Das Herz

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  • Das Herz


    Es pulsierte, durchdrungen von der Magie des Labyrinths, seine Adern leuchteten Purpurrot. Dicke Äste in Form eines Rippenbogens schlossen es ein, beschützten es: das Herz von Glenn Vanhoven. Don hatte es seinem Vater damals entrissen und hielt es seither künstlich am Leben. Es war seine Hoffnung, seine Hoffnung darauf, nicht zu sterben, bevor er einen Erben gezeugt hatte. Es war seiner Genetik so ähnlich, dass sein Körper es nicht abstoßen würde, aber Glenn's Herz war verderbt; darin steckte ein Dorn. Wenn Don es an sich nahm, dann riskierte er, dass all seine Menschlichkeit mit seinem eigenen schwachen Herzen starb und er unausweichlich den selben Schicksalsweg gehen würde wie sein Vater, den Weg zu einer Regentschaft des Schreckens.

    "Dir läuft die Zeit davon," sprach Olivia sanft einige Schritte entfernt in Don's Rücken.

    Der Feenprinz drehte den Blick nur halb über die Schulter zu seiner Schwester zurück. Er hatte sie herbestellt, hier hinunter, in das Labyrinth von Eichenbruch. Niemand sonst kannte diesen Ort, er war geheim und intim.

    "Du möchtest, dass ich es dir implantiere?" riet Olivia indem sie näher an ihn heran trat. Die Nekromantin rechnete mit diesem Wunsch, seit sie das Herz bei ihrer Gefangenschaft im Labyrinth gefunden hatte.

    "Es geht nicht," sagte er sanft und zerrissen. "Ich will nicht werden wie Vater."

    "Aber die Alternative ist der Tod, Don," hauchte Olivia aus und umarmte seinen Rücken.

    Sie schwiegen beide eine lange Zeit.

    "Hast du eine andere Idee?" erbat sich Don schließlich von seiner Schwester. Es war selten, dass er ihr gegenüber Schwäche zeigte. Doch seine Naturmagie hatte versagt, er konnte den Dorn nicht entfernen, ohne das Herz unbrauchbar zu machen.

    Olivia löste sich und trat langsam und ergeben an den verästelten Rippenbogen heran, beschaute sich Don's Werk. Es war eigenartig das Herz ihres Vaters so zu sehen, am leben, wo sie ihn doch schon längst beerdigt hatten. Doch sie fasste die Zweige an, schloss die Augen und versuchte eine magische Verbindung zu dem Konstrukt einzugehen, dem Labyrinth, dem Herzen, dem Dorn der Verderbnis. Sie analysierte alles mit ihrer nekrotischen Kraft um eine Lösung für Don zu suchen. Sie war es ihm schuldig, schließlich hatte sie ihn krank gemacht; er war nur so, weil sie versucht hatte ihn zu vernichten, bereits im Mutterleib. Diese Schuld saß tief.

    Don indes tigerte ein wenig in ihrem Rücken hin und her, sah immer wieder zu ihr. Sie hatten einander in der Vergangenheit nicht immer vertrauen können und auch jetzt war er sich nicht sicher, ob es klug war, sein Leben in ihre Hände zu legen, aber er hatte keine Wahl.

    Olivia war durchdrungen von Kräften, selbst ihre Augen leuchteten nun Purpur. Sie war weit fort. Das Labyrinth schenkte ihr einen Traum. Einen Traum, der ihre apathischen Augen tränen ließ.

    "Olivia?" Don hatte es bemerkt und trat eilgeschwind an sie heran. "Olivia!" Er wollte es abbrechen, aber er wusste nicht wie. Sie gewaltsam aus dem Traum zu reißen konnte irreparable Schäden an ihrem Geist verursachen. So packte er kurzentschlossen nach den Zweigen, er wollte ihrem Traum bei treten. Doch weder das Labyrinth noch Olivia ließen es zu.

    Dann ließ ein Geräusch ihn herum fahren, der Rippenbogen um Glenn's Herz öffnete sich.

    "Olivia, was tust du da? Olivia?"

    Sie antwortete ihm nicht.

    Don konnte beobachten, wie der Dorn der Verderbnis erglühte und sich Zentimeter um Zentimeter hinaus bewegte, während Glenn's Herz immer noch kräftig schlug.

    Sein Schrecken wich Euphorie. Gebannt sah er zu, wie sie vollbrachte, was ihm in all den Monaten nicht gelungen war.

    Doch dann wurde der Dorn plötzlich zu einem Geschoss, das Olivia's Herz durchtrieb. Es ging so schnell, so unfassbar schnell, dass Don es nicht verhindern konnte. Alles was er sah, war ihr sich aufbäumender Körper.

    "NEIN!" rief er fassungslos.

    "Du wirst leben, Bruder," sagte sie, klang aber immer noch weit weg.

    Er stürzte zu ihr, rahmte ihr Gesicht, berührte auch fahrig die Stelle, wo der Dorn eingefahren war, aber er war nicht mehr zu sehen. Seine Augen schillerten feucht.

    "Was hast du getan?" heischte er sie an, bedachte sie aber immer noch mit fahrigen Gesten der Liebe.

    "Vater's Herz gereinigt, jetzt kannst du es nehmen, Don. Du kannst einen Erben zeugen und wirst genug Zeit haben, ihn aufwachsen zu sehen." Sie lächelte ihn an, warm. "Aber der Dorn wird mein Herz vergiften, immer mehr. Versprich mir, dass du mich tötest, sollte ich eine Gefahr für die Familie werden."

    "Ich verspreche es dir," hauchte er aus, zutiefst ergriffen und dankbar über ihr Opfer.


    ____

    Happy birthday, Harlem!! <3
    Lebe, liebe, lache und ruf auch mal die Oma an!

    <3

    We're all bad in someone's story.

Kommentare 20

  • Wölli -

    Kann bitte jemand Olivia retten!?

  • Thalaniel -

    Nach alldem... Was seine Schwester aus Neid, Wut, Unwissen oder aus dem Trieb der pflanzlichen Zerstörung in ihr Don angetan hat, ist nun ein steter Wandel und Einsicht gekommen. Sie weiss um ihr Schicksal und dem Haus Eichenbruch einen Nachfolger zu ermöglichen, ist sie selbstlos und vielleicht auch in einigen tiefstverborgenen Ecken noch machthungrig genug, um sich den Dorn einzuverleiben. Der Dorn, welcher einst ihren Vater zu einem wandelnden Monster auf zwei Beinen gemacht hat, nur noch dem Bann der Blume verfallen. Ist es lachhaft ironisch, dass Olivia Nekromantie beherrscht aufgrund ihres Zerstörungstriebs, während Don der Naturmagie und damit sich dem Leben verschrieben hat? Das wird in den folgenden Geschichten ein seelisches Desaster geben, spätestens, wenn der Dorn Olivias Gemüt mehr und mehr in purpurner Wut taucht und sie dem Wahn verfällt, wie einst ihr Vater. Dass Olivia allerdings durch die Hand ihres Bruders sterben möchte, ist wiederum ein Opfer, welches von Seiten Dons ausgeführt werden muss... Sie nimmt den drohenden Tod in Kauf für ein gesundes Herz für ihren Bruder, der so viel mehr erleiden musste durch sein Wissen, während er ihren Tod handhaben wird. Ich freue mich, deine Geschichten weiterzulesen. <3

    • Motte -

      Und ich freue mich, dass du sie liest! Ernsthaft, deine Kommentare sind Poesie in sich. <3

  • Diadrah -

    Ich freu mich. <3

  • Annabelle E. -

    Was bitte ist hier denn nun passiert. Wow.

  • Wölli -

    Oh nein....Gott dass macht mich richtig traurig.

  • Adelina -

    Von nun an muss sich wohl die Adelina endgültig von ihr fernhalten :)

  • Amnesyas -

    Oh... mein... Gott...

  • Harlem -

    Danke. *Weint ein bisschen wegen der Geschichte.* ♥️

    • Motte -

      Celeste darf ihren Don behalten! <3

      Für Olivia sieht es aber etwas ungemütlich aus. x'D

  • Margos -

    Wow... alles sehr verwirrend, Aber dennoch gut geschrieben!