Lust, was zu schreiben.
      Das ist eines der besten Komplimente, die ich machen kann, denn selbst meine Lieblingsautoren aus der Literatur sind oft nicht die, die ohnegleichen Schreiben, sondern exakt diejenigen, bei denen ich mich inspiriert fühle und an präzisen Formulierungen oder guten Stimmungen aufgeilen kann ;)

    • Travon -

      In diesem Fall danke ich herzlich für das große Kompliment und freue mich, dass du immer noch mitliest. Wenn es jetzt noch wirkt und du dich selbst an etwas setzt, kann ich mir wohl ruhigen Gewissens kräftig auf die Schulter klopfen. :)

    • Pink Unicorn of Doom -

      Manchmal kommt man damit durch, dass man umstellt.
      Bsp: Die Risse im Putz zwischen (den) ausgebleichten Querbalken... .
      Klingt für sich genommen nicht unbedingt besser, mindert aber die Adjektivfülle.

      Wie auch immer. Wie so häufig, wenn es ums Schreiben geht, komm ich nicht umhin Estelion zuzustimmen. Auch und besonders im Positiven. Deine Geschichten lese ich nicht nur zu Ende, sondern auch die Nächste.

      P.S. ich glaub es muss “trog” heißen. :P

    • Travon -

      Ich denke schon, dass eine Umstellung, wie du sie vorschlägst, den Text bereits auflockern würde. Ich habe ihn noch mal in Ruhe durchgelesen und nach Stellen gesucht, wo mir das nicht im Nacken stechen würde, eure Ratschläge aber dennoch beherzigen und habe rein vom Lesefluss festgestellt, dass so ein kleiner Kniff durchaus etwas dafür tun würde. An dieser Stelle ein Danke dafür, an auch beide.
      Danke auch für das Kompliment. Ich weiß das sehr zu schätzen.
      Und P. S. Ich glaub, du hast Recht. :thumbup:

  • Llarrian -

    Ja~....

    Saugut. :)

  • Luc / Zavo -

    Großartig

  • Levi Iorga -

    Ich feiere Blanches Auftauchen am meisten...Ich habe laut und lange und vor allen Dingen begeistert lachen müssen. Erst war ich in so einem alten, verschrobenen Western und auf einmal steht sie da und alles kippte um. Ich habe sie neben mir genervt mit den Augen rollen hören. Jawohl! Hören!

    Super Geschichte.

    • Travon -

      Danke dir. Es hat auch Spaß gemacht, das zu schreiben. Und Blanche selbst musste übrigens auch sehr lachen beim Lesen. 8)

    • Levi Iorga -

      Dann hast du einen verdammt guten Job gemacht :D

    • Travon -

      Wenn ich meine Frau aufmuntern möchte, muss ich mir ja wohl Mühe geben. :thumbup:

    • Levi Iorga -

      Das ist wahr. Bester Mann... Voll des Lobes eh xD

    • Travon -

      Wenn ich jetzt sage, dass du in Ruhe weitersprechen sollst, weil ich dir aufmerksam zuhöre, hörst du auf, oder?

  • Alessa Di Saverio -

    Haha, wie ich erst dachte, das ist nun eine Geschichte an deren Ende ich Alexander den Arztkoffer zücken lassen muss. :D Sehr gut geschrieben, wie immer. Machte großen Spaß zu lesen und mich auch schon sehr neugierig auf Gervais.

    • Travon -

      Ist die Wende gelungen? Das freut mich, zu lesen. :thumbup:
      Und du zückst doch immer gern den Koffer für good old Ghabriel, oder?

    • Alessa Di Saverio -

      Irgendwann....irgendwann~ schreibt Alex auch mal eine Rechnung :D

    • Travon -

      Das darf er Ghabriel bitte nicht antun. Der ist gerade schon dabei, sich bei Alex' Bruder hoch zu verschulden. FÜR Alexander, möchte ich hier nebenbei natürlich völlig ohne jede Subtilität anfügen!

    • Alessa Di Saverio -

      Was er ja, wäre es nach Alexander gegangen, gar nicht hätte tun müssen, jaha!

    • Travon -

      Du bist ein undankbares Biest!