Rotes Haar und blaues Kleid

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  • Rotes Haar und blaues Kleid


    „Vorsicht, da ist eine...“
    ...Wand. Alexanders Schulter traf sie zielgenau und allgemeines Gelächter erklang. Auch er lachte, denn der Abend mit seinem vielen Bier hatte dafür gesorgt, dass das Zwicken nur verspätet als ein in Watte gepacktes Pochen bei ihm ankam. Die zu weit genommene Kurve war nach den nächsten vier Schritten ohnehin vergessen, denn man widmete sich jener Art von philosophischen Gedanken, wie sie nur der Alkohol mit solchem Ernst hervor brachte. Die Weltpolitik wurde ebenso zum Thema gemacht, wie das Mensch sein an sich und die eigene Vergänglichkeit.
    „Ich glaube ja...“, fühlte Alexander sich irgendwann bemüßigt beizutragen und wurde gleich etwas lauter, weil niemand ihm zuhörte. „ICH glaube ja...“
    Als nun die Blicke auf ihm lagen, hob er darüber zufrieden gewichtig, wie er es bei seinem Vater gesehen hatte, den Zeigefinger, die andere Hand auf dem Rücken, auch wenn ihm das gerade einen nicht sehr sicheren Stand verlieh.
    „Ich glaube ja...“, wiederholte er zum dritten Mal, bereit seine These, fraglos eine der ganz großen, nun endlich mit der Welt zu teilen, als eine junge Frauenstimme unweit der Straße erklang.
    „...loslassen, habe ich gesagt!“
    Alexanders Nackenhaare stellten sich auf und er vergaß, was er hatte sagen wollen, vergaß, dass er getrunken hatte und fuhr auf dem Absatz herum. Was tat sie hier? In dieser Stadt, zu dieser Stunde, in ihrem Alter und noch dazu allein? Es brauchte drei Schritte seiner langen Beine, bis er um die Häuserecke in die Gasse hinein spähen konnte. Dunkel war es, doch er sah genug, sah rotes Haar, ein blaues Kleid und einen Mann, der gerade grob daran zerrte. Für viel mehr nahm er sich keine Zeit, denn er hörte sie kreischen und im nächsten Moment hatte seine Faust auch schon den Kiefer des überrumpelten Gegners getroffen, der daraufhin ein, zwei Schritte zurück taumelte. Anstatt sich aber, wie er es von einem Gentleman hätte erwarten können, nun zu entschuldigen, zumindest aber zu erklären, ging er zum Gegenangriff über und unter den Schreien der Frau machte Alexanders schlaksiger Körper ein zweites Mal in dieser Nacht Bekanntschaft mit einer Hauswand.
    „Nicht! Lass ihn in Ruhe, er wollte doch nur...“
    Das Klatschen einer Rückhand auf einer Wange erklang und die Frau stolperte keuchend einen Schritt zurück. Der Mann hatte sie geschlagen. Sie. Alexanders Schwester.
    Als ihn viele kräftige Hände von seinem Gegner herunter zogen, drang der Schmerz aufgeplatzter Knöchel und eingesteckter Hiebe dumpf in Alexanders Geist vor. Langsam, als würde er auftauchen, hörte er über dem stetigen Pfeifton in seinen Ohren die aufgeregten Rufe seiner Freunde lauter, nahm das Weinen der Frau wahr und auch, dass ihr Haar eher blond als rot war, ihre Schminke verlaufen, ihr Körper üppig und in Kleidern, die sie als eine der käuflichen Zunft entlarvten. Sie hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Danette. Alexanders Blick fiel hinab zum Mann am Boden. Er regte sich nicht mehr.

    „Alexander, sieh mich an.“
    Mortimer Beaufort blickte seinem Sohn über den Schreibtisch hinweg mit zusammengelegten Fingern entgegen, die Stirn über dem strengen Blick in Sorgenfalten gelegt. Sie wollten sich über ein Lächeln in Wohlgefallen auflösen, als Alexander in seinem Sitz noch tiefer rutschte, versuchte, seinen viel zu hoch geschossenen dünnen Körper mit den langen Gliedern kleiner zu machen und gleichzeitig in höchstem Maße gelangweilt und unbeteiligt zu wirken. Der Junge hatte zu viel Energie, war zu verbissen darin, neben seinen älteren Brüdern bereits als Mann zu gelten, dass er sein Temperament nicht unter Kontrolle behalten konnte. Mortimer dankte im Stillen den Göttern, dass auch diese Rauferei einen leidlich glücklichen Ausgang genommen hatte. Die Arztkosten des Verletzten waren beglichen worden, Schweigegeld an die Hure gezahlt und Alexanders verschreckte Schulkameraden waren von ihren Eltern ins Gebet genommen worden. Es fehlte nur noch der Beaufort-Spross selbst und dieser geriet über das Schweigen seines Vaters langsam ins Schwitzen. Er hob den Blick.
    „Dir ist bewusst, dass dein Verhalten eine Strafe nach sich zieht.“
    Der lange Schlacks rutschte noch tiefer.
    „Ich habe mit Priester Scalia gesprochen, du wirst ihm und seinen Glaubensbrüdern und -schwestern im nahen Lazarett zur Hand gehen, aufräumen...“ Mortimer hob die Hand, als Alexander auffahren wollte. „...wenn dort etwas anfällt, dich um die Kranken kümmern, um die Hilfsbedürftigen.“
    „Aber...!“
    „Ich erwarte, nein, ich verlange von dir dort tadelloses Benehmen.“

    „Dr. Beaufort?“ Alexander schreckte ein wenig aus seinen Gedanken hoch und schaute in das aufkeimende schiefe Schmunzeln des Jungen vor seinem Behandlungstisch, dessen gebrochene Nase er gerade gerichtet hatte.
    „Ich will ja nix sagen.“, näselte er. „Aber Ihr habt gerade ein bisschen doof geschaut. Fürchtet Ihr Euch etwa vor 'nem bisschen Blut?“
    Alexander lachte leise. „Jetzt nicht mehr, glaub mir. Jetzt nicht mehr.“

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