In der Sackgasse - Teil II

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  • „Sechzehn? Ist das wirklich wahr? Sechzehn? Die Anderen da gar nicht mitgerechnet? Wie gibt’s das? Wie? Wie könnt ihr da so ruhig bleiben! Wie? Ich verstehe es nicht!“ Sie hatten sich unlängst in den nicht weniger verrauchten, dafür noch schummrigeren Nebenraum zurückgezogen, hielt es doch Eider, Rupert Balders jungen Partner kaum, dass Morena ihren Bericht zusammen gefasst hatte und die Akten verteilt, nicht mehr auf seinem Stuhl.
    Schon nach der zweiten Akte war Eider aufgesprungen, hatte sich die Knie am Tisch gestoßen und beim Versuch das Gleichgewicht zu wahren fast noch Dr. Morgentaus Bier abgeräumt. Hätte dieser es nicht schon vorsorglich ergriffen und außer Reichweite von Eiders ruderndem Arm gebracht, es hätte sich über den ganzen Tisch ergossen. Nicht, dass es den Doktor gestört hätte, da war sie sich sicher, hatte der es bei seiner kleinen Rettung doch das erste Mal überhaupt am heutigen Abend angefasst, obwohl es doch sein eigenes war. Hätte Morena es nicht selbst mitgenommen, er hätte es glatt auf dem Ecktisch stehen gelassen. Aber trotzdem, und obwohl er so die Akten vor einer Bierdusche gerettet hatte, hatte sie an der Ironie der Geschichte keine rechte Freude finden können. Einen Moment lang hatte sie gar gefürchtet, Balders Gehilfe würde richtig an die Decke gehen, doch bevor ihr eine zynische Anmerkung über die Lippen hatte kommen können, hatte Rupert sie alle schon von der Eckbank in den Nebenraum gescheucht und hinter ihnen die Tür zugezogen.
    Und hier lief Eider nun also hin und her, gestikulierte wild und irgendwie planlos, nur um im nächsten Moment inne zu halten und sich ratlos umzublicken. Morena kam nicht umhin ihn in als schrecklich inkompetent, zumindest aber unüberlegt und damit ungeeignet zu sehen. Für Egomanen war in diesem Feld kein Platz, wie sie selbst hatte lernen müssen. Und bis zum heutigen Tage, hatte es sich so bewahrheitet.
    „Jetzt krieg dich wieder ein. Ich wusste nicht, dass du unser Gewissen bist. Sogar die Säufer haben schon geschaut. Aktionismus fasst weder einen Mörder noch rettet er Leben. Hör auf dich für so wichtig zu nehmen“, konnte sie dem Trauerspiel nicht länger ton- und tatenlos zusehen. Gunther Morgentau sah von seiner Akte auf und blickte über den Rand seiner Brille erst zu ihr, dann zu Eider der erstarrt war und jetzt jäh herum fuhr. Rupert erhob beschwichtigen die feisten Hände. „Bitte... Kinder“, sagte er mit dem Tonfall milder Bestimmtheit, und Morena war sich in dem Moment sicher, dass die feinen Fäden der Enttäuschung, die sie am Rande seiner Stimme szu hören glaubte vor allem ihr galten.
    „Sag das nochmal!“ Tönte es aus Eiders Richtung, dessen hilflose Wut einen plötzlichen Fokuspunkt bekommen hatte. Sie. Morena lächelte ihm und dem Schwall an Worten die wild und ungestüm seinen Mund verließen weiß-zähnig entgegen. „Scher dich doch nach Orr. Scheiße. Das ist doch lächerlich. Das ist doch scheiße! Dreck! Ich, mich zu wichtig nehmen... . Du sitzt hier und redest über einen Berg von Leichen, die ich bis über mein Dach aufstapeln könnte, hast dabei einen Blick drauf wie Grenth persönlich und ich soll mich einkriegen. Man. Dreck! Ich nehm mich nicht für zu wichtig, ich krieg bloß nicht in meinen Schädel wie ihr hier sitzen könnt und davon sprechen, dass man die die Ruhe bewahren müsste und... und... abwarten! Das ist doch Mist! Und wenn das bedeutet, dass ich ein Egomane bin, dann bin ich lieber ein Egomane als ein gefühlstoter Eisklotz.“
    „Ich habe nie gesagt, dass wir abwarten sollen. Ich sagte, dass wir jeden Fall genau prüfen müssen. Wenn wir auch nur eine mh, Person fälschlich unserem Täter zuordnen, verfälschen wir das ganze Bild und verringern unsere Chanc-.“
    „Jajaja, du mich auch“, fiel Eider ihr grob ins Wort. „Und wie viele soll er bis dahin noch töten? Während wir die Öffentlichkeit NICHT warnen? Unser FREUNDE! Heilige Kormir, die meisten Leichen stammen aus UNSEREN Vierteln. Das sind welche von UNS!“
    „Eider, bitte, krieg dich wieder ein. Ich versteh dich ja, aber du bist ungerecht, Junge. Was du ihr da vorwirfst, das hat Morena doch gar nicht so gesagt. Sonst bist du auch nicht so. Schau, wir können nicht riskieren, dass er oder sie, es; dass wer auch immer es ist gewarnt wird! Mehr hat sie doch gar nicht gesagt. Und wir müssen sicher gehen, dass wir keine Leiche falsch zuordnen. Sonst rennen wir in die Irre. Das weiß du doch eigentlich! Herrje, hab ich Dir gar nichts beigebracht?“
    „Nicht du auch noch, Rupert. Du hast selbst gesagt wir müssten was tun! Ich... .“ Er sollte den Satz nicht beenden. Statt dessen wich mit einem Mal alle Kraft aus ihm und ließ ihn schmächtig wirken, fast schlaksig, bei seinen gut zwei Meter Körpergröße. Dann schüttelte er abrupt den blond gelockten Kopf und war mit langen Schritten wie eine Mischung aus beleidigter Diva & weinender Maid durch die Tür und aus dem Raum. Die anderen drei konnten ihm nur mehr oder minder verblüfft nachsehen bis auch Rupert sich erhob. Er wirkte ungewöhnlich alt, als er sprach.
    „Entschuldigt sein Verhalten. Ich mach das schon. Keine Ahnung, was... das war. Aber gleich kriegt er sich wieder ein und dann tut es ihm Leid. Er ist noch jung. Manchmal vergesse ich das. Entschuldigt mich, Freunde. Ich rede mit ihm. Es dauert bestimmt bloß einen Augenblick.“
    Erst als der Seraph seinem 'Mündel' gefolgt war, schnaubte Morena aus. Sie lächelte nicht, schwieg und tat es dem Doktor gleich, der sich längst wieder den Akten zugewendet hatte.
    Eine Weile lasen sie still, bis sie sich dabei ertappte aufzusehen und in Morgentaus Gesicht nach Anzeichen zu suchen, ob er sie wohl seinerseits still beobachtet hatte. Doch selbst mit geschultem Blick war davon nichts zu erkennen. Das hochwangige, fein geschnittene Gesicht war vielmehr von ruhiger Konzentration erfüllt, die Zungenspitze zwischen die schmalen Lippen geschoben und der Mann augenscheinlich völlig auf das Geschriebene fokussiert. Trotzdem konnte sie sich des Gefühls beobachtet zu werden nicht völlig erwehren. Zwei mal noch sah sie plötzlich auf, nur um das selbe Bild vor zu finden, den Doktor, schweigend in die Lektüre vertieft. Unweigerlich musste sie den Kopf schütteln und schalt sich selbst eine Närrin, da riss des Doktors weiche Stimme sie urplötzlich aus ihren Überlegungen.
    „Wissen sie, was ich nicht verstehe?“
    „Es lässt mich nicht kalt! Das denkt ihr doch nicht, oder, Doktor?“
    „Wie meinen?“
    „Das grad, darum geht es doch. Es lässt mich nicht kalt.“
    Stille, in der sie beide schwiegen und einander starr musterten. Der Doktor hatte helle Augen und auch wenn er meist unbeteiligt wirkte, in manchen Momenten fast fahrig, so konnte sein Blick eine bemerkenswerte Intensität entwickeln. Es war Morena die zuerst weg sah. Unwillig fuhr sie sich mit den Händen durchs Haar.
    „Hören sie, ich will nicht drüber reden, Doktor. Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen, aber ihre Mesmerei und was es sonst noch ist, dass die Turwald Gesellschaft so lehrt, dieses ganze Zeug rund um den Verstand. Das ist nichts für mich. Ich wollte nur nicht, dass sie denken, dass mir das nicht nahe ginge.“
    „Fräulein Gaccarin, es ist eigentlich bloß ein Gedanke zu unseren Opfern der mich umtreibt.“ Der Doktor lächelte fein und nahm sich die Brille von der Nase um sie mit einem Seidentüchlein zu putzen, welches er einer Innentasche seiner gut sitzenden Jacke entnommen hatte. „Ihre Befindlichkeiten gehen mich nichts an. Das respektiere ich. Wenn sie aber etwas auf dem Herzen haben sollten, so bin ich der Letzte der ihnen nicht zuhört. Immerhin gehöre ich zur Turwald Gesellschaft, wie sie so schön betont haben.“ Morgentau hatte seine Musterung nicht beendet, doch der starre Blick war, gerade weil er nicht vom Rand der Brille gebrochen wurde einer gewissen Güte gewichen. Einem schwer zu fassenden Gefühl von Ruhe. Morena atmete durch.
    „Will ich nicht. Alles gut.“ Sie tat eine unwirsche Geste, die auf halbem Weg verebbte.
    „Schön. Verzeihen sie, falls sie sich bedrängt wähnten.“
    „Schon verziehen. Was war die Frage?“
    „Ich fragte mich, ob... .“
    „Schauen sie, ich wollte bloß... . Jetzt bin ich ihnen schon wieder ins Wort gefallen. Ich weiß auch nicht. Ich glaube, ich war verärgert. Ich bin wirklich müde. Wie lautete die Frage, Doktor? Was war ihnen unklar?“
    Doktor Morgentau lächelte leicht dahin, nickte und antwortete nach einer Pause, aber nicht ohne sich zuvor mit der Zunge in die Mundwinkel zu fahren und seine Brille zurück auf die Nase zu setzen. Auf gewisse Weise hatte er etwas sehr väterliches an sich, oder zumindest wirkte es in diesem Moment so auf sie.
    „Es ist wirklich spät. - Nun, ich lese jetzt zum zweiten Mal diese Akten und habe mich dabei auf die Sechzehn konzentriert die wir mit ziemlicher Sicherheit unserem Täter zuordnen können, und die anderen einfach außen vor gelassen.“ Er pochte mit spitzem, langem Finger erst auf den ersten Stapel Akten, bevor er mit der aufgefächterten Hand fast zärtlich über einen zweiten, noch höheren Stapel strich. „Aber so sehr ich mich auch mühe, ich verstehe nicht was sein Auswahlkriterium ist. Er muss eines haben, das steht außer Frage. Die Methodik, der Aufwand, die Einzigartigkeit. Der Vorgang ist immer gleich. Aber wo liegt die Gemeinsamkeit der Opfer. Was, Morena, übersehen wir?“
    Doktor Morgentau, der Gesandte der Turwald Gesellschaft verfiel in brütendes Schweigen. Morena aber fröstelte. Sie zog die Schultern an und schlang einen Moment lang die Arme um den Körper. Sie war wirklich müde jetzt.
    „Ich weiß es nicht, Doktor Morgentau. Aber es muss etwas geben. Es muss. Ich weigere mich zu glauben, dass es Willkür ist die ihn umtreibt.“
    Oder was, wenn es ihn gar nicht gibt? Aber das sagte sie nicht laut.
    Und Morena musste sich eingestehen, dass sie trotz der erdrückenden Indizien Zweifel an ihr nagte.
    Was wenn ihr Täter sich als Hirngespinst entpuppte?
    Was wenn es einfach nur verschiedener Mörder willkürlich Hand war, die sinnlos Leben nahm.
    Und sie erkannte, dass es vor allem auch sie selbst war, die einen Täter brauchte. Einen Massenmörder. Einen Feind. Eine Richtung, Ein Ziel. Einen Sinn.
    Und, dass sie selbst eine ziemlicher Egomanin war. Das Frösteln wollte nicht mehr weichen.
    Rupert und Eider waren noch immer nicht zurück.
    "Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt." - Péter Esterházy

Kommentare 1

  • Estelion -

    "Dann schüttelte er abrupt den blond gelockten Kopf und war mit langen Schritten wie eine Mischung aus beleidigter Diva & weinender Maid durch die Tür und aus dem Raum."

    Haha, der William aus Ornton Quabbi!

    Du zeichnest mit den Worten schöne Bilder.