Im Auge des Sturms

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  • In the eye of a hurricane
    There is quiet
    For just a moment
    A yellow sky

    Es ist ruhig draußen, als sie aus dem Fenster schaut. Dunkel ist es auch. Nur das Zimmer wird von einigen Kerzen erhellt, die in Schalen auf den Kommoden und dem Beistelltisch stehen. Dazu das Flackern eines Kaminfeuers an der Wand hinter ihr.
    Wie lange sitzt sie da jetzt schon? Vermutlich zu lange, aber die Papierstapel auf dem Schreibtisch verlangen nach Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit, das war es auch, was Vince wollte, bis er schließlich aufgegeben hat und sich ins Bett gelegt hat. „Nur noch die paar Rechnungen“, hatte sie zu ihm gesagt. Und aus den paar Rechnungen wurden noch ein paar mehr, dazu das Beantworten von zusätzlicher Post und eine Übersicht über das Sortiment.
    Nun liegt er da friedlich zwischen den Fellen und Decken auf dem Bauch, die Arme und Beine neben ihm bequem angewinkelt. Er ist schon länger eingeschlafen, sie kann sehen, wie er ruhig atmet und seine Haare ihm ins Gesicht gefallen sind. Sie mag diese Frisur lieber als die davor, so hatten sie sich kennengelernt. So hatte sie sich in ihn verliebt. Wie er damals vor Monaten an der Mauer stand und sie an ihm vorbei nach Hause gehen wollte. Die Erinnerung zaubert ein kleines Schmunzeln auf ihre Lippen. Nach Hause, dahin ist sie schließlich auch an diesem Abend gekommen, jedoch mit kleinen Umwegen.
    Wie viel sich geändert hat in diesen Monaten. Gedankenverloren spielt sie an einem dünnen Goldkettchen an ihrem Handgelenk. Menschen, Freunde die gekommen und gegangen sind. Die Arbeit, die jetzt so vollkommen anders ist, als das was sie sich jemals noch in Elona ausgemalt hatte. Ein Getränkeladen, das war irgendwie nie bisher ein Thema gewesen.
    Jetzt ist es sehr wohl ein Thema und verbraucht fast mehr von ihrer Zeit und Energie, als dass sie zugeben möchte. Papierarbeit, so viel Papierarbeit und Briefe an Kunden.
    Aber sie beschwert sich nicht. Sie dreht sich in ihrem Stuhl wieder zum Tisch, legt die Hände fein säuberlich neben das Papier vor ihr und seufzt leise. Noch diesen einen Brief, dann würde sie sich zu ihm legen und endlich schlafen. Sie haben sich beide die Ruhe verdient und bald würden sie auch in den Urlaub gehen. Davor möchte sie eigentlich noch so viel wie möglich abgehakt haben. Also greift sie nach der Feder, tunkt die Spitze in die Tinte und beginnt zu schreiben.

    I'll write my way out
    Overwhelm them with honesty

    Es handelt sich um eine einfache Antwort an einen potentiellen Kunden. Morgen würde sie diesen Brief überbringen und die Sache hätte sich erstmal erledigt. Ein paar Zeilen bringt sie recht schnell zu Papier, dann nimmt sie zu viel Tinte auf und es kommt, wie es kommen muss. Ein Tintentropfen fällt auf das Papier und breitet sich langsam aus. Ein Tintenfleck. Normalerweise kein Grund zur Aufregung, aber es ist spät und das Bett ruft nach ihr.
    Naunet schließt kurz die Augen und atmet durch. Sie war nie besonders talentiert im Schreiben gewesen, aber sie drückt sich auch nicht davor. Manchmal war es einfach sinnvoller, die Dinge sachlich in einem Brief zu klären, als lange beschwerliche Wege für ein persönliches Gespräch auf sich zu nehmen. Diese Vorgehensweise hatte sie eigentlich immer bevorzugt. Bis… auf eine Ausnahme vor all diesen Monaten.

    This is the eye of the hurricane, this is the only
    Way I can protect my legacy

    Es war ihr so schwergefallen. Die Worte wollten einfach nicht auf das Papier und auch dieses wollte irgendwann nicht mehr, wenn zu viele ihrer Tränen es durchweicht hatten. Oh wie oft sie diesen Brief geschrieben, zerrissen und nochmal geschrieben hatte. Damals war es noch später als es jetzt ist und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Sie öffnet wieder die Augen und blickt auf den Tintenfleck, der gerade an den Rändern zu trocknen beginnt. Damals waren es nicht nur Tränen- und Tintenflecken auf ihrem Brief. Sie hatte gezittert und bis ihre Schrift leserlich genug war, ging die Sonne wieder auf. Die Elonierin kennt den Inhalt auswendig, sie weiß auch wo sich dieser Brief jetzt befindet. In der zweituntersten Schublade ihres Schreibtisches. Sie hatte ihn damals schließlich abgegeben und die nächsten Tage kaum das Haus verlassen, nur zum Schrein ist sie gegangen, um zu beten. Aber der Brief hatte sein Ziel gefunden. Sonst würde sie hier nicht sitzen und diesen Tintenfleck anstarren. Es wäre fraglich, ob sie dann überhaupt irgendwo sitzen würde. Sie wollte doch nur Ruhe und Sicherheit.

    And when my prayers to God were met with indifference
    I picked up a pen, I wrote my own deliverance

    Von Fehlern hatte sie damals geschrieben. Schuld, Naivität, Gnade. Sie hatte um die gefürchtet, die ihr am wichtigsten...waren. Personen, die sie jetzt kaum noch sieht. Schon alleine daran zu denken, lässt Naunet jetzt schwer schlucken und sie sieht wieder über die Schulter kurz zu Vince. Er war damals auch da.
    Jetzt schreibt sie fast täglich von Angeboten, Weinproben, Preisen und Terminen. Wenn da nicht dieser Tintenfleck wäre, der sie gerade davon abhält, diesen Brief schnell zu beenden. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie die Feder in ihrer Hand fest umklammert hält. Zu fest. Ein Aufkeuchen entkommt ihr und sie lässt die Feder fallen. Noch mehr kleine Tintenkleckse spritzen auf das Papier.
    Nein, sie würde jetzt nicht weiterschreiben, sie würde immer und immer wieder von vorne anfangen müssen. Wie…damals.
    Alles wird stehen und liegen gelassen, sie verbrennt sich fast als sie die Kerzen hektisch auspustet und dann zum rettenden Bett sieht. Wie schnell sie ihre Decke abstreift, die sie sich zum Schreiben über die Schultern gelegt hatte und auf das Bett krabbelt. Im Halbschlaf registriert Vince, dass sie zu ihm gekommen ist und sie findet sich schon bald in seinen Armen dicht aneinander gekuschelt wieder. Ihr Herz schlägt bis zum Hals, noch kann sie nicht ans Schlafen denken und sie versucht die Augen zusammenzupressen um nicht an damals zu denken. Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich zu ihm flüchtet. Er hat sie verstanden damals und tut es immernoch.

    Dann ist es ruhig. Dunkel ist es auch.

    In the eye of a hurricane
    There is quiet
    For just a moment
    A yellow sky

    Die kursiven Texte stammen aus dem Lied „Hurricane“ aus dem Musical Hamilton.

Kommentare 2

  • Travon -

    Ich kenne den Hintergrund der Ereignisse nicht. Der kleine Einblick ist allerdings sehr gefühlvoll geschrieben, stimmig und flüssig zu lesen. Man spürt die wachsende Anspannung als dumpfen Kloß im Magen beim Lesen, bis sie für Naunet zu viel wird und sie sich davor flüchtet. Ich mag es, wenn Emotionen für mich greifbar sind. Gefällt mir gut, der Text.

    • Erythna -

      Dankeschön! Die Idee hatte ich wegen dem Lied schon ein wenig länger im Kopf herumspringen, jetzt bin ich mal dazugekommen ^^
      Freut mich, dass es dir gefällt und auch ohne Hintergrundwissen nachvollziehbar ist!