Krisensitzung

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  • Krisensitzung

    Sechs Uhr morgens, nordöstliches Königintal in der Nähe von Beetletun.
    Normalerweise eine angenehme Uhrzeit für eine Besprechung. Nicht in einem Hitzesommer mit diesen Ausmaßen. Wortlos wischte sie sich die verschwitzten Haarsträhnen aus dem Gesicht und trat mit mehr Haltung, als sie sich zugetraut hätte in den Raum.

    Sheryna war da, Leandra, Berenice. Den fremden alten Mann am Tisch erkannte sie auf den ersten Blick nicht. Ob Sibian so schnell um gut dreißig Jahre gealtert war?
    Mittlerweile traute sie es ihm fast zu.

    Erst auf den zweiten Blick fanden ihre Augen Sibian, der mit gewohnt neutralem Gesichtsausdruck an der Wand stand.
    Einige Sekunden vergingen, wie sie sich einen Platz in der Runde suchte. Drei weitere Personen betraten den Raum. Keiner davon war ihr bekannt. Oder sie hatte Schwierigkeiten unter Schweiß, Erde und nassen Haarsträhnen die Gesichtszüge von Bekannten auszumachen.
    Wäre ja typisch Adel! Fast hätte sie gelacht.

    „Ehre.“ Kam es knapp von ihr. Von Seiten des Tisches ein Nicken. Vom Ratsherrn ein Blick, der genauso viel sagte, wie eine ausgeführte Begrüßung.
    Sie waren alle müde und ihnen standen noch mehrere Stunden Arbeit bevor. In der brühenden Sommerhitze….

    „Marena, Bauer Henning.“
    Wunderte sich eigentlich noch irgendjemand, dass Sibian sich kein bisschen um Anreden kümmerte? Das angestrengte Lächeln galt jetzt dem gut sechzig Jährigen.
    Bevor sie allerdings noch etwas sagen konnte, fuhr der Ratsherr für Sommerhitze und den Kampf gegen Trockenheit fort.
    „Er hat die Information über Bewässerungsstärke, Bewässerungsuhrzeit und den ganzen Rest geschrieben.“
    Ja… an den Stapel Faltblätter, den Sibian gestern verteilt hatte, konnte sie sich erinnern.
    „Freut mich, Herr Henning.“

    Aber dieses Mal war es der Bauer, der nicht zu einer Antwort kam, denn Sibian war an den Holztisch in der Mitte des Raumes herangetreten, auf dem sich die Karten stapelten. Ein Tablett mit Wasserkaraffen und Gläsern stand ebenso bereit.

    „Zu den Statusberichten. Doric….“
    Begann Sibian, der sich überflüssige Worte mal wieder sparte, die Aufforderung schwang in der Stimme mit.
    Marena zwang ihren Rücken in eine aufrechte Position. Nicht schlappmachen, ermahnte sie sich. Wir sind alle erschöpft, nicht nur du.
    „… kommen wir recht gut voran.“
    Schloss die Person in grauer Hose und beigefarbenem Hemd.
    „Ratsherrin?“
    Welche? Diese Frage lag auch Sheryna in der Zunge, die mit einem müden Grinsen den Blick zu Sibian hob.
    „Welche?“
    „Du.“

    Auch die Weißhaarige musste eine kleine Spur lächeln, richtete den Blick allerdings auf Leandra anstatt auf Sheryna. Die de Cerro nutzte den kurzen Moment in dem sie sich unbeobachtet fühlte, in dem sie nicht vorbildlich strahlen musste, dazu tief durchzuatmen und den Arm in der Schlinge zurecht zu rücken. Von ihnen allen sah Leandra noch am Besten aus, auch wenn selbst sie heute nur eine schlichte Hose und eine einfache Bluse trug. Ihr einziger Vorteil? Sie wurde bei ihrem Teil der Arbeit nicht nass!
    Marena hätte nur ungerne mit ihr getauscht. Ja, es war wichtig den Menschen beinzustehen und mit ihnen zu sprechen, aber sie war sich nicht sicher, ob sie die Geduld dazu gehabt hätte, nachdem sie von dem Feuer in Genderran gehört hatte.

    Dieser Sommer traf nicht nur die Bauern. Jeder wusste das. Jeder der eine Ahnung von Wirtschaft und Produktionsketten hatte. Sie saßen alle in diesem Boot und jeder musste seinen Teil beitragen, um die Ernten zu retten, dem Königreich zu helfen.
    Damit hatte sie nicht gerechnet, als sie zum Ministerium gegangen war. Vermutlich hatten auch die Seraphen nicht damit gerechnet, dass sie irgendwann durch das Land ziehen und mitten in der Nacht Felder bewässern durften.
    Die Gedanken wanderten kurz zum Samuel, ob seine Eltern auch betroffen waren?

    Sheryna kam unterdessen mit ihrer Zusammenfassung zum Ende. Man sah ihr an, dass sie sich ein wenig unwohl in ihrer Rolle fühlte. Eine Magierin mit Spezialisierung auf Feuer, die jetzt mit Wasser hantieren musste… das Unwohlsein war nur verständlich. Die Stark hatte es wohl am Schlimmsten getroffen. Eine Gruppe an Magiern koordinieren, die ein Element befehligten, das ihr zwar bekannt, aber zugleich doch fremd war… Andererseits war es eine Gelegenheit sich selbst zu beweisen und vielleicht etwas Neues zu erlernen… Fähigkeiten auszubauen.
    Trotzdem. Auch mit ihr hätte Marena nicht tauschen wollen.

    Berenices Bericht war der Nächste. Die Haltung der Komtess hätte aufrechter schwer sein können. Prompt korrigierte auch Marena die ihre um einige Millimeter und versuchte sich auf den Bericht aus den Kessexhügeln zu fokussieren – ohne dabei zu sehr an die eigenen Gebiete zu denken, die weit im Nordosten lagen und durch die Lage in einer bergigeren Gegend weniger schlimm von der Hitzefront betroffen waren. Gerade wenn man den See und… der Fokus kehrte zu Berenice zurück, die auf den Nordwesten deutete.
    „Hier hatten wir einige Probleme wegen eines Zentaurenlagers, wir kamen dementsprechend sehr viel schlechter in diesem Gebiet voran. Im Rest von Kessex… nun, es ist Kessex.“
    Eine sehr knappe Zusammenfassung. Kessex war eben Kessex. Im Süden viel Wasser, im Norden Banditen und Zentauren. Die besten Voraussetzungen für einen freundlichen kleinen Trupp des Ministeriums.
    Und die Menschen aus Kessex waren auch nicht weniger rau. Sie durfte das sagen. Immerhin war sie in Kessex aufgewachsen. Berenice… musste sich vermutlich mit einigen Widrigkeiten herumschlagen, die im Tal nur in verminderter Form vorhanden war.

    Dem Bericht aus Genderran lauschte die Baroness mit geschlossenen Augen, in Gedanken kurz zum Wintertag abschweifend. Schneeflocken auf der Nase, Schlittenfahrten, das Glitzern der Eiszapfen an den Dächern…
    „Dank des Luftschiffs ist Genderran tatsächlich ein kleineres Problem, als wir zuerst dachten. Der Brand, von dem heute Nacht die Rede war, war tatsächlich eher ein Brändchen in einem gut abgeschotteten Teil. Die Bauern haben selbst Feuerschneisen geschlagen und als wir ankamen mussten wir nur noch die letzten Reste löschen. Es hilft tatsächlich jeder mit und die Hilfe wurde dankend angenommen.“
    Das Luftschiff der Starks hätte sie auch gerne gesehen… allerdings war das von Genderran erst einmal nach Kessex geflogen.

    „Ratsherrin?“ Sibian hielt inne.
    „De Cerro.“ Wurde dann – zur Vermeidung von Rückfragen hinzugefügt.
    Ah… jetzt kam sie langsam dahinter… er ging keine Liste durch… er fragte einfach einmal reihum. Typisch Sibian.
    „Kurz gesagt...“ Begann Leandra. „Die Probleme sind ähnlich. In manchen Dörfern ist der Zusammenhalt gut, dort hilft man sich gegenseitig, andernorts… nun, hortet mancher Wasser oder versucht Profit aus der Situation zu schlagen.“

    Wissendes Nicken von der Hälfte der Anwesenden. Es sah also überall ähnlich aus.
    Einige der Bauern waren dankbar, ein paar wenige… sie schob den Gedanken an den Bauern bei Seite, der sie angeschrien hatte. Viele waren wütend. Wütend auf das Wetter, die Welt, die Anderen.

    „Marena.“
    „Harathi,“ begann sie, „hat Schwierigkeiten mit der Logistik. Die Informationen wo Hilfe am dringendsten gebraucht werden, kommen einfach nicht durch. Anfragen beim Ressort für Sicherheit und Verteidigung wegen detaillierteren Karten wurden eingereicht. Aber wir haben ein ähnliches Problem wie Kessex und müssen uns wegen der Zentauren immer wieder umorientieren. Nachher nehmen wir uns die Brunnen weiter im Norden vor, wenn wir allerdings auch in den Siedlungen um den Arca-See helfen wollen, werden wir die Besprechung heute Abend verpassen. Außerdem haben wir die Gruppengröße auf fünf Personen erhöht, um sicher zu gehen, dass wir nicht eventuell von einer verstreuten Zentaurenpatrouille aufgerieben werden.“


    Ein Nicken von allen Seiten, das war zu erwarten gewesen. Sie griff nach der Wasserkaraffe. Sibian schob wortlos sein Glas dazu, Sheryna ebenfalls.
    Ernüchternd.
    Die Begeisterung für Sommer und Sonne ließ mit jeder Minute mehr ab und mittlerweile war es halb sieben.

    „Das deckt sich alles. Wir bleiben beim Vorgehen. Abends und nachts Felder bewässern, tagsüber Brunnen auffüllen. Genderran… teilt die Gruppen neu auf. Euer Gebiet ist das Kleinste, vier Personen pro Gruppe sind bei euch angemessen. Berenice, Sheryna… macht einfach weiter. Doric, die Wege werden nicht besser. Vielleicht kann die Ratsherrin de Cerro euch unterstützenund versuchen Informationen von den Dörflern zu bekommen.“

    Sie spürte den Blick des Ratsherrn auf ihr liegen und mit voller Absicht gab die Baroness sich beschäftigt, schob sich Haarsträhnen aus dem Gesicht, trank noch einen Schluck Wasser - und betete, er würde ihren Hitzschlag vor zwei Tagen nicht ansprechen. Sie wollte es nicht noch einmal hören, so gut er es auch meinte. Nicht vor allen Anderen. Und nicht, wenn gerade Leandra ebenfalls so aussah, als könnte sie eine Lektion in Ruhepausen benötigen.
    Sheryna und Berenice waren vernünftiger. Trotz der Erschöpfung… beide wirkten gesund und munter im Vergleich zum Rest. Und Sibian? Sibian war einfach Sibian.
    Und konnte es nicht lassen doch noch einen Kommentar abzugeben.

    „Denkt an die Ruhepausen. Alle zwei Stunden mindestens eine Viertelstunde, alle vier Stunden mindestens eine Stunde. Kopfbedeckungen sind für die, die nicht im Wald arbeiten Pflicht, achtet bei allen Gruppenmitgliedern darauf, dass sie irgendeinen Sonnenschutz tragen, Kopftuch, Hut, egal was. Denkt auch daran, darauf zu achten, dass jeder genug trinkt. Niemandem ist geholfen, wenn seine Kollegen zusammenbrechen.“

    Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sein Blick von ihr zu Leandra wanderte, um dann schlussendlich irgendwo zwischen ihnen zu wandeln. Unauffällig wurde selbst ein Blick auf die Ratsherrin geworfen, die gänzlich unbeteiligt drein zu sehen versuchte und dabei genauso scheiterte wie Marena zuvor.

    „Die Harathigruppe ist von der Abendbesprechung freigestellt. Schichtwechsel für alle. Jeder der sich eine zweite Schicht zutraut hat noch eine Viertelstunde um zu frühstücken und soll sich danach im Nebengebäude bei den Ärzten melden.“

    Es war fast amüsant die verschiedenen Personen dabei zu beobachten, wie jeder von ihnen einen Moment stutzte und sich dann erhob.
    Sheryna zwinkerte ihr zu und kam dann mit geschauspielter leidender Miene auf die Füße. „Im nächsten Leben werde ich die magische Kartoffel und Lando kann durch das ganze Land reiten.“ Kam es witzelnd von der Ratsherrin.
    Ein leicht zweifelnder Blick von Sibian folgte der Feuer-Stark, die Ministeriumsdamen kamen alle nicht um ein leichtes Lächeln herum.

    Büroleitung Liliental – es war nicht einfach sich anzugewöhnen Berenice beim Vornamen zu nennen – gesellte sich nur sehr kurz zu Sibian, ihr Gesichtsausdruck war ernst. Die Hand des Fuchses streifte kurz die Schulter des kleineren Mannes – eine aufmunternde Geste, allerdings so flüchtig, dass man in einer anderen Personenkonstellation gedacht hätte, die beiden wären nur ferne Bekannte.
    Aber Berenice wusste zu gut um Sibians Art, um sich nicht ihm anzupassen. Fast hätte Marena gelächelt. Im Grunde waren sie sich zwar nicht alle immer einig, aber trotzdem hatte sie schon lange nicht mehr das Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammenhalt gespürt. Nicht so sehr, wie jetzt.

    Leandra – die sich erneut unbeobachtet wähnte, erhob sich so schnell das mit ihrer Schulter möglich war und runzelte die Stirn, als würde sie sich in diesem Moment an irgendeine relevante Sache erinnern. Auch der Blick der Weinprinzessin ging kurz zu Sibian, sie wollte etwas sagen, ließ es dann allerdings und verschwand schnell und leise durch die Türe.

    „Du würdest nie freiwillig auf deine Flammen verzichten,“ grinste Marena an Sheryna, nachdem sie selbst die müden Beine in Dienst gestellt hatte.
    „Stimmt… aber im Luftschiff mitfliegen wäre jetzt trotzdem schön… oder eine kleine Reise nach Hoelbrak… aus diplomatischen Gründen.“
    Niemand von ihnen hatte mehr Humor als Sheryna. Das musste die Weißhaarige neidlos zugeben. Nur Sheryna war selbst in dieser Situation noch so gut aufgelegt, dass sie Witze riss. Aber lächeln… lächeln mussten fast alle in der Gruppe.

    Alle außer Sibian.
    Nicht, dass das etwas Neues war. Sibian lächelte weder oft noch gern. Aber trotzdem wuchs für einen kleinen Moment die Sorge um ihn. Einerseits… war das hier sein Job und er musste Leistungen erbringen… aber andererseits… wusste irgendjemand von ihnen eigentlich, wie es Sibian ging?
    „Bald haben wir Herbst.“
    Kommentierte Berenice auf ihre gewohnte, ruhige Art.
    Ja. Bald wäre Herbst.
    ""Ich mag diese Wand nicht."
    "Das nächste Mal fliehen wir nach dem Essen!"
    "Zu schade. Ich mochte diesen Stein."

    ~ Marena Éconde


Kommentare 6

  • Travon -

    Schön geschrieben. Mir war bei den vielen beteiligten Personen nicht immer direkt klar, wer gerade spricht, dafür las sich der gesamte Text sehr flüssig und lebendig. Außerdem hast du nicht viele Worte gebraucht, um die drückende Hitze noch mal hervorzuheben, wie erschöpft alle sind. Sehr greifbar, gefiel mir.

    • May -

      Vielen Dank! Ich freue mich, dass sie dir gefallen hat. Bei so vielen Personen fällt mir das tatsächlich schwer, ich hoffe das wird sich in Zukunft noch bessern.
      Die Situation war einfach zu perfekt, um nichts dazu zu schreiben.

  • Mahorka -

    Schließe mich Diadrah an. Ein feiner Einblick, nicht zuviel Schnickschnack, aber mit feinen kleinen Details, die die Unterschiede der Charaktere hervor hebt. Mag ich sehr :)

    • May -

      Danke für das Lob! Sowas habe ich tatsächlich noch nie versucht - gleichzeitig doch recht vielen Charakteren eine Bühne zu geben - und ich bin froh, dass es gut ankommt! :DDDDD

  • Diadrah -

    Ich mag den Einblick in das Wirken der Ministeriumsmitglieder. Du hast die einzelnen Charaktere schön getroffen.

    • May -

      Vielen Dank :))))) Ich habe mich sehr gefreut, dass ich mir eure Charaktere ausleihen durfte und hatte großen Spaß dabei mir zu überlegen wie jeder für sich darauf reagieren könnte <3