Schauspielerei

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    Sie vermochte es einfach nicht, der Musik zu lauschen oder zumindest hingerissen drein zu blicken, so viel Mühe der Pianist sich auch gab.
    Wenigstens war es eine private Soiree und kein offizieller Anlass. Ein weiteres Mal strich sie den schweren Brokat des Kleides zurecht und holte tief Luft. Der letzte Blick auf die Taschenuhr konnte erst wenige Minuten her sein, aber dennoch kam es ihr wie eine Ewigkeit vor.

    "Ach?“
    Wie spöttisch schon der Anfang geklungen hatte. Ärgerlich biss die Baroness sich auf die Unterlippe. Wie kam er eigentlich darauf, so mit ihr zu sprechen? Sie war eine Dame der gehobenen Gesellschaft! Und das hatte sie sich selbst erarbeitet, sie hatte sich an diese Position gekämpft, hatte sich nicht auf ihrem Titel ausgeruht! Nein, er hatte kein Recht sie so verächtlich anzusprechen und die Boshaftigkeit zu haben, sie wie eine dumme Göre zu behandeln, die nichts von der Welt wusste!

    „Es funktioniert nicht zwischen jemandem, der den Charakter des anderen nicht mag…“
    So? Und wessen Schuld war das? Ihre?
    Ganz davon abgesehen… dieser elende Kerl nahm sich etwas heraus! Ihm passte ihr Charakter nicht? Warum hielt er sich dann nicht einfach von ihr fern? Nein, jemand wie er brauchte nicht bleiben oder wieder kommen oder auch nur eine Sekunde seiner Zeit mit ihr verschwenden! Was erlaubte er sich? Hatte sie ihm einen Grund gegeben, ihr soetwas an den Kopf zu werfen? Ganz sicher nicht. Das war nicht nur ein Teil seiner schlechten Erziehung, nein! DAS war pure Böswilligkeit. Er hatte gewusst, dass er sie damit treffen würde und er hatte es trotzdem gesagt.
    Ja, dann war ihr Charakter ihm eben zuwider!
    Marena presste die Lippen aufeinander und krallte die Finger in das kleine Retikül. Wie lange ging dieses Konzert noch? Frische Luft… konnte nicht irgendjemand diese götterverlassenen Fenster öffnen und ein wenig frische Luft herein lassen? Der Gestank von zu vielen unterschiedlichen Parfümen brachte ihre Nase zum Kitzeln.

    „…und jemandem, der ständig vom anderen aufgezogen wird.“
    Aaaaaaach. Wirklich? Aber das konnte auch schwerlich ihre Schuld sein. Sie zog ihn immerhin nicht ständig auf, sondern konterte nur seine dauernden Spötteleien! Was an all dem war ihre Schuld?
    Wenn er nicht mehr spotten würde, dann müsste sie ihm nicht andauernd antworten. Und wenn er sich einmal ein wenig zusammenreißen und sich weniger von seinen Vorurteilen leiten lassen würde, vielleicht, ganz vielleicht, hätte sie jetzt auch nicht das Bedürfnis sich bei dem Gedanken an ihr nächstes Aufeinandertreffen in die Vase kaum drei Meter entfernt zu übergeben.

    „Es funktioniert nicht zwischen jemandem, der den Charakter des anderen nicht mag und jemandem, der ständig vom anderen aufgezogen wird.“
    Und wie er sich auch noch erlaubt hatte, sich über seine Worte, über ihre Reaktion und seine absolut inakzeptable Impertinenz zu amüsieren! Es war eine Sache, ein wenig herum zu albern, ein wenig zu scherzen, aber mit einer solchen Festigkeit von ihrem Charakter zu sprechen, als wäre sie ein lächerliches dummes Ding, das keinerlei Respekt verdient hätte, das war eine ganz andere Sache!
    Natürlich vertrug sie ein wenig Spott, ein kleiner Schlagabtausch war doch reizvoll, konnte amüsant sein und nichts schärfte die eigenen rhetorischen Fertigkeiten mehr, als ein schönes Streitgespräch. Aber es gab Grenzen!
    Grenzen, die er nicht kannte, oder akzeptierte, oder noch schlimmer, die er aus Geringschätzung missachtete.
    Die Welt dreht sich nicht um mich, stellte die Baroness fest, die Nägel noch tiefer in den Stoff grabend. Das hat sie noch nie und wird sie nie, aber in diesem Fall, hat er michge persönlich angegriffen.
    Ein unverzeihlicher, dreister und unverschämter Kommentar. Selbst mit allem guten Willen und an Wintertag… eine solche Kränkung konnte und würde sie ihm nicht vergeben können. Nicht einmal einem guten Freund konnte sie eine derartige Kränkung vergeben!

    "Es ist schon schwer mit dir.“
    Unzweifelhaft war es das! Unzweifelhaft war sie ein Scheusal! Unzweifelhaft war sie die grauenvollste, vorlauteste, starrsinnigste Person in der ganzen Stadt und ausgerechnet er hatte so sehr unter gelegentlichen Gesprächen zu leiden, dass er sich herausnehmen konnte, dergleichen zu ihr zu sagen!
    Ein Knirschen.
    Hatte sie gerade wirklich mit den Zähnen geknirscht? Verdutzt wiederholte die Baroness die Bewegung und sah wie ertappt nach vorn.
    Sie hatte mit den Zähnen geknirscht, so sehr hatte sie sich geärgert! Nein. So sehr ärgerte sie sich immernoch.
    Herrje! Mochte endlich einmal jemand die Fenster öffnen? Wie hielten es nur alle in ihren Festroben aus? Es war viel zu warm und stickig in diesem Raum.

    "Es ist ein Misserfolg. Eine Schlappe für deinen Lehrer. Denn die Schülerin ist verletzt worden.“
    Noch so eine Aussage, die sie zur Weisglut trieb. Dem Pianisten hatte sich eine Sängerin angeschlossen. Zum Leidwesen der musikalisch versierteren Personen im Raum keine sonderlich Gute.
    Ihr war es mittlerweile egal. Musik und Gesang waren in den Hintergrund getreten, während sie sich in ihren stillen Wutanfall vergrub.
    Sie hatte Sibian helfen wollen! Sie hatte versucht einen Angreifer von ihm weg zu ziehen und das sie sich dabei erneut den Fuß vertreten hatte, das war nun einmal ein Kollateralschaden!
    Sibian. Sibian hätte sie kritisieren dürfen. Auch der Graf Caldwell oder Ben, deren Kritik hätte sie mit Handkuss entgegen genommen, hätte sie zweifellos bedacht. Nicht aber die Kritik eines Mannes der keine Ahnung davon hatte, was sie dachte, der keinen Nachteil davon hatte, dass sie versuchte ihre Familie zu beschützen. Niemand außer diesen drei Personen hatte das Recht, sich heraus zu nehmen, ihr zu sagen, dass ihr Eingreifen ein Misserfolg gewesen war.
    Es war kein Misserfolg gewesen! Sibian war unverletzt und ihr Fuß würde schon heilen. Er hatte Unrecht! Und mochte seine Kritik vielleicht auch in Teilen der Wahrheit entsprechen, im Ganzen hatte er den Mund zu voll genommen, hatte wieder einmal den Eindruck erwecken wollen, sie wäre eine Idiotin.
    Und warum? Weil er wollte, dass es so war! Die Götter bewahrten, dass er eines Tages würde einsehen müssen, dass sie nicht so dumm war, wie sein vermessenes, häusergleiches Ego ihm einzureden versuchte.

    "Aber wenn du irgendwann nicht mehr weiter kommst, weil du dich überarbeitet hast... oder sie dir den Fuß amputieren müssen, weil du ihn nicht hast heilen lassen. Dann werde ich dich herzlich auslachen."
    Und sie würde ihn auslachen! Für alles. Für jede kleine Wendung des Schicksals, die ihm ungelegen kam! Für jedes Mal, wenn an seinem Geburtstag der Himmel Wolken verhangen war, oder irgendjemand das letzte Stück seines Lieblingskuchen gegessen hatte, bevor er die Gelegenheit hatte es sich unter den Nagel zu reißen. Sie würde ihn auslachen für jede Vase die ihm zu Bruche ging und jedes Getränk, das er verschüttete. Sie würde lachen, würde sich abwenden und sich ein Stück eben jenes Kuchen backen lassen, nur um ihn ganz alleine zu verzehren, bis ihr schlecht wurde. Sie würde sich dieselbe Vase anfertigen lassen und sie gegen eine Wand werfen, sich dasselbe Getränk bestellen, um es in den nächsten Abfluss zu schütten! Dann würde sie lachen, wie er über ihr Scheitern lachen wollte.
    Wie konnte man nur so gehässig sein? Sich zu freuen, wenn jemand anders leiden musste? Sie hatte es ihm doch erklärt. So viel hatte sie ihm zu erklären versucht, hatte versucht ihm Einblicke in die Hintergründe zu gestatten, die sie sonst nur den wenigsten zu gestatten bereit war. Sie war sogar bereit gewesen, auf ihn zu hören, ihre Gesundheit betreffend und auch sonst seine Ratschläge zu beherzigen, wo sie doch sonst nur auf Sibians Ratschläge zu hören bereit war.

    "Ich könnte schreien bei der Art, wie du Prioritäten setzt.“
    Und sie? Sie könnte schreien, von all den lächerlichen, überzogenen Dingen, die er gesagt hatte. Sie könnte schreien, weil er einfach gegangen war, bevor sie ihn herausschmeißen konnte! Sie könnte schreien, weil er weg war, bevor sie ihm klar machen konnte, dass sie hoffte er würde nie wieder kommen!

    „Ob es mir gefällt oder nicht, deine gesamte Seele hängt an Götterfels und dem Ministerium.
    Du kannst doch nicht leugnen, dass du einen ganz anderen Lebensstil führen würdest, wenn du einen Bruchteil soviel Geld hättest. Und das sich damit auch deine Persönlichkeit verändern würde. Oder siehst du das anders?"
    Noch immer war niemand auf die Idee gekommen eines der Fenster zu öffnen und Angestellte… waren nicht in Sicht. Wenn sie nicht in der Mitte der ersten Reihe sitzen würde… sie würde aufstehen und das Fenster selbst öffnen… aber es ziemte sich nicht, die Aufmerksamkeit von den Musikern abzulenken.
    Es ziemte sich nicht einfach aufzustehen und in einem fremden Haus das Fenster zu öffnen.
    Wäre sie doch heute einfach einmal zu Hause geblieben… aber nein… zuhause würde sie ja auch nur ihrem gaaaanz anderen Lebensstil folgen. Sie würde auf ihrem Stuhl aus Gold sitzen und mit blattgoldverzierte Schwäne essen, mit ihrem aus diamanten geschliffenen Besteck und dem Platingeschirr!
    Genau so lebte sie doch. Und nach dem Abendessen würde sie gemütlich eine Runde über ihren See aus jahrzehntealtem Whiskey segeln!
    Natürlich. Das Geld machte alles aus! Sie wäre gewiss sture Ziege, wenn sie kein Geld hätte.
    Oh, vielleicht würde es ihm einfach besser munden, wenn sie sich durchgehend für Generationen an harter Arbeit und Geschäftssinn entschuldigte! Ob das mehr nach seinem Geschmack war? Oh bitte verzeiht. Ich habe soooo viel geerbt und passend angelegt. Schande über mein Haupt. Verzeiht, dass ich einen Teil davon ausgebe und nicht in einer Höhle lebe mit nichts als dem einen Kleid an meinem Leib. Bitte entschuldigt, dass es Armut gibt. Gewiss ist das meine Schuld. Ganz allein die Meinige! Meine Arbeit ist euch zuwider? Wenigstens habe ich etwas gefunden, an dem mein Leben hängt. Und wie mein Leben, meine Seele und mein Herz an der Arbeit hängen. Entschuldige, dass das Ministerium als Arbeitgeber nicht mundet. Und mein Lebensstil dir nicht passt. Entschuldige, aber es ist mir egal.

    "Ach? Es funktioniert nicht zwischen jemandem, der den Charakter des anderen nicht mag und jemandem, der ständig vom anderen aufgezogen wird? Das wird dir jetzt erst klar? Jede längerfristige Harmonie zwischen uns kann nur auf Schauspielerei fußen."
    Ja. Jetzt hatte selbst sie es verstanden. Applaus von allen Seiten, Begeisterung, Freude, Stühle rücken. Mechanisch trafen ihre Handflächen aufeinander, bevor sie aufsprang und so geziemlich sie nur konnte den Raum verließ. Den Raum, den Korridor das Anwesen.
    Was für eine Idiotin war sie gewesen, zu glauben, dass eine Freundschaft zwischen ihnen Bestand haben konnte? Was für eine Idiotin war sie gewesen, sich zu erhoffen, dass sie wirklich Freunde sein konnten, die einander gegenüber ehrlich waren?
    Aber so sehr sie sich auch an seinen Spott gewöhnt hatte, so wenig würde sie sich daran gewöhnen können, sich immer wieder grundlos von einem Mann ohne Taktgefühl kritisieren zu lassen.

    Kalte Luft schlug ihr entgegen, als sie die Türe aufriss. Kalte Luft und Regen, es war bereits dunkel, als hätten die Gedanken an dieses unsäglich frustrierende Gespräch jedes Licht aus der Welt gezogen. – Unerträglich dramatisch.
    Konnte sie jetzt einfach gehen? Hatten sich Blicke in ihren Rücken gebohrt? Oder war sie unauffällig genug gewesen, um sich im Stillen und ohne Verabschiedung zu entfernen? Ihr Blick hing an der Dunkelheit, suchte nach einer Antwort auf die vielen Fragen.

    Und dann ging sie wieder hinein. Weil es das war, was eine vernünftige, gut erzogene Dame tat. Und vielleicht auch, weil er sie dafür ausgelacht hätte, dass sie wieder zurück kehrte, obwohl sie lieber alleine durch die Straßen gewandert wäre.
    ""Ich mag diese Wand nicht."
    "Das nächste Mal fliehen wir nach dem Essen!"
    "Zu schade. Ich mochte diesen Stein."

    ~ Marena Éconde


Kommentare 5

  • Lianne -

    Was für ein unverschämter Unhold!
    *holt den Besen*

    • May -

      Hehehe!
      Was wäre die Welt langweilig, wenn man sich nicht über die unverschämten Unholde echauffieren könnte. :DDDD

    • Lianne -

      Ein bisschen langweiliger!

  • Travon -

    Schöner Einblick. Sehr greifbar, sehr gut nachvollziehbar, ihre sich steigernde Wut. Der Frust, die Unzufriedenheit, auch dieses Ungerechtigkeitsempfinden, das ihre Gedanken da immer weiter treibt. Persönlich hatte ich am Ende viel Respekt dafür, dass sie wieder reingegangen ist.
    Ein flüssig geschriebener, authentischer Text mit ebensolchen Gefühlen. Hat mir gut gefallen.

    • May -

      Danke^^

      Ich war lange am Überlegen ob ich sie wieder hinein gehen lasse, es war tatsächlich eine kleine Überwindung, weil sie früher einfach hinaus gestürmt wäre, oder gar nicht erst bis zur Türe gekommen wäre.

      Schlussendlich.. hat sie mir aber keine Wahl gelassen. Auch an Frust und Gegenwind wächst man, selbst wenn das eine Lektion ist, die man selbst erst noch lernen sollte.

      Ich freue mich sehr, dass es dir gefallen hat :))