Briefe an Thrym

Iida saß auf dem Dach der Wirtshütte von dem alten Rekkin. Ihre Beine hingen über den Giebel hinunter und baumelten locker wie auch ungleichmäßig vor und zurück. Wie sooft konnte sie nicht still sitzen, auch wenn sie in Gedanken versunken auf den Hof starrte, wo Dromund gerade das Rastfeuer schürte. Er hatte sie mit Sicherheit noch nicht gesehen, denn ansonsten hätte der Kerl wieder gebrüllt und ihr die immer selbe Leier von den Geisterschreinen im Borealis-Wald erzählt. Sie kannte seine Erzählungen mittlerweile in und auswendig und selbst die Milchtrinker, die hin und wieder an der Rast vorbei sprangen, machten sich über den Schreihals lustig. Aber welcher Norn konnte schon von sich behaupten, vom großen Högger Speckfaust mit einer Zielscheibe abgeworfen worden zu sein?
Als Dromund sich erhob und ein Weib den Hang hinunter kam, ließ sich Iida nach hinten zwischen die Beete der Bäckerin fallen und blinzelte nach oben. Zwischen den Baumwipfeln hindurch konnte sie den Abendhimmel sehen und sicher würde sie bald darauf die ersten Sterne erblicken.
"He! Ihr da! Da drüben!"
Ein Grinsen huschte auf ihre Lippen, als sie sich vorstellte, wie Dromund nun wieder mit der Hand wedelte, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch milderte sich das Grinsen ab, bis es mit einem tiefen Seufzen gänzlich verschwand und sie, Beine baumelnd, die Arme hinter ihrem Kopf verschränkte.
Ho Thrym.
Es waren Worte, die in ihren Gedanken auftauchten. In ihrem Kopf klangen sie leise, als würde sie sich nicht trauen, oder als würde sie ihm gerade gegenüber stehen und sich für irgendeinen dämlichen Streich entschuldigen wollen. Ganz so klang sie in ihren Gedanken.
Es... sind heut 21 Tage. Ich hab sie gezählt, weißt du? Ich hab auch deine Legende erzählt. In der Großen Halle am Zahn. Hogni hat gesagt, dass du gut in den Nebeln angekommen bist... ich glaub ihm auch. Es waren nich so viele da, wie du es eigentlich verdient hättest. Aber Nia sagt, dass das noch kommt. Sie hat Pemi getroffen, weißt du?
Ihre Gedanken standen einen Augenblick lang still, in dem sie sich die aufkommenden Tränen aus den Augen blinzelte und tief durchatmete. Es waren nur Gedanken, aber sie trafen die junge Norn dort, wo sie in den Tagen seit dem Vorfall abgeschalten hatte.
Ootai ist noch nich wieder da, Thrym. Vielleicht kannst du nach ihr schauen? Ich weiß nich, ob das geht. Aber ich mach mir Sorgen. Ich will nich noch eine Freundin verlieren. Außerdem hat sie noch so viel zu tun, bis ihre Legende groß ist. Sie... ich glaub, sie weiß es noch gar nich. Ich wüsste auch nich von wem.
Manchmal denk ich, ob es so gut war, dass ich dich befreit hab. Aber dann denk ich wieder, dass es auf jedenfall gut war weil die Verderbnis schlimmer ist als der Tod. Es ist nur... der Blick mit dem manche Norn kucken, wenn ich das erzähl. Sie verstehen nich, warum ich das gemacht hab. Sie haben glaub ich, noch weniger Ahnung als ich.

Ihre Augen schlossen sich und sie presste ihre Lippen fest aufeinander, um das Schluchzen zu unterdrücken welches aus ihrer Kehle gluckern wollte. Iida schluckte und zog eine Hand aus der Verschränkung hinter ihrem Kopf, um sich die Augen zu reiben.
Ich weiß nich, ob ich das schaff Thrym. Ich weiß nich, ob ich Ootai das erzählen kann. Sie ist doch noch so klein. Außerdem... weiß ich nich, ob ich dann selber noch so stark sein kann. Nich so wie jetzt, wo ich heul. Außen stark und innen ganz weich.
Wieder unterbrach sie ihre Gedanken, die sie so aus der Bahn warfen, dass sie nun flennend auf dem Dach lag, zwischen Kräutern und Pflanzen die wuchsen und blühten. Für Außenstehende ein durchaus seltsamer Anblick. Eine Norn, die zwischen einem Beet liegt und heult. Doch ein Glück sah sie niemand.
Thrym, du fehlst mir. Und deine Feier wird eine ganz Großartige. Versprochen.

„The Norn will not change simply because the Dwarves do not understand our ways.
I'd rather be hated for who I am than loved for who I am not.“

Jora

Comments 1

  • Manchmal hasse ich dich, weil du soetwas schreibst. Und dann ist die Geschichte wieder so toll, dass ich dich drücken könnte. <3