Nach Hause

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    Du solltest nach Hause zurück kehren.

    Sie hob zehn Finger gen des Sanitäters und wartete einen Moment, ehe sie das Lazarett verließ. Zehn Minuten. Zehn Minuten raus aus diesem nach Blut und Schweiß riechenden Raum, in dem sie es keine Sekunde mehr ausgehalten hätte.

    Du gehörst nicht hierher. Sie hat es dir gesagt. Du bist nicht Teil des Trupps.

    Nein, sie hatte nicht gesagt: "Marena, du bist nicht Teil des Trupps." Sie hatte sich den Fremden zugewandt und auf die Frage, ob die Weißhaarige auch dazu gehört geantwortet: "Sie ist nicht Teil des Trupps."
    Das machte es nur leider kein bisschen besser.

    Du gehörst in die Stadt. Dort ist dein "Trupp". Was willst du nur hier?

    Ihre Schritte trugen sie leise aus dem Lazarett, die Kapuze und den Mantel hatte sie zurück gelassen - schiere Dummheit. Aber es waren auch nur zehn Minuten. Zehn Minuten im Schnee waren nicht tödlich, sondern eine reine Abhärtung. Gut für die Gesundheit. Vielleicht fand sich ja sogar ein See indem du eine Runde schwimmen kannst.
    Marena schüttelte energisch den Kopf und die Welt begann zu kippen. Langsam wurde es schwieriger die sinnvollen Gedanken und die wirren Fetzen, die man um vier Uhr nachts hatte auseinander zu halten.

    Die Stadt, dein Land... dort würdest du gebraucht und geschätzt werden. Warum bist du noch hier?

    Raus aus der Baracke. Raus hier. Entweder bekam niemand mit, wie sie die Türe für wenige Zentimeter aufdrückte und sich in die Kälte hinaus schob oder es wurde als nicht weiter ungewöhnlich angesehen. Hier waren alle komisch. Und niemand hatte die Zeit sich mit den Eigenarten seines unbekannten Nächsten zu befassen.
    Wind und leichter Schneefall konfrontierten die Ratsherrin, sobald auch nur ihre Nase den Schutz des Gebäudes verlassen hatte. Hinter ihr fiel die Türe wieder ins Schloss. Schnelle Schritte, kleine Schritte durch den Festungshof. Hier war immer Betrieb. Die Feste schlief nie, durfte nie schlafen.

    Ich bin noch hier, weil ich so meine Aufgaben besser erfüllen kann. Ich bin hier weil Berichte lange brauchen und selten die Informationen beinhalten, die man benötigt. Ich bin hier, weil die Drachen auch mein Problem sind. Weil sie unser aller Problem sind. Weil dieser Drache eine Bedrohung für all meine Freunde und meine Familie ist. Für alles und jeden. Ich bin hier, weil ich nicht versagen will, wenn die Eisigen erst das Gebirge verlassen und uns alle nieder trampeln. Ich bin hier, weil ich handeln muss.

    Für jeden Schritt ein Grund. Solange bis sie vor der Südmauer stand und sich an diese gestützt in den Schnee setzen konnte. Die Schmerzen in Schulter und Brustkorb und die Erschöpfung waren nebensächlich geworden. Sie hatte einen Grund hier zu sein. Sie hatte einen guten Grund hier zu sein, einen sehr guten Grund!

    Das ist deine Sicht der Dinge. Die Anderen sehen ein Kind das Soldat spielt.

    Weder spiele ich Soldat noch bin ich ein Kind. Ich bin für Kryta hier! Ich bin hier um meinen Teil zu leisten!

    Wirklich?

    Ihr Hals fühlte sich wie zugeschnürt an, während sie um Atem rang. Diese Gedanken waren eine Sache, wenn man beschäftigt war, wenn man sich ablenken konnte. Dann war es so einfach die Scherben, die ins eigene Selbstvertrauen schnitten zu ignorieren. Aber nachts, wenn alles still war, wenn niemand da war, nichts vorhanden war, das einen ablenken konnte, dann war es wirklich schwer.

    Das ist nicht dein Kampf.

    Luft. Ihr Kopf sank in den Nacken, gierig öffnete man den Mund, um so viel kostbaren Sauerstoffs wie nur möglich in die eigene Lunge zu ziehen. Wieder und wieder. Atemzug für Atemzug. Es war auch ihr Kampf. Warum fragten nur immer wieder alle, was sie hierher trieb? Was sollte sie den sagen? Was gab es Anderes zu sagen? Welches der vielen Argumente die sie nennen könnte, würde den Fragen ein Ende bereiten? Dann war sie eben kein Teil des Paktes oder eines Söldnertrupps! Dann war sie eben nur eine kleine Magierin aus der fernen Stadt. Dann war sie eben adlig und reich. Und dann hatte sie eben eine sichere, feste Arbeit im Ministerium. Was sollte sie denn tun? Still sitzen und abwarten, während hier entscheidende Schlachten geschlagen wurden und Tag für Tag Personen ihr Leben ließen. Sie hatte genau dasselbe Recht für ihre Freiheit und für die aller Anderer zu kämpfen!

    Zu kämpfen.
    Die Bilder blitzen wieder auf, dieses Mal präsenter und realistischer als zuvor. Zwei. Zwei der eigenartigen grünen Norn. Pfeile, Schmerz. Der Grüne, wie er fast schon tollwütig heran preschte. Keine Zeit zu denken, keine Zeit zu überlegen, ablenken. Bewegen. Die linke Schulter brannte, warum wusste sie nicht. Ein Befehl, schnelle Schritte, ihre Schritte. Elementwechsel. Sie war verletzt. Sie wusste, dass sie verletzt war, weil der linke Arm den Schwertknauf verdeckte und damit verhinderte, dass sie ihr Schwert ziehen konnte. Schnellere Schritte. Immernoch die ihren. Sie hatte die Kraft für diesen Zauber. Sie war schnell genug, sie würde...

    Marena schnappte nach Luft, wie die Erinnerung an dem Punkt ankam, als der Norn sie mit einem einzigen Schlag mit der Rückhand von den Beinen holte und sie zurück schleuderte. Dieses Mal strömte die Luft in ihre Lungen. Dieses Mal konnte sie atmen. Dieses Mal war da kein Instinkt den Zauber zu beenden. Und dieses Mal war da kein grünes Monster, dass sie alle töten würde, wenn sie nicht schnell genug waren.

    Die Nacht war still. Still und dumpf und auf einmal fast tröstend. Ihre Hände griffen nach dem Schnee unter ihr, schöpften ihn auf. Die Kälte, als sie den Schnee im eigenen Gesicht und Nacken verteilte kam einer Erlösung gleich. Als sie nach weit mehr als zehn Minuten die Kraft fand aufzustehen und ins Lazarett zurück zu gehen waren die Bilder des Kampfes wieder im hintersten Winkel des Unterbewusstseins verstaut. Nur ein einziger Satz hallte den Rest der Nacht wieder und wieder durch ihren Geist.

    Du gehörst nicht zur Truppe.
    "Das nächste Mal fliehen wir nach dem Essen!"
    "So unfähig beim Teekochen zu sterben bin ich nicht!"
    "Ich wurde nicht vergiftet ich... War nur zur falschen Zeit am falschen Ort... GUT! Ich wurde vergiftet!"
    "Magier... Die überheblichsten Wesen des Universums. Ich darf das sagen... Ich bin Elementarmagierin."
    "Ich bin selten etwas. Im Grunde... glaube ich oft, dass ich von allen Personen in meiner Umgebung am wenigsten bin und am meisten scheine."
    ~ Marena Éconde


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