Vor einer geschlossenen Türe

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  • Vor einer geschlossenen Türe


    Du klopfst jetzt an diese Türe.

    Mittlerweile hatten sich die Selbstgespräche zu einem angenehmen, immer wieder kehrenden Intermezzo entwickelt. Doch zwischen dieser Diskussion in ihrem Kopf und all den Anderen bestand ein entscheidender Unterschied. Dieses Mal verfluchte sie sich selbst für jedes gute Argument, dass sie dazu bringen wollte an die Türe vor ihrer Nase zu klopfen.

    Erstens: Du hast nichts zu verlieren. Es kann nur besser werden. Schlechter geht ja wohl kaum, nach dem, wie du dich in den letzten Wochen verhalten hast. Zweitens: Er hat gesagt er liebt dich. Männer mögen viel erzählen, aber ihm kannst du glauben. Wenn du ihm nicht glauben würdest, würdest du heute nicht hier stehen. Dann wärst du nicht so weit gekommen. Ja, es gibt Rückschläge, aber so ist das Leben. So funktioniert es nun einmal. Und du kannst dir nicht immer die Schuld für alles geben. Irgendwann musst du es auch mal gut sein lassen und dich auf die entscheidenden Punkte fokussieren, an denen du es wirklich verbockt hast.

    Dieser Monolog entwickelte sich in eine Richtung, die ihr nicht gefiel und beinahe hätte sie ihre Fingerknöchel gegen das Holz geschlagen, nur um den weiteren Gedanken zu entkommen.

    Drittens: Du liebst ihn.

    Eine Tatsache, die sie kaum bestreiten konnte. Im Grunde genommen hätte sie es sich auch auf die Stirn schreiben können. Sie liebte ihn. Sie liebte ihn, obwohl sie ganz genau wusste, dass sie sich in eine Spirale befanden, die immer weiter nach unten führte und die keinen von ihnen so schnell wieder entlassen wollte. Sie waren vielleicht nicht aneinander gebunden im wortwörtlichen Sinn, aber keiner von ihnen würde einfach weiter machen können.

    Denk mal darüber nach, wie es dir an seiner Stelle gehen würde. Du hättest dich verkrochen in deinem Elfenbeinturm und würdest irgendwann auch nichts mehr sagen. Du wüsstest ja gar nicht was. Du weißt ja schon jetzt nicht, was du sagen sollst. Du stehst seit einer halben Stunde in der Kälte und starrst eine Türe an. Weil auf der anderen Seite jemand ist, bei dem du jetzt gerne wärst. Aber du bist nicht bei ihm, weil du dir Sorgen machst, dass er dich nicht bei sich haben will. Warum fragst du ihn nicht einfach? Klopf endlich an die verdammte Tür!

    Ein weiteres Mal hob sie die Hand, nur um einige Zentimeter von der Türe entfernt zu verharren. Wie es ihm ging? Hatte sie jemals darüber nachgedacht, wie es ihm ging? Nicht daran, was er dachte, über ihre Taten und ihre Worte, nicht darüber, was er sagen wollte, wenn er schwieg. Sie hatte darüber nachgedacht, was all die Anderen von ihm hielten und war zu dem Schluss gekommen, dass alle Anderen einfach nicht hinsahen. Das alle Anderen gar nicht hinsehen wollten.
    Nein. Falsch. Eine Person gab es, die darüber nachgedacht zu haben schien. Eine Person, deren Name in ihr die Erinnerung an eine andere Zeit weckte und zugleich Erinnerungen daran, wie diese kurze und zugleich fast glückliche Zeit in ihrem Leben zu Ende gegangen war.

    Und wenn sie sich einfach umdrehte und sich erst einmal Rat holte? Erst einmal fragte und zuhörte und vielleicht irgendwann verstand, wo das Problem lag, anstatt unbedacht voran zu stürmen und mit der Faust gegen die Türe zu hämmern?

    Ja, genau. Weil das nicht wieder nur eine glücklicherweise logisch klingende Ausrede ist. Du stehst JETZT vor seiner Türe. Dann klopf jetzt an. Nicht morgen, nicht übermorgen, nicht wenn du endlich dein Rückgrat wiederfindest, jetzt. Und wenn du jetzt nicht klopfst, dann wundere dich nicht, wenn du es nie tust.

    Nein. Ihre Gedanken sprangen zurück zu dem vorherigen Punkt. Sie hatte sich Gedanken über seine Gefühle gemacht. Darüber, ob er sie liebte oder hasste, darüber, ob ihn all das schmerzte. Aber ins Detail gegangen war sie nie. Was hatte er gedacht, als sie einfach weggelaufen war? Was hatte er gedacht, als sie ihm gesagt hatte, wie groß ihre Angst vor engen Räumen war und wie gefangen sie sich fühlte, wann immer sie nicht gehen konnte, wohin sie wollte? Ob er es verstanden hatte? Ob er sie verstand? Er mochte sich bedankt haben und sie hatte sich gesagt, das müsse bedeuten, ihn interessiert es nicht. Wenn es ihn interessiert hätte, dann wäre er doch sicher darauf eingegangen.
    Vielleicht, nur vielleicht hatte er auch nicht gewusst, was er sagen sollte. Vielleicht hätte er Zeit gebraucht, um etwas zu sagen, die Gedanken zu sammeln, oder gedacht, dass es im Grunde genommen reichen würde, einfach da zu sein.
    Und wenn er nicht gewusst hatte, was er sagen sollte, wie konnte sie ihm daraus einen Vorwurf machen, wo sie jetzt doch in derselben Situation war und lieber vor der geschlossenen Türe stand, als hinein zu gehen und ihm einfach zu sagen, dass sie ihn nicht verstand. Oder sich selbst. Oder die Welt. Wieso nur war der Drang zu fliehen so stark?
    Wieder einmal.

    Ja. Du würdest gerne fliehen. Du würdest gerne um dein Leben laufen, so wie du es immer tust. Aber du weißt selbst, dass es keine wilden Bestien sind vor denen du fliehst, sondern Menschen, die sich um dich sorgen. Du fliehst vor denen, die dir nichts schlechtes wollen und DAS ist das Problem. Nicht, dass du Angst hast. Nicht, dass du schwach und verletzlich sein könntest in seinen Augen. Das Problem ist, dass du ein Hindernis siehst, wo keines ist und denkst, dass es besser ist, dem Hindernis ganz aus dem Weg zu gehen, als es auch nur anzuschauen. Du bist nicht feige, weil du Angst hast, du bist feige, weil du vor dem Problem wegläufst, bevor du es kennst. Und vielleicht bringt das in vielen Situationen etwas, Intuition ist nichts, dass man ignorieren sollte, aber das alles hat nichts mehr mit Intuition zu tun, das ist schlicht und ergreifend dumm.

    Ihre Handfläche landet mit einem leisen, dumpfen Geräusch auf dem Holz der Türe, wie sie die letzte Erkenntnis im Kopf noch einmal wiederholte.
    Das Problem war nicht, dass sie Angst hatte, das Problem war, dass sie es verleugnete und verschwieg, dass es ein Problem gab. Wenn sie gleich mit der Sprache herausgerückt wäre, dann wäre es nie zu diesem Streit gekommen.

    Aber jetzt war es zu spät. Ja, sie konnte es bereuen, aber nicht rückgängig machen.

    Schön, damit wäre ja schon mal ein Punkt abgehakt. Und vielleicht wären fünf Minuten an Denkleistung investiert in seine Gründe, nicht mehr mit dir zu reden, gar keine verschwendete Zeit sondern tatsächlich nützlich. Du bist zumindest nicht ganz dämlich, wie würde es dir gehen, wenn er dir erzählen würde, dass er mit Mya unterwegs ist und sie ach so gute Freunde sind? Du kennst Mya. Ihr beide könnt euch nicht ausstehen. Andererseits... Mya ist in Elona. Ein schlechtes Beispiel. Und dennoch. Was, wenn er sich mit Mya würde anfreunden wollen. Und dir das auch noch brühwarm erzählen würde, weil er denkt das wäre das Beste, damit du weißt woran du bist? ? Und nebenher würde er noch zu seinem alten - in diesem Gedankenspiel weiblichen - Mentor für Magie ziehen? Alles, ohne dir zu sagen, dass er dich liebt und niemanden Anderen jemals lieben würde, ohne dir zu sagen, dass er begonnen hat die Kontrolle über seine Magie zu verlieren und Angst hat, dich damit zu verletzen? Was, wenn DU nicht wüsstest, dass er eigentlich nur will, dass du ihn bittest, bei dir zu sein? Was, wenn er gehen würde und du würdest allein zurück bleiben in diesem riesigen Haus, gebunden an Versprechen, die zu halten dir so schwer fallen dürften, wie es mit deinem eigenen Versprechen der Fall ist? Er hat nichts. Dich fangen deine Freunde, ihn fängt niemand. Und du bist weggegangen. Du hast gesagt, du würdest für ihn da sein und du hast ihn allein gelassen, weil du dachtest, dass ist es was er will, was gut für euch beide ist. Was gut für dich ist. Ja, du hattest Gründe, die ihre Berechtigung haben. Du hattest Angst um euch beide, du hattest Angst, ihm zur Last zu fallen. Aber vielleicht tust du das gar nicht. Du hast es nicht mit Absicht verbockt, aber du hast es verbockt. Du hast nachgedacht und kamst zum falschen Schluss und das kannst du ihm sagen. Du kannst ihm sagen, dass du einen Fehler gemacht hast, oder auch nur, dass du ihn nie verletzen wolltest. Du wirst ihm sagen müssen, dass du auf dem Ball warst und du kannst ihm nicht verschweigen, dass du Angst hast, die Kontrolle zu verlieren. Du musst es ihm sogar sagen. Aber du musst es ihm so sagen, dass er es versteht.

    Die Hand sank herab.

    "Verdammt."

    Sie wäre eifersüchtig. Sie würde kochen vor Eifersucht, und da konnte man ihr noch so gute Gründe nennen, allein der Gedanken machte sie schon eifersüchtig. Der Gedanke, dass Mya sich einmischen könnte, in ihre Beziehung! Dieses hundsgemeine Miststück, dass es verdient hatte, in jedem Kleidungsstück eine Unze Sand zu finden. Und wenn es nur der linke Schuh war...

    Aber hätte sie ihm dann nicht einfach an den Kopf geworfen, was sie stört?

    Genau. Du und irgendjemandem sagen, was du wirklich denkst. Du machst nicht mal den Mund auf, wenn jemand versucht dich zu erpressen, wie seine verdammte Cousine. Als würdest du ihm breit und lang erklären wollen, dass du eifersüchtig bist! Du hättest genauso gesagt, dass alles in Ordnung ist und dich schwarz geärgert. Und du hättest auch den tief verwurzelten Wunsch gehegt, Myas Tee zu Eis gefrieren zu lassen. Du hättest sie nicht verprügeln wollen, aber du wärst sauer gewesen.

    Und wie sauer sie gewesen wäre. Auf sich, auf ihn, auf die Existenz anderer weiblicher Wesen im Allgemeinen und Speziellen. Ja, vermutlich würde sie eher einen Kopfstand machen, als das ehrlich zuzugeben, aber begriffen hatte sie es. Und wenn er eifersüchtig war, dann hieß das, dass sie ihm nicht egal war. Es änderte nichts daran, dass da einiges zwischen ihnen stand, aber es hieß zumindest, dass er immer noch etwas für sie empfand.

    DANN KLOPF ENDLICH AN DIESER VERDAMMTE TÜRE!
    "Ich passe auf sie auf. Ich muss ja nicht bügeln."
    "Das nächste Mal fliehen wir nach dem Essen!"
    "Zu schade. Ich mochte diesen Stein."
    ~ Marena Tares


Kommentare 5

  • Motte -

    Wie sie ewig überlegt! Man denkt als Leser irgendwann selbst "Nun klopf' doch endlich!" xD

    • Vivea -

      Haha freut mich, dass genau dieser Gedanke entstanden ist.
      Ich dachte ich teile das Problem mit ihr Mal mit allen.
      Und verneige mich offiziell vor allem ihren Freunden, die sie trotz dem dauernden hin und her nicht fallen lassen.

    • Motte -

      Mission geglückt!
      Ja, gute Freunde sind Gold wert!

    • Ovy -

      Jetzt KLOPF!! - ging mir auch die ganze Zeit durch den Kopf!

    • Vivea -

      Danke XD

      Dann ist die Mission offensichtlich wirklich geglückt^^
      Im Endeffekt egal was man tut, nichts tun ist fast immer die schlechtere Alternative^^