Familienpflichten

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  • Jasper Caldwell legte seine Hand über die Korrespondenz auf seinem Schreibtisch, bevor die kräftige Windböe sie von der Holzplatte heben konnte und warf, ohne den Federkiel abzusetzen, einen Blick zu der Fensterfront seines Arbeitszimmers.
    Die Vorhänge der verglasten Doppelflügeltüren blähten sich unter dem Luftzug. Der Geruch von trockener Erde und ausgemergeltem Gras drang zu ihm vor. Die angenehme Kühle, die sonst von dem kleinen See in der Nähe des Familienanwesens aufstieg, hatte sich schon lange der anhaltenden Hitzewelle ergeben müssen. Ein immer breiter werdender Streifen Uferschlick und der zähflüssige Algenteppich, den er umkranzte, zeugten von den ungewöhnlich hohen Temperaturen in diesem Jahr und ließen hin und wieder ihre fauligen Aromen über Grund und Boden der Familie wandern.
    Doch nicht heute.
    Jasper lenkte seinen Fokus zurück zu seiner Tätigkeit und den damit verbundenen Gedanken. Ein Termin für eine Hausbesichtigung, der Segen eines Geweihten, die Anmeldung im Ministerium oder eine Gewährleistung der Versorgung mit frischen Nahrungsmitteln und sonstigen Gütern des täglichen Bedarfs; das alles waren Dinge, die Jasper auf seine Liste an Vorbereitungen gesetzt hatte, wenn er plante, die nächsten Monate in der krytanischen Hauptstadt zu verbringen. Dienstboten mussten abbestellt werden, den vorübergehenden Umzug mit zu tragen: packen, Transport, das neue Domizil säubern und seinen Ansprüchen gerecht herrichten.
    Zunächst allerdings würde er überhaupt erst mal ein Anwesen benötigen, das dieser Arbeiten wert war.
    Jasper lehnte sich in seinem Stuhl zurück und ließ den Rücken gegen die bequeme Lehne des Möbelstückes sinken.
    Er würde Alexander Beaufort schreiben, ihm bei der Suche nach einer passenden Unterkunft für sich und seine Geschwister zu helfen. Jasper und Alexander kannten sich von früher, als er noch in den Rängen der Armee Ihrer Majestät gedient hatte und Beaufort als Feldarzt in den Harathi-Hinterlanden stationiert gewesen war. Das lag zwar inzwischen einige Jahre in der Vergangenheit, doch ein Briefkontakt zu dem Mediziner bestand nach wie vor, und Jasper schätzte den Mann. Was zwischen ihm und seinem engsten Freund vorgefallen war, musste man bedauerlich nennen. Aber die Beauforts hatten ihren Teil gezahlt und Jaspers Meinung über die Familie wenig Schaden dadurch genommen.
    Er würde es genießen, mit dem Arzt einen Cognac zu trinken. Soweit er wusste, besaß Alexander seit kurzem eine eigene Praxis in Götterfels. Vielleicht hatte er auch Interesse, sein Standbein um eine Missis Beaufort aufzuwerten, wie es Jasper mit einem trägen Schmunzeln durch den Kopf ging.
    Das wäre ihm sehr entgegen gekommen.
    Er erhob sich von seinem Platz und trat an die kleine, mit ausgewählten Drinks bestückte Hausbar heran, die sich in dem messingbeschlagenen Globus neben seinem Arbeitsplatz verbarg; klassisch, elegant und zeitlos. Jasper betrachtete sie einen Moment. Sein Vater hatte ihm das Stück überlassen, zusammen mit den Familiengeschäften, aus denen er sich langsam aber sicher beinahe völlig zurückgezogen hatte. Eben noch um der Familienpflichten Heimat und Krone gegenüber willens auf den Schlachtfeldern der Zentauren, stand Jasper nun hier, in seinem rotbraunen Gehrock und den polierten Lederstiefeln, und plante die Gesellschaftseinführung seiner jüngsten Schwester sowie die Hochzeiten mindestens zweier weiterer Geschwister. Jedenfalls, wenn er Vale dazu bekommen konnte, mal für einen Moment sein Schwert abzulegen und nicht direkt eine Gedichtsammlung mit der frei gewordenen Hand zu ergreifen.
    Jasper langte nach dem Harathi-Nebel und goss zwei Fingerbreit der milchigen Flüssigkeit in ein entsprechendes Glas, es an seine Lippen hebend. Alkoholische Schärfe stieg ihm in die Nasenflügel und füllte kurz darauf auch seine Kehle. Sein Adamsapfel hob und senkte sich beim Schlucken.
    Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Pergamentbögen, die etwas wild verteilt auf seinem Schreibtisch ruhten. Einen Debütantinnenball für Rowenna zu veranstalten, war nicht das Problem. Celia unter die Haube zu bringen, bereitete ihm mehr Kopfzerbrechen. Sie mochte das beste Heiratsalter überschritten haben, doch sie war gesund, verständig und aufmerksam. Mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen leitete sie das Nesthäkchen der Caldwells bei seinen Schritten auf dem Weg in die Mitte der gehobenen Gesellschaft an. Was Jasper Sorge machte, war die Tatsache, dass Celia sich bereits damit abgefunden hatte, eine alte Jungfer zu bleiben, und das war für eine Frau von achtundzwanzig Jahren eine traurige Aussicht, der er entgegen zu wirken plante, sobald die Geschwister in Götterfels eingetroffen waren.
    Jasper nahm noch einen Schluck Whiskey. Er selbst musste sich ebenfalls um eine Braut kümmern. Seine Mutter übte sich bei diesem Thema in femininer Geduld, doch sein Vater, dieser alte Starrkopf, fiel Jasper seit seiner Rückkehr auf den Stammsitz mit seinen Wünschen nach Enkelkindern auf die Nerven. Jasper erinnerte sich an Warrick Caldwells Drohung, die Angelegenheit selbst zu besorgen, wenn sein Ältester sich nicht bald eine Frau ins Haus holte. Der Blick seiner Gattin war eisig gewesen, und der Blumenstrauß, den Warrick ihr geschenkt hatte, um die Wogen wieder zu glätten, gigantisch. Die Halskette, ein Teil des Versöhnungsarrangements, trug Heather Caldwell mit einer gewissen Genugtuung durch das Anwesen.
    Jaspers Mundwinkel formten ein belustigtes kleines Lächeln. Er setzte sich und stellte das Glas neben sich ab, sein Schriftstück wieder aufnehmend. Er ergänzte es um die Einstellung einiger götterfelser Hausangestellter, die sich in der Hauptstadt auskannten und keinen Stadtplan benötigen würden, um den Wochenmarkt zu finden.
    Ob eine zukünftige Missis Caldwell es wohl annehmen konnte, dass neben den Angelegenheiten seiner Familie auch die der Caldwell‘schen Minengesellschaft sowie der Handel und die Verarbeitung der dort geförderten Rohstoffe Jaspers Tagesplan füllten? Für seine sonstigen Interessen wie Reiten, Jagen und Fischen blieb kaum Zeit, geschweige denn für eine zu nähebedürftige Ehefrau. Er stellte keine hohen Ansprüche an das Wesen einer Partnerin. Jasper selbst wäre auch einer arrangierten Verbindung gegenüber offen gewesen. Was auch immer sich in Götterfels als gute Partie anbot.
    Das Bild seiner Eltern drängte sich ihm kurzzeitig auf, und Jasper scheuchte es mit einem rauen Auflachen aus seinen Gedanken.
    Nein.
    Der nächste Pantoffelheld ihrer traditionsreichen Linie zu werden, überließ er Vale oder Nathan.

Kommentare 32

  • Ovy -

    Oh von dem hör ich zum ersten Mal. Ist der neu? Der Alkohol scheint ihm jedenfalls zu helfen die Schicksale seiner Familienmitglieder zu bestimmen. :D

    Aber was mir gerade beim Lesen all der Geschichten wieder auffällt, nicht nur bei dir: Es werden ständig Unmengen an Cognac getrunken. Wollt ihr euch nicht zusammentun und eine Stadt namens Cognac gründen? Oder Brandy sagen?

    • Travon -

      Das ist das erste Mal überhaupt, das irgendjemand bei mir Cognac trinkt. Aber ich nehme das auf und werde ihn in Zukunft Brandy schlürfen lassen. < nicht wie alle anderen sein will
      Und ja: der ist neu und noch mal ja: Alkohol hilft, auch wenn man seine Probleme damit nicht wiederbekommt, sondern sich immer noch mit den "Lösungen" herumschlagen muss.

  • Xusan -

    Jetzt entwickel ich mich zum Stalker und les auch noch deine Geschichte! (Die ich btw sehr mag)

  • Pink Unicorn of Doom -

    Du schreibst echt gut genug, dass ich im Kopf schon wieder mäkelig werde, statt mir zu denken, wow, gut geschrieben.
    Das ist, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirken mag, als Kompliment gedacht. =D

    • Travon -

      Danke. :) Wo mäkelt es denn? Ich nutze gern die Chance, mich zu verbessern, auch wenn es mit den weniger Adjektiven noch langsam vorangeht.

    • Pink Unicorn of Doom -

      Kleinigkeiten, eigentlich. Ich nehme einfach mal ein Beispiel raus, oder zwei.

      "Der Geruch von trockener Erde und ausgemergeltem Gras drang zu ihm vor." <- drang zu ihm vor ist vage, irgendwie unbestimmt (in diesem Fall), wirkt als wärest du beim Schreiben unentschlossen gewesen, was genau du damit sagen wolltest. Man erfährt nichts darüber wie er das wahrnimmt, wie die Trockenheit ihn beeinflusst. Nicht schlimm, aber eine vergebene Chance - wenn man den Satz dafür nicht aufblähen muss. Daher: "Der Geruch von trockener Erde und ausgemergeltem Gras zog ihm in die Nase." <- er nimmt den Geruch aktiv wahr. Erzeugt ein klareres Bild, präziser, wirkt als wärst du dir im klaren was du sagen wolltest.
      "Der Geruch von trockener Erde und ausgemergeltem Gras kratzte/kitzelte ihn in der Nase." <- Das Bild der Trockenheit wird noch klarer. Kratzen oder Kitzeln in der Nase. Trockene Schleimhäute? Kämpft auch er mit dem Wetter? - Vielleicht ein Schritt zu viel (wenn das Wetter ihn z.B. unbeeindruckt lassen soll), so oder so aber auch nicht länger als die Sätze zuvor, bloß genauer. Und nicht ein Adjektiv mehr! Jeder gewinnt.
      Die Adjektive kamen mir diesmal btw. gar nicht störend vor, obgleich sie da sind. Man merkt total deine Übung.
      Zweites & letztes Beispiel:
      "Ein immer breiter werdender Streifen Uferschlick und der zähflüssige Algenteppich, den er umkranzte, zeugten von den ungewöhnlich hohen Temperaturen in diesem Jahr und ließen hin und wieder ihre fauligen Aromen über Grund und Boden der Familie wandern." <- das zeugten hier ist das "drang... vor" von oben. Eher unentschlossen, bisschen schwammig. "Ließen hin und wieder... wandern" könnte auch entschlossener klingen.
      "Der zähe Algenteppich darauf und ein immer breiter werdender Streifen Uferschlick darum waren (die) Zeugen (wenn man fancy sein will: die Kinder/Sendboten etc.) der außergewöhnlich hohen Temperaturen in diesem Jahr und sandten (im Falle von Sendboten: schickten) mit Vorliebe zur Mittagszeit (Beispiel, kann auch Nachmittag sein, müsste man sich überlegen was mehr Sinn macht) ihre fauligen Aromen aus um für ein paar Stunden Grund und Boden der Familie zu besetzen." <- Zuerst die Personifikation von Uferschlick & Algenteppich, danach wird das "ergeben" aus dem Satz davor aufgegriffen, die Aromen gewissermaßen zu Soldaten gemacht & alle zusammen zu Besatzern des Familiengrundstücks denen die Familie nichts entgegenzusetzen weiß.

      Ich belasse es dabei. Gut möglich, dass dir meine Verbesserungen gar nicht besser gefallen - das ist voll in Ordnung. Mir geht es eher um die Denke dahinter, das vermeiden schwammiger Satzteile etc.
      Ist aber wie gesagt einfach Kritik auf hohem Niveau. Man kann den Text so wie er ist super lesen ohne sich Gedanken zu so Wortkleinigkeiten zu machen. Stört den Lesefluss (auch meinen) absolut nicht, könnte Dir aber vielleicht dennoch helfen noch besser zu werden. Und das noch ist ernst gemeint. Ich les dein Zeug echt gern.

    • Travon -

      Ich denke, ich verstehe, was du meinst. Bestimmte Ausdrücke sind für mich mit festen, nennen wir es Charaktertypen verbunden. Dass Grasgeruch (um ein Beispiel von dir aufzugreifen) jemanden in der Nase >kitzelt<, würde für mich gut zu Jaspers Schwester Rowenna passen, aber nicht zu ihm. Diese Formulierung, meine ich. Ich schätze, deshalb schreibe ich an mancher Stelle deinem Gefühl nach vager, als ich es tun müsste, weil dieses Vage mir als Verfasser die Möglichkeit bietet, bei meinem Charakter und meiner Vorstellung von ihm zu bleiben und einem Leser das Selbe zu ermöglichen, ohne, dass diese Vorstellungen sich decken müssen. Aber ich werde darauf achten und sehen, ob ich mich in dieser Hinsicht nicht an der ein oder anderen Stelle selbst mehr festlegen kann und möchte. Danke für deine anschaulichen Beispiele und dass die Zeit in meine Texte investierst, mir hilfreiche Anmerkungen zu geben. Ich weiß das zu schätzen.

  • Trimethyl -

    Harathi-Nebel. :love:
    Gegen das ein oder andere Fass davon würde Tore sich auch nicht wehren. :D
    Bin mal gespannt, wie viele Pantoffelhelden wirklich in diesem Haus stecken. ^^

  • Luc / Zavo -

    gern gelesen.

  • Brasons -

    Der perfekte Ehemann:
    Er ist stinkreich.
    Er hat Geschmack.
    Er sorgt für seine Familie.
    Er stellt keine Ansprüche.
    Er ist nie zu Hause.

    - Bloß das mit dem Alter.... *seufz*

    • Travon -

      Er ist nicht stinkreich. Wenn du Celia fragst, hat er einen grausigen Geschmack. Er sorgt für seine Familie. Er stellt extrem hohe Ansprüche - nur nicht zwingend an seine Frau. ABER er ist wenig zu Hause. Gegen das Alter kann ich nichts machen. :thumbup:

    • Brasons -

      Oh. Ach so. *geht zügig weiter*

      ... Aber gern gelesen hab ichs ;)

    • Travon -

      8)
      Danke für deine Rückmeldung.

  • Minna -

    Ganz schlicht: Ich freue mich auf weitere Geschichten. :) (UND: Ich liebe den Namen Jasper XD)

  • Vivea -

    Die arme zukünftige Ehefrau... aber so ist das eben als junger Adliger, hm?

    Die Geschichte ist vom Stil her mal wieder wirklich toll, man ließt einfach gerne, was du schreibst. Und seine Gedanken zu seinen Geschwistern sind einfach herzallerliebst. Da spürt man die Nähe gleich^^ Das macht einen durchaus gespannt auf etwaige Fortsetzungen!

    • Travon -

      Danke dir, freut mich, dass dir mein Stil und das Kapitel gefallen haben, obwohl es um einen noch unbekannten Charakter geht.

    • Vivea -

      Das tut es sehr^^ Und unbekannte Charaktere kennen zu lernen hat etwas sehr spannendes^^ solange es nicht die Eigenen sind haha

    • Travon -

      Auch die wissen einen manchmal an Stellen zu überraschen, wo man nie damit gerechnet hätte.

    • Vivea -

      Mehr oder minder unglücklicherweise. Ich bin kein wirklicher Freund von solchen Überraschungen^^ ich habs lieber, wenn mich fremde Charas überraschen. Oh, und ich finde es echt cool, dass er einen Globus hat!

    • Travon -

      Taha, danke. Dabei war das als kleiner Seitenhieb gedacht. In jedem, wirklich jedem gehobenen Haus von Guild Wars steht so ein Globus. 8)
      Und lass dich ruhig drauf ein. Wenn du dir die aktuellen Entwicklungen bei deinen Chars ansiehst, ist es doch gar nicht schlecht, in der letzten Zeit ein paar Mal überrascht worden zu sein.

  • Alessa Di Saverio -

    <3

    • Travon -

      Als ich das geschrieben habe, wusste ich noch nichts von Celias scharfer Zunge.

    • Alessa Di Saverio -

      Ich halte Celias scharfe Zunge für ein vollkommen haltloses Gerücht!

    • Travon -

      Ich hätte da ein, zwei Bilschirmscreens, die diese >Gerüchte< untermauern könnten.

    • Alessa Di Saverio -

      Nur, weil sie vielleicht ein oder zwei Mal ein klein wenig Kontra gab...

    • Travon -

      ... oder möglicher Weise einfach so ein bisschen gehässig war, ganz ohne Grund zum Kontra.