Der geraubte Kuss

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

  • Neu

    Die kleinen Härchen in ihrem Nacken richteten sich auf wie bei einer Katze. Fast so, als hätten sie dort weiche Lippen berührt oder eine sanfte Hand sie unerwartet im Vorbeigehen gestreichelt.
    Wie angewurzelt blieb sie stehen. Zentimeter für Zentimeter eroberte Gänsehaut den Rest ihres Körpers und Röte ihr Gesicht. Sie wusste, dass dort niemand war. Trotzdem blickte sie über ihre Schulter hinter sich.
    Rosali Mahne empfand kein Gefallen an diesem Gefühl, und sie versuchte es durch ein leichtes Schütteln ihres Leibes loszuwerden.
    Es war ein unbehagliches, beklemmendes Gefühl das in ihr aufstieg. Ein gefühlt immer größer werdender Kloß in ihrem Hals setzte dem Ganzen die Krone auf.
    Auch ihr ständiger Begleiter, ein schwarzer krytanischer Labrador namens Bruno, blieb stehen. „Pass auf“, befahl sie ihm leise.
    Und das tat er. Der Hund spitzte die Ohren und hielt seine Nase in den Wind, der leise durch die dunklen Straßen von Götterfels fauchte, begleitet von einem leichten Nieselregen, der die nächtliche Stadt zu erobern schien.
    Rosa störte der Regen nicht, nein, sie liebte ihn und seinen ganz besonderen Duft sogar. Doch gerade verfluchte sie ihn, weil das Geprassel die Situation noch unheimlicher machte.
    Sie fühlte, dass jemand sie beobachtete, und das war nicht das erste Mal. In den letzten Tagen überkam sie dieses Gefühl häufiger und das gefiel ihr nicht.
    Bruno brauchte einen Moment. Dann sah er zu einem der Dächer hinauf, und Rosa folgte seinem Blick.
    Nichts war zu sehen, auch nicht, als sie ihre Augen zusammenkniff.
    Vorsichtig wollte sie einen Schritt von der Straße weg treten, raus aus dem Schein der Laterne, unter dem sie hell erleuchtet stand. Nichts wie hinein unter den schützenden Mantel der Dunkelheit. Doch ihre Füße wollten nicht gehorchen. Irgendetwas hielt sie fest. Und so stand sie reglos auf dem Präsentierteller unter der Laterne.
    „Bruno?“ brachte Rosali hilfesuchend hervor. Sie versuchte, den schweren Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken.
    Urplötzlich sprang eine Gestalt beinahe lautlos von einem der Dächer und landete geschmeidig zu ihren Füßen.
    Zu ihrem Entsetzen kam ihr der sonst so gut abgerichtete vierbeinige Gefährte keineswegs zur Hilfe, mehr noch, er schloss die Augen und schlief friedlich ein.
    Die dunkle Gestalt stand nun vor Rosa und legte zwei feste Hände auf ihre Wangen, sodass sie ihrem Gesicht einen Rahmen gaben.
    Während der Nieselregen ihr Haar sanft und ganz allmählich durchnässte, sprach eine raue männliche Stimme zu ihr: „Du gehörst mir, kleine Rosa.“.
    Dieser Satz raubte ihr den Atem.
    Aus smaragdgrünen Augen starrt sie ihn an, doch sie konnte unter der Kapuze kein Gesicht ausmachen. Kein Wort wollte ihr über die Lippen kommen. Schreien wollte sie und kämpfen, doch sie war machtlos. Resignierend schloss Rosali ihre Augen.
    „Schau mich an“, sprach er weiter und ihre Lider öffneten sich wie bei einer Puppe, deren Stricke der Unbekannte in seinen Händen hielt. Der Nieselregen verdichtete sich auf ihrem Gesicht zu einem kleinen Fluss, wie Tränen des Himmels.
    Sein unter der Kapuze verborgenes Gesicht nähert sich dem ihren und dann stahl er sich ganz unverfroren einen Kuss. Sanft und zärtlich bettete er seine Lippen auf ihre. Nicht fordernd, doch mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er ein Anrecht auf diesen Kuss und auf sie. Rosa erwiderte den Kuss nicht. Sie fühlte sich bedrängt, beinahe schon vergewaltigt, und fragte sich, ob es gerade wohl angebracht war sich zu fürchten. Innerlich verfluchte sie alle Mesmer. Schon wieder spielte einer von ihnen mit ihr und sie konnte rein gar nichts dagegen tun.
    Die Worte ihrer Schwester hallten spöttisch durch ihren Kopf: „Hunde schützen dich nicht vor Magie.“
    Schnell fegte sie die höhnischen Worte hinfort und überlegte wer dieser Kerl sein könnte. Geküsst hatte sie ihn jedenfalls nie zuvor, daran würde sie sich erinnern. Rosali Mahne war jeder einzelne Kuss eines jeden ihrer Liebhaber im Gedächtnis geblieben. Und auf eine solche Weise war es noch mit keinem geschehen.
    Der Kerl roch und schmeckte leicht nach Schnaps und irgendeinem Rauchkraut. Er war normal gewachsen, weder auffallend groß noch klein. An bestimmten Stellen seiner Hände fühlte sie Schwielen auf ihrer Wange.
    Das Nächste woran sie sich erinnerte war, wie sie mit dem Kopf auf ihrem Hund liegend im Rinnsal erwachte. Sofort bemerkte sie, dass er etwas an ihrem linken Handgelenk hinterlassen hatte. Es wurde nun unfreiwillig fest von einem soliden silbernen Armreif umschlossen. Rosa griff danach. Sie wollte sich von dem unerwünschten Geschenk befreien, doch es wollte ihr nicht gelingen. Es war aalglatt und massiv, und es befand sich kein Verschluss daran. Kurze Zeit später erwachte auch der Hund.
    Der Mesmer hatte sie beide körperlich unversehrt zurückgelassen. Was blieb war das Gefühl, bestohlen worden zu sein.

Kommentare 2

  • Ovy -

    Na lecker. Bruno braucht auf jeden Fall irgendein Anti-Mesmer-Halsbandsiegel als Upgrade.