
Die Nacht hing still über den Gassen von Götterfels. Es war bereits spät, als sich Noel von Dorn auf den Heimweg machte. Allein – und vergleichsweise nüchtern. Der Abend war weniger nach seinem Geschmack, und das ganz wortwörtlich. Das Bier schmeckte fahl, die Frauen wirkten gelangweilt, die Männer hitzig. Noel erinnerte sich an nur wenige Abende wie diese. Und doch nahm er sie hin.
Stattdessen schlenderte er wie ein Schatten durch die Straßen, die Hände locker auf dem Rücken verschränkt, die Schritte leicht, fast tänzelnd, unverbindlich. Dieser Mann bewegte sich nicht wie ein Baron von Dorn – von der Strenge, der Härte und Unbarmherzigkeit seiner Brüder war in seinem Gang nichts zu spüren. Kein Wunder, das manch nahe Verwandte zweifelten, ob er tatsächlich der Sohn seines Vaters war. Eine Unverschämtheit, diese Behauptung! Und doch kannte die Antwort wohl nur seine (selbstredend empörte) Mutter.
Noels Blick glitt an Fassaden, Balkonen und den dunklen Fenstern vorbei, als lausche er einer stummen Musik, die nur er hörte. Vielleicht wartete er nur auf den nächsten Skandal, einen lautstarken Streit, eine heimliche Liebelei zwischen engen Häusern, einen Überfall – nur nicht auf ihn. Er hatte kein Problem damit, den Münzbeutel zu leeren. Sein Leben aber war ihm recht lieb geworden. Bei aller Leichtfüßigkeit achtete Noel daher dennoch auf seine Wege – und mied zumindest in dieser Nacht die veruchtesten Ecken der Stadt.
Er bog gerade auf einen kleineren Marktplatz ein, als er eine ältere Frau an dem alten Steinbrunnen sitzen sah. Ihr Rücken war gebeugt. Sie trug ein Tuch um die Schultern, die Hand ausgestreckt. „Nur ein paar Kupfer, Herr…“ Ihre Stimme war rauchig, leicht krächzend. Die Nächte wurden langsam kälter. Noel blieb stehen. Seine Augen lagen für einen Moment auf ihr. Was wohl ihre Geschichte war? Ob sie viel in dieser Nacht bekam? Der Blick wanderte zu einer umgedrehten Mütze, in der zwei Münzen und ein Knopf lagen. Kein guter Abend. Auch wenn der Baron sich keine Gedanken um sein Frühstück machen musste, wusste er doch, dass das kaum für ein frisches Brot reichte. Er lächelte, griff in die Tasche und ließ eine Münze klimpernd in ihre Hand gleiten. Ein flotter Spruch lag ihm schon auf der Zunge, ein höfliches Wort, das alles leicht machte – er schluckte ihn runter und ging weiter. Wenige Schritte, dann wurde er langsamer - bis Noel stehenblieb. Etwas zog ihn zurück. Mit einem Seufzen, fast wie ein stilles Eingeständnis, drehte er wieder um.
„Verzeiht mir“, sagte er schmunzelnd – nicht das gleiche verspielt-charmante Schmunzeln, dass er sonst trug. Nein, dieses war echter, mit einem Hauch Schwermut darin. „Ihr verdient ein gutes Frühstück. Und warmen Tee…“. Diesmal legte er zwei Silberstücke in ihre runzlige Hand. Das überraschte Glitzern in ihren Augen war Antwort genug. Noel nickte leicht, als hätte er nur eine kleine Schuld beglichen, und ging weiter.
Gasse um Gasse verstrichen und mit jeder Abbiegung kam die Leichtigkeit ein Stück weit zurück. Sogar ein leises Summen gesellte sich dazu. Seine Füße führten ihn an einer kleinen, von Laternenlicht erhellten Nische vorbei. Dort saß ein junger Mann auf einem Hocker, ein Skizzenbuch auf den Knien, der Kohlegriff zwischen schlanken Fingern. Er zeichnete die Umrisse der Häuserzeile, die Laternen, das Pflaster – hingebungsvoll, als gäbe es nur diese Linien und Schatten. Noel blieb stehen. Der Mann nahm ihn nicht einmal wahr. Er nutzte die Zeit, sich jene Skizze anzusehen. „Ihr fangt das Licht ein, als wolltet Ihr es für Euch behalten“, bemerkte er schließlich schmunzelnd.
Der Künstler blickte auf, blinzelte überrascht – und ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen. „Vielleicht tue ich das.“
Noel trat näher, beugte sich ein wenig, um das Bild noch genauer zu betrachten. „Dann seid Ihr ein Dieb. Aber einer, dem ich die Beute gönne.“ Seine Stimme klang spielerisch, aber sein Blick blieb ernst genug, um länger zu verweilen.
„Setzt Euch, wenn Ihr wollt,“ meinte der Künstler, und in der Art, wie er den Kopf neigte, lag ein unausgesprochener Reiz. Es waren Situationen wie diese, die Noel von Dorn stets in die Bredouille brachten. Spontane Begegnungen, eine Einladung – und dieser elende Reiz sie anzunehmen, nur um zu schauen, was als nächstes passierte. Das Bild eines Kusses, nein, Bisses, huschte aus seiner Erinnerung hervor – und verschwand genauso schnell. Dann setzte er sich zu dem Straßenkünstler.
„Aber Vorsicht,“ murmelte er leise, „zeichnet ihr mich, wird es euch nie mehr loslassen.“
Das Lachen des Künstlers war leise, doch es hing zwischen ihnen wie ein Funke, der den nächtlichen Wind zum Knistern brachte…
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