Frühjahrsfeuer (I)

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

  • Die Frau sah aus wie Claire. Einer der geflochtenen Zöpfe hatte sich gelöst und das lange schwarze Haar freigegeben, das in wirren, dunklen Strähnen in die aufgerissenen Augen und den offen stehenden Mund hing. Ihr Körper auf den nackten Stufen wirkte eigentümlich verdreht: wie der Leib einer Marionette, deren Fäden dem Puppenspieler entglitten waren. Der verrutschte Rock entblößte ihre dürren Unterschenkel und die krummen Knie. Ihr linker Damenschuh lag am Fuß der Treppe. Der andere steckte noch immer an seinem Platz.
    Langsam ging Ghabriel auf ein Knie herab und zog das Leder von den Fingern seiner Rechten. Mit dem Handrücken das Gespinst wild fallender Kohlenfäden von der blassen Haut streifend, presste er die Kuppen an den auf diese Weise freigelegten Hals.
    Ghabriel spürte keinen Puls, keinen Atem auf den blutleeren Lippen, die nicht unter seiner Berührung zurückzuckten.
    Sie war tot.
    Er ließ die Hand sinken. Über ihm krächzte ein Rabe in der beginnenden Morgendämmerung. Der Blick des Söldners schweifte von den Gesichtszügen der Frau über ihr übriges Äußeres. Die vernarbte Kehle, die kaum wahrnehmbaren Löcher in den Ohrläppchen, das grüne Oberteil mit den zerkratzten Nieten und dem viel zu breiten Gürtel um ihre schlanke Hüfte. Den verbogenen Kupferring, den sie trug. Lange konnte sie noch nicht hier draußen liegen. Seine grünen Augen hefteten sich auf die einprägsame Tätowierung, die im fahlen Licht beinahe unangenehm scharf auf der schlanken Wade auszumachen war.
    „Kam öfter alleine her, die Kleine.“
    Ghabriel fuhr herum, doch der Mann, der ihn angesprochen hatte, hob sofort abwehrend die Arme, als die Klinge des elonischen Krummsäbels aus ihrer Scheide an Ghabriels Waffengurt sprang. „Ich hab’se nicht umgebracht!“, rief er hastig. „Nur gesehen, wie ‘se gestürzt ist!“ Es war ein Landstreicher, abgerissen gekleidet und Ghabriels Eindruck nach den Großteil seiner Habseligkeiten am Körper tragend. Obwohl das Frühjahr längst Einzug gehalten hatte, saß eine dicke Wollmütze auf dem darunter hervorstehenden, braunen Haar, und ein langer Schal war in mehreren Lagen um seinen Nacken geschlungen. Vermutlich lagerte er nicht weit entfernt des nahen Holzschlagplatzes am Rand des Flusses, in einer der kleinen Höhlen, die von den Kindern in Shaemoor gern zum Spielen genutzt wurden. Der Geruch von Rauschkraut haftete seinem speckigen Ledermantel an, nicht jedoch der von Alkohol. Ghabriel schob die Klinge zurück, und die Schultern des Mannes sackten erleichtert herab, ehe er etwas zögernd ein paar Schritte näher trat.
    „Das Baumhaus schien ihr zu gefallen. Manchmal blieb ‘se stundenlang da oben.“
    Ghabriel sah zu der hölzernen Konstruktion hinauf, die sich etwa zwei, drei Meter über ihren Köpfen erhob.
    „Was hast du beobachtet?“
    Der Landstreicher deutete mit einer Geste auf eine Stelle am Ufer, wo das Wasser flach und die Strömung gering war. „Hab meinen Trinkschlauch aufgefüllt, da sehe ich in der Dunkelheit diese Gestalt. Bin beinah zu Grenth gefahren vor Schreck. Konnt‘se erst gar nicht richtig erkennen, aber die hat mir manchmal was gegeben, wenn ‘se hier war. So’n Mädchen merkst’e dir.“
    Ghabriel ließ ihn erzählen, ohne den Mann zu unterbrechen.
    „Jedenfalls…“, der Vagabund kratzte sich an der Wange, „lief ‘se ‘ne Weile nervös die Stufen rauf und runter. Schien auf irgendwen zu warten. Ich dacht‘ noch: Mädel, rutsch jetzt bloß nicht aus in der Dunkelheit, du brichst dir den Hals…“
    „Und dann passiert es?“
    „Ja! Als hätte Dhuum meine Gedanken gelesen!“
    Ghabriel hob den Rock der Frau. Sie trug ein zartgelbes Spitzenhöschen, bis hinauf zum Saum mit feinen Stickereien verziert.
    „Uh…“ Der Stromer wand unbehaglich die schmutzigen Hände umeinander. „Das is‘ nicht in Ordnung, was Ihr da macht... mit solchen Vorlieben will ich nichts zu tun haben…“
    Der Söldner ignorierte das Gemurmel des Mannes, der sich schließlich mit angewidert verzogenen Mundwinkeln von ihm fort wandte. Ghabriels Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf die Oberschenkel des Leichnams. Er ließ von dem Stoff ab und fasste den Mantelsaum des Landstreichers, als dieser zurück in Richtung Dorf verschwinden wollte. Der Kerl zuckte heftig zusammen. „Hey!“
    Ghabriel richtete sich auf. „Bist du sicher, dass sie allein war?“ Er musterte das bartstoppelige Gesicht des anderen, insbesondere die verwaschenen Pupillen, die gewisse Probleme zu haben schienen, ihr Gegenüber klar zu fokussieren. Da der Vagabund in seinem Griff schwankte, packte er das Leder etwas fester und hielt ihn in einer aufrechten Position. „Wurde sie möglicherweise von jemandem gestoßen oder durch irgendwas getroffen?“
    „Nein!“ Der Landstreicher versuchte, sich loszumachen. „Außer mir war niemand hier, und es gab auch keinen Schuss oder so was. Sie is‘ einfach abgerutscht und hat ‘ne Schwalbe die Treppe runter gemacht. Kracks.“
    „Hast du sie dir angesehen?“
    „Natürlich! Bin sofort hin, um zu schauen, ob ich noch helfen kann, aber die war mausetot, hat keinen Pieps mehr von sich gegeben.“
    Ghabriel warf über die Schulter einen Blick zu der Toten zurück. „Hatte sie irgendetwas Auffälliges bei sich?“
    „Was weiß ich? Bin schließlich kein Leichenfledderer...“
    Als Ghabriels Rechte wieder zum Säbel ging, riss der Mann erneut die Hände nach oben. „Nur’n paar Zettel und einige Münzen! Und so hässliche Stecker mit Tierschädeln!“ Er wühlte in seinen Taschen und förderte neben heruntergebrannten Zigarettenstummeln und durchgekautem Süßholz drei Blatt Papier, Zwiebackbruch und ein Paar Manschettenknöpfe zu Tage, die er dem Rotschopf gegen den Brustkorb drückte. Ghabriel nahm sie ihm ab und gab den Mann im Gegenzug dafür frei. Der stolperte zwei Schritt nach hinten, dann drehte er sich um und rannte den Hügel hinunter.
    Ghabriel verfolgte seinen Weg hinab zum Dorfrand mit den Augen. Er setzte dem Streuner nicht nach. Die Geldmünzen waren nicht von Interesse für ihn. Wind rauschte, und schwarze Federn streiften Ghabriel an der Wange, als Blanches Rabe auf seiner Schulter Platz nahm. Er krächzte, und der Söldner nickte langsam, auch wenn ihm bewusst war, dass die Geste für das Tier keine Bedeutung hatte und dessen Laut ohne jede Aussagekraft gewesen war. Dennoch: die ersten Waidleute würden bald hier sein. In den Fenstern von Shaemoor zeigten sich bereits vereinzelt Lichter. Viel Zeit blieb Ghabriel nicht mehr, um die Leiche zu untersuchen.
    Er streifte den zuvor abgezogenen Handschuh zurück über die sehnigen Gelenke und betrachtete die Manschettenknöpfe, die der Vagabund ihm überlassen hatte. Es waren zwei Hasenköpfe. Einer sah nach links, der andere nach rechts. Auf Ghabriels Handfläche blickten sie einander an. Flüchtig ging er die Pergamentstücke durch. Ein nummerierter Abriss, der zu einer Bestellung in irgendeinem Geschäft zu gehören schien, die Quittung über den Erwerb der Manschettenknöpfe und eine Skizze, die den Weg vom östlichen Marktviertel aus bis zum Baumhaus beschrieb. Ein helles, klopfendes Geräusch lenkte Ghabriels Aufmerksamkeit zurück zu der Frau hinab. Blanches Rabe hackte mit seinem Schnabel auf dem Kupferring herum. Wann das Federvieh wohl aufhören würde, sich für eine Elster zu halten?
    „Der ist nicht von Wert“, erklärte er dem Vogel überflüssiger Weise und ging abermals auf ein Knie herab, um nach weiteren Spuren zu suchen.
    Er fand keine.
    „Nicht von Wert…“, wiederholte er seine eigenen Worte, deren Wahrheitsgehalt sich bereits dadurch bewies, dass der Vagabund das zerdellte kleine Schmuckstück nicht mitgenommen hatte. Ghabriel runzelte die Stirn. Er beugte sich vor und griff nach dem Ring. Leicht glitt er von dem schmalen Finger, für dessen knochige Gelenke er eine Spur zu groß war.
    Was er offenbarte, ließ den Söldner die Luft einziehen.

Kommentare 38