Shi

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    „Alles in Ordnung, mh? Hey, bist du eingepennt?“
    Vito hatte sich im Bett aufgesetzt und starrte dem bäuchlings neben ihm liegenden, beharrlich schweigenden Mädchen auf den nackten Rücken und auf die bunten Tätowierungen die da auf ihrer Haut prangten. Ein aufmerksamerer Mann als er hätte sich vielleicht die Mühe gemacht sie genauer zu betrachten und seine Rückschlüsse zu ziehen, denn jedes Einzelne zeugte von großer Kunstfertigkeit, doch Vito war nicht diese Sorte Mann. Aber es war ja auch nicht jeder Mann ein Ratsherr. Und so lehnte er sich schlicht über sie hinweg, und das nicht ohne sie unsensibel mit etwas Gewicht zu belasten und nicht etwa im Versuch einer etwas missglückten Liebkosung, sondern mit dem schlichten Ziel sich die auf dem kleinen Nachtkästchen neben dem Bett liegende Kippe zu schnappen, die sich so opportun in seinen Fokus geschoben hatte und verführerisch 'rauch mich' zu sagen schien. Als er sich wieder aufrichtete zuckte er ungerührt mit den breiten Schultern.
    „Hast du Streichhölzer? Auf dem Nachtkästchen liegen keine.“ Aber das Mädchen antwortete ihm noch immer nicht. „Hehe, dann sag halt nichts. Ich hab selber welche“, gluckste er amüsiert, da sie sich so passiv zeigte und ächzte umso schwerer, als er sich auf seiner Seite des Bettes hinab beugen musste um nach dem äußersten Zipfel seiner Hose zu angeln. Dass er ihr dabei das Laken bis fast ganz vom Gesäß zog störte ihn nicht, nein, es fiel ihm nicht mal auf, war er doch voll und ganz damit beschäftigt, und das bedeutete in seinem Fall mit konzentriert zwischen die Lippen geschobener Zunge, den Hosentaschen die Zündhölzer zu entwinden. Das zufriedene Seufzen das ihm einige Augenblicke später über die Lippen kam, nämlich als die bauchige Zigarette endlich brannte und er gierig daran gezogen hatte, fiel prompt umso tiefer aus, genau wie die folgenden Züge die er davon tat und die ihn lachend husten ließen.
    „Kehehehe. Scheiße. Das is' aber kein normaler Tabak, ne? Mh? Du Luder mischst da doch immer was bei.“ Doch wieder schwieg das Mädchen. „Na brauchst nichts zu sagen, ich schmeck es ja auch so, ne? Is aber gutes Zeug.“
    Nicht gewillt sich von ihrer Art die Laune verderben zu lassen ließ Vito seinen Blick durch ihre kleine Kammer streifen. Sie war nicht viel größer als seine eigene, die zwei Zimmer weiter lag und noch bis vor kurzem irgendeinem Olaf gehört hatte, dafür ungleich mehr zugestellt. Kleidung verschiedenster Art, von Kleidern bis festem Lederzeug hing an Haken, in Schränken und über Stühlen, bar jeder ersichtlichen Ordnung. Gruselige Masken, von Halbmasken mit goldenem Anstrich bis hin zu großen Zirkusmasken mit Hörnern und felliger Mähne hingen an den Wänden und auf Ständern, aber es waren zu viele für die kleine Kammer und wirkte als drängten von überall Geisterwesen auf ihn ein. Nicht, dass es ihn gestört hätte, aber... trotzdem. Kleine Figürchen aus Glas und Stein stellten das Fensterbrett zu und freien Platz gab es kaum. Es wirkte irgendwie wie; ein Nest! Er hatte das jetzt schon bei einigen Weibern beobachtet, diesen Hang zum Nestbau, das 'sich eine Höhle bauen', dem aber nie große Bedeutung zugemessen. Sollten sie doch, so lang die Höhle kein für ihn verschlossenes Tor hatte. Aber gerade, also in eben diesem Moment beengte es ihn. Er fühlte sich unerwünscht. Vito tat einen weiteren Zug. Es war heiß und schwitzig hier. Heiß genug, dass die Scheiben beschlagen waren. Später würde er die Tür öffnen. Oder gehen. Vielleicht beides.
    „Ich hätte gedacht, dass du mehr redest, weißte? Du redest doch ständig? Sogar mit vollem Mund. Hehe.“ Er lachte über den eigenen, plumpen Witz und in die Stille hinein – denn sie schwieg einfach weiter – fühlte es sich nur umso deplatzierter an. Mit einem Mal kam er sich dumm vor und so verstummte auch er und der Lacher erstickte kläglich. Fast hilflos zog es seinen Blick wieder auf ihren Rücken. Es war ein schöner Rücken. Sehnig und gar nicht so schmal, wie ihm auffiel. Und nach kurzer Weile glitt sein Blick Stück für Stück die Wirbel hinab, einen nach dem anderen, bis hin zu ihrem Gesäß, das da so zu mehr als der Hälfte, aber zur Gänze verführerisch, aus dem verrutschten Laken spähte. Und dort setzte sich seine Aufmerksamkeit fest und erst dort konnte er ihrem lauten Schweigen entfliehen.
    Vito entspannte sich - etwas. Er fühlte sich - zunehmend - gut. Er war - eigentlich - zufrieden, Er... es ließ ihm keine Ruhe.
    Da war ein Gedanke der penetrant sein von Liebesspiel und Rauschkraut wohlig eingenebeltes Haupt umflatterte, auch wenn er nicht in der Lage war ihn klar zu fassen und auch zu träge es wirklich zu versuchen, und der Gedanke war kein fideler Schmetterling sondern ein dicker, ekliger Nachtfalter. So ein fetter Brummer. Einer von der Sorte die des Nächtens urplötzlich aus der Dunkelheit in die eigene Fackel geschossen kommen, nur um dort zischend zu verbrennen und widerlich zu stinken. Die gewohnte Entspannung zu finden, die ihn normalerweise umfing wenn er es einer nach eigenem Empfinden grad so richtig besorgt hatte, die Entspannung die ihm zustand, der Stolz, die Bestätigung, all das war für die Katz! Dabei hatte er sie sich verdient. Er hatte sich hier wahrlich nichts vorzuwerfen. Oder? Oder doch? Er nahm seinen Blick von dem blanken Arsch und glotzte den hellbraunen Schopf an.
    „Du, Toni, jetzt mal ernsthaft“, und es kratzte mittlerweile schon hart an seiner Männlichkeit, dass sie einfach nichts sagen wollte, Götter verflucht nochmal, sie könnte doch einfach sagen was sie angefressen machte „du, stimmt irgendwas nicht? Was is' los? Du schweigst jetzt ohne Scheiß schon mindestens ne Viertelstunde. Red' mit mir. Jetzt sag nicht, dass dir das nicht gefallen hat. Ja? Komm schon, jetz' red' doch mit mir... . Bist du betrunken? Is' dir schlecht?“ Widerwille aufzustehen ließ ihn zögern, aber nicht zu wissen was los war, war viel, viel schlimmer. „Soll ich dir was bringen? Wasser? Magst 'n Schnaps? Man, ich fühl' mich bald als hätt' ich mich dir aufgezwungen. Aber das warst du, nich' ich, ich hätt' ja nie gehofft, dass du mich mit nimmst. Ich dacht' ja du bist Adrians... .“
    Er verstummte abrupt als sie unverhofft den Kopf hob und sich wie aufgeschreckt auf den Rücken rollte, ihm entgegen. Ihr Busen drückte gegen seinen Oberschenkel. Widerspenstiges Haar fiel ihr lose ins Gesicht, aus welchem ihm ferne Irritation entgegen blickte. „Hm? Vito... was' los?“ Murmelte sie verträumt und doch mit jenem altklugen Ernst der manchmal denen zu Teil wird, die jäh aus der Traumwelt gezogen werden und in deren Augen noch der Nachhall dieser fernen Welt zu spüren ist. Dann gähnte sie unvermittelt und ganz und gar irdisch. „Du brabbelst schon die ganze Zeit vor dich hin... wie so'n Kneipenstammgast. Ich hab... bloß geträumt.“ Das Bett knarzte als sie sich mit den Handballen die Augen rieb.
    „Nein, du hast so komisch auf die Wand gestarrt, weißte?“ Ihre Worte gingen runter wie Öl, und trotzdem; so ganz wollte er dem Frieden nicht trauen. „Wo biste denn gewesen“, getraute er sich zu fragen. Sie schwieg. Sie schwieg und fast hätte Vito geglaubt, dass er doch etwas falschen gesagt hatte. Oder auch nur gedacht. Dann blaffte sie ihn scherzhaft an und grinste unvermittelt dreckig.
    „Heh, was geht'n dich das an, Libanez? Machste jetzt einen auf Priester?“
    „Ich... ne. Das war doch nich' so gemeint. Ich....“
    „Schhhh... verdirbs nicht du Dödel, mir ist nach beichten.“
    „Beich...ten. Achso. ACHSO! Hehe, na dann, na dann... ich glaub du musst ne Menge beichten.“
    Und als er sich zu ihr runter beugte, da hatte er ihr Schweigen schon vergessen.
    Ihr aber sollten noch lange Gedanken durch den Kopf spuken.
    Gedanken die seine Küsse hätten vertreiben sollen.
    Küsse von denen sie und ihre Schwestern hofften, dass sie sie ablenken würden.
    Aber sie taten es nicht. Sie taten nichts davon.

    Und dort an der Wand, zwischen dem verblichenen Bildchen ihrer Mutter, und dem kleinen Silberspiel, von Vitos wenig scharfsinnigem Blick schlicht übersehen hing ein langer Brief, die Tinte an mehreren Stellen von Tränen aufgeweicht. Er begann mit einer Geschichte über ein Volk in den Wolken und er endete mit den Worten, 'Komm mich doch bald ein mal … besuchen. Ich bin sehr einsam dort. Viele Grüße...'.

    Aber die Person, die sie besuchen sollte. So unbedingt besuchen wollte. Die war fort.
    Und jetzt war es sie, die einsam war. Hier. Zwischen schwitzigen Laken, alten Erinnerungsstücken und den Küssen eines Kerls der es nicht besser wusste.

    Und die Schwestern in ihrem Kopf flüsterten den Namen. Jammerten und brüllten ihn.
    „Shi... .“
    "Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt." - Péter Esterházy

Kommentare 3

  • Pink Unicorn of Doom -

    Danke, ihr zwei :)
    Das freut mich sehr.

  • Evan Verland -

    Es ist wo wundervoll tragisch!

  • Jorra -

    Ich lese nicht gerne - wirklich nicht. Und auch nicht sehr gut. Es kostet mich sehr viel Konzentration.

    Das hier ist wundervoll und unaufdringlich. Es ist eine Geschichte, die in mir das unangenehme Gefühl weckt, das Vito haben muss während sie nicht antwortet. Was ich sagen will: Sie löst Gefühle in mir aus. Beklemmung, Hibbeligkeit, Neugierde. Und erst ganz zum Schluss, nur für eine Sekunde, geht es um das worum es eigentlich die ganze Zeit geht. Herrje, wenn ich das nur beschreiben könnte.

    Ich mag, dass du weisst, dass ich sie wunderschön finde. Vielen, vielen lieben Dank.