Rennen

"Du bist spätestens zur elften Abendstunde wieder zu Hause", schreit mich meine Mutter an, nachdem wir zu lange über eine Uhrzeit diskutiert haben.
"Mit wem willst du dich überhaupt treffen?"
"Du triffst dich nicht mit ihm."
"Wenn du es wagst, kannst du dir sicher sein, dass du nie wieder ein Fuß in dieses Haus setzen wirst."


Ich stehe schon in der Tür, drehe mich um und schaue meiner Mutter ins rote Gesicht. Sie sieht aus wie eine dumme Krabbe. Ich würde sie gerne von mir wegschubsen, doch sie ist meine Mutter. Ich schaue sie für einige Momente schweigend an, in denen sie mich weiterhin anschreit. Es prallt an mir ab, wie ein Ball an der Wand. Unberührt, gelangweilt schaue ich ihr in die wütenden Augen. Bis der Bogen überspannt wird. Irgendwas zerspringt in meinem Kopf, als sie schreit: "Du bist nicht mein Sohn. Mein Sohn würde sich nicht so unsittlich verhalten."


Zum ersten mal klappt mir der Mund erschrocken, erschüttert auf. Meine Mutter kommt sofort auf mich zu gerannt, als sie merkt, dass sie mich wirklich verletzt hat. Sie will ihre rauen, kalten Hände an meine bleichen Wangen legen, doch ich packe ihre Handgelenke und schreie sie an: "Fick dich und deine gottverdammte Beschränktheit", bevor ich sie mit so einer Wucht zurückschubse, dass sie fällt.


Ich sollte mich schlecht fühlen und Mitleid haben, doch ich wende mich nur ab, reiße die Tür auf, um das Haus zu verlassen. Meine Mutter liegt auf dem Küchenboden und beginnt zu weinen. Doch ich bin nicht ihr Sohn, also ist sie nicht meine Mutter. Ich gehe immer schneller und schneller, bis ich renne. Ich renne und renne. Mir tun die Beine weh. Mir schmerzt das Herz. Ich weine und schreie. Doch ich renne. Wohin überhaupt? Egal. Ich renne. Über das Feld, durch den Wald.


Bevor ich mich versehe, stehe ich vor Götterfels' riesigen, erschlagenden Stadttoren. Wie schrecklich muss es sein dahinter zu leben. So eingesperrt. Eingesperrt wie ich es bin.
Ich will ausbrechen. Ich will weg. Ich muss weg. Ich nehme den Weg weiter auf mich und renne in die Stadt. Mittlerweile ist es dunkel geworden und kalt. Meine kurze Hose hält mich nicht mehr warm. Ich weiß genau wo ich hin muss. Ich renne durch die beleuchteten Straßen, durch die dreckigen Gassen und rempel die schönsten Edeldamen an die ich jemals gesehen habe. Ich will eine Pause machen, ich bin so kaputt. Doch ich kann nicht. Ich renne immer weiter. Denn das ist was ich tun muss: Rennen. Wegrennen. Ausbrechen. Abhauen.


Vor seiner Tür mache ich Halt, bis aufs Knochenmark erschöpft. Ich bin kurz davor mich zu übergeben. Ich schnappe nach Luft, als wäre ich gerade fünf Minuten unter Wasser gewesen. So sehe ich auch aus. Meine Haare sind klitschnass vom Schweiß. Meine nasse, adrige Hand erhebt sich und klopft mit letzter Kraft an der Tür...


"Finn?" spricht er hinter der Tür. Ich weiß nicht, wie er es wissen kann, dass ich es bin. Es ist mir auch egal. Er soll nur diese verdammte Tür aufmachen, die uns noch trennt...


"Komm mit."





...Wie dein markantes, unebenes Gesicht im spärlichen Mondlicht meinem Antlitz immer näherkommt. Mein Atem bleibt stehen, mein Herz rast und ich habe das Gefühl, dass ich ohnmächtig werde. Meine schwitzigen, zittrigen Hände legen sich an deine knochigen, breiten Schultern, die mir all den Halt gewähren den ich brauche, bevor sich unsere Nasenspitzen prickelnd berühren und ich zum ersten mal wieder nach Luft schnappe.


Meine Augen öffnen sich langsam, während wir immer weiter von dieser Welt abdriften. Ich spüre nur noch die frischen Brisen der Nacht und deine Hitze, die mich zum schwitzen bringt. Ich sehe nichts außer dein Gesicht, eingerahmt vom Sternenhimmel. Sind wir noch hier? Ich spüre keine Schwerkraft mehr. Wir schweben in unserem eigenen Kosmos. Dieser Moment wird niemals enden. Meine Lippen berühren zum ersten mal deine. Sie sind rau und trocken, zugleich warm und perfekt. Ich verfalle dir immer mehr, während deine großen Hände meinen Rücken streicheln und näher an dich ran drücken. Sie beschützen mich. Mein Brustkorb berührt deinen Oberkörper. Ich spüre nichts mehr außer dich. Deine Lippen, dein Herz, deine Hitze. Du betäubst mich. Es gibt nur uns. Uns allein. Niemand ist hier.


Meine Mutter ist vermutlich zu Hause, zerbricht sich den Kopf und betrinkt sich wieder, während sie vor Sorge kaum Luft bekommt. Doch das ist mir egal. Ich bin nicht ihr Sohn und sie nicht meine Mutter. Mir ist alles egal außer er. Mir bedeutet nur dieser Moment was, mehr nicht. Ich werde nie wieder nach Hause kommen. Ich habe kein Zuhause mehr. Ich will nur noch eines: Rennen. Ich will für immer rennen und nie wieder zurückschauen. Ich will seine Hand halten und mit ihm rennen. Diesen grauen, traurigen Ort verlassen und ihn bis zum letzten Atemzug lieben.

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