Sturm

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  • Die Scheibe klirrte, als ein umherwirbelnder Holzeimer durch eine Sturmböe gegen den Fensterladen geschleudert wurde und diesen in seinem Rahmen erzittern ließ. Ghabriel hob seine grünen Augen von der kleinen Kiste, die vor ihm auf dem Esstisch stand, und warf einen prüfenden Blick hinaus, doch es sah nicht so aus, als müsse er vor die Tür und ein weiteres Brett befestigen, um ihre Habe zu sichern. Seine Vorkehrungen schienen bisher ausreichend, um die größten Schäden abzuwenden, die das Unwetter über sie hätte bringen können. Das gleichmäßige Heulen des Windes und der beständig prasselnde Regen sorgten gemeinsam mit dem Krachen der Blitze und dem Donnergrollen über ihren Köpfen für eine Geräuschkulisse, die auch ohne Blanches Beschäftigungstherapie bereits dem Lärmpegel einer gut besetzten Festhalle glich.
    Die Frau hockte keine drei Meter von Ghabriel entfernt auf dem Sofa und versuchte, die Lautstärke des Holoprojektors hochzuregeln, den sie sich unlängst von einem Techniker in Löwenstein hatte andrehen lassen. Asgard, der Kriegshetzerwelpe, den Victor Ghabriel überlassen hatte, lag neben ihr zusammengerollt und schlief. Blanches verletztes Bein ruhte auf einem kleinen Kissenstapel, Arm und Schulter hingen nach wie vor in einem Dreieckstuch, um die entstandenen Wunden zu schonen, bis die Fäden gezogen werden konnten. Eigentlich hatte Alexander diesen Termin für den heutigen Tag angesetzt. Allerdings wäre er schon mit völlig durchnässten Utensilien bei ihnen angekommen, hätte er sich vor die Tür gewagt, und außerdem war es zu gefährlich, sich im Sturm herumzutreiben. Götterfels besaß nicht sonderlich viele Grünflächen innerhalb des Stadtgebietes. Am nächsten Morgen würden es wohl aller Voraussicht nach noch einige weniger sein.
    „Elendes Drecksding“, murrte Blanche und lenkte Ghabriels Aufmerksamkeit damit von seinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit. „Ich will mir diese Aufnahme angucken, aber mit dem beschissenen Sturm im Hintergrund versteht man kein Wort! - Nh!“ Sie zuckte unter einer unbedachten Bewegung zusammen und griff in Richtung ihrer Hüfte. Die Decke über ihren Schenkeln rutschte von der Couch und die Mesmerin fluchte.
    Ghabriel nahm die schmale Tonflasche zur Hand und durchquerte den Raum, um sich zu Blanche zu gesellen. Er beugte sich neben ihrem auserkorenen Ruheplatz herab und hob die Decke wieder auf, sie zurück über ihren Körper breitend, der von einer leichten Gänsehaut überzogen war. Blanche trug eines seiner Hemden. Unter dem viel zu weiten Stoff zeichneten sich die Konturen ihres schmaler gewordenen Leibes ab.
    Ghabriel zog den Korken aus der Flasche und setzte seinen Zeigefinger auf die Öffnung, ehe er das Gefäß einmal kurz umdrehte und seine Fingerkuppe mit einer kleinen Menge des Inhalts überzog.
    „Mund auf.“
    Blanche sah an ihm herauf, ein leichtes Spottlächeln auf den Zügen. „Wie fordernd du bist, Ghabriel.“ Sie öffnete die Lippen, und er setzte ihr den Tropfen Öl auf seiner Haut unter die Zunge. So, wie Vince Vecine es ihm aufgetragen hatte.
    Ghabriel schmunzelte träge. „Sieht sexy aus.“ Die Mesmerin verzog das Gesicht. „In der Geschmacksrichtung >lecker< gab es dieses Schmerzmittel wohl nicht?“ Der Elysiumswächter lachte tonlos. „Das ist Medizin. Ich bin sicher, sie hätten noch welche in >mega eklig< und >ultra eklig< da gehabt.“
    Blanche grunzte. „Nur >eklig< reicht mir auch schon, danke…“
    Sie lehnte ihren Kopf an seine Seite, und Ghabriel setzte sich einen Moment lang zu ihr, während er die Tonflasche wieder verkorkte. Asgards Lefzen zuckten im Schlaf, und der kleine Rüde bewegte seine Beine, während er im Traum etwas zu jagen schien. Ghabriel fuhr mit seiner rauen Handfläche über die sich rasch heben und senkende Bauchdecke des Hundes, und er wurde ruhiger, während die Gliedmaßen seines neuen Besitzers das kurze Fell glatt strichen.
    Blanches Stirn dockte gegen Ghabriels Schulter.
    „Du, Ghab…“
    Oh-oh. Diesen Anfang kannte er inzwischen.
    „Weißt du, was mir total bei meiner Genesung helfen würde?“
    Der Söldner stellte die Medizin auf den Wohnzimmertisch. „Lass mich überlegen…“
    Sie zeigte ihm ihren ‚Das brauchst du gar nicht, weil ich es dir sagen werde‘-Ausdruck, der ihn darauf vorbereitete, dass sie ihn entweder gleich in die Küche oder raus in das Unwetter schicken würde, um ihr irgendeinen Blödsinn von einem vermutlich eh geschlossenen Laden zu holen. „Herzlich-Kekse!“ Ghabriel warf ihr einen viel sagenden Blick zu. „Herzlich-Kekse. Und weiter?“ Ihr Lächeln vertiefte sich, und sie kuschelte sich an seinen Arm wie eine verwöhnte Katze, der man soeben eine Schale Sahne in Aussicht gestellt hatte. Dass in der Nachbarschaft einige Dachziegel auf dem Pflaster der Hochstraße zerschellten, ließ sie nicht einmal den Kopf herumdrehen. „Eine Trinkschokolade, eine Packung von diesen gesalzenen Kartoffelscheiben und ein paar geröstete Erdnüsse.“
    „Aber sonst geht’s noch, ja?“
    Sie gab ihm einen Kuss auf die bartschattige Wange, ehe sie ihn losließ, damit Ghabriel sich erheben konnte. „Du bist der Beste.“
    „Ach, bumms dich…“
    Er holte sich seinen Mantel und seine Stiefel und zog beides über. Zufrieden sank Blanche zurück in ihre Sofaecke.
    „Oh, und ein Halstuch, Ghabriel. Es zieht.“

Kommentare 28

  • Levi Iorga -

    Darum war er so nass! :D

  • Arlassia -

    Wie gut, dass nur Arla nicht da ist und flitterflattert. Dia gibt ihm Kekse, die ist nämlich die nettere Liese. Ganz davon ab, ich feiere Blanche. Jedes Mal!

  • Andra Baine -

    Hab ich gelacht! Einfach herrlich geschrieben und eine Widmung an jeden Partner, der nicht Nein sagen kann, wenn das Liebchen bittet :D

    • Travon -

      Mit der kleinen Besonderheit, dass Blanche und Ghabriel kein Paar sind, sondern lediglich Söldner-Partner.
      Danke fürs Lesen und Kommentieren.

  • Diadrah -

    Ich mag die Geschichte. Persönlich tue ich mich ein wenig schwer mit dem "Fernsehen/Holoprojektor" und Sendungen, oder Aufnahmen die darin laufen. Aber das ist wohl einfach begründet in verschiedene Auffassung der Tech-Stufe/Tech-Level.

    Ansonsten wie immer leicht lesbar geschrieben ohne große erschlagende Worte und ein netter Einblick in das gemeinsame Leben der Beiden.

    PS: Natürlich freut es mich ungemein auch eine Sturmgeschichte zu lesen, aber das sage ich nun nur ganz kleinlaut.

    • Travon -

      Bescheidenheit ist eine Zier, doch es geht auch ohne ihr.
      Danke dir für deine Rückmeldung.

  • Alessa Di Saverio -

    Hahaha ich liebe sie ja. Wirklich. Heiß und innig. :D

  • Mia -

    ... XD Ich brauche auch so einen Ghabriel. Draußen fliegen die Fetzen und er sappt nach draußen wegen Keksen und Kakao! ❤ :D

    • Travon -

      Wäre sie nicht, wer sie ist, er hätte sie draußen an den Gartenzaun gebunden. :thumbup:

    • Ovy -

      „Geschlossen wegen Flitterwochen <3“ bekam er sicher zu lesen. Und dann an allen Türen geklingelt und um Keksspenden gebettelt.

    • Travon -

      >Gebettelt<. Er ist einfach dort eingestiegen, wo Fenster und Türen vom Sturm aufgerissen wurden.

    • Mia -

      Komm nur vorbei hübscher Rotschopf. - Ein Schluck Cognac zum Aufwärmen vielleicht?

    • Travon -

      Vorsichtig mit vorschnellen Einladungen.