Tee und Kornblumen

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  • Rena strich über den roten Stoff ihres Kleides, das an Brust und Saum mit weißer Spitze besetzt war. Es lag eng am Oberkörper an, bevor der leichte Stoff ausfächerte und in weiten Falten bis über ihre Knie fiel und luftig um ihre Beine spielte. Sie liebte den sommerlichen Schnitt, der leichte Stoff tanzte im sanften Luftzug und verschaffte ihr ein wenig Kühlung an diesem warmen Tag. Rena besaß ein sehr ähnliches Kleid in den Farben ihrer Familie, doch Graf Caldwell hatte darauf bestanden, dass sie ab jetzt die Farben seines Hauses tragen würde. Sie hatte auf eine Kutsche verzichtet für diesen Termin, immerhin ging sie gerne durch die Straßen der Stadt. Ihr Leibwächter war dabei stehts an ihrer Seite, doch die Stille zwischen den beiden war keine schwere. Sie mochte seine Gesellschaft, die ruhige und schützende Präsenz in ihrem Rücken die sie seit Jahren schon gewöhnt war und nicht mehr missen wollte.

    Ein kleines Café im Rurik-Viertel war ihr Ziel und sie lächelte, kaum dass sie den Mann erspähte, der dort auf sie wartete. Baron Thomas Nicholas Finnegan ging schon stark auf die Fünfzig zu. In den braunen Haaren zeigten sich silberne Strähnen und das kantig geschnittene Gesicht war gezeichnet von Falten, die sich im Laufe der Jahre gebildet hatten. Sein Geist jedoch war so scharf wie eh und je, seinem Körper wohnte noch immer die gleiche ruhige Kraft und Stärke inne und Rena strahlte als er zu ihr aufsah und ein Lächeln seine Züge erhellte. „Vater.“ Die Wärme, mit der sie dieses Wort aussprach, ließ das Lächeln auf den Züge des Mannes tiefer werden und er erhob sich, um sie in seine Arme zu schließen. Rena sank einen Moment gegen ihren Vater, die Arme um ihn legend und atmete den so vertrauten Geruch nach Tabak, Holz und Wald ein, den ihren Vater verströmte. Für ein paar Momente war die Welt absolut in Ordnung und sie fühlte sich geborgen, sicher und geliebt. Eine tiefe Ruhe senkte sich über ihren Geist und sie barg ihre Nase für einen kleinen Moment länger an der Brust ihres Vaters bevor sie wieder zu ihm aufsah und sich schließlich zögernd von ihm löste. Thomas Finnegan rückte seiner Tochter den Stuhl recht und küsste sie auf den Scheitel. „Du siehst wundervoll aus Füchschen. Auch wenn das Rot ungewohnt ist.“ Rena lachte leise und ihre Augen funkelten warm und heiter zu ihrem Vater hinüber als er ihr gegenüber Platz nahm. „Der Graf hat dasselbe gesagt.“

    Die Mundwinkel ihres Vaters zuckten hinauf und sein goldener Blick wanderte für einen Moment nachdenklicher über das Gesicht seiner Tochter. „Hat er das? Es freut mich das du dich wohl fühlst bei der Familie. Wie ist die Arbeit?“
    „Gut, auch wenn Rowenna die Stadt verlassen hat, um den Sommer im Harathi-Hinterland zu verbringen.“ Renas Lächeln wurde eine Spur schwächer und ihr Vater nickte verstehend.
    „Du vermisst sie.“ Der tiefe Bariton sprach keine Frage aus, es war eine schlichte Aussage und Beobachtung.
    „Ja.“ Rena nickte und strich ihr Kleid glatt, dann räusperte sie sich und sah ihren Vater an.
    „Den Blick kenne ich.“ Thomas lachte leise und bedeutete seiner Tochter mit ihrem Anliegen einen Moment zu warten. So rief er zuerst den Kellner herbei. „Die Erdbeertörtchen für meine Tochter, ich nehme die Brioche und bitte bringen Sie uns eine Karaffe Eistee. Grün, mit Zitrone.“ Der Kellner nickte und nun wandte sich der Baron vollkommen seiner Tochter zu. „Was liegt dir auf dem Herzen?“
    Rena lächelte über die Bestellung ihres Vaters ehe sie ernster wurde. Sie schluckte ihre flatternden Nerven herunter und sah ihren Vater einen langen Moment an, der ihren Blick ernst und aufmerksam erwiderte. Das Lächeln geriet etwas vor wackelig vor Aufregung und Rena strich die Serviette auf ihrem Schoß glatt. Der tiefe Atemzug den sie nahm, um sich zu sammeln und ihre Gedanken zu ordnen half. „Der Graf hat mir angeboten die Stelle als Hausdame zu übernehmen, für das Anwesen hier in der Stadt.“

    Die Miene von Thomas Finnegan wurde nun nachdenklich und die goldenen Augen wanderten einmal mehr über das Gesicht seiner Tochter. Die Augen hatte sie von ihm geerbt. Woher die weißen Haare kamen, das wusste man nicht genau. Rena war nicht die einzige in ihrer Familie, die mit weißen Haaren auf die Welt gekommen war, doch warum es so unregelmäßig auftauchte in der Familie, das konnte sich niemand recht erklären. Die Baronin Finnegan hatte feuerrotes Haar und wurde von ihrem Ehegatten liebevoll Füchsin genannt. Rena war immer traurig darüber gewesen, dass sie zwar die Locken, jedoch nicht das intensive Rot der Haare ihrer Mutter geerbt hatte. So war es ein familiärer Witz geworden die jüngste der Familie Schneefüchschen zu nennen. Die beiden Brüder der Baroness hatten braunrotes und rotes Haar gehabt. Ihr ältester Bruder Thomas war äußerlich eine Mischung der beiden geworden. Rotbraunes Haar, goldene Augen und der gleiche, warme und nachdenkliche Ausdruck mit dem ihr Vater sie nun ansah. Ihr zweiter Bruder Richard, hatte feuerrotes Haar wie seine Mutter und ihre tiefgrünen Augen geerbt. Sie lächelte sachte bei der Erinnerung an ihre Brüder, ehe die Stimme ihres Vaters sie ins Hier und Jetzt zurückrief.

    „Möchtest du die Stelle antreten?“ War die erste Frage ihres Vaters und Rena nickte. Sie hatte sich vorbereitet, denn ihr Vater würde keine halbherzige, schlecht durchdachte Entscheidung unterstützen.
    „Ja. Ich arbeite gerne für die Familie. Ich fühle mich wohl dort, ich mag die Angestellten und verstehe mich sehr gut mit Miss Celia und würde weiterhin ihre und Miss Rowennas Gesellschafterin bleiben. Die Position als Dame des Hauses wäre also zusätzliche Verantwortung, die ich übernehmen würde. Ich möchte gerne dort bleiben Vater. Ich weiß, dass ich das Gestüt übernehmen muss und auch unseren Haushalt, doch ich könnte so viel lernen.“ Rena sah ihren Vater mit einer Mischung aus Ruhe und Aufregung an. Sie wusste, dass er ihren Worten immer viel Gewicht beigemessen hatte, doch schlussendlich war es seine Entscheidung.
    Der Baron schwieg nun als der Kellner die bestellten Speisen und Getränke brachte. Erst als der Mann den Tisch wieder verlassen hatte sprach er.
    „Die Familie hat einen tadellosen Ruf und ich sehe kein Problem darin, dass du deine Arbeit dort fortsetzen kannst. Dem Graf sind die Bedingungen bekannt nehme ich an?“
    Rena nickte und etwas Spannung wich aus ihren Schultern. Sie griff nach dem Glas mit Eistee und nahm einen Schluck. Erst jetzt als ihr Vater die Zustimmung gegeben hatte, wurde ihr bewusst wie viel Angst sie vor einem ‚Nein‘ gehabt hatte.
    „Ja. Ich habe ihm gesagt, dass ich das Erbe antreten muss. Er sagte, dass er mich selbstverständlich aus seinen Diensten entlassen würde sobald dies dein Wunsch ist.“

    Der Baron nickte zufrieden und lächelte seiner Tochter zu. „Dann hast du meine Zustimmung. Ich weiß wie sehr du die Familie schätzt und den Grafen.“
    „Vater.“ Rena sah ihren Vater ernst an. „Sag so etwas nicht. Er ist mein Arbeitgeber.“
    „Nichtsdestotrotz mein Liebes, bist du unter seinem Dach aufgeblüht. Ich erkenne die kompetente, schöne, intelligente und liebevolle Frau wieder, zu der du herangewachsen warst bevor ein Schatten sich über unser Leben senkte. Es erfüllt mich mit viel Stolz dich wieder so zu sehen nach dem Tod deiner Brüder und dem Schlag, den dieser Lump Crowley dir versetzt hat. Der Graf und seine Familie kann sich meines Wohlwollens sicher sein. Richte ihm meine Grüße aus. Insbesondere Miss Rowenna und Miss Celia, meine besten Grüße. Die beiden sind dir offensichtlich ans Herz gewachsen und auch über den Rest der Familie höre ich nur Gutes. Es beruhigt mich schlicht, dass es dir wieder so gut geht. Und deine Mutter ebenfalls.“ Der Baron lächelte seiner Tochter entgegen und Rena konnte nicht anders als ihn etwas verlegen und zugleich glücklich anzuschauen.
    „Ach Vater, du bringst mich noch zum Weinen.“, sprach sie leise und sah ihn gerührt an.
    „Nun, das geht nicht. Iss lieber ein Stück von diesen Erdbeertörtchen mein Füchschen. Ich möchte nicht verantwortlich dafür sein, dass du noch einmal vor den Schminktisch musst heute und ich höre sie schmecken wunderbar.“ Der Baron lachte warm und streckte die Hand aus, um die seiner Tochter zu drücken. Rena fühlte eine tiefe, sanfte Wärme, die durch ihren ganzen Körper strahlte und lächelte ihre Vater liebevoll an. Sie nahm schließlich ihre Gabel auf und nahm einen kleinen Bissen.

    Der Baron nickte zufrieden und die beiden versanken in eine Unterhaltung über das Gestüt, die Pferde und was im Haushalt der Finnegans in dieser Woche passiert war. Als Törtchen und Brioche verspeist worden waren lehnte der Baron sich einen Moment zurück und griff in seinen Gehrock. „Wir haben Post erhalten mein Lieb, über die deine Mutter sehr erfreut war. Sie besteht darauf, dass ich dir die Einladung übergebe.“
    „Einladung?“ Rena ließ das Glas, welches sie gerade an ihre Lippen führen wollte, wieder los und sah ihren Vater an.
    „Eine Einladung zum Nachmittagstee bei der Familie Montgomery.“
    „Montg-„, Rena stockte und starrte auf den blütenweißen, unschuldigen Umschlag hinab den ihr Vater über den Tisch hinweg anreichte, „Montgomery. Wieso?“
    Der Baron lachte leise und hielt Rena den Umschlag hin bis diese ihn entgegennahm. Das Wachssiegel der Familie war bereits gebrochen und Rena zog die Einladungskarte hervor. Mit silbriger Schrift verkündeten die Lettern eine Einladung zum Nachmittagstee. Unterschrieben hatte der älteste Sohn der Familie.
    „Weil das so üblich ist mein Lieb.“ Der Baron sah seine Tochter an, beobachtete ganz offen ihre Reaktion auf die Einladung.
    Rena starrte auf die Karte hinab und ihre Finger hatten Mühe sie zurück in den Umschlag zu stecken. Ihre Finger zitterten zu sehr. „Ich…“
    „Du musst dich nicht jetzt entscheiden Rena.“, unterbrach ihr Vater sie und blickte sie ernst an. „Doch du bist die Erbin. Damit gehen gewisse Verpflichtungen einher. Die Montgomerys haben einen tadellosen Ruf. Der älteste Sohn ist vor wenigen Wochen ehrenhaft aus dem Militärdienst entlassen worden und wird die Weingüter seines Vaters übernehmen. Es ist nicht die erste Einladung, die er ausgesprochen hat.“
    „Er kennt mich doch gar nicht.“ Rena sprach den Protest leise aus und starrte auf die Karte hinab. Es kam ihr vor, als hielte sie eine giftige Schlange in Händen, die jeden Moment vorschnellen und zubeißen könnte.
    „Er kennt dich. Er hat eine Weile mit Thomas und Richard zusammen gedient und war schon einmal bei uns zu Besuch als die drei gemeinsam Fronturlaub machten. Er hat dich in guter Erinnerung behalten, besonders dein Geigenspiel. Er ist ein anständiger Mann und seiner Familie gehört ein großes Weingut im Königintal und eine Falknerei.“ Thomas Finnegan sah seine Tochter ruhig und ernst an, weiterhin beobachtete er ihren Ausdruck und die Haltung seiner Tochter. Rena starrte auf die Karte hinab und nickte. „Ich erinnere mich an ihn. Er hat schwarzes Haar und blaue Augen, richtig?“ Rena hielt die Karte für einen Moment so fest, dass sie diese fast zerknittert hätte. Ein Gesicht, halb im Schatten verborgen schoss durch ihren Geist, nur ein strahlend blaues Auge klar zu erkennen.
    Zufrieden nickte der Baron und lehnte sich in seinem Stuhl wieder zurück. „Das ist die vierte Karte, die er uns schreibt, Rena. Er hat ehrliches Interesse und der kleine Zwischenfall mit Baron Crowley kümmert ihn nicht, seiner eigenen Aussage nach. Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass du derzeit nicht in unserem Anwesen lebst, sondern für die Familie Caldwell arbeitest. Er möchte die Bekanntschaft erneuern.“
    Rena schwieg einige lange Momente und nickte. „Ich überlege es mir, doch ich weiß nicht wie meine Arbeit es zulassen wird.“
    „Rena.“ Der Baron lehnte sich vor und sah seine Tochter eindringlich an. „Wir beide wissen, dass es nicht an deiner Arbeit scheitert.“
    Rena starrte ihren Vater an, Verwirrung und Schock standen in ihrem Blick. Im Geiste war sie noch immer bei dem Traummann, der sie alle paar Nächte heimzusuchen schien und dessen Gesicht stehts halb verborgen im Schatten bleib. Nur das blaue Auge, strahlend hell und warm auf sie herabblickend blieb ihr als Erinnerung am Morgen. „Was- Vater was meinst du?“
    Der Baron sah seine Tochter einen langen Moment an bevor er schwer durchatmete und ihr ein beruhigendes Lächeln schenkte. „Nichts mein Schneefüchschen. Komm, ich bringe dich zum Anwesen zurück. Du kannst dir ein wenig Bedenkzeit nehmen, doch deine Mutter wäre sehr enttäuscht, wenn du dem Grafen Montgomery eine Absage erteilst. Sie spricht in den höchsten Tönen von ihm.“ Rena erhob sich und nahm den angebotenen Arm ihres Vaters an. Auf dem Rückweg zum Anwesen der Familie Caldwell dauerte es ein wenig bis sie wieder mit ihrem Vater sprach, doch er lockte sie schließlich mit Nachfragen über ihre aktuelle Lektüre aus ihrem Schneckenhaus. Die Umarmung der beiden fiel ein wenig länger aus, Rena wollte sich nicht so recht aus Wärme und Sicherheit lösen, die ihr die Gegenwart ihres Vaters vermittelte. „Bis bald Vater. Richte Mutter meine liebsten Grüße aus und küss sie von mir.“
    Der Baron nickte. „Das werde ich. Und denk daran dem Grafen und der Familie meine Grüße auszurichten. Ich hoffe man kümmert sich weiterhin so gut um dich.“ Der Blick des Barons war für einen Moment selbst für seine Tochter schwer zu lesen die ihm zulächelte. „Das werde ich Vater.“ Rena drückte noch einmal die Hand ihres Vaters, hauchte einen zarten Kuss auf seine Wange und wandte sich dann herum, um an der Tür des Stadtanwesens zu klopfe. Ihr Leibwächter war den beiden still gefolgt, nachdem sie das Café wieder verlassen hatten. Der Baron Finnegan indes nahm sich noch einen Moment, um den Gebäudekomplex einer langen Musterung zu unterziehen bevor er sich abwandte.

    Rena teilte dem Grafen die Zustimmung ihres Vaters zeitig mit. Die Karte mit der Einladung blieb in ihrer Rocktasche und schien den ganzen Tag schwer die Blei dort zu lasten. Immer wieder strichen ihre Finger darüber. Nur eine flüchtige Berührung, denn Rena war fast so als könnte sie sich an dem Papier verbrennen. Am Abend nahm sie den Umschlag mit der Karte aus ihrer Tasche und stellte sie neben den kleinen Strauß Kornblumen der auf ihrem Schminktisch stand. „Blaue Augen.“ Rena starrte den kleinen Wildblumenstrauß vom Litha-Fest an, der getrocknet an ihrem Spiegel hing und dessen Kornblume sie immer an die Augenfarbe ihres Traummannes erinnerte. „Blaue Augen.“ Ihr Blick kehrte zu dem Umschlag zurück und sie schüttelte den Kopf, bevor sie sich abwandte und begann sich bettfertig zu machen. Doch in dieser Nacht, träumte sie wieder von ihm. Blaue Augen, ein warmes Lachen, breite Schultern und eine ruhige Präsenz die sie zitternd am nächsten Morgen zurückließ.

    Ihr war so schrecklich heiß.

Kommentare 7

  • Travon -

    Danke für die vielen Komplimente in diesem Text. :)
    Ich mag Renas Vater und den Umgang der beiden miteinander. Sehr gefühlvoll.

    • Mina -

      Vielen Dank :) ich mag ihn auch. Und das ist doch selbstverständlich, ich genieße das Spiel in der Gilde sehr. <3 Blumen für alle!

  • Brasons -

    Ooooohoioioi, Sonnwendmann im Anmarsch!

  • Harlem -

    Ich finde die Worte so stark und du weißt genau wie und wann du WELCHEN Sätzen Gewicht verleihen möchtest. ❤️

    • Mina -

      Vielen Dank, du machst mich ganz verlegen... <3 Freut mich sehr, dass es dir so gut gefällt.