Höflichkeit

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  • Rowenna Caldwell lächelte. Langsam aber sicher begann ihre Wangenmuskulatur zu schmerzen, doch sie beherrschte sich, auch wenn sie liebend gerne einmal herzhaft geseufzt hätte.
    Vaughn Reed war ein ausnehmend attraktiver Mann. Aber er langweilte sie. Als einer der jüngeren Geschäftspartner ihres Vaters war er nicht zum ersten Mal auf dem caldwell’schen Familienanwesen. Allerdings war es das erste Mal, dass Rowenna die Erlaubnis erhalten hatte, ihm mit ihrer Mutter zusammen Gesellschaft zu leisten, denn ihr alter Herr besprach sich noch mit einem anderen Gast, und Reed war früher zu seinem Termin erschienen, als man ihn erwartet hatte.
    Eigentlich eine Unhöflichkeit. „Typisch Ascalonier“, hatte Warrick Caldwell geflucht, „haben immer noch ihre eigenen Vorstellungen davon, was zu einem guten Umgangston gehört.“ Rowenna war froh über Reeds schlechtes Benehmen gewesen. In die Harathi-Gebiete verirrten sich nicht viele Menschen, und da Celia heute eine Freundin besuchte, hatte ihre Mutter aus der Not heraus Rowenna gebeten, sich ihrer kleinen Runde anzuschließen, um das Bild der aufmerksamen und interessierten Handelspartner zu pflegen. Und das, obwohl Rowenna noch gar nicht offiziell in die Gesellschaft eingeführt worden war, was Reed allerdings nicht wusste.
    Die Sonne schien, und der Himmel war über den Nachmittag hinweg aufgeklart. Eine angenehm warme Brise ließ Rowennas blonde Locken tanzen und Vaughns dunkle Strähnen sich über das helle Hemd in seinem Nacken biegen. Ganz der Gentleman führte er sie an seinem Arm bei einem kleinen Spaziergang durch den Garten, und sie hätte so zufrieden und gut gelaunt sein können.
    Aber dieser Mensch sprach ausschließlich Ascalonisch! Mit seiner tiefen Stimme redete er von wusste-Kormir-was!, machte Gesten mit der freien Hand und sah sie immer wieder an, als erwarte er ihre Zustimmung oder eine Nachfrage, doch Rowenna konnte nicht nachfragen, denn sie hatte keine Ahnung, um was es eigentlich ging. Als ihre Mutter und er sich die ganze Zeit über in seiner alten Landessprache miteinander unterhalten hatten, war Rowenna noch der Überzeugung gewesen, Heather Caldwell tat dem Besucher aus Anstand und zum Zeichen ihrer guten Bildung einen Gefallen. Wie es schien, war das eine Fehleinschätzung gewesen. Wahrscheinlich beherrschte Reed gar kein Krytanisch, und Rowenna hatte die ascalonischen Lektionen bei ihrem Hauslehrer zu oft… übersprungen.
    „Aber ja, natürlich, ich bin absolut Eurer Meinung.“
    Der Mann sah sie von der Seite her an, als sie ihm mitten im Satz völlig unerwartet ins Wort fiel. Mit ihren leuchtend blauen Augen und diesem angestrengten Ausdruck auf ihrem fein geschnittenen Gesicht, erwiderte sie seinen Blick, während sie so feminin und elegant, wie sie konnte, ihre Hände über dem Schoß aufeinanderlegte.
    „Ganz ehrlich: ich habe keinen Schimmer, wovon Ihr sprecht. Ihr erzählt und erzählt und es hält Euch nicht im Geringsten auf, dass Ihr keine Antwort von mir bekommt. Ich weiß nicht, wie man das in Eurem Haus handhabt, aber das ist keine Konversation, das ist ein Monolog. Bla, bla, bla, die ganze Zeit. Reicht es Euch wirklich aus, in der Gesellschaft einer Dame nur Euch selbst zuzuhören?“
    Vaughn musterte sie schweigend, und Rowenna atmete zufrieden aus. Das war das Direkteste gewesen, was sie jemals zu einem Gast ihrer Eltern gesagt hatte, doch es fühlte sich so verdammt gut an, ihren Gedanken einmal ganz frei Luft gemacht zu haben.
    „Vergebt mir.“
    Reed neigte in einer angedeuteten Bewegung das Haupt.
    „Ich habe nicht damit gerechnet, dass Euch die Neuigkeiten aus der Hauptstadt dermaßen langweilen würden.“
    Rowenna spürte, wie ihr Unterkiefer herabklappte und ihre Lippen zu einem ungläubigen Laut teilte, der irgendwo auf dem Weg nach oben in ihrer Kehle stecken geblieben sein musste.
    „Mister Reed?“ Ihre Mutter trat auf die Terrasse heraus und schenkte dem Mann ein zugewandtes Lächeln. „Graf Caldwell ist nun bereit, Sie zu empfangen.“ Vaughn nickte verbunden. „Ich bin sofort bei Euch.“ Er wandte sich Rowenna zu und der amüsierte Zug um seine Mundwinkel trieb ihr die Schamesröte ins Gesicht, doch so leicht gab sie sich der Peinlichkeit ihres mangelnden Taktgefühls nicht geschlagen. „Wie niederträchtig von Euch, mich so auflaufen zu lassen. Ihr wusstet ganz genau, dass ich nichts verstehe. Schließlich habe ich kein Wort gesagt.“
    Er schüttelte das Haupt. „Ich bin es gewohnt, Frauen sprachlos zu machen.“ Und das glaubte Rowenna ihm sofort, denn allein diese arrogante Äußerung konnte jemanden bereits verstummen lassen. „Allerdings nicht so sprachlos, dass sie eine ganze Unterhaltung lang überhaupt nichts mehr hervorbringen. Eure Kritik war wohl nicht ganz unberechtigt.“
    Der Blick ihrer Mutter lag auf Rowenna und die junge Frau spürte, wie er sich in ihren Hinterkopf bohrte. Sie straffte ihre Schultern und sah dem Mann ins Gesicht.
    „Für Eure Unverschämtheit habe ich etwas gut bei Euch.“
    Reed hob die Brauen, doch er lud sie mit einer Handbewegung dazu ein, ihre Bedingungen zu nennen.
    „Ihr bleibt bis zum Abendessen und danach spielt Ihr ein paar Partien Karten gegen mich.“ Ihre Mimik bekam etwas Verschmitztes, und Rowennas Fröhlichkeit kehrte zurück, der Schalk in den hellen, blauen Augen funkelnd. „Ihr dürft auch auf Ascalonisch fluchen, während Ihr verliert.“
    Vaughn stutzte kurz und lachte dann leise in sich hinein.
    „Ich kann es kaum erwarten.“

Kommentare 13

  • Ovy -

    Ich weiss, dass es darauf aus praktischen/spieltechnischen Gründen keine eindeutige Antwort gibt, aber wie würdest du Ascalonisch und Krytanisch interpretieren bzw mit welchen unsere Sprachen gleichsetzen?

  • Mia -

    Die erste Geschichte seit langem bei der ich wusste worauf es hinausläuft und trotzdem schmunzeln musste. Es ist leicht sich in die beschriebenen Charaktere einzufinden. Das mag ich. :)

    • Travon -

      Ja, man weiß direkt, worauf es hinausläuft. Und dass ich nichts dagegen getan habe, war doch wieder überraschend, oder?
      Danke für dein Feedback.

  • Margos -

    Die Geschichte gefällt mir echt gut. Vaughn ist mir direkt sympatisch. Da hoffe ich mal auf ein IC Treffen. :) Wenn es den Charakter natürlich gibt als SC :P

  • Levi Iorga -

    Pew pew pew...Flirtet der da mit meiner kleinen Schwester?! :D

  • Alessa Di Saverio -

    :D Wie gut! Ich lieb Rowenna ja <3