
Das Grau der Morgendämmerung war bereits von den ersten zarten goldenen Strahlen der Sonne vertrieben worden, als der junge Sommermorgen sich über die Gendarran-Felder ausbreitete. Marisol war endlich zurückgekehrt, die letzten Stunden hatte sie auf dem Pferderücken zugebracht, durch die Wälder und über die Felder jagend. Auch wenn nicht die Freude am Ausritt sie hinausgetrieben hatte.
Die Dienerschaft hatte ihren Blick gemieden, als sie das Anwesen wieder betreten hatte, doch sie konnte die Blicke spüren, die sie ihr hinter dem Rücken zugeworfen hatten. Die Angestellten waren emsig damit beschäftigt, die Reste der geplatzten Verlobungsfeier zu beseitigen. Ihrer Verlobungsfeier. Blumenschmuck wurde entfernt, das Essen war bereits lange abgetragen worden. Tische wurden gerückt und wieder in den Raum geschafft, der die Möbel für Feierlichkeiten beherbergte. Und doch verspürte sie nicht einmal das Mindestmaß an Reue. Nur die Hoffnung, dass der Mann, der um ihre Hand angehalten hatte, mitsamt seinem Gefolge den Gästeflügel bereits verlassen hatte, um seine Rückreise anzutreten.
Sie selbst hatte sich ein Bad bereiten lassen, sich aus ihrer dreckigen Kleidung geschält und den Staub und Schweiß der letzten Stunden abgewaschen. Und nun saß sie auf dem gepolsterten Stuhl vor ihrem Schminktisch, der überladen war mit luxuriösen Cremes, Düften, Seren und den kleinen Töpfchen, die die Farbe für Lippen, Wangen und Augen beinhalteten. Müßig griff sie nach der Bürste, um ihre Haare zu entwirren, bis sie wie flüssiges Pech über ihre Schultern fielen, während sie ausdruckslos ihr Gesicht betrachtete. Mit siebzehn Jahren war ihr Spiegelbild ein merkwürdiges Zwitterwesen zwischen Jugend und unerbittlichem Erwachsensein. Die hohen Wangenknochen zeichneten sich bereits scharf ab und verliehen ihr eine Gravität, die man sonst erst bei älteren Frauen sah, während der Mund noch die weiche Fülle eines jungen Mädchens trug. Ihre bernsteinfarbenen Augen schimmerten ernst, beinahe zu ernst für ihr Alter, und doch lag um die Wimpern herum noch ein Rest von Unschuld, der wie eine Erinnerung wirkte. Es war ein Gesicht, das ahnen ließ, dass Kindheit und Leichtigkeit ihr längst entrissen worden waren – und zugleich versprach, dass aus dieser Härte etwas gänzlich anderes reifen würde.
Das Klopfen an ihrer Tür war herrisch. Ein Besuch, den sie durchaus erwartet und gleichsam gefürchtet hatte. Noch ehe sie Einlass gewähren konnte, wurde die Tür aufgestoßen und ihr Bruder, Oberhaupt der Familie, betrat den Raum. Die Tür fiel geräuschvoll hinter ihm ins Schloss. Wenigstens hatte er nicht seine gefürchteten Hunde mitgebracht. Wie hießen sie doch gleich? Pech und Schwefel? Not und Elend? Sie hatte das Geflüster gehört, dass er sie gerne auf widerspenstige Diener hetzte.
Marisol zog den seidigen Morgenmantel um ihre Schultern, machte sich aber nicht die Mühe aufzustehen oder gar den Blick zu ihm zu wenden. Sie sah ihn sehr genau in dem Spiegel, der auf ihrem Schminktisch stand. Und sie spürte, als er sich hinter sie stellte. Schon wenn sie standen überragte er sie. Jetzt, da sie saß, wirkte er wie ein sich auftürmendes Gewitter hinter ihr, was sie zu einem müden Lächeln brachte. Ein passendes Bild, wenn man sein Gesicht betrachtete, die drohend zusammen gezogenen Augenbrauen, die Augen, die vor Zorn dunkler wirkten. Die verkniffenen Lippen. Fünfzehn Jahre älter als sie war er früher wie ein wirklich guter Bruder gewesen. Auch wenn er ihr immer das beste Stück Honigkuchen geklaut hatte. Heute versuchte er ihr immer wieder sehr viel mehr zu nehmen. Und manchmal gelang es ihm.
Er legte die Hände auf die Lehne ihres Stuhls und sie betrachtete die Spiegelung dieser Geste. Immerhin nahe genug an ihrem Hals, um sie zu erwürgen. Auch wenn dieser Gedanke nichts weiter in ihr auslöste. Er mochte viele Grausamkeiten an den Tag legen, doch er hatte nie die Hand gegen sie erhoben. „Es wäre mir eine Freude, wenn du unsere Familie nicht immer wieder solchen Demütigungen aussetzen würdest.“ Seine Stimme war schneidend und Marisol versuchte sich vorzustellen, wie er am gestrigen Abend ihrem Verlobten hatte mitteilen müssen, dass sie das Anwesen verlassen und sich den Feierlichkeiten entzogen hatte. Sie spielte mit der Bürste in ihren Händen, um ihrer Anspannung irgendwie Raum zu geben. Durch den Spiegel sah sie ihn an und ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, das so grotesk aufgesetzt wirkte, dass sie wusste, es würde seine Laune nicht besänftigen.
„Ich sagte dir bereits, dass ich für derlei Arrangements nicht zur Verfügung stehe, lieber Bruder.“ Ihre Stimme glich einem leisen Singsang, auch wenn ihr Inneres sich zusammenkrampfte. „Es hat mich ehrlich gesagt erstaunt, dass die Ställe unbewacht waren.“ Immerhin war das bereits die zweite Verlobung, der sie sich auf diesem Weg entzog.
Ihr Bruder hielt ihren Blick durch den Spiegel fest, während er sich drohend zu ihr hinabbeugte. Seine Stimme klang wie Kohle, die über ein Waschbrett schabte – ein Raspeln, das ihr Ohr reizte und ihre Haut frösteln ließ. „Ich werde es mir für das nächste Mal merken, liebe Schwester.“
Er würde also nicht aufgeben. Einen Augenblick lang verrieten ihre Augen mehr, als sie wollte: ein heller Schimmer von Panik, wie ein Riss im Glas. Er sah ihn, er erkannte ihn – und in diesem Wissen lag seine Macht. Doch ebenso schnell, wie er erschienen war, glättete sie ihn fort. Die Lippen pressten sich zusammen, das Kinn hob sich in einer stummen Herausforderung, und ein Ausdruck von eisiger Entschlossenheit legte sich über ihr Gesicht. „Das wagst du nicht noch einmal.“ Ihre Stimme zischte, scharf wie ein Dolch, den sie zwischen sich und ihn hob.
Er klopfte sacht auf die Lehne des Stuhls, ein zufriedenes Lächeln auf den schmalen Lippen, als er sich wortlos abwandte. Und sie starrte sein Spiegelbild an, als er ihr Zimmer wieder verließ.
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