Dämmerungsfeuer

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  • Die Uhr tickte.
    Ghabriel betrachtete durch die Dunkelheit die schemenhaften Umrisse der Zimmerdecke über seinem Kopf, während das gleichmäßige Tock-Tock-Tock-Tock den Raum füllte. In der Stille der schlafenden Stadt und des ruhenden Hauses erschien das Klicken der ineinander greifenden Zahnräder unnatürlich laut.
    Blanche hasste es, wenn ihre Sinne durch fremde Einflüsse dermaßen auf einen einzelnen Aspekt ihrer Umgebung fokussiert wurden. Die mentalen Schwächen eines Mesmers, nahm Ghabriel an. Menschen zu beeinflussen und dem eigenen Willen nach zu manipulieren, war das Eine; beeinflusst zu werden etwas vollkommen anderes.
    Ghabriel drehte den Kopf herum und ließ den Blick über die Silhouetten der Bücherregale schweifen, von denen er wusste, dass sie mit medizinischer Fachliteratur gefüllt waren, auch wenn er die Einbände über die Distanz hinweg und bei den vorherrschenden Lichtverhältnissen nicht erkennen konnte. Ein Schreibtisch. Ein Stuhl, auf dem Ghabriels zusammengefaltete Sachen lagen, deren Gestank nach kaltem Tabakrauch, Schweiß und alkoholischen Getränken er selbst auf die Entfernung noch wahrzunehmen vermochte.
    Ein schmaler, weiß anmutender Streifen inmitten des Teppichs vor dem niedrigen Sofa, auf dem er lag, zog Ghabriels Aufmerksamkeit an und er schlug die Wolldecke zurück, um sich zu erheben. Auf nackten Füßen durchquerte er den Raum und ging auf ein Knie herab. Seine rauen Fingerkuppen tasteten nach der Verfärbung, und er hielt in der Bewegung inne, als er realisierte, dass sie über seinen Handrücken zu verlaufen begann, sobald er die Rechte entsprechend tief herabsenkte.
    Ghabriel hob seinen Kopf und stemmte sich wieder auf die Beine. Der gewebte Stoff schluckte seine Schritte, als er zum Fenster trat und es entriegelte, um die Außenläden zu öffnen.
    Kühle, von der schweren Feuchtigkeit des Herbstes erfüllte Morgenluft strömte in das Zimmer, das Alexander Beaufort ihm vor ein paar Stunden überlassen hatte. Der erdige Geruch von Moosen und faulendem Laub. Über den Dächern von Götterfels hatte der Himmel begonnen, sich in ersten Rot- und Goldtönen zu färben, und hinter den noch schwarzen Konturen der Stadtmauern, ihrer Türme und den Häusern, die sich in ihre ausgebreiteten Arme schmiegten, ging die Sonne Krytas auf.
    Ghabriel stand dort und betrachtete das Schauspiel, als sehe er es zum ersten Mal. Langsam ließ seine Hand vom Griff ab und sank auf das Fensterbrett, während seine Augen zu schmerzen begannen, weil sie ohne sein Blinzeln in träger Gemächlichkeit austrockneten.
    Er hatte nicht geschlafen.
    Nicht eine einzige Minute.
    Es war eine Randinformation, die sein inzwischen wieder ausgenüchterter Kopf ihm neben vielen anderen mitteilte. Ghabriels gedanklicher Fokus blieb auf eine Tatsache konzentriert: er war nicht bei ihr gewesen in dieser Nacht. Zum ersten Mal, seit sie in diesem Gasthof damals von ihrem Platz aufgestanden war, um sich anzusehen, wie Ghabriel bei seinem kleinen Rachefeldzug gegen toxische Krait und Albtraumsylvari versagte, hatte ein neuer Tag begonnen, ohne, dass er zu Blanche zurückgekehrt war, wie er es ihr vor so vielen Jahren zu tun versprochen hatte.
    Er wandte sich ab und fuhr sich durch das rote Haar, das vom langen Liegen auf der Couch zerwühlt war.
    Diese dämliche Sumpfkuh. Noch immer spürte Ghabriel Zorn in sich aufwallen, wenn er an all die Worte dachte, die Blanche ihm entgegen geschleudert hatte. Wegen eines dummen Taschenorakels, das Ruby ihm nur deshalb überhaupt gelegt hatte, weil Ghabriel es hartnäckig ablehnte, an die weissagerischen Fähigkeiten irgendeines bunten Spielkartendecks zu glauben. Liebesprophezeiungen, die Chancen auf eine rosarote Zukunft; so ein Quatsch. Die Hübschlerin hatte zur Scharade im Elysium ihre Kunden damit unterhalten wollen, ihnen erotische Fantasien in Aussicht zu stellen, zu deren Erfüllung selbstredend die Angestellten des Clubs zur Verfügung standen, nichts weiter. Ein sinnliches Horoskop für den Abend. Ghabriel hielt nichts von Vorhersagen im Allgemeinen, und von Wahrsagekunst, die Leute dazu zu bringen versuchte, irgendeinen Beziehungskuddelmuddel anzufangen, noch weniger. Er hatte sich und Ruby beweisen wollen, dass die Karten niemals eine treffende Aussage zu tätigen in der Lage sein würden, wenn er an die eine Frau dachte, die für ihn absolut tabu war.
    Aber sie hatten getroffen. Götter, es war so allgemein gewesen und doch so passend, dass Ghabriel einen Whiskey gebraucht hatte, um Rubys Worte zu verdauen. Einen Liter Whiskey.
    Verdammte Weiber! Wenn sie einem nicht gleich persönlich Ärger machten, dann mit den Dingen, die sie einem in den Kopf pflanzten!
    Wie viele bedauernswerte Idioten hatten sich schon wegen eines Paars leuchtender Augen und weicher, schwarzer Haare ins Verderben gestürzt? Wenn Ghabriel wenigstens hätte behaupten können, dass er nicht dazu gehörte. Leider war der Nebel seiner Gedanken über die vergangene Nacht hinweg weit genug aufgeklart, um ihm bewusst zu machen, dass er genauso dämlich war wie alle anderen. Genervt stieß er sich vom Fenstersims ab und durchmaß erneut mit weit ausgreifenden Schritten den Raum.
    Alexanders Wechselkleidung war zu klein für ihn, doch Ghabriel scherte sich nicht darum, als er sie überstreifte und die Treppe ins Erdgeschoss der Praxis nahm, über der sich der Wohnbereich des jungen Arztes befand.
    Ghabriel hatte ein paar Dinge zu regeln, und er würde es jetzt tun.
    Bevor er am Ende noch so klar wurde, dass er sich nicht mehr dazu durchringen konnte.

Kommentare 21

  • Ovy -

    Er strahlt so eine urmännliche Unbeholfenheit aus. : D

    Hast du auch Geschichten mit den Titeln Sperrfeuer oder Deckungsfeuer in Aussicht?

  • Luc / Zavo -

    "Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: „Was will eine Frau eigentlich?“ Sigmund Freud

    Falls Ghab die Antwort darauf je findet - bitte gib sie an Luc weiter! ;)

    Dein Text erinnert mich aber tatsächlich ein wenig an Luc.. als... *nach unten schiel* gewisse Damen, gewisse Dinge taten die gewisse Konsequenzen hatten. Männer haben es echt schwer!

    • Travon -

      /sign :thumbup:
      Und ich glaube, die Antwort lautet: "Nicht das, was du (Übersetzung: der Mann) gerade denkst." Damit ist man schon mal auf einer realistischen Ebene angelangt.
      Danke fürs Lesen und Kommentieren.

    • Arlassia -

      Ich weiß nicht wovon er redet! Doch...ich weiß es... Und ja, Frauen sind anders. Irgendwie.

    • Luc / Zavo -

      Frauen wissen immer worum es geht, wenn ein Mann sie ratlos ansieht. Problem: Nur die Frau weiß worum es geht^^

    • Travon -

      /sign again :D

  • Arlassia -

    Sehr gut geschrieben. Ich lese deine Storys sehr gern. Ich weiß nicht ob ich ihn bedauern soll oder nicht.

  • Aegi -

    Ich liebe deinen detailverliebten Schreibstil. Ich hab das Gefühl neben Ghab zu stehen. Ein ganz wundervoller kurzer Einblick. Dank schön.

    • Travon -

      Danke dir fürs Lesen und Kommentieren. :) Freut mich, dass du es mochtest und dass mein Stil dir zusagt.

  • Alessa Di Saverio -

    Irgendwie macht mir der Schlusssatz leichte Sorge...
    Aber wieder sehr schön geschrieben. Ich mag diese Einblicke, die doch nie wie Spoiler daher kommen, sondern Lust auf mehr machen. Wieder ein Herzchen dafür <3

    • Travon -

      *einsack* Ich danke dir. Es ist manchmal gar nicht so einfach, den Punkt zu treffen, ohne in die Falle zu tappen, einen möglichen Leser damit zu langweilen, dass man elend weit ausholt. Schön, dass es dir gefallen hat.

  • Vivea -

    Oh Ghab. Er ist einfach so symphatisch. Man kann ihn nur mögen, wenn man die Geschichten ließt und dieser Ärger ist einfach nur herrlich. Weil man zugleich spürt, dass es ihn einfach bewegt und er sich nicht nur über etwas ärgert, weil ihn die Person stört, sondern, dass es ihn einfach tiefer trifft, auf einer ganz anderen Ebene.

    • Travon -

      Vielen Dank. Ich freue mich, dass dir der Charakter gefällt und du emotional bei ihm bist, obwohl wir aus verschiedenen Gründen nie viel Gelegenheit hatten, um miteinander RP zu spielen.

    • Vivea -

      Es ist leicht, mit ihm mitzufühlen, das geht gar nicht anders :DDDDD

    • Travon -

      Das betrachte ich als Kompliment. :)

    • Vivea -

      So ist es auch gemeint XD man kann Ghab quasi nicht nicht mögen. Weil er... irgendwie immer sympathisch rüber kommt. Manchmal ein wenig so, als würde er selbst erst im Nachhinein begreifen, wie es zu allem kam, aber er ist einfach... menschlich.

    • Travon -

      Taha. Das ist öfter der Fall, als du denkst. @im Nachhinein begreifen
      Dankeschön für deine Worte.