
Mehrmals schon war sie nächtens in Löwenstein gesprungen, von einem Felsen, von der Hafenmauer, von einem Schiff. Jedes Mal war sie begeistert gewesen. Doch kaum, dass der Rausch abebbte, wusste sie, dass sie mehr brauchte. Jeder Sturz ein herrliches Risiko, doch einmal überwunden wirkte es bereits schal.
Die Steine der Klippe, die sie gerade erklomm, waren glitschig und mit nackten Füßen rutschte sie weg. Ihr Schreckensschrei löste sich in helles Lachen, als sie sich fangen konnte und nicht in die Tiefe stürzte. Ihr Puls war angenehm in die Höhe geschossen, ein Vorgeschmack auf das, was sie suchte. Die Kühle der Nacht sorgte für zusätzliche Gänsehaut. Ihr Badeanzug, so weiß wie ihre Haare, war nicht für nächtliche Ausflüge gedacht und selbst ihre Handschuhe hatte sie, zusammen mit ihren anderen Sachen, am Strand zurückgelassen.
Anaïs kam oben auf der Klippe an, der salzige Wind zerrte harsch an ihren Haaren und Gliedmaßen, wie ein gieriger Tanzpartner, der es kaum erwarten konnte, sie in seine Hände zu bekommen. Es zog sie an den Rand der Klippe, aber noch war es nicht so weit. Sie wollte den Moment auskosten, die Spannung genießen. Sie wusste, wann ihr Ende kommen würde, hatte es in einer Vision gesehen. Es war nicht jetzt. Und doch schrie alles in ihr, dass ein einziger falscher Schritt genügen konnte, ein einziger falsch kalkulierter Sprung ihr Ende wäre. Damit fühlte sie sich lebendig.
Lebendig wie die Stadt, auf die sie schauen konnte. Löwenstein bei Nacht war atemberaubend schön, ruhiger, aber nicht schlafend. Einige Laternen beleuchteten den Hafen, am Strand konnte sie ein Lagerfeuer erkennen. Der Hummer, der in das dunkle Hafenbecken ragte, schien sich in den Lichtern zu bewegen, wie eine Mesmer Illusion, doch geschaffen von allen, die sich die Nacht erhellten.
Selig lächelnd atmete sie tief ein und ging einen Schritt nach vorne, bis ihre Zehen über die kalte Kante der Klippe ragten. Sie breitete ihre Arme aus und lehnte sich in die sanfte Umarmung ihres Tanzpartners, der sie einen Augenblick lang sicher hielt... und sie jäh freigab.
Während des kurzen Falls, der für Anaïs eine wundervolle Ewigkeit dauerte, raubte der Wind ihr das ekstatische Lachen direkt von den Lippen, so dass es ungehört verging. Mit einem Knall übergab er sie an einen anderen Tanzpartner, an das tiefe, wirbelnde Wasser.
Die Wucht nahm ihr den Atem und salziges Wasser brannte in ihren Augen. Tief schleuderte der Sturz sie in das Wasser, bis ihre Füße Felsbrocken fanden, von denen sie sich abstoßen konnte. Sie brach durch die Wasseroberfläche und sobald die Luft in ihrer Lunge ausreichte, lachte sie vergnügt. Adrenalin erfüllte ihren Körper und sie fühlte sich lebendig. Sie strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und ihr Blick glitt zum Phönix-Horst, der über die Bucht von Löwenstein strahlte.
Irgendwann würde sie die Spitze erklimmen und von dort springen. Nicht in dieser Nacht, noch genoss sie, was die Klippen ihr geschenkt hatten. Aber bald würde auch der heutige Sprung schal werden.
Gemächlich schwamm sie zum Strand zurück, gedanklich schon mit der Frage beschäftgt, von welchem Punkt sie sich als Nächstes stürzen wollte.
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