Unwetter

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  • Ein fernes Donnergrollen, untermalt von klackernden Hufeisen auf der gepflasterten Straße holte den Schlafenden aus seinem unruhigen Traum. Die rechte Hand glitt vom Bauch hinab, stricht über das feine Laken aus gebleichter Baumwolle und fand doch nur Leere. Es stellte für ihn keinen ungewöhnlichen Umstand dar, so verwunderte es den Verstand nicht, was das Unterbewusstsein nicht wahrhaben wollte. Nur langsam, noch immer schlaftrunken richtete sich Devin auf, schob die Beine über den Rand des Bettes und stellte die nackten Füße auf. Als er sich erhob, den Raum bis hin zum Fenster durchschritt, rutschte der nächtlich getragene Stoff des weißen Hemdes von selbst zu recht. Nur das Mondlicht erhellte den Raum, wurde von heller Haut und noch hellerer Kleidung reflektiert. Wieder erklang das Donnergrollen, dieses Mal wesentlich lauter. Die blassblauen Augen des Butlers erfassten bereits die Droschke, welche über die von Laternen beschienene Gasse polterte und erst vor dem Anwesen der Varathros zum Stillstand gebracht wurde. Er betätigte den Griff, zog das Fenster auf, sodass die kühle Gewitterluft über die reine Gesichtshaut wehen konnte. Das schwarze, halblange Haar stricht an den Seiten hinfort, gab die jugendlichen Züge preis. Zunächst entstieg der hohe Herr. Dieser bot seine Hand zur Hilfe an, was eine junge Frau nicht abschlagen wollte. Da zuckte bereits der erste, den Nachthimmel erhellende Blitz durch die Luft, gefolgt von einem in den Ohren dröhnenden Paukenschlag, der das Pärchen zur Eile antrieb. Erste Tropfen klatschten auf die Erde hinab und verdampften auf dem noch warmen Pflasterstein. Devin senkte den Kopf und blinzelte Wasser hinfort. Mit bloßem Blick folgte er den Gestalten. Er sah ihnen nach, bis die beiden letztendlich im Gebäude verschwanden. Augenblicklich begann es zu schütten, als wollte der Himmel die Welt überfluten. Der Wind peitschte Devin immer mehr Nässe entgegen, auf dass er recht schnell bis auf die Haut durchnässt am Fenster stand. Feuchte Rinnsale liefen ihm über die markanten Wangen, perlten über den Kieferbogen hinab und fielen schwer gen Boden. Lange Minuten stand er so da und wollte sich nicht abwenden. Erst als das Unwetter bereits in der Ferne verschwand, ergab sich der Durchnässte seiner nächtlichen Ruhe.


    „Das Schlimmste an jeder Romanze ist, sie lässt dich schrecklich unromantisch zurück.“, philosophierte seine Schwester, die obgleich von jüngeren Jahren dem Bruder sehr ähnlich sah. Beiläufig nippte sie an dem heißen Getränk in ihrer Tasse. Die himmelblauen Augen begegneten ihm, fast hätte er Bedauern darin lesen können. Er wollte es nicht, schob alles weit von sich fort. Denn das gefühlsduselige Gehabe gefiel ihm recht wenig. Devin blieb nur ein stummes Nicken der Zustimmung übrig, denn hätte er etwas erwidert, würde sie ihm mit dem leidlichen Thema noch ewig in den Ohren liegen. „Ich muss zurück.“, entschied er sich für die Flucht und erhob sich vom schlichten, hölzernen Küchenstuhl, schob ihn mit den Kniekehlen ein Stück zurück. Das vorerst letzte, was er ihr schenkte, war ein einnehmendes Lächeln, das er sein Eigen nennen konnte. Nichts vermochte ihn jemals für längere Zeit zu betrüben, noch nicht einmal das weibische Gefasel der jüngeren Frau.

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