Glückliche Stunden

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  • Glückliche Stunden


    Es war das erste Mal, dass sie froh über die schlichte Taschenuhr war, die Fanny in einem Anflug von fast mütterlicher Sorge zu ihrem Gepäck gelegt hatte. Bislang hatte das wenig dekorative dafür umso präzisere Uhrwerk ein Schattendasein unter ihren Ersatzkleidern gefristet. Jetzt dagegen... bewies es seinen Wert.

    Einmal die Stunde Tee kochen. Die Tasse jedem still hinstellen. Dann sammelst du die alten Verbände ein, gehst sie auskochen. Eine einfache Tätigkeit. Ein bisschen anstrengend aber einfach. Die ausgekochten Verbände hängst du zum Trocknen hinaus - drin würden sie die Luft anfeuchten und das Raumklima unangenehmer als möglich machen.

    Ihre Schritte trugen sie zu dem Tablett mit Bechern, in die sie den Tee gießen wollte. Heute war einer der guten Tage. Heute war eindeutig ein guter Tag. Es lag niemand im Sterben, es schrie niemand vor Schmerzen und es gab noch genug Tee für alle. Was konnte man sich mehr von einem Morgen wünschen?

    Ein schmales Lächeln huschte über ihre Lippen.

    Nicht träumen! Sonst verschüttest du noch etwas!

    Es mochte sein, dass die Kämpfe hier draußen weit härter waren, als alles was sie kannte. Und ja, es stimmte ohne jeden Zweifel, dass sie selten einen eindeutigen Sieg davon trugen. Aber heute war ein neuer Tag, ein neuer Morgen, eine neue Chance.
    Und auch wenn die Siege Kraft kosteten... sie hatten einen errungen. Gestern oder vorgestern. Sie hatten gewonnen!
    Das Lächeln verbreiterte sich. Die nächste Tasse wurde aufgefüllt und der Geruch von Salbei erfüllte die Luft um sie herum.

    Eine Ratsherrin, die Krankenschwester spielt. Manchmal wäre es schön, immer nur Heilerin zu sein.

    Natürlich verstand sie, dass nicht alle es als Sieg wahr nahmen. Aber es war ein Sieg. Eine Bestie des Altdrachen war vor ihnen davon gelaufen! Weg teleportiert! Zu siegen heißt nicht, dass man den Feind vernichten muss. Ein viel größerer Sieg ist es doch, wenn der Feind die eigene Schwäche erkennt und davon läuft. Und vielleicht... vielleicht würde die Furcht sich auch in den Reihen Jormags verbreiten. Ein Sieg. Es war und blieb in ihren Augen ein Sieg.

    Die dritte Tasse füllte sich zusehens. Warm, fast schon bequem erschien ihr das Lazarett heute. Wer hatte schon je die Gelegenheit in Joras Feste zu nächtigen? In ihr spürte sie den angenehmen Wiederhall der Magie. Heute war ein guter Tag. Es würde immer wieder schlechte Tage geben, aber heute war ein wirklich guter Tag. Hier zu sein hatte einen Sinn. Es war nicht bedeutungslos gegen die Verzweiflung anzukämpfen und nach allem... nach allem was passiert war und noch passieren würde... sie waren nicht allein.

    Mochte Sienna noch so laut herum brüllen, dass sie kein Teil des Trupps war. Dann war sie es eben nicht. Aber sie war auch nicht allein. Vielleicht war es dieser kleine Fakt, der den Unterschied gemacht und ihr mehr Kraft gegeben hatte, als der Schlaf. Sie war nicht allein.
    Was machte es denn für einen Unterschied, ob alle sie mochten oder nicht? Es kam ja nicht auf Freundschaft an. Oder darauf dem Namen nach zu einem Trupp zu gehören. Sie alle verband der Wunsch zu helfen. Sie alle hatten ihren Grund hier zu sein, das hatte doch auch die Norn gesagt.

    Norn... in der Stadt lachten so viele über die Norn und ihr fehlendes Organisationssystem, ihre andere Lebensphilosophie. Sie atmete tief ein und griff in sich nach der Magie. Nicht für einen Zauber, nur um die Verbindung aufzubauen und den Moment der Ruhe, der Entspannung vollkommen auskosten zu können. Nichts, absolut gar nichts fühlte sich besser an, als die kanalisierte Magie zu spüren und zu wissen, dass man sie nicht einsetzen musste. Es war ein schönes Gefühl einfach nur danach zu greifen und zu wissen, dass dieser Funke, dieser Bestandteil der Welt immer da sein würde. Die Organisation und die Philosophie eines ganzen Volkes zu beurteilen erlaubte Marena sich nicht. Aber was sie tat, war noch einmal über Frajas und Aryas Handeln nachzudenken.

    Ohne Zweifel, Fraja war eine kompetente Heilerin. Nicht nur was die Fähigkeiten im Verarzten von Wunden anging, sondern auch in ihrer Art zuzuhören und bestimmt aber ohne Wut Anordnungen auszusprechen, die man befolgen wollte. Als Rabenschamanin war es vermutlich wie als Priester... man brauchte diese natürliche Autorität. Aber man musste sie wohl auch einsetzen können und das tat die Norn auf eine verständnisvolle Weise. Ein bisschen wie eine freundliche, aber strenge Großmutter.

    Und dann war da Arya. Mittlerweile waren fünf Becher gefüllt. Alt konnte Arya noch nicht sein. Mitte zwanzig? Es war kein jugendlicher Leichtsinn in ihrem Handeln und keine Geltungssucht. Von allen Personen in der Feste waren es wohl die Sylvari in der Gruppe und Arya, die ihr das Gefühl gaben dazu zu gehören und nicht allein zu sein. Ob Arya geahnt hatte, was ihr der Brief von vor einigen Tagen bedeuten würde? Oder die Tatsache, dass die Norn gestern für sie eingestanden war?

    Ich weiß nicht einmal was ich sagen könnte, um es ihr zu erklären. Oder was ich tun kann, um ihr ebenso sehr zu helfen, wie sie mir geholfen hat.

    Ein einziger Gedanke der ihr Lächeln für einen kleinen Moment schwinden ließ. Es gab einige Personen in der Gruppe, denen sie gerne nicht nur gedankt, sondern auch begreiflich gemacht hätte, wie sehr sie deren Handeln zu schätzen wusste.

    Ragnahlit...
    Amelie...
    Rhysa...

    Selbst Sienna, die wieder und wieder darauf bestand, dass Marena nicht dazu gehörte, Sienna die gelogen hatte... selbst Sienna hätte sie in diesem Moment gerne gedankt.

    Weil sie alle wichtig waren. Weil jeder hier sein Bestes zu geben bereit war, um seine Heimat - mochte sie auch noch so weit entfernt sein - zu verteidigen. Sie waren alle hier. Nicht wegen sich selbst... niemand der nur Ruhm suchte würde freiwillig hier bleiben. Jeder von ihnen war hier um für die Zukunft zu kämpfen. Die Eigene und die von Anderen. Das war es, was sie siegen lassen würde. Nicht unendliche Macht, nicht Magie, nicht übermächtige Waffen. Sie würden gewinnen, weil sie alle die Hoffnung auf eine bessere Zukunft teilten. Die Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit UND Freiheit.

    Marena erinnerte sich an die Fragen die im Kampf gegen der Bestie drohten jeden Willen aus ihr heraus zu saugen und sie als willenlose Hülle zurück zu lassen:

    Wie erwartest du jetzt helfen zu können?
    - Sie würde den Tee verteilen.
    Willst du sie nicht? Die Macht?
    - Doch. Aber aus eigener Kraft. Nicht im Austauch für die eigene Freiheit.
    Willst du nicht die beschützen, die du liebst? Den Soldaten, den niemand mag? Den Nebelkrieger, der nicht weiß wohin er gehört? Die Ministerialwache, die keine Familie mehr hat? Die Freundin, wegen der du das Schwert als größeres Messer mitgebracht hast?
    - Und wie sie das wollte. Und wie sie das würde!
    Willst du nicht aufgeben?
    Das Grinsen kehrte zurück und sie schob die aufkommende Angst, die aufkommenden Zweifel beiseite.
    "Nein. Aber danke für das Angebot."

    Sie wusste, dass es nur Stunden sein konnten. Stunden der Hoffnung. Stunden in denen man sich einreden könnte, dass sie Jormag bereits so gut wie besiegt hatten. Aber das Grauen würde widerkehren. Und es würde fester zuschlagen mit gewetzten Krallen.

    Aber wenn sie sich selbst gegenüber ehrlich gewesen wäre, anstatt in der Illusion aus Glück zu leben... Hätte sie zugeben müssen, dass sie ihre Verbündeten weit mehr zu fürchten gelernt hatte als den Altdrachen.

    Es gibt kein "Wir". Sie halten dich für nützlich. Aber... Wirst du je genug sein? Wenn deine Glieder versagen, oder du beschließt einmal zu rasten, ohne das man dich zwingt... Wer wird dich dann noch akzeptieren?
    Wen du nicht mehr bereit bist selbst die niederen Arbeiten zu tun, weil du nicht mehr die Kraft hast... Wer wird dann noch daran denken das du es gut meinst?
    Wenn dein Feuer ausgebrannt ist... Was wird dich dann noch retten?

    Sie redete sich ein, dass es leicht war die Gedanken beiseite zu schieben. Sie verteilte den Tee und kochte die Verbände aus. Sie meldete sich für jede anfallende Arbeit. Ihrem Knie ging es wieder gut. Sie machte Pausen. Sie passte auf.
    Sie fragte was es zu tun gab und stand erneut vor dem Feuer um Tee zuzubereiten.

    Dein Feuer erscheint dir so gleißend hell... Aber umso heller du leuchtest... Umso schneller brennst du aus. Feuer verschlingt. Brenn' aus, Menschenkind. Eine andere Wahl hast du nicht.
    "Das nächste Mal fliehen wir nach dem Essen!"
    "So unfähig beim Teekochen zu sterben bin ich nicht!"
    "Ich wurde nicht vergiftet ich... War nur zur falschen Zeit am falschen Ort... GUT! Ich wurde vergiftet!"
    "Magier... Die überheblichsten Wesen des Universums. Ich darf das sagen... Ich bin Elementarmagierin."
    "Ich bin selten etwas. Im Grunde... glaube ich oft, dass ich von allen Personen in meiner Umgebung am wenigsten bin und am meisten scheine."
    ~ Marena Éconde


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