Fremde Fieberträume

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  • Es ist nur eine kleine Brise die auf der Haut kitzelt, kaum mehr als der Flügelschlag eines Schmetterlings. In ihm lauert die Witterung salziger Küstenwinde und Gewürze die dazu locken, sich auf die Sinneseindrücke einzulassen, ihnen zu folgen und sie anzunehmen.
    Und man tut es, denn sie versprechen das Gefühl von Heimat, Vertrautheit.
    Daran zweifeln? Nicht ein Stück; noch nie war diese Sicherheit so greifbar, wie in diesem Moment.

    Die zarte Brise schwillt zum kühlenden Windchen an, in dem das leise Wispern von Gebirgen am Ohr kitzelt, kurz bevor die Augen träge geöffnet werden. Ruinen offenbaren sich dem Blick, zum vergessen im Gebirge zurück gelassen.
    Zwischen den Gemäuern an der Spitze des Ortes regt sich diffuser Nebel und fällt in dünnen Schlieren die Felswand hinab, Tropfen für Tropfen, um den Fluss am Fuße zu nähren. Die Sonne steht hoch am Himmel und ist doch zu fern zum blenden, so dass die feinsten Details der Idylle langsam klarer zu erkennen sind. Versteckt in den Schatten kantiger Felswände, dort tobt das Leben, dass den Ruinen ansonsten fehlen will.
    Regsame Dunkelheit, deren Konturen keinen Stillstand kennen und auch keine Greifbarkeit. In ihnen steckt ein flüstern und keckern, koboldgleich und seltsam wohlgesonnen, in trügerischer Verspieltheit; dort ist das Fünkchen einer Falle, das Wissen um Tödlichkeit und doch...man vertraut ihnen, denn dort in den Klängen ihrer Tiefen weilt Vertrautheit. Eine Melodie, die Widerhall in einem selbst findet. Und diese Akzeptanz ist es, die den Frieden mit Ihnen wahrt, so scheint es.

    Die Melodie des Ortes ändern sich, wo ein Stöhnen mit dem Wind hinaus getragen wird. Es kennt Schmerz und verleiht ihm Klang, doch dort ist noch mehr... auch hier fehlt Vorsicht und Sorge, wo im Ton des süßen Schmerzes doch etwas bekanntes weilt; es ist gut das er erklingt, wieder und wieder. Seine Quelle? Nicht erkennbar, doch das Lied bleibt taktvoll und melodisch, von einem Künstler angeleitet, der die zarte Kehle zum süßen Gesange animiert.

    Ein Blinzeln nur und das Bild hat sich gewandelt; die Ruine ist fort- oder hat sie einen tiefer in ihr Herz gelockt, hin zum kindlichen Glucksen des Freigeistes? Aus dunklen, mandelförmigen Augen schaut sie auf und präsentiert das junge, gebräunte Antlitz, umrahnt vom schwarzen Rabenhaar. Die junge Fremde trägt den Schalk im Blick, gleich der Verletzlichkeit und kalten Tödlichkeit. Das erste mal ist da ein Gefühl von Unbehagen und es bleibt lange Zeit undefiniert, bevor es sich zur Trauer wandelt und einer Gewissheit:

    Sie ist tot.

    Es wird erkannt, als das Kissen angehoben wird, unter dem ihr Gesicht erneut zum Vorschein kommt, dieses mal eingefallener, abgemärgelt- aber auch mit einem friedlichen Lächeln auf den totenblassen Lippen, dass Erlösung und Dankbarkeit verspricht.
    Die Richtigkeit des Augenblickes ist da, man spürt sie und doch...das beklemmende Gefühl von Verlust, Wut, Ratlosigkeit und Verzweiflung bleibt.
    Und Schuld. Soviel Schuld, dass die Augen wieder geschlossen werden müssen.

    ~...er war meine Maus! Meine Maus...ich werde sie beschützen! Meine Maus und dich!~

    Die Schwärze weicht mit dem öffnen der Augen, doch das erste was die Sinne erreicht, ist der Geruch von Weihrauch, Kerzenwachs und Schweiß. Das Licht ist diffus, doch der zarte Schemen der über einem thront, ist unverwechselbar. Das Mädchen neigt sich über einen, mit den eingefallenen Zügen einer Toten, doch lebhaften, rastlosen Augen. In ihrer Hand blitzt ein Messer, während sie einen kritisch mustert, hektisch und abwägend. Es würde ihr so leicht fallen einen zu töten; sich zu rächen für das was man tat, doch sie lächelt zufrieden, als die Hand nach ihrem Kopf, in ihrem Sichtfeld erhoben wird, bevor man ihr durchs Haar streichelt. Im Hintergrund toben Schemen, aufgereiht im schützenden Wall, in verteidigender, kämpferischer Haltung.

    Sie fürchten die junge Frau, die so friedlich und bedürftig die Nähe sucht und gleichsam schützend über einem thront, um die Feinde fort zu halten; Feinde in bunten Roben und Ornaten, die Gottesdiener schmücken. Dunkles Grün und schwarz, weiß und blau, grün und braun und ja- auch rot. Gesichtslose Pöbler, dazu bestimmt am Rande des Momentes Kläger zu sein, um einem rastlosen Geist seinen Augenblick der Einkehr zu rauben, der Zuflucht.

    ~ich beschütze dich...~

    es ist nicht mehr die Stimme der jungen Frau die die Worte wispert. Diese Stimme ist ruhiger, etwas rauer; leiser und ja, auch vorsichtiger. Die angenehme Stimmfarbe wirkt blass und hintergründig, zurückgehalten von Beherrschung und Disziplin - und absolut vertraut. Die Augen öffnen sich ein weiteres mal und geben eine verdorrte Ebene preis, auf der kaum mehr als verdorrte Bäume und Steingruppen existieren wollen.

    Der Himmel wird im Zwielicht gefangen gehalten, starr und fixiert in der Stunde, wo der Tag der Nacht weichen sollte. Und inmitten dessen, lösen sich aus den Schatten der Bäume die hageren Gestalten und nehmen verzerrt humanoide Formen an, deren Glieder immer mehr in die Höhe wachsen. Verzerrte Abbilder mit grausigen Konturen, verkrüppelt und auf alle viere gezwungen wie Tiere; ähnlich klingen auch die leisen Geräusche die sie von sich geben.

    Begieriges Geschnarre, Stöhnen und Seufzen, erhoben zu einem leisen Lied der Qual, das von der langsamen Melodie eines Cellos getragen wird. Mit dem anschwellen der Musik, nimmt der Druck auf der Brust zu. Es ist das Gefühl von schwindender Luft, der keine neue folgen will.
    Ein Gefühl der Qual, dass die Aufmerksamkeit der pervertierten Ungetüme lockt, dessen geifernde Mäuler sich triefend öffnen.
    Die Sicht verschwimmt mit jeder Sekunde der Luftnot mehr, bis die Landschaft vollkommen verschwindet und zuletzt nur noch das blasse Bild einer dunkelhäutigen Gestalt in violetter Robe bleibt. Das Gesicht ist durch die Wasseroberfläche nicht zu erkennen, während seine Hände druckvoll und präzise daran arbeiten, einen weiter unter Wasser zu halten, bis das letzte Quäntchen Luft geschwunden ist; so, dass nur noch ein zufriedenes, zahniges Lächeln den Weg in die panische Ohnmacht begleitet-

    kurz bevor man endlich aus dem wirren Chaos fremder Träume erwacht.

Kommentare 3

  • Minna -

    Ich darf mich da nicht zu sehr einlesen, sonst träume ich heute Nacht selbst wirr, denn es ist äußerst stimmungsvoll.

  • Vetkin -

    Wie bereits gesagt: ich liebe es! Die Soundkulisse passt hervorragend und ich finde deine Wortwahl verdammt passend gewählt. Echt eine Melancholiebombe!