Von Düfte und Erkenntnissen

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  • "Das Klingeln einer kleinen Messingglocke über der Tür, verriet mein Eintreten in das kleine Antiquariat. Der Ton zauberte mir ein Lächeln auf meine Lippen. Ich schloss die Tür hinter mir, drehte mich mit geschlossenen Lidern in das Geschäft und sog die Luft des Laden förmlich in mich hinein, es war der Duft vergangener Leben. Viele würden den Geruch als muffig bezeichnen, für mich war es eine Komposition aus unzähligen wissbegierigen Lesern, wie ich eine bin.
    Ein neues Buch roch eher stechend und ein bisschen säuerlich von der Leimung. Dieser Duft verfliegt irgendwann.
    Um so länger ein Buch in Besitz einer Person ist, nimmt es nach und nach den Geruch des Eigentümers, seines Hauses und seines Lebens an, dazu kam die Note des Zersetzungsprozess von Papier und den dazugehörigen Einbänden.
    Immer wieder glaubte ich auch Vanille und Gras dazwischen zu riechen. Den Dunst von Staub sog ich nur zu gerne mit in mich hinein, immerhin gehörte er dazu wie ein Zahnrad zu einer Uhr.
    Wenn man mir in einer Stadt sagen würde immer der Nase nach, würde ich am Ende mit großer Sicherheit vor einem Antiquariat, einem Archiv oder einer Bibliothek stehen.
    Ich weis nicht wie lange ich gerade in diesem Geschäft stand, bis ich meine Augen öffnete und den Verkaufsraum gänzlich betrat.
    Mein Blick fiel auf die Frau hinter dem Tresen, die in einen dicken Wälzer vertieft war. Ihr Haar war an den Seiten graumeliert und ich fragte mich bei jedem Besuch hier, wie viele Bücher sie schon in ihrem Leben gelesen hatte. Auf ihrer Nase thronte eine dicke Hornbrille, die ihr dabei half all die zukünftigen Lektüren verschlingen zu können.
    Ohne das sie aufblickte, grüßte sich mich mit meinem Namen. Wie immer erkannte sie mich bereits an meinen Schritten, die mich zu ihr führten. Freundlich erwiderte ich den Gruß und machte mich daran die mit Büchern befüllten Regale abzuwandern. In einem Antiquariat schien für mich die Zeit anders zu vergehen, alles war alt, zersetzte sich langsam und trotzdem gab es diese Ruhe, die einem das Gefühl gab die Zeit stehe still.
    Ich flanierte regelrecht durch die Gänge, umgeben von Regalen voll mit Romanen, Sachbüchern, Lyrik, Märchen, Sagen, Biografien und Nachschlagewerken. Es war eine Reise durch Wörter von unterschiedlichsten Menschen.
    Mit meinem Zeigefinger fuhr ich andächtig über einige der Buchrücken, ich fuhr die Prägungen nach, bis meine Aufmerksamkeit auf eine Kiste am Boden viel. Die Aufschrift darauf schockierte mich im ersten Moment. `Zu verschenken´ stand in blauer Schreibstift auf dem Karton.
    Als hätten diese Bücher keinen Wert mehr? , dachte ich mir und beugte mich neugierig zu der Kiste.
    Sie war voll mit verlebten Büchern, würden böse Zungen sagen. Die Buchrücken waren teilweise gebrochen, die Einbände abgegriffen, das Papier der Seiten war rissig und mit Eselsecken versehen. Hier und da waren ganze Textpassagen markiert.
    Es handelte sich dabei um unterschiedliche philosophische Abhandlungen, über verschiedene Lebenseinstellungen und Ansichten. Ich nahm mir die Zeit alle Titel zu lesen und durchblätterte die Druckwerke und überflog einige Seiten.
    Es konnte wenige Minuten oder Stunden so vergangen sein, ich wusste es nicht und hatte auch kein Gefühl dafür.
    Dann griff ich nach der Kiste und trug sie zum Tresen. Die alte Dame blickte auf und lächelte mir zahnlos entgegen. „Die Publikationen kosten nichts, ich wünsche ihnen viel Freude damit.“, sagte sie in einem verwaschenen, ascalonischen Akzent. Die Frau wusste das ich jedes einzelne Buch lesen würde, nicht nur um das Wissen darin zu erlangen. Nein, weil sie mir dazu noch ihrer ganz eigene Lebensgeschichte erzählten, die ich mehr als wertschätzte. Ich würde ihnen ein Zuhause geben und so ein Teil ihrer Lebensgeschichte werden.

    Am Abend prasselte der Regen gegen die Fensterscheibe meines Zimmers, ich saß mit einer warmen Tasse Tee auf dem Lesesessel, vor mir die Kiste mit den Büchern. Das Wetter war unschön und ich hatte es mir mit meinen neuen, bereichernden Errungenschaften gemütlich gemacht.
    Ohne hinzusehen, zog ich das erste Buch heraus. Der Titel: „Die Philosophie der Stoiker“ Ein Schaudern ging durch meinen Leib, es konnte kein Zufall sein, das mir dieses Buch als erstes in die Hände fiel. Jeder Mensch kannte einen der immer stoisch drein blickte und alles lieber mit etwas Abstand betrachtete. Mir vielen sofort gleich zwei Männer ein, die zu diesem Titel gepasst hätten. Ich fragte mich schon lange warum sie so waren und war schon in dem Antiquariat überrascht das es darüber sogar Bücher gab. Meine Neugier trieb mich an. Ich wollte wissen was dahinter steckt. Warum man sich entschließt zu erkalten oder wie ich gerne sagte zu versteinern?
    Behutsam strich ich über den Einband, als wäre dies ein kostbarer Schatz.
    Nach ein paar Herzschlägen öffnete ich es, auf der ersten Seite stand eine Widmung in einer maskulinen Handschrift. Einige Buchstaben waren verblasst und so reimte ich mir zusammen das dort:
    „Für meine geliebte Frau Cynthia! Weil du mich nie verändern wolltest.“, stand. Ich hob das Buch zu meiner Nase und roch daran, einen Tick den ich bei jedem Buch tat, bevor ich es las. Es begann mit folgenden Sätzen:
    „Missgunst, Eifersucht, Trauer oder Habgier sind das Material aus dem Dramen und Tragödien entstehen. Schon immer übernehmen diese und andere Gefühle die Kontrolle über die Menschheit und trüben den Blick auf das Wesentliche im Leben. Die Philosophie des Stoizismus ist die Kraft ein Leben ohne zerstörerische Emotionen zu führen, Voraussetzung dafür ist eine ausgeprägte Affektkontrolle.....“ Es waren diese ersten Zeilen die mich das Buch nicht mehr aus der Hand legen ließen und es war das Buch das meine Sicht auf diese Menschen völlig veränderte. Tagelang dachte ich über das Gelesene nach und wie falsch ich mit all meinen Gedanken über Stoiker lag. Ich hatte das Gefühl sie endlich zu verstehen und bewunderte sie sogar auf den verschiedensten Ebenen. Es war eine sehr disziplinierte Lebenseinstellungen. Es war ein Leben des Verzichts, die Beherrschung der Leidenschaften, indem der Einzelne seine Gefühle auf Eis legt. Es ging ihnen um Beständigkeit, um Halt und Sicherheit in einer haltlosen und unsicheren Welt. Das war die größte Stärke des Stoiker. Sie erlangten eine Gelassenheit und innere Ruhe dadurch, welche ich nur im Tanz fand. Ich beneidete sie um ihre Selbstkontrolle die zur Zufriedenheit in meinen Augen führte."

Kommentare 6

  • Travon -

    Welche zwei Männer ihr da wohl eingefallen sind?
    Schön geschrieben, wenn auch bisweilen etwas sprunghaft diesmal. Aber vielleicht war das ja gewollt.