Zwei Zelte; ein Leben und ein Tod

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  • Ob lebendig oder tot, die Besichtigung einer Wunde gestaltet sich immer gleich für Josephine. Erstes Ansehen der Verletzung und Aufnahme dessen, dann die Reinigung samt dem Entfernen von ungewollten Absonderungen. Die zweite Besicht nach Rückständen, Veränderungen der Wundränder, des Wundgebietes um über diese die Lösungsfindung voran zu treiben. Meist hat die Priesterin unter Grenth Zeit für derartig, denn es hängt kein Leben mehr davon ab, da es bereits vergangen ist. Doch diese Reise brachte der im Wesen etwas starren Persönlichkeit immer wieder Sorgen bei, denen sie sich zumeist in der Heimat entzog.
    So auch an diesem Morgen in einem Land fern des gewohnten, in einem Zustand, der besser, aber auch deutlich schlechter sein könnte und im Kreis von Bewohnern Tyrias, die ihr oftmals eher suspekt als vertraut waren. Nach dem Aufbruch zu frühen Stunde fanden sie den Weg zum Lager der Vorangegangenen rasch und während alle sich um Essen, Gedankenaustausch und anderem widmeten, sah sie es als ihre Aufgabe sich um die zwei zugetragenen Verwundeten zu kümmern.
    So kroch sie schmerzlich an die gebrochene Rippe erinnert in das erste Zelt und schon der modrig, faule Geruch gab das Gefühl von Hoffnungslosigkeit auf. Dennoch begann der benannte Zirkel eigener Handlungen. Er wurde entkleidet, die Wunden besehen, dann gereinigt und gründlicher besehen um folgend die für das Laienauge unzähligen Wunden adäquat zu behandeln. Einstich um Einstich von einem Angriff durch ein Wesen dieser Inseln. Etwas was nicht unterschied zwischen Krieg und Frieden, Mensch und Tier. Was beschützte was es hat und angriff, wenn diesem Etwas zu nahe kam. Zum Ende der Versorgung hin, gab sie dem Mann, was den Schmerz etwas brach und den Geist eindämmern ließ. Leise mit den Fingern an ihm aufgelegt sprach sie die Aussegnung, die unverkennbar für jeden ist, der im eigenen Orden diente, oder aber schon ein solches Gebaren erlebte.


    "Dein Leben in dieser Ebene der Welt ist einmalig und kostbar. Es sei gesegnet im Angesicht der Götter.
    Alles, was dir in den Sinn gekommen ist, alles, was du gedacht und ersonnen hast, geglaubt und erhofft, alle Liebe, die du geschenkt hast, sei gesegnet durch durch Dwayna.
    Alle gerechte oder ungerechte Handlung, alles was dir Entscheidungen auferlegte und dir nicht immer leicht fiel, sei gesegnet durch Kormir.
    Alles falsche Spiel, jeder Trug, der von dir durchschaut wurde. Jeder Blick auf die Schönheit, jedes Erkennen des richten Weges in zwei verworrenen, sei gesegnet durch Lyssa.
    Alles, was du in die Hand genommen, angepackt und geschaffen hast, ob geglückt oder misslungen, alle Arbeit, die du auf dich geladen hast, sei gesegnet durch Melandru.
    Alles, was dir gegeben wurde, das Leichte und das Schwere, Freud und Leid, alles, was zu Ende geht, und auch das, was dein Leben überdauern wird in den Nebeln und auf dieser Welt bleibt, sei gesegnet durch Grenth."


    Langsam kroch sie unter eigenem Schmerz in das zweite wenig hohe Zelt und atmete unbewusst einmal tiefer durch als der beißende Geruch vom Vorzelt hier nur unterschwelig in der Luft lag. Ein Hoffnungsschimmer in Hoffnungslosigkeit, ein gutes Zeichen oder doch nur begründet in dickem Webwerk auf der Frau? Mit trockenen Lippen flüsterte Amelia Cavell, Feldwebel auf der Götterdämmerung einen Dank der Priesterin entgegen als sie diese erkannte und doch schreckte sie auch das Wissen, Grenth war nah durch eine Dienerin seiner. Wie auch ohne Leid in der Stadt lösten Menschen ihres Ordens solche Gefühle mit Erscheinen aus. Dankbarkeit und Sorge, denn sie verband man unweigerlich mit dem, was ihr Gott vertrat, den Tod. Grenthpriester kamen, wenn es galt Kummer auszusprechen, sie nahmen sich deiner an, wenn du etwas verlieren wirst oder verloren hast, selbst verloren bist. Josephine spricht Amelia beruhigend, aber mit der Note Strenge in der Stimme zu, die sie nicht ablegen konnte und die jeder im eigenen Orden kannte. Eine Priesterin, die hinter vorgehaltener Hand gescholten wurde nur im Keller selten zu lachen, oder das Lachen verloren zu haben bei den Toten. Beides stimmte nicht, aber sie hatte aufgehört sich zu erklären und wusste, jene die ihr Lachen kannten, waren ihm auch wert. Doch gerade gab es nicht wirklich einen Grund zu lachen, aber sie lächelte und dies geübt. Eine erste Besicht der Wunden, die traurig, aber erschreckende Wahrheit erkannte sie bald. Gift. Gift wanderte durch die Adern des Feldwebels und die Auswegmöglichkeiten waren gering. Letztlich verließ sie die Frau für einen Moment, bat Zachary um einen Wirt in dem sie ihm aufgab ihr ein Tier zu bringen. Und mit dem Darbringen der Nachtigall waren sie wieder allein. Sie gab das unmögliche Versprechen sie zu retten, aber dafür müsse sie nun tief und ruhig atmen, ihr vertrauen und nicht hadern. Ein Nicken beschwor die Abmachung unter den beiden Frauen, mit dem nächsten Blinzen treten Stacheln aus der priesterlichen Haut um ihre Augen, die ohnehin immer zu sehenden Schatten um diese wurden dunkler, bekamen einen grünlichen Stich und der Vogel mit ausgeweiteten Schwingen auf der nackten Brust der Verwundeten liegend bildete rote Fäden, die wundlos durch die Haut des Feldwebels drangen während im Umkehr grüne Fäden von ihr zum Vogel gingen. Es verwob sich Schritt um Schritt während die Priesterin das beschwörende Gebet aufrechthielt in steter Wiederholung. Es brauchte Zeit und Kraft, der Vogel lag im Sterben, verlor durch die Dosis des Gifts erst seine Federn, dann wurde die Haut blau, die Blutgefäße traten hervor, ein schwacher Schlag mit den Flügeln konnte die nekromantischen Fesseln nicht brechen. Dann war es vorbei. Amelia schlief den ruhigen, heilsamen Schlaf und Josephine legte den Vogel zur Seite fort, nahm die Federn von der Haut. Ihr Gesicht war wieder glatt, die Färbung um die Augen nur der Erschöpfung zu zusprechen. Die nächsten Handlungen ruhiges Versorgung von Stichen am Bauch und dem Biss an die Schulter, frische Verbände anlegend und dem Wissen erliegend, ein Leben gerettet zu haben. Eines.

    Tom Evans schlief als sie ihn verließ um nach der zweiten Verwundeten im Nachbarzelt zu sehen, aber Josephine wusste nicht, ob Tom Evans nicht noch tiefer schlief und unweckbar wurde, wenn sie wieder nach ihm sah. Und diese Ahnung wurde mit der Einkehr in das Zelt des gerade einmal sechsundzwanzig Jahre alten Mannes zur Gewissheit. Er hatte im Schlaf aufgehört zu atmen, seine Seele ihn verlassen und nur der gelinderte Schmerz machte ihm die Miene weich.Wo anderen das Herz schwer wurde, konnte die Grenthpriesterin auf Erfahrung zurückgreifen. Auf ein Herz, welches in den Jahrzehnten der Ausbildung und der eigenen Lebenserfahrungen abstumpfte, brach, heilte und liebte, abgekapselt blieb. Es kam nicht zu sehr an sie heran, dass dieser Mann in Garrenhoff Frau und Kinder hatte. Sie traf die Wahrheit nicht so sehr, er würde beiden niemals mehr in die Augen sehen. Niemals der Tochter beim Aufwachsen zu sehen, beim Finden der ersten Liebe Skepsis an den Tag legen und sie mahnen, welch Rüpel Männer doch sind und irgendwann ihr seinen Segen zur Vermählung geben. Josephine konnte damit umgehen, sie konnte es verkraften und litt nicht. Doch warum tropfte es salzig herab auf das Tuch über dem Männerleib, warum bebten die Lippen und zitterten die Reste ihrer Finger in den dicken Handschuhen? Er starb, er ging vor das Gericht ihres Herren und würde ein gerechtes Urteil erwarten dürfen. Die hünenhafte Priesterin zitterte, obwohl es nicht kalt war und beugte sich über den toten Fremden. Ihre Stirn legt sich auf dem Tuch ab auf Höhe seiner Brust und ein unterdrücktes Schluchzen entflieht der Totgeweihten und ließ sie die Finger fester auf die Lippen pressen. Hier weinte sie um ihn, in einigen Tagen weinte man um ihn in Garrenhoff bitter. Sie hatte versagt, war zu spät, wie so oft im eigenen Leben zu spät. Zu spät... und es blieb nur das Flüstern der Wünsche für den Toten.


    "Wir wissen nicht, wie es in Grenth's Armen ist, doch wie du es dir erträumst, so sei es dir.
    Möge dein Leben rein gewesen sein, auf dass der Dunkle jenes Urteil sprechen kann, das du dir erwünscht hast.
    Er ist der Richter, der über unsere Seelen wacht, möge die deine jene Seelen wiederfinden, die deiner vorausgegangen sind und mögest du geduldig auf die Seelen deiner Liebsten warten, die dir nachfolgen werden.
    Ruhe in Gewissheit, dass du wohl aus dem Leben gegangen bist und dennoch in ihren Herzen verweilst."



    ((Geschichte zum Plot der Wachsamen))

Kommentare 9

  • Travon -

    Ich kann mich nur anschließen. Stark geschrieben, sehr anschaulich, sehr greifbar. Du zeichnest ein paar sehr schöne Bilder in den Kopf beim Lesen, denen man gerne folgt. Gefiel mir gut. Gefühlvoll.

    • Diadrah -

      Danke dir für einen Einblick in dein Empfinden beim Lesen und deine Meinung. <3

  • Border -

    Schön was du aus den beiden gemacht hast - das habe ich gar nicht erwartet, umso erfreuter war es die Geschichte zu lesen! Eine schöne Atmosphäre, mir gefällt die Beschreibung der Magie ganz besonders, ebenso wie der letzte, persönliche Part. :)

    • Diadrah -

      Ich überlegte den Part der Magie stärker noch auszubauen, habe mich dann aber dagegen entschieden und denke, es hat das gute Maß erreicht darin. Schön, dass dir meine Geschichte gefallen hat, letztlich hast du ja den Rahmen dazu vorgegeben.

    • Ovy -

      Ja, ich mag das auch sehr gern wenn die Geschichten von 'Nebencharakteren' ausgebaut und sie so zu lebenden Wesen gemacht werden, wenn vielleicht auch nur für einen kurzen Moment.

    • Diadrah -

      Ja, ich mag es auch jedem seinen Rahmen zu geben, selbst den NPC.

  • Samuel -

    Ein wunderschöner Einblick in das, was wir IC verpasst haben und eine hübsch ausgeschmückte kleine Kapsel im Geschehen. Gefällt mir gut!

    • daspete -

      Kann ich mich nur anschließen. Wirklich stark geschrieben. Schade das die Wachsamen für sowas halt kein Gespühr haben.

    • Diadrah -

      Dankeschön euch Beiden. Mir war es wichtig, wenn auch zeitlich leider etwas aufgeschoben, das Ganze noch in Worte zu fassen. <3