Artikel mit dem Tag „Norn“

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  • „Dachte ich mir. Keine Beweise, keine Antworten.“

    Villiméy drehte sich um, wollte ihre ältere Schwester einfach stehen lassen. Für sie war dieses Gespräch beendet. Doch die Hand Illgrésis schnellte vor, der Griff fasste schraubstockartig um ihren Oberarm.
    „Warte!“
    „Boah, was willst du noch, Grési?!“
    Die Jüngere wirbelte herum und starrte in aufkeimendem Zorn hinauf zu ihrer Schwester. Diese hob beschwichtigend ihre Hände.
    „Ich will Antworten. Du hattest schon als Kind so einen Hass auf ihn. Sprich endlich mit mir, Iméy.“
    „Ich hatte meine Gründe. Außerdem glaubst du mir nicht. Hast du damals nicht und wirst du heute nicht. Warum also sollte ich nur einen Gedanken länger an diesen Bastard verschwenden?“

    Illgrési schwieg. Resignierend atmete sie aus und strich sich eine Strähne zurück in den perfekt sitzenden Dutt. Mühsam versuchte sie sich an die Tage zu erinnern, in denen die beiden Schwestern scheinbar so unbeschwert mit dem Jungen des Nachbarhofes spielten. Schließlich
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  • „Vichen...“
    „Nenn mich nicht so!“
    Die beiden Schwestern sahen sich an. Ernst funkelte die Jüngere zur Älteren auf.
    „... Villiméy, er ist tot. Owe lebt nicht mehr.“
    „Ach.“ Es klang nicht sonderlich überrascht. Im Gegenteil. In der Stimme der Jüngeren schwang Verachtung. Abscheu. Ihre Schwester glaubte sogar, in diesem einen Wort Hass vernehmen zu können.
    „Ach? Ist das alles? Er war uns Freund, seit wir Kinder waren. Er hat uns immer geholfen. Stand Ma bei, als Paps ging. Hat den Hof mit aufrecht erhalten. War eine große Stütze, als die Futterernte ausblieb. Er war ein guter No-...“
    „Illgrési, er war ein dreckiges Stück Scheiße!“

    Stille.

    Die Frauen sahen sich an.
    Eine lange Zeit sprach keine mehr etwas. Sie musterten sich. Versuchten gegenseitig die Gedanken der Anderen zu ergründen. Doch mehr als die optische Ähnlichkeit zueinander hatten sie nie gemein.
    Villiméy schob die Arme in eine verschränkte Haltung. Das Kinn wurde gereckt. Trotzig, befand ihre Schwester. Illgrési
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  • 80. Koloss – Schneekuhlenhöhen – Monennia

    Sie trat aus der Hütte hinaus, nachdem sie sich aus den Fellen von ihrem Sohn gelöst hatte. Er war von den vergangenen Tagen fix und fertig. Vier Tage und Nächte waren sie bereits unterwegs und am Vorabend endlich an der Hütte des Schwagers angekommen. Jetzt schlief Jonne den Schlaf seines Lebens. Tief sog sie die kalte Luft ein und prüfte nochmals den Sitz ihrer Kleidung. Besonders den der Halterung an ihrem Oberschenkel. Das Jagdmesser war die einzige Waffe die sie nun mitnehmen würde. Ein letzter Blick über die Schulter und mit den ersten Sonnenstrahlen, die sich über die Gipfel in das Tal ergossen, rannte sie los. Zuerst langsam, denn die Muskeln waren kalt. Doch wie die ersten Erinnerungen des vergangenen Jahres in ihren Kopf drangen, zog sie das Tempo an und sprintete in den Tag hinein. Ausreizend, wie lange sie es dieses Mal schaffen würde.

    Da war die Befreiung der Feste gewesen. Ein Kampf, den sie vor gefühlten Ewigkeiten mit ihrem
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  • Behandelt inhaltlich das gleiche Konzept wie: Im Mamorpalast
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    Im Gegensatz zu seinem eigenen kalten, geordneten Mamorpalast, war der Verstand von Fjodor ein Kunstwerk.
    Zusammengesetzt aus Schiffskörbern, Planken, Masten und Tauen, mag es für die meisten Betrachter das reinste Chaos sein. Doch für Yaska war gerade diese Komplexität, das Geheimnisvolle und die gleichzeitige Kraft, die es ausstrahlte so anziehend. Das Gebäude blieb äußerlich nie lange gleich. Mal verschwand ein Lukenfenster, mal wölbte sich ein Schiffskörper anders, als noch vor ein paar Wochen. Eine verworrene Skulptur aus düsteren Nischen, verwitterten Decks und maritimer Kunstfertigkeit. Die 3 hinein geschlagenen großen Säbel aber, die das Haus durchstießen wie ein erlegtes, wildes Tier, würden wohl nie verschwinden, egal wie sehr es noch atmete.
    Yaskas Verstand näherte sich dem Haus und dem Wald, den es umgab. Aktuell bestand der Wald aus großen
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  • „Ignoranz steht einem Adler nicht.“

    Seine Worte hängen mir noch immer im Kopf. Auch wenn unsere Wege sich schon vor einigen Tagen getrennt haben. Er lag richtig mit seiner Aussage. Und ich weiß es. Er provoziert. Reizt aus. Stößt gegen Grenzen. Und doch habe ich es genossen.
    Die Wut die in mir aufkeimt, die Verzweiflung … die habe ich nicht genossen.

    Je weiter wir nach Norden gewandert sind, desto größer ist sie geworden. Ich weiß nicht, woher es kommt. All der Zorn. Die Zweifel. Die Angst und dieses schwere Drücken tief in meinem Inneren. Es fühlt sich an, als würde ein Teil von mir einen langen Kampf kämpfen. Einen Kampf, der schon lange verloren ist. Einen Kampf, der nicht aufgegeben werden will. Aussichtslos. Kraftraubend. Unbekannt.

    Ist es Adler?

    Ich schaue aus meinem notdürftigen Lager heraus gen Süden. Ob er noch immer seinen Weg nach Norden geht? Der Wind wird kälter. Das Wetter unnachgiebig. Ich weiß, dass unsere Chancen gemeinsam größer gewesen wären. Doch ich
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  • Der Legendenkoch erwacht.
    Er kann die Sonne an diesem Tag schon spüren, noch ehe er das Schlaflager verlassen hat. Schwer reckt er sich in den Fellen, kratzt sich den Bauch und schmatzt leise. Auch wenn er weiß, dass sein Weib nicht mehr neben ihm liegt, patscht die Hand kurz zur Seite. Es könnte ja sein, dass er heute Glück hat. Hat er nicht.
    Leises Lachen von außerhalb erregt seine Aufmerksamkeit. Auch der Duft von frischem Fladenbrot und gebratenem Speck dringen in seine Nase. Im ersten Moment schmunzelt er breit, dann stockt er.
    Der Legendenkoch weiß, dass sein Sohn ihn beim Kochen unterstützt, doch komplett alleine kochen? Das ist neu. Just in diesem Moment kommt ihm ein schrecklicher Verdacht: Sein Weib kocht. Ein Mundwinkel zuckt zur Seite. Er wuchtet sich aus den Fellen, schlüpft in die Hose und will gerade aus dem Lager gehen, da steht seine Tochter vor ihm.

    „Pa!“ Das Mädchen strahlt.
    „Na, mein Sonnenschein? Was macht ihr denn?“
    „Die Ma kocht!“ Erneut grinst das Kind,
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  • Sie saß oben auf der Hütte und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Sie mochte die südlichen Zittergipfel. Der Übergang von schneebedeckten Bergen zu sattem, saftigem Grün hatte sie jedes Mal gefangen. Lange waren sie nicht hier gewesen. Und auch, wenn das Hüttenoberhaupt nach wie vor ein grimmiger Griesgram war, konnte sie Jokell nach so vielen Jahren ansatzweise verstehen.
    Ihr Blick schwenkte zur Seite, als sie jemanden neben sich hörte. Die Mundwinkel zuckten nach oben. Auf nackten Füßen kam ihre Tochter zu ihr gelaufen. Sie sprang ihrer Ma an den Hals und ließ sich auf deren Schoß fallen. Die wilden roten Locken von Mutter und Tochter sprangen eifrig durch den Schwung. Sie lachten. Die Blicke gingen hinaus auf das weite Feld im Lornars Pass. In der Ferne konnte man mehrere Erdelementare aufragen sehen. Kaum eine Bewegung taten sie. Und selbst wenn, waren diese langsam und bedächtig. Mit einem leisen, zufriedenen Seufzen drückte Monennia ihre Tochter eng an sich. Für
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  • Durch die Buntglasfenster schimmerte das Tageslicht von irgendeiner Erinnerung. Wenn Yaska so daran dachte, war es in der Schiffskabine eigentlich immer taghell und es herrschte nie das nächtliche Zwielicht, welches die sich bewegenden Wellen draußen erahnen lies.
    Das Bett war überhäuft mit Kissen, als wären sie Fjodors Sammelleidenschaft. Die Seekarten lagen unbewegt auf dem Tisch. Das Holz des Bodens und der Wände war unversehrt, alt, charmant. Es würde nie splittern oder nass werden. Nicht, wenn Yaska es an diesem Ort so wollte.
    Er hätte sich aufs Bett setzen können, oder auf die Couch unter der bunten Fensterfront am Heck der Kyd. Aber seine Präsenz stand nur mitten in der Schiffskabine, als wäre er das Zentrum dieses Raumes. Wie eine heilige Mitte eines Tempels.
    Ewig konnte er nicht bleiben, doch nie war er froher um das Wissen gewesen, immer wiederkehren zu können.
    Der Rabe verlies die Kapitänskabine, bewegte sich durch den dunklen Flur zurück an Deck der unversehrten Brigg
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  • Sie sitzt vor der Kohlepfanne im kleinen Zelt. Hier drinnen ist es wärmer. Es ist keine heimische Hütte in der das Leben tobt, doch es ist angenehm. Einen Moment für sich haben. Die Geräusche außerhalb ausblenden. Sie hat die Lagen aus Wolltüchern, Leder und Leinen bereits abgelegt und zieht die Spange aus dem Haar. Die gebändigten Locken fallen wild über Schultern und Rücken, springen durch die Bewegung noch neckisch auf und ab. Auf dem Fell vor ihr ruht die Spange.
    Wenig später hebt sie die Hände und reibt sich durch das Gesicht, ehe sie langgezogen seufzt.

    Es ist ein Sieg, den sie errungen haben. Seit vielen Wintern der größte Sieg für das Volk der Norn. Doch sie kann ihn nicht genießen, seit sie zurück im Lager sind. Etwas war geschehen. Noch vor dem großen Kampf. Aber was? Sie schüttelt den Kopf. Weiß es nicht. Kann es nicht greifen. Schuld daran muss die Verletzung sein. Deshalb kann sie keinen klaren Gedanken fassen. Die Linke hebt sich und streift vorsichtig über die
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  • An der Hand des Schamanen wurden die beiden Kinder in die Halle gezerrt. Sie sahen sich hinter seinem Rücken an, wissend, dass es heute mächtig Ärger geben würde. Er war zwar gerecht, ließ ihnen so vieles durchgehen. Selbst das eine Mal, als sie versehentlich seine Gewänder in Brand steckten. Gelacht hatte er, mit mild tadelndem Blick den Kopf geschüttelt und es vergessen. Doch heute … heute war da nichts von dem halb ernsten Tadel. Heute war der Griff um die Handgelenke der Beiden siebenjährigen fest wie ein Schraubstock.

    Zwischen dem Feuer das in der Senke brannte und dem Abbild des Wolfes blieben sie stehen. Die Kinder rieben sich die Handgelenke, als sie endlich aus dem Griff entlassen wurden. Während Glirnir trotzig zu dem Schamanen hinaufstarrte, hatte Monennia den Blick gesenkt. Sie mochte es nicht, wenn der Schamane sie so ansah, wie er es jetzt tat. Enttäuscht. „Setzt euch,“ befahl er. Sofort machte das Mädchen einen Ruck nach unten. Der Junge hingegen reckte den Hals sogar
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  • „NIAAAA!“

    Ich zucke zusammen, als das panische Geschrei meiner Rudelschwester durch die Luft dringt. Mein Blick geht zu ihr, sie starrt entsetzt zum Turm hinauf. Ich folge ihrem Blick eilig und sehe, wie ein Svanir an dem Eisschamanen vorbei segelt und seinen Sturz nach unten antritt. Meine Augen haften an der fallenden Gestalt, doch außergewöhnliches kann ich daran nicht entdecken. Ich verziehe das Gesicht, als der Kopf des Svanir auf der Treppe aufschlägt und er weiter nach unten gen Boden fällt.
    Langsam lasse ich den Bogen sinken.
    Eine Bewegung an der Treppe zieht meine Aufmerksamkeit auf sich und erleichtert atme ich aus, als ich meinen Bundkerl sehe. Seine Axt wandert zurück in die Halterung und gerade sehne ich mich doch zurück in den Süden. Zurück in die Hütte. Dorthin, wo sich niemand zurückhalten muss. Wo man sich gehen lassen kann, ohne der Gruppe den benötigten Schlaf zu rauben. Ich hebe die Hand, will nach ihm rufen und erstarre mitten in der Bewegung. Eine Norn
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  • „Das geht dich gar nix an, Iida! Du bist nich‘ meine Ma!“

    Der Junge mit dem kohlrabenschwarzen Haar brüllt die Worte der hochgewachsenen Norn entgegen. Um seine Wut noch zu unterstreichen, pfeffert er ihr das Bündel in seinen Händen entgegen und zeigt ihr den Mittelfinger. Resignierend ist das Schnaufen, als der 14 – Jährige sich umdreht und in den Wald davon rennt. Sie weiß, dass er zum Wolfsfelsen läuft. Sie folgt ihm nicht.

    „Was war schon wieder?“ ertönt eine dünne Stimme hinter der älteren Schwester. Als sie sich umdreht, steht dort die Jüngste der Sippe. Die roten Locken sind zu einem Zopf gebändigt. Ihr Blick geht von der großen Schwester in den Wald, wo sie ihren Bruder noch schemenhaft rennen sieht.

    „Ich weiß es nicht, Sóla.“

    „Er verbringt viel Zeit am Felsen,“ erklärt das Mädchen, klettert auf den Zaun vor der Hütte und setzt sich auf den obersten Balken. „Aber er redet nicht mit mir. Fierena sagt, weil ich Ma so ähnlich sehe.“ Seufzend senkt sie den Kopf, beginnt mit
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  • Sie eilte den Dreien nach, als sie überstürzt dem Licht in Rabengestalt folgten. Im Rücken hörte sie noch den Ruf der Schamanin, sie sollten warten. Hin und hergerissen lief sie in die drückende Dunkelheit, um die erste Biegung herum. Sie kam ins Stocken. Ganz sicher war sie sich gewesen, dass das Licht des Raben in diese Richtung geflogen war. Ganz sicher war sie sich gewesen, dass drei ihrer Begleiter in diese Richtung gelaufen waren. Blinzelnd wurden ihre Schritte langsamer, bis sie das erste Mal stehen blieb.

    „Nas? … Fraja? … Lilja, Lokke! HE!“

    Nach und nach wurde sie sich der Dunkelheit bewusst. Sie kniff die Augen zusammen, versuchte irgendetwas zu erkennen. Vergebens. Außer dem sanften Lichtschein des hervorgerufenen Raben sah sie nichts. Sie hörte nichts. Wobei… doch. Da waren Stimmen. Ein Gewirr an verschiedenen Stimmen drang an ihr Ohr, von der sich eine einzige herauskristallisierte.

    „Zweiflerin! … Verschwinde!“

    Sie zuckte zusammen. Hastig wanderte der Blick umher,
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  • Ruhe ist im dämmrigen Raum eingekehrt. Hier und da hört man ein Schnarchen, ein Schnaufen. Tiefe Atemzüge, gefolgt von einem Schmatzen. Sie blinzelt, atmet langgezogen aus. Der Arm, der sich um ihren Leib geschlungen hat, wiegt schwer auf ihr. Ihr Atem ist ruhig. Das Gesicht fühlt sich allerdings verkrampft an. Als auch die Letzten sich in ihre Lager verziehen und ihren verdienten Schlaf suchen, schiebt sie den hitzigen Arm von ihrem Körper. Unter Fellen und Decken hervor geschlüpft, setzt sie sich auf und reibt sich durch das Gesicht. Leise tönt das Brummen aus ihrem Mund. Nochmals dreht sie sich um, drückt dem Legendenkoch einen Kuss auf die Schläfe. Er schläft heute für sie mit. Ruhe findet sie seit Stunden nicht. Nach und nach zieht sie sich an. Leder, Wolle und Fell finden ihren Platz am nackten Leib. Zuletzt schlingt sie sich ihren Seitenköcher um, schnappt sich den Waffengürtel und ihren Bogen. Leise Schritte tragen sie raus aus dem Schlafraum. Durch den[Weiterlesen]
  • Es ist dunkel. Ich rieche den Staub und die Erde. Spüre sie in den Fellen unter meinem nackten Leib. Platt getreten. Ausgelegen. Muffig ist die Luft. Doch etwas Anderes hat sich mit hinein gemischt. Der Geruch von Schweiß. Von Blut. Von Kräutern. Von Sex. Geräuchertem Fleisch.

    Ich schlage die Augen auf und starre an die schwarze Decke über mir. Mein Atem ist schnell. Ich versuche ihn zu beruhigen. Es gelingt nur mäßig. Neben mir kann ich dich hören. Der grunzende Laut, mit dem du vorerst erleichtert in die Felle fällst.

    Wir schweigen. Ich kann deinen Atem genau hören. Bin mir sicher, dass du meinen ebenso hörst. Die Hitze, die dein Körper ausstrahlt ist stark. Mir ist, als würde ich neben dem Feuer liegen. Ich drehe den Kopf. Sehe den Schemen deiner gewaltigen Gestalt neben mir.

    Deine Worte drängen sich mir erneut in den Kopf. Ausgelöst von deinem zufriedenen Schmatzen. Neid macht sich in mir breit. Ein Gefühl, das ich fort schütteln will. Es hat mich fasziniert, wie du von
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  • Ich drehe mich um und schlage die Augen auf. Es dämmert gerade. Ich kann spüren, dass du noch da bist, ohne dich gesehen zu haben. Deine Präsenz ist kräftig. Wie dein Griff, mit dem du mich am Vorabend gepackt hast. Ich gebe es nicht zu, doch kurz hatte ich Bedenken, dass du mich einfach erwürgst. Dein Wesen fasziniert mich. Es ist so anders als das Meine. Du provozierst, reizt aus und machst einfach. Ich beobachte, wäge ab und gehe eher zwei Schritte zurück bevor ich einen nach vorne trete.

    Langsam setze ich mich auf. Mein langes Haar ist noch immer in viele Zöpfe gefasst. Ich streiche durch sie hindurch. Sie sind noch gut. Es reicht, sie morgen zu öffnen und zu säubern. Mein Blick trifft auf deinen Körper. Friedlich siehst du aus. Unser aufeinandertreffen hatte einen guten Nutzen für mich. Doch nun wird es Zeit, dass sich unsere Wege wieder trennen. Einmal noch streifen meine Finger über deine Brust. Sacht wandern sie über die Male, die du von diesem Raubtier hier hast. Ich
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  • „Ich bin zornig darüber, dass ich es weiß!“

    „Ich bin froh, dass ich es weiß.“

    „Ich bin nicht hier, um zu wüten oder zu zürnen.“

    „Ich war so dämlich und hab mir Dinge erhofft, die so nie zu Stande kommen werden.“

    „Wenn der Sturm aufhört zu wehen, dann ist er nichts mehr.“

    „Du schuldest mir nichts. Nichts außer dem roten Haar und der Kraft eines echten Riesen.“

    Sorgfältig rücke ich die Riemen meiner Kleidung zurecht. Es ist wichtig, dass alles gut sitzt. Der Waffengürtel muss geprüft werden. Die Worte von gestern Abend hängen in meinem Kopf, als würdest du noch hier in der Hütte stehen. Es schmerzt mich. Und ich weiß, dich schmerzt es auch. Doch ich bin stur. Und ich bin so zornig. Auf dich, auf meinen Bundkerl, auf meine Mutter. Aber es stimmt. Ich habe mich in etwas verrannt, was du mir so nicht geben kannst. Es ist nicht dein Wesen so zu sein. Der Gedanke war zu schön und durch ihn habe ich vergessen, was viel wichtiger ist. Du bist nicht Varg. Du bist nicht dieser Pa,
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  • Der Schnee knirscht geräuschvoll unter ihren Füßen. Unwillkürlich kamen dem Norn Erinnerungen an früher. Die erste Jagd mit seinem Vater. Havar wusste noch wie verzweifelt er war, dass jedes Tier ihn immer hören konnte. Es frustrierte ihn sich nicht anschleichen zu können auf einem Untergrund der immer etwas zu erzählen hatte. In Gedanken sah er das Gesicht seines Vaters vor sich. Warm die Farbe der Augen und doch lag so viel Strenge im Blick des einztigen Rudelführers. Es hatte lange gebraucht bis Havar verstand das - -sich anschleichen im Schnee- gleichbedeutend war mit - die Geräusche für sich zu nutzen-. Werde eins mit den Geräuschen der Natur und du bist unsichtbar für jedes Ohr. Neben dieser Lektion hatte Tindur seinem Zweitgeborenen noch weiteres Wissen in all den Jahren mitgegeben. Nach so vielen Wintern ohne den Legendenschreiner war jetzt die Zeit gekommen in der Havar begriff seinem Vater ähnlicher zu sein, als er das je werden wollte. Besonders seinem… [Weiterlesen]
  • „Bleib sofort stehen!“

    Ihre Stimme hallte zwischen den Bergen wider und er folgte dem Befehl der Norn. Seine Schritte verlangsamten sich, bis er zum Stehen kam und seinen Stab in den Neuschnee steckte. Er konnte ihre Schritte hören. Sie knackten. Wohl ging sie rasch. Als sie vor ihm stand, trafen sich ihre Blicke. Er sah den Schmerz in ihren Augen. Diesen wundervollen gütigen grünen Augen.
    „Wie kannst du uns nur verlassen, Bär?“ Ihr Mund stand nach der Frage leicht geöffnet und langsam hob sich ihre Hand, legte sich an seine Wange. Die Fingerkuppen trafen auf die Verbände, die sich noch halbseitig über sein Gesicht zogen. Dort wo vor wenigen Tagen noch ein gesundes rechtes Auge gewesen war. Er schwieg. Seine Hand legte sich auf die Ihre. Lange standen sie so beieinander. Lange dauerte es, bis er endlich das Schweigen brach und in leisem, tiefem Bass antwortete.
    „Du weißt, dass ich gehen muss. Und du weißt, wie schwer es mir fällt. Doch die große Bärin hat mir diesen Weg
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