
PLATSCH.
Wasser spritzte in alle Richtungen als das erste paar Schuh durch die PfĂŒtze auf dem nassen Steinpflaster stapfte. Dicht gefolgt ein, zwei weitere Paare an schweren Stiefeln, RĂŒstung. Das Herz hĂ€mmerte hinauf bis in den Hals, der Mund war trocken, die Augen geweitet. Geschrei. Von hinten, von den GerĂŒsteten. Keine Zeit sich umzudrehen. In der Ferne ein weiterer Schrei. Etwas von gestohlenem Brot und verlorener Generationen. Die Luft war kalt, weiĂe Wölkchen stoben vor dem Gesicht mit jedem hektischen Atemzug. Beide Arme drĂŒckten gegen die Brust, hielten etwas fest an sich geklammert.
Brot. Frisches Brot. Gestohlene Backware. Das war es. Der erste Schrei, der des BĂ€ckers, auf dem Marktplatz. Der, der den Spatz beim Diebesflug erwischt hatte. Bilder, die in aller Eile vor dem Auge huschten. Wie der kleine Leib durch die Menschen glitt und schon bald von den Seraphen verfolgt wurde. Erst war es nur eine Person, dann jedoch kam schnell eine Zweite dazu. Hoffnung. Hoffnung die Verfolger im GetĂŒmmel in Götterfels loszuwerden. Doch die Verfolger blieben dicht auf den Fersen. Wie Bluthunde, welche die FĂ€hrte fest im Blick behielten. Erbarmungslos.
Die Mischung aus Regen und kristallenen Schneeflocken branntein der Lunge, stach auf dem Gesicht, lieĂen die Augen TrĂ€nen. Es hĂ€tte anders laufen sollen. Es hĂ€tte alles anders laufen sollen. Nur einmal. Nur einmal sollte ER etwas anderes zu essen bekommen als trockenes GebĂ€ck von vergangenen NĂ€chten, schales Wasser, fauliges Obst. Ein stummer Fluch, nicht an einen der Götter - nein - an alle Sechs! Verdammt sei jeder Einzelne! Ein verzweifelter Schrei aus junger Kehle, ein letztes Aufgebot als die Gassen an dem flĂŒchtigen Spatz und den Verfolgern vorbei zog. Und dann ... Ein Sprung. Die FĂŒĂe verliesen den Boden, im Freiflug, darunter mehrere FuĂ nach unten ...
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Der Aufprall war hart, Brot rollte ĂŒber die Dachziegel, wĂ€hrend dĂŒrre Finger verzweifelt einfingen was sie konnte, wĂ€hrend der abgemagerte Körper selbst noch rollte. Ein Leib war verloren, als dieser ĂŒber die Kante in den Abgrund rollte. Schlitternd kam der Spatz zum Stillstand, krallte sich mit einer Hand an die Ziegeln, balancierte sich wĂ€hrend der Blick aus fliederfarbenen Iriden nach hinten glitt. Zu zwei hochgewachsenen Körpern in voller RĂŒstung, welche hinab blickten. Doch galt es keine Zeit zu verlieren. Noch war das Nest nicht erreicht. Noch gab es keine Sicherheit.
Ăber die DĂ€cher ging es nun, abgewetzte Sohlen die halb rannten, halb ĂŒber die benĂ€ssten DĂ€cher rutschten. Die Furcht zu fallen war enorm, doch war das Ziel wichtiger als das Risiko. Beinahe. Beinahe war das Nest erreicht. Der magere Körper warf sich gegen ein besonders steiles Dach, schlitterte hinab, sprang kurz vor dem Ende jedoch ab und lieĂ sich die letzten FuĂ fallen, bevor dieser ĂŒber den nassen Steinboden rollte. Es tat weh. Pochte. Nur noch wenige Schritte. Bald! Hetztend glitt es um die Ecke und ... StieĂ gegen etwas, unnachgiebig, als wĂ€re es eine Wand gewesen.
Götter, wÀre es nur eine Wand gewesen ... Flieder glitt hinauf, Augen, welche im Schreck weit aufgerissen wurden, als man die Unterseite des Stiefels sah, wie diese geradewegs auf die Sicht zuhielt.
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Ein Schrei. Der schlanke Körper schoss empor, das Herz pochte, der Mund war trocken, die Haut schweiĂgebadet. Die Finger glitten ĂŒber das Gesicht, wischten sich platinfarbene StrĂ€hnen aus dem Gesicht, bevor sie zitternd nach dem Glas Wasser griffen. Ein Traum. Nein, eine Erinnerung. Zerplittert, wie sie alle waren. Jahre waren seitdem ins Land gezogen. Die kĂŒhle NĂ€sse benetzte trockene Lippen, floss die Kehle hinab, bevor das Glas auf dem Nachttisch abgestellt wurde und sich der Spatz aus dem Bett schob, auf die FĂŒĂe kam. Mit fĂ€hrigen Bewegungen die abgewetzte Kleidung ĂŒber den Leib ziehend.
Die Haare sind LĂ€nger geworden, die Ringe unter den Augen tiefer. Sanft trugen die FĂŒĂe den Spatz an ein nahgelegenes Fenster in dem heruntergekommenen Zimmer, welches fĂŒr die Nacht gemietet worden war. DrauĂen war es noch dunkel. Doch gerade dadurch fiel der fliederfarbene Blick auf das Antlitz, welches so vertraut und doch so fremd wirkte. Eine Hand hob sich, bevor vorsichtige Finger ĂŒber das kalte Glas wischten. Es sollte wohl eine dieser NĂ€chte werden.
Eine Nacht, in der die Einsamkeit fĂŒr Alissia zu sehr schmerzte. Wo Erinnerungen sie heimsuchten, welche sie seit Jahren zu verbannen suchte. Ein Blick in das Zimmer zurĂŒck, auf die Matratze, die weiche erholsame Ruhe, die ihr nicht vergönnt gewesen war. Das Fenster wurde aufgedrĂŒckt, und der Spatz stahl sich in die Nacht hinaus, an der Hausfassade herab, 'die FlĂŒgel gespreitzt'.
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