
Musikalische Untermalung
Das Haus empfielt zwei Geschmacksrichtungen:
Die Schindeln unter mir knacken leise, als ich mich zurücklehne. Der Tag hat sie aufgeheizt, und ich nutze diesen Umstand schamlos aus. Mit angezogenen Knien sitze ich auf einem Dachfirst, hoch über den Straßen von Götterfels, wärme meinen Hintern und lausche der Stadt.
Unter mir rauscht das Leben. Ich höre Gelächter aus den Tavernen, Fetzen von Musik und das Klirren von Gläsern. Händler packen ihre Stände zusammen, während Kinder durch die Gassen rennen. Viel zu spät, aber immer noch voller Energie. Der Wind trägt den Geruch von gebratenem Fleisch, von Tieren und von feuchtem Stein herauf. Aus der Ferne klingt das Wispern von hundert Gesprächen.
Ich hebe die Flasche Kirschmet an die Lippen und nehme einen Schluck. Er ist süß und herb zugleich, warm, frech und wie ein altes Geheimnis, das mit mir lacht. Ein Schmunzeln zieht sich über mein Gesicht.
Seine Worte huschen durch meine Gedanken. „Und wenn ich dich je wieder auf einem Dach mit schlechtem Alkohol erwische, nehme ich dich ohnehin wegen der akuten Wahrscheinlichkeit der Selbstgefährdung in Gewahrsam.“
Hättest du wohl gerne.
Lange Zeit waren in mir Schwere und Schatten, eine Müdigkeit, die nicht weichen wollte. Doch heute, hier, jetzt? Heute bestimme ich.
Ich richte mich auf und stelle die Flasche neben mich. Meine enganliegende, dunkle und elastische Kleidung ist gemacht für das, was kommen wird. Die Stiefel sitzen fest, ihre Sohlen greifen sicher. Ich rolle die Schultern und wippe im Takt einer Musik, die nur ich hören kann. Ein Atemzug. Ein Nicken. Dann beginne ich zu laufen.
Der erste Sprung trägt mich über eine schmale Gasse hinweg. Die Schwerkraft zieht mich nach unten, doch ich reiße den Raum auf. Für einen Atemzug verschwinde ich und tauche auf der anderen Seite wieder auf. Ich rolle ab und schon geht es weiter.
Vor mir ist ein Schornstein: Ich setze die Hände auf, drücke mich hoch und ziehe die Knie an. In der Luft verschwinde ich, dieses Mal scharf. Splitter aus Glas schneiden an mir vorbei und hinterlassen ein prickelndes Brennen. Ich lande hart und stütze mich ab. Meine Handflächen reiben rau über die Schindeln.
Keuchend laufe ich über ein geneigtes Dach. Die Ziegel sind feucht und meine Stiefel rutschen fast weg. Ich lehne mich nach vorn, nutze den Schwung und stoße mich ab. In der Luft packt mich die Magie wie eine Umarmung. Für einen Herzschlag rauscht die Stadt durch mich hindurch. Stimmen, Lichter, Hitze. Dann bin ich wieder da, lande weich und breite die Arme wie Flügel aus.
Niemand befiehlt mir, wann ich renne oder wo ich lande. Ich tanze, weil ich es will und die Dächer gehorchen meinem Rhythmus.
Ich springe über eine Reihe kleiner Dächer, lande federnd, rolle mich über die Schulter ab und laufe weiter. Vor mir erstreckt sich der Markt. Über den Ständen sind bunte Planen gespannt, die seltsame Schatten auf die Gassen werfen. Einige Händler packen ihre Waren ein, andere feilschen noch mit den letzten Kunden. Ich bewege mich über ihnen, ein Schatten zwischen den Laternen. Ein Händler hebt den Kopf, als ich knapp über ihn hinwegteleportiere. Er stolpert zurück und hebt die Hand, als wolle er nach meinem Schatten greifen. Dann schüttelt er den Kopf, als fürchte er, seinen Verstand zu verlieren. Ich laufe weiter, ich bestimme den Weg.
Die Dächer der Werkstätten sind niedriger und voller Schornsteine. Rauch zieht in die Nacht. Ich setze die Füße leicht auf, springe von einem Dach zum anderen, drehe mich in der Luft und verschwinde wieder. Diesmal ist die Teleportation brutal. Es ist dunkel, schwer und bitter wie Eisen. Mein Herz setzt einen Schlag aus, mein Atem reißt ab. Dann spuckt mich der Äther hart und unnachgiebig aus. Ich lande auf den Knien, keuche und habe zitternde Hände. Doch auch das gehört mir. Auch der Schmerz, auch das Zittern. Ich wähle, wann ich falle und wann ich wieder aufstehe.
Ich renne weiter, hinein ins Wohnviertel. Die Dächer sind hier flacher, die Fenster sind offen und das Leben dahinter wirkt ruhig. Ein Kind schläft mit offenem Mund, eine Frau näht noch und ein Mann liest bei Kerzenschein. Einmal treffe ich den Blick einer Mutter, die ihr Kind im Arm hält. Ihre Augen weiten sich, als sähe sie einen Geist.
Ich balanciere über eine lange Reihe von Firsten, die Arme ausgestreckt, jeder Schritt knapp, jeder Aufprall ein Risiko. Einmal stolpere ich, mein Fuß bleibt an einer Latte hängen, ich stürze nach vorn und werde brutal aus der Welt gerissen. Dunkelheit, Schwere, Kälte. Dann bin ich wieder da. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, grinse und laufe weiter. Kein Fall kann mich aufhalten, solange ich selbst bestimme, wie die Melodie weitergeht.
Ich nehme Anlauf, laufe zwei Schritte an einer Mauer hoch, stoße mich ab und drehe mich in der Luft. Inmitten des Sprungs verschwinde ich. Dieses Mal geht es fließend. Farben huschen an mir vorbei: das Orange der Laternen, das Blau des Nachthimmels und das Rot des Mets, der noch in meiner Kehle brennt. Alles vermischt sich, alles singt.
Ich springe, rolle, teleportiere mich. Mal elegant, mal waghalsig, mal beinahe ungeschickt. Doch immer ist es Tanz. Mein Tanz. Keine Regeln, keine Ketten, kein Ziel außer dem, das ich selbst bestimme. Jeder Schritt ist ein Schlag, jede Landung eine Note und jeder Teleport ein Akkord. Zusammen ergeben sie eine Symphonie, die nur ich hören kann.
Meine Muskeln brennen, mein Atem schneidet und mir rinnt der Schweiß in den Nacken. Unter mir glitzert die ganze Stadt. Die Türme, die Straßen, die Lichter. Alles pulsiert, alles lebt. Und ich tanze. Ich stolpere, ich rette mich. Ich lebe.
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