
Tag -5 | Früher Morgen
Es begann nicht mit Schmerz, sondern mit Wärme.
Madeleine war gerade auf dem Weg vom Bett zum Fenster, als sie innehielt. Einen Herzschlag lang dachte sie, sie habe sich geirrt - doch dann rann es ihr die Schenkel hinab.
Sie senkte den Blick, atmete flach ein. "Harlow…", raunte sie ehrfürchtig.
Er war sofort wach. Als er sie sah, wie sie dastand, eine Hand schützend unter dem schweren Bauch, wusste er es. Er kam zu ihr, legte die Stirn gegen ihre Schläfe. Statt etwas beruhigendes zu sagen und eventuelle Panik aufkommen zu lassen, scherzte er lieber.
"Fünf Tage zu früh.", murmelte er. "Unser Sohn hat es eilig."
Madeleine lächelte müde. Das letzte Trimester hatte ihr alles abverlangt. Der Bauch war riesig gewesen, eine fremde Schwere, die sie nachts wachhielt. Schlafen war ein Verhandeln mit dem eigenen Körper geworden. Jede Lage unbequem, jede Bewegung langsam.
Tag (-5) 0 | Abend - Zuhause
Die Geburt war ruhig. Erdend. Echt.
Kerzen flackerten, die Hebamme sprach mit gedämpfter Stimme, und Harlow hielt Madeleines Hand so fest, als würde er die Schmerzen der Geburt erleiden müssen.
Madeleine war schweißnass, erschöpft und unerschütterlich.
"Atmen...", flüsterte sie sich selbst zu. "Ich kann das."
Sie konnte. Und wie sie konnte.
Als das Kind geboren war, mit einem kräftigen, empörten Wimmern, brach Madeleine auf und gleichzeitig aus. Die Hebamme legte ihr das warme, feuchte, lebende Bündel auf die Brust. Ehrliche und ungehaltene Tränen liefen Madeleines Wangen hinab. Sie lachte zugleich, ein heiseres, ungläubiges Lachen darüber, dass ihr Körper Leben erschaffen hatte.
Harlow sank ehrfurchtsvoll neben sie, die Hand auf dem Rücken des Kindes, als hätte er Angst, es könnte verschwinden, weil er fürchtete nur zu Träumen.
"Hallo, Charles Beau.", flüsterte Madeleine, gluckernd.
"Charly.", ergänzte Harlow heiser.
Das Kind wimmerte, dann wurde es still, als hätte es beschlossen, dass dies ein sicherer Ort war.
Woche 2 | Nächte ohne Uhrzeit
Es gab Schattenseiten.
Der Milcheinschuss blieb aus. Madeleine weinte darüber in den meisten Nächten, leise, während Charly in ihren Armen schrie. Sie fütterten ihn anders, aber nicht weniger liebevoll.
Charly war ein Schreibaby. Nächte verschwammen, Tage ebenso.
Aber kein Weinen blieb unbeantwortet.
"Er lernt gerade erst, dass die Welt laut ist.", sagte Harlow einmal um drei Uhr morgens, während er das Kind wiegte.
Madeleine nickte, müde, aber lächelnd.
"Und das wir für ihn da sind."
Sie waren tapfer. Und glücklich. Erschöpft, ja. Aber niemals gleichgültig. Charles musste nie vergeblich weinen.
Woche 6 | Arztpraxis - Vormittag
Madeleine saß auf der Untersuchungsliege, noch immer weich, noch immer rund. Das Fettpolster war kaum verschwunden, ihr Körper hatte kaum Zeit gehabt, sich zurückzuziehen.
Der Arzt sah sie lange an, dann wieder auf die Ergebnisse. "Baronin Orbach-", begann er vorsichtig, "Sie sind wieder schwanger."
Es entstand eine betretene Stille zwischen ihrem Arzt und ihr.
"Das ist nicht möglich. Charles ist doch erst-?"
"5, beinahe 6 Wochen alt.", beendete er den Satz für sie. "Ja."
Natürlich musste der Arzt Madeleine über die Risiken aufklären und ließ auch keinen Moment aus um die junge Mutter dafür zu Rügen, dass die Elternteile die empfohlene Zeitspanne nicht eingehalten hatten, in der die beiden vielleicht nicht die Zweisamkeit ihren Lauf lassen sollten. Egal wie oft der Arzt betonte, wie toll er das fand, dass die Ehe sowie Elternschaft so gut lief, dass beide einenander begehrten.
Woche 6 | Abend - Eingeständnisse
Als Madeleine und Harlow am Abend später nebeneinander saßen und sie ihm diese Kunde überbrachte, Hand in Hand, sagte Harlow schließlich: "Wir waren… nicht sehr vorsichtig."
Madeleine sah ihn an. Dann lachte sie leise. Erleichtert. Ungläubig. Glücklich. "Nein...", sagte sie. "...waren wir nicht."
Es war ein Risiko, das wussten sie. Ihr Körper hatte kaum geheilt, kaum geruht. Aber Verzweiflung war da keine. Nur Staunen, zu was ein Körper in der Lage sein konnte!
Harlow legte die Hand auf ihren Bauch, der noch Charles’ Spuren trug und nun schon wieder neues Leben barg.
"Dann kommen sie eben dicht hintereinander.", sagte er leise.
Madeleine nickte. "Und sie kommen in Liebe.", versprach die Baronin mit liebenden Augen.
In ihrem Herz war mehr als genügend Platz.
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