Der Umschlag

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  • Im Salon und nur hörbar, weil das Haus still und leise da lag, schlägt die große Standuhr zur zweiten Nachtstunde und Roslyn rührt sich ein wenig auf dem gepolsterten Stuhl. Die Beine überschlagen, in eine Decke gehüllt, welche unter den Armen eingekniffen wurde streicht sie die nächste Seite des Buchs auf. Unweit im Bett schlief der Quengelknabe in Form eines erwachsenen Mannes. Auf seinem Nachtkasten ein Krug mit Wasser, eine Kanne mit Tee unter einer wattierten Stoffhaube, Glas und Tasse, sowie ein braunes Fläschchen mit bitterer Medizin, die immer mit Zuckerwürfeln gesüßt verabreicht wurde, welche in einem Töpfchen auch verweilen dürfen.
    Es ist ruhig im Raum, auch wenn Benedict, Graf von Liliental sicherlich durch Krankheit schon den ein oder anderen Baum seinem Ende zufügte, weil die Nase verstopft ist und das Fieber ihn schnarchen ließ. Jetzt gerade aber schlief er ruhig, sie konnte sich auf ihr Buch konzentrieren und war durch die Aufgabe fern der Müdigkeit, auch wenn ihr hier und da ein Gähnen entfloh in die geballten Finger. Das Buch auf ihrem Bein kannte sie gut, sie hatte es schon gefühlte hundert Mal gelesen. 'Feuer von Ascalon' das erste Werk ihres Bruders, welches veröffentlicht wurde und ihn in ein Leben fern der Doric-See verschlug, diese Ausgabe aus seinem Haus geliehen gehörte scheinbar zum ersten Druck, wenn man das Alter bedachte.
    Roslyn war niemals neidisch auf ihn gewesen, gönnte ihm von Herzen, was sein Leben bereicherte und er schrieb wundervoll, entlockte auch sie ihrem einfachen Alltag mit seinen Helden, den Frauen und den Geschichten um Landstriche, die sie selbst niemals sehen würde.Der eigene Daumen löst an der unteren Kante das nächste Blatt aus seinem Bett und sie schlägt um mit den anderen Fingern, das leise Geräusch von abrutschenem Papier auf Papier erklingt und ein eingeschlagener, vergilbter Umschlag fällt aus dem Buch auf den Boden. Nur ein leises Geräusch, welches den Grafen sich dennoch rühren lässt und kurz im Halbschlaf widerwillig schnaufen. Das Hausmädchen hob den Blick, er wurde nicht wacher, also beugte sie sich nach dem Zettel und drehte ihn. Die Handschrift darauf erkannte sie nicht sofort, den Namen ihrer Familie, genauer ihrer Eltern dafür auf den ersten Blick. Der Umschlag kam ihr seltsam vertraut vor als hielte sie ihn nicht das erste Mal in der Hand und dann erinnerte sie sich.

    „Sei nicht traurig, Rosie. Die meinen es doch gar nicht so und die Lehrerin war auch gar nicht böse.“, die immer freundliche Stimme des Bruders erhellte ihr Ohr und sie schluckte gegen die Flut der Tränen während sie den alten Bären mit aufgenähtem roten Herz an der Brust fest an die ihre drückte. In der anderen Hand hielt sie einen Umschlag beschrieben von ihrer Lehrerin in der Dorfschule und mit dem abgenommenen Versprechen hinter der Stirn, nicht hinein zu sehen. Der Brief durfte nur von den Eltern geöffnet werden, von keinem anderen und Robin und Roslyn waren von jeher gehorsame Kinder gewesen. Das Kinn wird in den Bären gedrückt, der auch schon bessere Zeiten erlebt hatte und mehrere Nähte sein Eigen nannte, dennoch war es ihr treuer Begleiter. „Ach Roooooosie, du kannst doch schon ganz toll schreiben, was soll da drin stehen?“, Roslyn, fünf Jahre, zuckt mit den Schultern. „Siehst du, jetzt komm.“, der gleichaltrige Robin griff nach ihrer Hand und der Umschlag entkam ihr, fiel in den Matsch und bekam eine braune Ecke. Wie vom Donner gerührt löste sie sich vom Bruder, bückte sich und wackelte mit dem Briefumschlag, rieb ihn am braunen Rock. Ein Rock der mit ihr wuchs, weil er mal der Mutter gehörte und diese einfach Nähte setzte, die ihn enger und kürzer machten ohne vom Stoff abzuschneiden. So konnte sie einfach die Nähte öffnen, ihn weiter und länger machen, wieder festnähen und warten bis das Mädchen wieder ein Stück gewachsen war. Auf dem Land wird man einfallsreich, wenn die Ernte gerade so reicht um die Familie zu ernähren, muss man eben an anderer Stelle sparen. So sind auch die Stiefel zu groß gekauft und vorn mit Socken ausgestopft, aber auch daran gewöhnt man sich und stört sich nicht daran.
    Es war nicht mehr weit bis nach Haus, Roslyn kam der Weg heute viel kürzer vor, sie zitterte ein wenig und nicht nur, dass sie als einziges Kind in der Schule einen Umschlag für die Eltern mitbekam, nein, er war jetzt auch noch in den Dreck gefallen. Die Mutter würde nicht erfreut sein, aber da kam sie nicht mehr herum nun. „Mama, wir sind wieder da.“, sprach einmal mehr der Bruder und zog seine Schwester an der Gugel ins Haus. Drinnen war es warm, draußen kalt und matschig vom späten Herbst, der bald in den Winter übergehen würde.

    Beinahe wie jetzt, geht es ihr durch die Gedanken. Sie klappte ihr Buch zu, erhob sich und legte den Umschlag darauf, die Decke über die Armlehne. Es war wieder Zeit für ein wenig Medizin für den Grafen und so tritt sie an das Bett des viel zu tristen Raums für einen adligen Mann. In Gedanken zählte sie die Tropfen des grünlichen Mittels, welche auf einen Zuckerwürfel im Bett eines Löffels fielen. Dann weckte sie den Mann vorsichtig und sachte, schenkte ihm ein Lächeln und ließ ihn den Zuckerwürfel zerkauen, dann noch ein Schluck vom lauwarmen Tee und er wurde wieder in die Decken gepackt. -Weiterschlafen- deutet die Frau ihm, stumm durchbrach sie so nicht die Stille des Hauses. Es brauchte kaum die Schritte bis zu ihrem Sitzplatz, dann schlief Benedict wieder und sie mummelte sich in die Decke, tauschte die Kerze aus, weil die jetzige fast herab gebrannt war und setzte sich wieder. Doch statt dem Buch besah sie sie sich den Umschlag. Er war geöffnet worden, die Lasche nur einfach eingesteckt nun und doch, warum hatte Robin diesen Brief aufbewahrt? Oder war es die Mutter, war dies ihre Ausgabe des Erstlingswerks ihres Sohnes gewesen? Sie drehte das Buch, öffnete den Einband und lächelte -Für Mama von deinem Sohn mit dem Kopf in den Wolken, Robin.- Roslyn strich die Worte nach, welche mit Feder geschrieben waren, und blinzelte ein wenig. Sie war so stolz gewesen, stolz auf ihren Sohn und weinte lachend freudige Tränen als er ihr das Buch übergab und dafür sogar zum heimatlichen Hof reiste.

    Mama weinte, Papa sagte nichts und zwischen ihnen lag der Umschlag. Die Kinder lagen hinten im gemeinsamen Bettchen und Robin hielt Roslyn und Roslyn hielt Bär. Das Stofftier war nie über den Namen 'Bär' hinausgekommen. Er war einfach Bär und dem Mädchen mit dem Bauernzopf der stete Begleiter. Wenn sie half Heu zu machen, saß er eingeklemmt auf dem Weidezaun, wenn sie in der Küche half, durfte Bär auf einem Stuhl sitzen und zusehen. Bär ging auch mit in die Schule und stärkte ihr den Rücken, wenn andere gemein zu ihr waren. Und Bär spielte mit ihr, wenn andere es nicht taten. Bär verstand sie, er konnte mit ihr reden und war dabei so stumm wie sie selbst. Jetzt schniefte sie leise in das Fell von Bär, Robin hielt sie ganz fest und sagte ihr: „Es wird nicht schlimm sein Rosie, ganz bestimmt nicht.“ Aber daran glaubte das Mädchen in diesem Moment nicht, sie waren nach dem Essen gleich nach hinten geschickt worden und die Eltern unterhielten sich leise. So leise, dass nur ein Flüstern herüber kam zu den Kindern und die bei allem Lauschen kein wirkliches Wort verstanden und dann war da nur noch Weinen und Stille. Wie lange ihre Mutter weinte, wie lange ihr Vater schlief weiß sie nicht. Doch am Morgen wurde nur Robin in die Dorfschule geschickt und Roslyn musste daheim bleiben, weil Mama ein bisschen krank ist und ihre Hilfe brauchte.
    Mama blieb ein bisschen krank in den nächsten Tagen, aus den Tagen wurde eine Jahreszeit und während Robin mehr und mehr in der Schule lernte, musste Roslyn daheim helfen. Irgendwann, Robin erzählte von den hunderter Zahlen, die er nun schon zählen konnte, fragte Roslyn wann sie wieder in die Schule gehen könnte? Mama ginge es doch gut! Da wurde der Vater böse und unterband diese Frage sofort und Roslyn gehörte nicht zu den Menschen, die ein Widerwort gaben, sondern nickte nur. Als er wieder auf dem Feld war, nahm ihre Mama sie zur Seite und auf ihren Schoss: „Komm Roslyn, wir wollen über den Brief reden.“ Und bereitwillig nickte sie. „In dem Brief steht, dass du nicht mehr zur Schule kommen kannst, weil du so klug bist, dass die anderen Kinder verunsichert sind durch dich. Deshalb versuchen Papa und ich dich auf eine Schule in der Stadt zu schicken. Da lernst du auch mit den Fingern sprechen, es wird uns allen helfen. Aber wir warten noch darauf, dass der Klerus sich meldet und sobald er das macht, dann kannst du wieder in eine Schule gehen, mein kluges Mädchen.“ Und benanntes Mädchen war beruhigt, fragte nicht mehr und eine Jahreszeit später ging sie auf eine Schule in Götterfels, eine Schule vom Dwayna-Klerus und dort lernte sie Kinder kennen, die wie sie waren und sich mit ihr unterhalten konnten. Ein Jahr später durfte auch Robin auf ihre Schule kommen und lernte dort mehr als auf der Dorfschule, legte den Grundstein für sein weiteres Schaffen.

    Roslyn sieht auf den Umschlag, einmal mehr und legte das Buch im Schoss ab, zog die Lasche und nahm den Zettel heraus. Ein Blick zum Schlafenden, es war beinahe als wäre sie wieder fünf und brach das Versprechen, welches sie der Lehrerin in der Schule gegeben hatte. Aber das war Unsinn, sie ist nun dreiunddreißig, ihr Leben bis dahin ist gelebt und der Brief konnte keine Auswirkungen mehr haben. Dennoch ein wenig seltsam fühlte es sich an und sie war versucht das Schreiben wieder wegzustecken, überwand sich dann aber doch zu lesen.

    Mr. und Mrs. Firth,

    ich bedaure mitzuteilen, dass Roslyn nicht mehr zur Schule kommen darf. Ich bin zu diesem Handeln gezwungen, weil ihre Tochter nicht nur stumm, sondern auch dumm ist. Sie hält die anderen Kinder vom Lernen ab und verzögert meinen Unterricht. Bitte schicken sie, sie nicht mehr hierher, sonst bin ich gezwungen das Mädchen wieder fortzuschicken.

    Hochachtungsvoll,
    Mrs. Steel

    Mehrmals las sie die Zeilen und hob dann die Hand vor ihre Lippen. Jetzt wusste sie warum ihre Mutter weinte, warum der Vater schwieg. Sie liebten ihre Kinder von Herzen und es muss ihnen diese gebrochen haben so etwas über ihre Tochter zu lesen. Wie viel hatten sie geben müssen um die Schule und das Leben in der Stadt zu zahlen, auch wenn der Klerus natürlich einiges übernahm. Roslyn war ihren Weg gegangen, auch wieder zurück in die Heimat und dank ihrer Eltern, auch irgendwie dank dieses furchtbaren Briefes konnte sie sich heute mitteilen und nebst ihrer Tätigkeit als Hausmädchen andere Kinder in der Sprache der Finger unterrichten. Dennoch weinte sie gerade, weinte aus Dankbarkeit, weil sie die besten Eltern Tyrias hatte und weinte, weil sie auch so viel im Nachhinein verlor mit beider Sterben.
    Irgendwann schlug die Glocke in der Standuhr wieder, erinnerte die Frau ihrer Aufgabe und der Brief landete im vergilbten Umschlag und wieder im Buch. Dort lag er all die Jahre und dort sollte er bleiben. Ein Umschlag der ihr Leben änderte.

Kommentare 19

  • Willow -

    Muss ich immer wieder lesen...im Bett wenn ich nicht schlafen kann.❤

  • Motte -

    Ich habe auch sehr mit Benedict gelitten!

    Die Geschichte illustriert sehr bewegend elterliche Liebe.Ich mag's!

  • Davian Tudor -

    Sehr schöne Geschichte! :)

  • Ovy -

    Mr Steel, Stahlhart die Frau.

    Ich mag den Stil, weiss aber nicht wie man das nennt oder beschreiben soll. Nun mal nicht so gradlinig verschwurbelt ein wenig gar.

    • Diadrah -

      Ich wollte gern diese Geschichte mit eingebrachten Rückblenden schreiben, weil sie einfach ihr jetziges und das Leben davor beleuchtet. Schön, dass es dir gefallen hat. :)

  • Ragna-san -

    Ich weis gar nicht was ich sagen soll ... Ein toller Hintergrund der durch diese Zeilen so schön inszeniert wird. Einfach klasse geschrieben.

    • Diadrah -

      Ich danke dir und freue mich sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat. <3

  • Nia! -

    Der Brief hat mich wirklich zu Tränen gerührt. Besonders mit der Erklärung der Mutter vorher, da gab es kein Halten mehr. Ein ganz wundervoller Einblick in die kleine Rosie. Die Interaktion mit Bär ist wundervoll, wie es eben oftmals sein kann. <3

    • Diadrah -

      Es ist ein großes Kompliment, wenn eine Geschichte zu Tränen rührt. Ein Gefühl, welches mir beim Schreiben auch aufkam, obwohl man ja den Rahmen der Geschichte schon geistig abgesteckt vor dem Schreiben. Danke für deine Worte. <3

  • NeroAreatis -

    wow! Ich bin beeindruckt! wunderschöner Stil, sehr natürlich, bewegend und doch kunstvoll!
    Außerdem, es tut mir leid, wenn ich deine Idee stehle, aber ich muss mir definitiv einen Stummen Charakter machen.
    <3

    • Diadrah -

      Danke für deine Worte und ich habe ja kein Patent auf den 'stummen Charakter', also stiehlst du mir auch nichts. Viel Spaß damit und ruhig mal Hürden einbauen, die machen im RP mehr Spaß als immer reibungslos, meiner Meinung nach.

    • NeroAreatis -

      Denke ich auch :) und auch wenn ich noch ein RP-Neuling bin, mag ich doch die Herausforderung.

  • Minna -

    Blöde Schultante! - Die hat doch keine Ahnung- Wer sich so seelig um jemanden kümmert - hat mehr Herz und Verstand als stumpfe Lehrkäfte!

    • Diadrah -

      Was soll ich sagen, sie wollte sich einfach nicht beschäftigen mit ihr! Freut mich, dass du die Geschichte gelesen hast. <3

  • Willow -

    Aber er hat doch nur eine Männergrippe! Ich mag es, ich mag sie und ich mag einfach alles von ihr...Roslyn ist was besonderes! Und die Geschichte ist was besonderes...ein Stück Leben ...

    PS: Ben will nur ihr Leben vor bösen Monstern beschützen!
    <3