Verluste - Löwenstein

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  • Verluste



    „Scheiße...“ Fiora faucht das Wort nahezu aus zusammen gepressten Zähnen heraus. Den Brief zerknüllt sie beinahe erneut in der sich schließenden Faust. Für einen Moment schließt sie ebenfalls ihre Augen und atmet tief die salzige Luft des Meeres ein. Stößt diese kurz darauf wieder scharf heraus. „Ich mochte die Arbeit dort...“



    Die Sonne steht bereits tief über dem glatten Horizont. Mit den letzten, kräftigen Strahlen taucht die Sonne den Himmel in ein tiefes Orange. Lediglich vereinzelt halten sich dickere Wolken am Himmel. Möwen kreischen in der Nähe, heben über das Wasser hinweg ab und setzen sich einige hundert Meter am Strand entlang auf ein altes Ruderboot. Der Wind weht beständig, doch vollkommen ruhig. Eine sanfte Meeresbrise, welche das Salz und den Geruch des nahen Meeres mit sich trägt.

    Fiora atmet die Luft tief ein, während sie auf einem alten Stamm sitzt, welcher schon vor einer Ewigkeit hier am Strand platziert wurde. Sie hatte die Stiefel abgestreift und sich im Schneidersitz auf dem Stamm niedergelassen. Die Waffen seitlich im Sand liegen lassend, hatte sie sich somit nahezu von jeglicher nervenden Fracht befreit. Nur eine Sache hält sie noch bei sich. Eine Sache, die sie nervt, belastet und welche sie nicht so einfach ablegen und ignorieren konnte. Einen Brief. Adressiert an sie. Der Absender stammt vom Durstigen Raben. Sie konnte es sich bereits denken. Die Gerüchte, welche in den letzten zwei Tagen die Runde in Löwenstein gemacht haben, ließen kaum einen Zweifel für sie übrig. Die zwei ermordeten Männer, welche man in Löwenstein aufgefunden hatte, passten von der Beschreibung zu zwei Männern, welche sie kennen gelernt hatte. Und ihren Lohn erhielt sie sonst immer auf die Hand, statt mittels eines Briefes. Ganz zu schweigen davon, dass es gerade auch zu früh für eine Bezahlung wäre. Somit stand der Inhalt des Briefes bereits für sie fest. Ohne, dass sie ihn bisher geöffnet hatte.

    Erneut atmet sie tief durch und hebt den Brief dem Sonnenuntergang entgegen. Die kräftigen Strahlen dringen durch das Papier und erleuchten das Innere. Wirklich keine Münzen. Den Brief in die linke Hand nehmend, greift ihre rechte Hand nach der im Sand stehenden Flasche. Es fehlt bereits ein Viertel. Sie hatte die Flasche bereits auf dem Weg hierher geöffnet und probiert. Hat sie für gut genug empfunden, um sie zu behalten. Nun dient die Flasche schlichtweg als Beistand. Man bekommt den Flaschenhals zu fassen und hebt die Flasche aus dem Sand. Der halb trockene und halb feuchte Sand klebt teilweise an der Flasche. Rieselt teilweise wieder herab. Mit den Zähnen klemmt sie den Korken ein, zieht jenen heraus und lässt ihn achtlos fallen. Er kullert gegen ihren Mantel, rollt daran herab und landet lautlos im Sand. Fiora nimmt einige Schlucke der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Erschaudert kurzerhand und stellt die Flasche in die Kuhle im Sand zurück, wo sie vorher stand. Man wischt sich mit der rechten Hand die vollen Lippen etwas ab, streicht das goldene Haar zurück und öffnet den Brief.

    >>Meine lieben Angestellten, mit unendlich Trauer im Herzen muss ich euch über das überraschende und viel zu frühe Ableben meines Mannes Vincent Tesgard und meines Geschäftspartners Maven Fenris informieren.<<

    Sie hatte die ersten Zeilen gelesen und stoppte. Ihre Befürchtungen wurden mit dem Lesen des Briefes bestätigt. Die rechte Hand greift das Papier etwas fester. Zerknautscht die Seite und macht die Schrift für den Moment unleserlich. Dann öffnet sie die Hand wieder und atmet durch. Sie spart sich weitere Worte. Hebt sie sich auf, bis der Brief und die damit einhergehende Nachricht komplett gelesen wurde.

    „Scheiße...“ Fiora faucht das Wort nahezu aus zusammen gepressten Zähnen heraus. Den Brief zerknüllt sie beinahe erneut in der sich schließenden Faust. Für einen Moment schließt sie ebenfalls ihre Augen und atmet tief die salzige Luft des Meeres ein. Stößt diese kurz darauf wieder scharf heraus. „Ich mochte die Arbeit dort...“ Sind ihre nächsten Worte auf die Nachricht im Brief hin. Nun endlich kann sie das Papier zur Seite legen. Stattdessen findet erneut die Flasche ihren Weg zu ihr. Aus dem Sand gefischt und kurz befreit vom Sand, legt sie die Öffnung erneut an ihre Lippen. Die nun folgenden Schlucke kommen mit Wut und Frust einher.

    Es dauerte mehrere Minuten, bis Fiora sich einigermaßen wieder besonnen hatte. In einer Abwechslung zwischen Fluchen, Trinken, noch mehr Fluchen und Verbitterung, hatte sie ihrem Frust freien Lauf gelassen. Sie war alleine am Strand. Und selbst wenn nicht, hätte es sie nicht gekümmert, wer ihr zugesehen hätte. Die Sonne ist mittlerweile hinter dem Horizont verschwunden und hat der Nacht den Himmel überlassen. Die Wellen brechen dunkel am Strand, lassen das Wasser einige Meter auf den Strand spülen, ehe es wieder zurück läuft. Fiora löst sich von dem Stamm und tritt dem Wasser entgegen. Kurz entfacht sich eine Lichtquelle nahe ihres Gesichtes, als sie sich eine Zigarette ansteckt. Das Feuerzeug erlischt und zurück bleibt das glühende Ende ihres Konsumguts. Einige weitere Minuten lang steht sie in der Brandung. Spürt das Wasser immer wieder um ihre blanken Knöchel streifen, während ihr Gesicht vom Glimmen des Glühstengels leicht erhellt wird.

    „Ich hatte angenommen, dass man mich aus anderen Gründen irgendwann heraus wirft. Aber ich hätte nie erwartet, dass es so kommen würde.“ Sie schnauft und schnippt den Rest der Zigarette in Meer vor sich, während sie zu sich selbst spricht. „Naunet tut mir Leid. Auch wenn ich wenig außerhalb der Arbeit mit ihr und den Anderen zu tun hatte. Sie waren die Ersten, bei Denen ich gerne gearbeitet habe.“ Sie schnauft tief durch und brummt die Worte. Der Blick wandert von den ersten Sternen des Nachthimmels herab zur Flasche in ihrer linken Hand. Einen Moment lang überlegt sie. Dann wird die Flasche wieder empor gehoben.

    „Auf Wiedersehen Maven und auf Wiedersehen Vincent.“ Spricht sie leise und dreht die Flasche herum. Plätschernd lässt sie den restlichen Inhalt der Flasche in das Meer laufen. Ihre rechte Hand hat sich in eine Tasche ihres Mantels verkrochen und sie schweigt, während der Inhalt ins Meer fließt. Erst als der letzte Tropfen herabgefallen war, dreht sie die Flasche wieder nach oben und atmet durch. “Schade, dass es alles so zu Ende gehen musste.“ Damit holt sie aus und wirft die Flasche weit hinaus. Man hört sie die Wasseroberfläche durchbrechen und tiefer eintauchen. Gewiss wird sie am Morgen wieder am Strand angespült worden sein.

    Einen kurzen Moment noch blickt Fiora den Wellen nach, die sich vom Eintauchpunkt der Flasche aus ausbreiten. Dann wendet sie sich ab und steuert den Stamm an. Man greift den Brief und verstaut ihn rasch im Mantel. Ganz so, als wolle sie keinen weiteren Blick darauf werfen. Aus Frust? Oder aus Angst nun doch noch eine Träne zu vergießen? Sie wollte sich die Frage selbst nicht beantworten und beließ es dabei. Die Waffen fanden ihren Weg zurück an ihren Körper. Dann schnappt sie sich ihre Stiefel und geht los. Morgen, wird sie sich was Neues suchen müssen...
    "Stürzt der Mensch in Dunkelheit, sehnt er sich nach einem Licht. Egal wie schwach es auch schimmern mag. Egal wie klein es auch sein mag. Denn Licht bedeutet Hoffnung."

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