Rückblick

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  • Aiven war gerade sieben Jahre alt als das jüngste und damit auch letzte Familienmitglied zur Welt kam. Sie hatte es sehr eilig das Licht der Welt zu erblicken, ihre schützende Hülle im Leib der Mutter zu verlassen und das Abenteuer des Lebens zu beginnen. Vier Wochen vor ihrer errechneten Zeit zwang sie ihre Mutter, mitten bei einem Picknick mit der Familie auf den weiten Feldern Gendarrans, in die Knie und forderte ihre sofortige Geburt. Es war keine Zeit mehr um zum Landsitz zurück zu kehren, viel zu gefährlich in diesem Zustand. Die anderen Söhne, zwei und fünf zu jenem Zeitpunkt, tollten in den Wiesen während der Vater und Aiven der kleinen Seline nun zwangsläufig auf die Welt helfen mussten. Aiven konnte sich noch gut daran erinnern wie er seine kleine Schwester, in den ersten Sekunden ihres Lebens, in den Armen barg während der Vater seine Frau aufhob um sie in Richtung Anwesen zu tragen. Eingewickelt in ein Tuch und seine dünne Jacke um sie vor dem zugigen Wind zu schützen, drückte er das Baby an sich und versprach seiner Schwester, dass er immer auf sie aufpassen würde. Seine Mutter schwört bis heute, dass er in diesem Moment erwachsener aussah.

    Der Älteste bemerkte schon sehr früh dass Seline anders sein würde, nicht wie normale Mädchen von Stand. Es machte sich in verschiedenen Situationen bemerkbar. Zum Beispiel bei dem Tollen im Schlamm nach einem ordentlichen Herbstschauer mit den Brüdern. Statt mit einem hübschen Schirmchen für das Haupt bewaffnet, vorsichtig über die Pfützen zu steigen - Nein, Seline sprang freudestrahlend hinein. Aber wen wundert es wenn man als einziges Mädchen unter drei großen Brüdern aufwuchs? Bis auf die Mutter, die Zofen und Lehrerinnen, welche sie stetig darin unterrichten wollten wie man sich als Dame verhält, hatte sie den Großteil ihrer Freizeit mit den Jungs verbracht. Und Jungs häkeln nun mal nicht, stricken keine Decken, kochen nicht, backen keinen Kuchen. Sie müssen nicht den aufrechten Gang einer Dame lernen und in hohen Schuhen laufen. Sie müssen keinen Fächer in Perfektion schwingen, nicht kokett damit umzugehen wissen. Keine gesellschaftlichen Regeln welche ihnen sagt wie man knickst, oder mit aufrechtem Kinn und durchgedrücktem Rücken die Straße entlang posiert – eingehüllt in feinste Seide und Schmuck. Nein, Jungs gehen toben, lernen das Kämpfen. Sie spielen Pirat, erobern Schätze und reiten auf die Jagd um Wild zu erlegen.

    Als Aiven elf Jahre alt war, hatte seine vierjährige Schwester eine Märchenphase. Sie konnte sich für alle möglichen Fabelwesen begeistern, die Sagen und fantasievollen Geschichten. Und so kam auch ein Tag, an welchem sie eine ungewöhnliche Bitte hatte. Sie wollte Frösche küssen!
    Aiven wusste natürlich um welches Märchen es sich handelt, doch war er längst alt genug um zu begreifen, dass es eben nur zauberhafte Geschichten sind, welche nicht der Wahrheit entsprachen. Ihm war bewusst, dass ein Frosch sich nicht in einen Prinzen wandeln würde wenn man ihn küsst. Doch die leuchtenden Augen seiner kleinen süßen Schwester verboten ihm sie so früh aus ihrer Kindheit und den damit verbundenen Träumen und Hoffnungen zu reißen. Er wollte ihr diese Fantasie nicht nehmen also mussten Frösche her.
    Der Älteste begann förmlich einen Kriegsplan zu schmieden und seine anderen beiden Brüder darin einzuspannen. Natürlich waren diese Burschen hellauf begeistert das Haus mit Kröten und Fröschen zu füllen, waren sie doch noch für jeden Schabernack zu haben. Die Schwierigkeit bestand lediglich darin, die Tiere auch ungesehen ins Haus zu bringen, man wollte ja nicht riskieren dass man sie entdeckt und die kleine Schwester am Abend, ohne einen Frosch geküsst zu haben, enttäuscht zu Bett gehen musste.
    Aiven war gut darin Strategien zu entwickeln und er führte sich dabei auf wie ein Hauptmann einer riesigen Armee. Er nahm seine 'Froschmission' sehr ernst und ließ seine Bruder dies, wenn sie sich darüber lustig machten, auch sehr deutlich wissen. Er schlug sie nicht, schrie sie nicht an. Das war noch nie Aivens Art. Nein, sein Talent war es, Anderen ein schlechtes Gewissen einzureden oder ihnen damit zu drohen Mutter zu sagen, dass sie es waren die ihre Pantoffeln mit matschigen Erbsen gefüllt hatten.

    Am Abend dann war es endlich soweit, die Sonne begann sich bereits vom Horizont zu verabschieden und tauchte den Himmel in anmutiges Rot. Der Zuber in Selines Zimmer etwas mit Wasser gefüllt, saßen bestimmt hundert Frösche und Kröten darin – übereinander, zusammen gepfercht auf engstem Raum. Die kleine Schwester hatte ihre helle Freude daran jedes einzelne Tier aus dem 'Stall' zu nehmen und ihnen einen Kuss auf das Haupt zu legen, furchtlos und sich überhaupt nicht vor diesen Kreaturen ekelnd. Zum Leidwesen der Brüder ließ sie diese, also die bereits geküssten Nichtprinzen, einfach im Zimmer frei, wie sonst hätte sie wissen sollen wen sie bereits geküsst hat – sahen sie doch irgendwie alle gleich aus! Die Jungs hatten wahrlich Mühe sie einzufangen denn kaum aus dem engen Zuber entkommen, sprangen die Tiere fröhlich im Zimmer umher. Das ohrenbetäubende Quaken lockte aber auch die Dienerschaft zu dem Zimmer und die Tür öffnete sich. Ein greller Schrei einer Dienstmagd war es dann, welcher alle Kinder in Panik versetzte – sie wurden ertappt! Frösche und Kröten verließen das Zimmer, verteilten sich im Anwesen. Kinder stoben wild durcheinander in dem Versuch noch ein paar der Tiere, welche nun auch aus eigener Motivation heraus den Zuber verließen, wieder einzufangen. Keine Chance. Unwissende im Haus dachten zunächst an eine Plage und selbst Tage später fand man noch das ein oder andere Tier unter einem Sessel, in einem der Schränke oder im Badezimmer. Doch um seine Schwester vor dem drohenden Ärger der Eltern zu schützen, sagte er ihr sie solle schweigen und nicht verraten warum diese ganzen Tierchen in ihrem Zimmer waren, er regelt das schon. Aiven nahm stets den Ärger auf sich, ob nun nur den der kleinen Schwester oder der beiden tollwütigen Brüder. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht ein Schutzschild zu sein.

    Mit der Zeit, und mit dem Älter werden, erfüllten sich Gräfin Forells Hoffnungen aus dem kleinen Lausbub würde endlich ein junges Mädchen werden. Seline wurde immer hübscher, nahm die Form einer jungen Frau an und ließ sich auch endlich in wunderschöne Kleider hüllen. Sie nahm an Veranstaltungen teil, an Festen und an den Spaziergängen in der Öffentlichkeit welche meist dafür gedacht waren die Familie zu zeigen, sich mit den Bauern über Nöte zu unterhalten und sich über die diesjährige Ernte zu erkundigen. Mit dieser Zeit, Seline war gerade dreizehn, hatte sie auch die Pferdeleidenschaft für sich entdeckt. Sie freundete sich mit einem Nachbarsjungen an, ebenfalls von Stand – ein gleichaltriger Baron, oder eher der Sohn von solch einem Herren. Diese Familie hatte eine eigene Pferdezucht und Seline begann jede freie Minute dort zu verbringen. So blieb es natürlich nicht aus, dass der Bursche sich bald schon in die hübsche Blonde zu vergucken begann.
    Als sie, gemeinsam mit den Brüdern, ausritten und eine Pause in den Wiesen machten, lief der junge Mann los um ein paar Blumen zu pflücken. Noch nie hatte die junge Lady auf seine eindeutigen Blicke, seine zarten Flirtversuche, reagiert. Doch an diesem Nachmittag wollte er es ihr, in Anwesenheit ihrer Brüder, sehr deutlich vor Augen führen. Mit tiefroten Wangen und wildem Herzflattern, übergab er Seline diesen frisch gepflückten Strauß Blumen. Das junge Mädchen freute sich über die Maßen darüber, dass der junge Mann so ein fürsorgliches Herz hatte und daran dachte ihrem Pferd ein köstliches Präsent zu machen. - Moment, was?

    Alle Blicke lagen auf Seline, die Münder halb offen stehend, als sie diese gerade von Herzen erhaltene Liebesbekundung an ihr Pferd verfütterte und selig lächelnd dabei zusah, wie ihr Tier sich mit reichlich Appetit darüber hermachte.
    Dem jungen Kerlchen brach es das Herz und er zog, mit herabhängenden Mundwinkeln ab, ließ das vollkommen verwirrte Mädchen zurück welche sich Antworten bei Aiven erhoffte. Ihr Bruder war zwanzig Jahre alt geworden, längst in die Gesellschaft eingeführt und zudem auch heiratsfähig. Er wusste schon immer einen Rat. Vollkommen perplex und nicht wissend was sie nun falsch gemacht hatte, sah sie dem Ältesten entgegen. Während sich die anderen beiden Brüder vor lauter Lachen die Bäuche halten mussten, legte Aiven seiner Schwester in aller Seelenruhe einen Kuss auf das blonde Haupt und vermittelte ihr, dass alles in Ordnung sei.
    Seline war nicht empathielos, so wie es manches Mal von Anderen vermutet wurde. Nein, ihr Fokus lag nur schlichtweg auf einer anderen Ebene. Sie nahm solche Dinge nicht sofort als das wahr, was sie eigentlich vermitteln sollten. Seline hatte schon immer ein gutes Gespür für ihre Umwelt doch das Dessinteresse an Jungs, jedenfalls auf diese Art, ließ die Gesten der jungen Herren für sie nicht als solche erscheinen. Aiven wusste das, er wusste dass seine Schwester ein gefühlvoller und sehr empathischer Mensch ist aber dass sich dieses Bewusstsein - Romantik und Leidenschaft - bei ihr erst später präsentieren würden. Er musste natürlich auch eingestehen, dass er hoffte es würde noch lange dauern bis Selines weibliche Natur sich nach männlicher Nähe sehnt denn spätestens dann muss er noch mehr auf sie achten, will man schließlich nicht dass die Jüngste an den Falschen gerät und man ihr das vor Lebensfreude blühende Herz bricht.

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