Flackern

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  • „Victor!“
    Die Bürotür fiel hinter dem Luden ins Schloss, und Ghabriel prallte hart gegen das Holz, einen Sekundenbruchteil zu spät, um zu verhindern, dass Riegel und Zarge ineinander griffen. „Verdammt!“ Er schlug seine Faust gegen den Widerstand, sich vollkommen im Klaren darüber, dass der Fleischer auf der anderen Seite es nicht einmal mehr hören würde, da die Magie des Gebäudes von diesem Zeitpunkt an auf den Raum wirkte, sämtliche Geräusche daraus schluckend, als läge er einfach still und nach des Besitzers getaner Arbeit unbemannt im zweiten Stock. Ghabriel wusste, dass es Unsinn war, trotzdem griff er nach der Klinke und rüttelte ein paar Mal kraftvoll daran. Mit einem lästerlichen, ascalonischen Fluch und einem wütenden Ausdruck auf dem Gesicht starrte er den Schlüssel an, den Victor hatte stecken lassen und dessen Nutzlosigkeit in diesem Moment Ghabriel verhöhnte. Er hob seinen Kopf.
    „Tevin!“
    Der Bastard beobachtete ihn mit seinen Fähigkeiten. Ghabriel hegte keinen Zweifel daran.
    „Mach die Tür auf, du krytanisches Frettchen, oder ich zieh dir das Fell ab!“
    Nichts passierte, und die Tür verblieb fest in Angeln und Rahmen, egal, wie nachdrücklich Ghabriel daran zerrte. Er fluchte erneut, und dieses Mal verwendete er mehr Energie darauf; dem Hausmesmer ein paar Beschimpfungen an den Kopf werfend, die selbst für die Umgebung, in der sie sich befanden, unterste Gesellschaftsstufe waren.
    Ghabriel wandte sich dem Zimmer zu. Er fühlte das kühle Metall des Türgriffs in seinem Rücken, das sich fest in sein Kreuz presste, und das tote Holz zwischen seinen Schulterblättern, während er sich mit der Zunge die Lippen befeuchtete und einmal tonlos durchatmete, bevor er sich von seinem Platz löste.
    Er würde nichts finden. Nichts, das ihn aus dieser Situation entließ, das war ihm auf eine erschreckend endgültige Art und Weise klar, und doch führten seine Schritte Ghabriel zu dem großen Schreibtisch hinüber, den er zu durchwühlen begann. Quittungen, Zeugnisse, Rechnungen, Schnaps. Ghabriel suchte weiter. Er schob Kupfermünzen und Würfel beiseite, das Büchlein, in dem Victors Angestellte verzeichnet waren und was sie während ihrer Schichten eingenommen hatten, ohne, dass er einen wirklichen Blick auf eines dieser Papiere geworfen hätte. Der Mann fuhr sich durch sein rotes Haar und ließ die einzelnen Fächer offen stehen, sich den Bücherregalen zuwendend. Er zog Einbände heraus und schob sie zurück, schüttelte Buchseiten, verrückte Regale, doch es gab keinen geheimen >Schalter<, keinen Mechanismus, den Victor nicht direkt auf dem eigenen Körper getragen hätte, der einen letzten Ausweg bot, sollte das Unmögliche eintreten und selbst Tevin ihn verraten. Keinen Weg aus diesem Zimmer.
    Ghabriel stand neben Victors Thron und ließ seinen Blick über mehrere Minuten hinweg ziellos durch den Raum schweifen.
    Er kehrte zur Tür zurück und rüttelte erneut daran. Sie bewegte sich nicht einen Zentimeter unter seinen Bemühungen, sich zu befreien. Ghabriels Stirn dockte gegen die Bretter, und er spürte, wie sein Herzschlag sich langsam zu beschleunigen begann. Er zwang sich zur Ruhe und pochte erneut ein paar Mal mit der Faust gegen das Holz, um einen Teil des ansteigenden, inneren Drucks abzubauen.
    „Tevin!“
    Niemand antwortete.
    Ghabriels Kieferknochen pressten sich aufeinander. Wieder stapfte er zu Victors wuchtigem Arbeitsplatz hinüber. Fahriger als zuvor fuhrwerkten seine Hände zwischen den Unterlagen, schüttelten Gummibänder ab, die sich in seinen sehnigen Gliedmaßen verfingen und ließen Flaschen aneinander klirren, dass das Glas Sprünge bekam. Als Flüssigkeit in eine der Schubladen zu rinnen begann, griff Ghabriel reflexartig zu und zog den Wodka aus dem Fach, den Alkohol an seiner Hose abwischend, bevor er großen Schaden an Victors Dokumenten anrichten konnte. Der Wachmann stierte die Flasche an. Dann schluckte er trocken.
    Pergament raschelte protestierend, als Ghabriel die Bücher aus den Regalen zu reißen anfing. Dieses Mal ließ er achtlos auf den Boden fallen, was ihm nicht lieferte, wonach es ihn verlangte, und als der letzte Einband aufgeschlagen vor ihm auf den Dielen aufkam, erkannte er, dass er die vergangenen fünf, sechs Werke bereits halb zerfetzt hatte. Einzelne Seiten verstreuten sich um seine Stiefel, und Papierschnipsel bedeckten seine Beinkleider, dort, wo der Wodka den Stoff klebrig gemacht hatte.
    Ghabriels Fingerkuppen wurden feucht. Das Metall der Führungsschienen kreischte, als der Wächter die Schreibtischschubladen daraus aushebelte und die Behälter unter ihm über die Erde polterten. Glas brach, Whiskey gluckerte aus einem gesprungenen Flaschenhals und versickerte zwischen den Bohlen, dem Holz eine dunklere Färbung verleihend. Herumfliegende Zahnstocher verschwanden in den Rillen. Ebonzigarren sprangen über den Boden.
    Ghabriel packte einen der Besucherstühle und schleuderte ihn durch den Raum. Er prallte auf der anderen Seite des Büros gegen die Wand und Ghabriel griff nach dem zweiten Stuhl, um ihn aus vollem Lauf gegen die Tür zu donnern. Den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, so etwas wie ein violettes Leuchten über die Pforte flackern zu sehen. Holz krachte, Leim versagte, und was in Ghabriels Händen zurückblieb, waren nur die Splitter einer Lehne, während der Rest des Möbelstücks zu Bruch ging.
    „Tevin!“, brüllte er voller Zorn, die schweren Stiefel gegen die Tür tretend, bis er das Knirschen seiner eigenen Knochen spüren konnte. „Lass mich raus, verdammt! Ich reiße dir deine verfluchten Eier ab! Tevin!!“
    Doch der Mesmer gab keinen Ton von sich, und die Tür nicht nach, während Ghabriel sich so oft mit seiner Schulter dagegen warf, bis das Gelenk taub wurde und ein heißes Prickeln seinen Arm in ein gefühltes Bad aus abertausenden von Nadeln tauchte, die überall durch seine Haut stachen. Mit dem Rücken stemmte er sich dagegen, versuchte zu schieben, zu ziehen, zu heben, hämmerte mit Stuhlbeinen und Tischfächern darauf ein, aber genauso gut hätte er Kleeblätter gegen die Zittergipfel katapultieren können. Seine Aussichten darauf, damit durch den Fels zu dringen wären ebenso erfolgreich gewesen, wie mit purer Muskelkraft diese magisch gesicherte Tür überwinden zu wollen.
    Ghabriel kämpfte. Kämpfte mit seinem Puls und seinen Emotionen, die immer stärker nach oben drangen und ihn die Regale umreißen ließen, Victors Thron, die eh schon malträtierten Bücher gegen die Wände knallen. Mit einem weiteren Brüllen, das einem angeschossenen Tier näher kam als einem Menschen, und unter Aufbringung all seiner Stärke nahm er den Tisch auseinander, schlug Holz in Spähne, Glas in Scherben, Kleinzeug in Stücke. Er knurrte, lärmte, dröhnte, fluchte, bis er langanhaltend und durchdringend zu schreien begann. Wut und Hilflosigkeit in der so tiefen Stimme, bis ihm die Bänder ihren Dienst aufkündigten und nur noch heiseres Krächzen aus seiner Kehle drang. Inzwischen war er schweißgebadet, und das aufgelöste Salz rann ihm kalt über Schläfen und Rücken herab, an welchen die nassen Haarsträhnen klebten, seine durchgeweichte Kleidung. Die Glieder des Wächters zitterten unter der Anspannung, die sie gepackt hielt.
    „VICTOR!“
    Der Name des Iorgas wurde von den Mauern zu Ghabriel zurückgeworfen und hallte ihm laut und erniedrigend verzweifelt in den eigenen Ohren wider.
    „VICTOR!“
    Eine beinahe schon kraftlos in den Raum geworfene Flasche Kartoffelschnaps löschte die letzte Lampe, die Ghabriels zerstörerisches Wüten überlebt hatte und tauchte das fensterlose Zimmer in eine undurchdringliche, alles umfassende Schwärze.
    Ghabriel hörte seinen Atem, während er das Gesicht langsam gegen die kalte Oberfläche des Dielenbodens unter sich presste.
    „Scheiße… Victor…“

Kommentare 46

  • Mina -

    Ich möchte ein ganz großes Kompliment aussprechen. Mein Herz fing an zu hämmern und ich hatte einen dicken Kloß im Hals als ich das gelesen habe, richtig mit Ghabriel mitgefiebert und hätte selbst am liebsten das Büro verwüstet. Das war sehr packend und unglaublich spannend geschrieben, mir zittern richtig die Nerven in der Brust! Tolle Geschichte Travon, von vorne bis hinten einfach ... mir fehlen die Worte, dir fehlten sie nicht. Du hast es elegant geschafft das ich mich so in Ghabriel hineinversetzen konnte das mir das Verlangen kam in den Bildschirm hinein zu krabbeln und ihn zu umarmen.

    • Travon -

      Dankeschön. Auch wenn der Text kein Mitleid erzeugen sollte, sondern einfach die Stimmung einfangen. Ich freue mich, dass er dir so viel gegeben hat. Danke fürs Lesen und Kommentieren.

  • Ovy -

    Klaustrotensiv ist das Wort das mir dazu einfällt!

    So viele Fragen. Hat Victor ihn eingesperrt damit Ghabe die Akten vernichtet?

    Reagiert Ghabe so, weil jetzt Feierabend ist und er die ganze Nacht eingesperrt durchschlagen muss? (Better call Saul...)

    Geht Victor gar 3 Wochen auf Südlicht-Urlaub?

    Oder hat Victor einfach nur vergessen, dass Ghabe drinnen ist, kommt nach einer Minute wieder und findet sein Arbeitszimmer verwüstet vor?

  • Vaas -

    Sehr stimmungsvolle und packende Story. Lange keine mehr gelesen, wo ich mich so intensiv frage, wie es denn verdammt nochmal weitergeht.

  • Aegi -

    Ohja dieses Büro und ja dieser Victor und dieser Tevin. Diese Stimmung perfekt beschrieben. Ich hab fast Mitleid mit Ghab.

    • Travon -

      Aber nur fast, taha. Danke dir, du kennst die Räumlichkeiten ja sehr gut, schön, dass du die Begebenheiten im Kapitel wiederfindest.

    • Aegi -

      Ja ich habe tatsächlich auch eine Geschichte geschrieben die von diesem Büro und von diesem Victor handelt.

    • Travon -

      Nur mit etwas anderem Inhalt ;)

    • Aegi -

      Ganz genau ☺

  • Luc / Zavo -

    Diese rothaarigen Kerle, welche sonst eine Ruhe ausstrahlen, bis man sie da bekommt wo es ihnen drückt. Kontrollverlust - für einen Wächter, Beschützer, jemanden der sonst sehr kontrolliert und sicher ist.
    Ich hatte auch mal so einen Rotschopf, einen Ochsen vob welchem du mir grad viele Erinnerungen und Erlebnisse zurück ins Gedächtnis gezaubert hast.

    Vielen Dank dafür.
    Ich wünsch dir weiterhin so intensives RP. Das vergisst man nämlich niemals wieder.

    • Travon -

      Danke dir. Und du hast absolut Recht: das ist das RP, für das man hier ist und das einen den ganzen Tag begleitet, wann immer man einen Moment den Kopf frei hat. Im positiven wie im >negativen< Sinne.

  • Mia -

    *zieht den rechten Handschuh an und schnappt sich den Revolver* Minna würde es vermutlich nicht so schnell ausm Dschungel bis zu Ghab schafft... Aber isch würde dennoch darum bitten, dass man irgendeinem meiner Charaktere noch die Chance einräumt ihn kennen zu lernen! :o

    • Travon -

      Wenn einer von uns beiden es schafft, den >kein RP<-Fluch zu brechen, meinst du? 8) Irgendwann spielen wir auch mal zusammen.

    • Mia -

      Jetzt sehe ich gerade welches Buchstaben- und Grammatikchaos mein Kommentar inne hat. Du störst dich nicht daran! Danke dafür. ;) --- Irgendwann. Vielleicht. Es wäre schön.

    • Travon -

      Ja. Wäre es. :)

  • Levi Iorga -

    Also das ist, finde ich, eine deiner bisher intensivsten Geschichten. Die ist wirklich gewaltig. Gestern habe ich irgendwann schon sehr früh Victor komplett das Ruder übergeben, habe mich neben ihn geflenzt und ihn dabei beobachtet, wie er reagiert, was er tut. Überrascht hat er mich nicht, weil der Dreckssack einfach er ist. Aber...Er hat mir zu denken gegeben. Und zwar auf eine äußerst spannende Weise. Das hatte ich jetzt so schon länger nicht mehr und ich habe mich gefreut...Auch wenn ich dich erschlagen wollte. Nach dem Tag gestern !

    Die Geschichte ist unwahrscheinlich gut und mir blutet das Herz. Wirklich. Aber ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich mich nicht einmischen werde. Das überlasse ich Vitja.

    Ich habe heute im Institut gesessen...Das kannst du dir nicht vorstellen . Supergut. Ich lese sie jetzt noch einmal. <3

    Ich sehe Dinge...und bin sehr gespannt ob ich sie mir nur einbilde 8)

    • Travon -

      Ich glaube nicht, dass du sie dir einbildest, ohne genau zu wissen, was du siehst. Aber Ghabriels Verhalten ist eigentlich immer recht einfach zu lesen, würde ich persönlich sagen. Zumindest, wenn man die Fertigkeit nutzt, nicht allein auf das zu blicken, was man zu sehen [i]erwartet[/i], sondern auf das, was man zu sehen [i]bekommt[/i].

      Vielen Dank. Dein Lob bedeutet mir viel und das RP, das dem hier voraus ging, war sehr intensiv.

    • Levi Iorga -

      Es juckt mir in den Finger auch etwas zu schreiben. Aber am Handy geht das nicht. Du machst Sachen :)

    • Travon -

      Dich dazu zu reizen, betrachte ich als Kompliment. Du hast länger nichts mehr geschrieben.

    • Levi Iorga -

      Ja, das stimmt. Weil ich nie wusste was oder worüber und nie zufrieden war. Ich weiß nicht ob es jetzt klappt. Mal sehen. Ich will, dass es klappt :)

    • Travon -

      Es klappt. Gefälligst. :thumbup: Würde mich sehr interessieren, was dir im Kopf herum geht, ganz ehrlich.

  • Harlem -

    Ich habe Angst um Ghab. :(

  • Vivea -

    Hat... Er es Mal mit ziehen versucht?

    Oh man... Düster und faszinierend. Da bekommt man gleich Angst, dass Victor noch auftaucht.

    • Travon -

      >Zerren< würde ich als Ziehen durchgehen lassen. ;)

      Danke für deine Gedanken dazu.

    • Vivea -

      XD ich vertraue Mesmern nicht. Die lassen dich herumreißen und tun und am Ende hättest du nur ganz leicht ziehen müssen.
      Aber Mensch... Armer Ghab. Egal was war, das hat er sicher nicht verdient.

      Wie bei dieser Fingerfälle, dieses Spielzeug. Oder ging das anders?

    • Travon -

      Ich fürchte, dass sein Brötchengeber diese Meinung überhaupt nicht teilen kann, taha.

    • Vivea -

      XDDDDDD Jaaaaa gut. Was ein Grund mehr ist, es zu Feiern, dass Ghab sein Büro zerlegt hat. Find ich gut. Mag ich.

    • Alessa Di Saverio -

      Also das würde ich so nicht unbedingt unterschreiben :D ich hatte das Herzchen vergessen. Da. <3 *nachwerf*

  • Arlassia -

    Uhm... läuft grad nicht gut für Ghab. Ich seh ihn bildlich im Zimmer toben. Krass.

    • Travon -

      Sein Versuch, die >Dinge< aus dem letzten Kapitel zu regeln, war nicht ganz so erfolgreich bisher, nein.
      Schön, dass du es so klar vor Augen stehen hattest.

  • Alessa Di Saverio -

    Ich habe es dir ja schon geschrieben: Sehr gut geschrieben, eine sehr beklemmende Stimmung. Ich mag's sehr. Aber ich mag gar nicht, was da mit ihm passiert.

    • Travon -

      Ghabriel mag es auch nicht. Vielen Dank für deine Worte.