Ein Messgerät

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  • Ein Messgerät...
    ...kleine Gesten und Gräten.

    Eine kleine Kurzgeschichte



    Tyria, Götterfels - Genauer noch: Ein unbedeutender Teil im westlichen Marktviertel.


    Ein Ort, wo man nicht lebte sondern vegetierte und den eigenen Verfall mitansehen konnte.
    Ein Viertel, so schief, krumm und kränkelnd, dass - wenn gegrüßt wurde -, der Abschied ein hüstelndes Gute Besserung war. Wo Atmen gleichsam Röcheln war.
    Eine Gosse, in der Quacksalber in zerfallenen Anbauhütten angesehene Ärzte waren, und rudimentäre Kenntnisse über Omas Allheilmittel gegen alles als Akademikerwissen gegolten hat. Brüchige Hausfassaden und Strassenwege, deren schlammspuckenden Steinrinnen dickflüssige, braune Bracke förderten, und in verwinkelten Schmutzgassen, durch brütende Sommerhitze beleidigende Gerüche, dreckige Dämpfe und Bazillengewürm aufquoll.
    Wenn man sich jetzt noch einen Lausbuben vorstelle, der barfuß über Kloaken sprang, schwertführend mit Ästen in Fekalien stocherte, der braunhaarig und klapperdürr in schmutzigen Lumpen steckte, und ein wenig neben den Dingen stand, hatte man schon fast eine vage Vorstellung davon, in welchem Zauberland die unbedeutende Schicht Götterfels' ihr junges Dasein hatte erleben dürfen.





    Plä~atsch!


    "Heee! He du! Booo~aaah ey!", meckerte die Kindesstimme empor zum Ring der Mauer, wo eine Silhouette einen Eimer Fischreste unbekümmert, hunderte Meter tief in die Gassen vom Viertel kippte - zum Leidwesen des Kindes, welches dort stand, mit erhobener, erboster Faust und stinkend im Schleimgewand, in einer Fischpfütze, jemanden verfluchte, der ihn womöglich gar nicht erst wahrnahm. Nicht, weil der Dreikäsehoch gerade mal die anderthalb Meter Größe geschafft hatte, er wegen fehlender Milchzähne undeutlich sprach, sondern, weil von dort oben, dem häuserbebauten Zenit der Mauer, er klein und unbedeutend aussah, wie eine Ameise inmitten eines verkommenem Bau.


    "Immer das Gleiche", nölte Aerek auf dem Weg zum Waisenhort verärgert vor sich her, während er zornig durch die schiefe Gasse marschierte und verwolkene Gemüsereste sowie abgenagte Knochen beiseite trat.

    "Irgendwann. Irgendwann baue ich eine Mauer, um die Mauer, die noch viel höher ist als jene Mauer! Und dann, dann pinkel ich ihm auf den Kopf, von meiner Mauer!", versprach er dem Schicksal entschlossen. Doch viel mehr träumte er sich Illusionen zurecht, die das graue Kleinsein vergessen lassen sollten. Man beginnt wie von selbst damit den Tag zu verträumen, wenn man nicht viel mehr hat als das: Suppig fließende Bracken waren gefährliche Magmaströme die es zu überwinden galt, Kothaufen ernstzunehmende Gegner verschiedenster Art, Fischregen Kometenhagel und Mauern keine Hürde.

    "Aaaaaaaber junges Ding, Kindchen...!", fiel eine aufgeweckte Stimme aus heiterem Himmel und vor Aereks kleiner Nasenspitze zeigte sich eine Seerose, welche eine buntgewandete Trulla munter zu ihm hielt. Als präsentiere sie inmitten des weißblättrigen Kelches nicht gelbe Blüte, sondern die Sonne selbst. Ein fetter, überkitschiger Stilbruch, der seinem Zornesmarsch im Wege stand.
    Sie (die wagte ihn als Kind zu titulieren): Kunterbunte Farben am Leib, eine Rose in der Hand, Glöckchenkette am dreckverschmierten Fußgelenk und eine olle Baskenmütze auf dem blonden Kopf. Und ein Lächeln, welches er so einschätzte, als könne es allem und jedem trotzen. Ein Lächeln, welches er auf der Stelle für sich haben wollte. Er würde es ihr schon austreiben! Ausserdem stand sie vor ihm, im Weg herum, gebeugt zum Knaben.

    Der fischverschmierte Knabe schielte auf die Rose, als sei das ein schlechter Scherz, den er erst noch verstehen müsse - und doch musste er innerlich Schmunzeln. Irgendwie. Irgendwie fürchtete Aerek, er würde bei viel zu vielen kitschigen Dingen schmunzeln müssen. Wo andere Knaben sich prügelten um sich gegenseitig ihrer Hartherzigkeit zu beweisen, rupfte er Blumen raus und tanzte im Regen. Dennoch: Hier war beinharte Mannbarkeit gefragt. Ein erwachsener Konter, der würde ihre haltlose Behauptung schon zu zügeln wissen. Schmorend in der Hölle solle sie dafür sühnen und im Teufelsfeuer Grenths brennender Hände braten, und....
    "...ziehst ja 'n Gesicht wie 'n Pferd, wie der Olle verteufelt am Herd und wie... er da, nennen wir ihn umstandshalber Gert", witzelte die Ältere urkomisch weiter, bevor er auch nur die Gelegenheit hatte etwas vernichtendes zu sagen.
    Aerek glotzte verdutzt erst sie, dann Gert an. Gert; ein grobflächiger Gossenschläfer, unrasiert auf dem benachbarten Trottoir, der miesgelaunt und sabbernd im Staub döste. Der neben seiner Fuselflasche, auf die bereits diebische Blicke aus schattigen Winkeln und brütende Sonnenhitze geworfen wurden - sowie auf Gerts rote Glatze.
    Dann glotzte Aerek wieder zu der Bunten.
    Sie grinste breit.

    "Achjaaa?", trotzte Aerek beinhart
    "Japp", nickte sie felsenfest.
    "Stimmt ja gar nicht.", konterte er.
    "Stimmt jaa wohool.~"
    "Nein!"
    "U~und ob"...
    ...die beiden führten einen inhaltsreichen Disput über Aereks gezogene Schnute, bis....
    ..."Selber!", ging Aerek schlagfertig in die Offensive und die Bunte entrüstete ihr Grinsen.
    "Manchmal vielleicht schon...", schmunzelte sie stattdessen possierlich.

    Aerek stutzte und taxierte den lauernden Ausdruck auf dem Gesicht des Spielmanns, die dazu auch noch hieß wie ein Messgerät. Skala.
    Lungerte sie nicht auch immer bei diesen gefürchteten Söldnern herum? Unmöglich!

    "Wie... manchmal?", rieselte die Neugier von Aereks spröden Lippen.
    "Na manchmal eben. Weißt schon. Wenn alles grau und Fisch ist. Und beides vom Himmel regnet", sagte Skala. Aerek zog peinliche Schlüsse: Sie hatte alles mit angesehen.
    "Und was machst du dann?", fragte er unmutig und wurde ein bisschen rot.
    Skala zuckte die Schultern und lächelte. Sie legte ihm die leinwandweiße Blume in die kleine Schmutzhand und antwortete: "Ich erinnere mich daran, daß auch im größten Misthaufen mal die schönsten Blumen wachsen können."
    Schon wieder so etwas Kitschiges, mäkelte der Junge still für sich und musste schmunzeln.





    Dann zog Skala Aerek Gräten aus dem Haar, pochte einen Finger neckend gegen seine Nasenspitze, klopfte ihm auf die Schulter und versprach dem Schicksal, daß er sie schon bald würde wiedersehen. Das kleine Kindesherz klopfte.
    Eine junge Mutter, die nie wissen werde, dass sie eine war. Jene, die diebischen Blicken kess zuzwinkerte, sich Gerts Fuselflasche schnappte, mit betörendem Hüftschwung durch die Strasse flanierte und kleine Glöckchen erklangen. Für den jungen Aerek wirkte jedes Detail an Skala wie ein frech verspieltes und doch friedliches Fanal für Mut zu frischer Farbe. Weder schwarz, noch weiß. Sondern kunterbunt zwischen den Extremen.
    Eine kleine Geste für Zwischendurch.



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Kommentare 2

  • Nia! -

    Mit der Formatierung hast Du mich gelockt und nach dem ersten Absatz hattest Du mich dann gänzlich gefangen. Ausschweifend bildlich geschrieben, die Gasse war direkt vor meinem inneren Auge.
    Und irgendwie habe ich den Eindruck, das weibliche Pendant zu meinem Barden gefunden zu haben. :D

    • Aerek -

      Uh! Dann muss dein Barde wunderbar sein! *meeting beantragt*

      Und vielen, vielen Dank! :)