Artikel mit dem Tag „Ghabriel Reaves“

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen


  • „Victor!“
    Die Bürotür fiel hinter dem Luden ins Schloss, und Ghabriel prallte hart gegen das Holz, einen Sekundenbruchteil zu spät, um zu verhindern, dass Riegel und Zarge ineinander griffen. „Verdammt!“ Er schlug seine Faust gegen den Widerstand, sich vollkommen im Klaren darüber, dass der Fleischer auf der anderen Seite es nicht einmal mehr hören würde, da die Magie des Gebäudes von diesem Zeitpunkt an auf den Raum wirkte, sämtliche Geräusche daraus schluckend, als läge er einfach still und nach des Besitzers getaner Arbeit unbemannt im zweiten Stock. Ghabriel wusste, dass es Unsinn war, trotzdem griff er nach der Klinke und rüttelte ein paar Mal kraftvoll daran. Mit einem lästerlichen, ascalonischen Fluch und einem wütenden Ausdruck auf dem Gesicht starrte er den Schlüssel an, den Victor hatte stecken lassen und dessen Nutzlosigkeit in diesem Moment Ghabriel verhöhnte. Er hob seinen Kopf.
    „Tevin!“
    Der Bastard beobachtete ihn mit seinen Fähigkeiten. Ghabriel hegte keinen Zweifel… [Weiterlesen]

  • Die Uhr tickte.
    Ghabriel betrachtete durch die Dunkelheit die schemenhaften Umrisse der Zimmerdecke über seinem Kopf, während das gleichmäßige Tock-Tock-Tock-Tock den Raum füllte. In der Stille der schlafenden Stadt und des ruhenden Hauses erschien das Klicken der ineinander greifenden Zahnräder unnatürlich laut.
    Blanche hasste es, wenn ihre Sinne durch fremde Einflüsse dermaßen auf einen einzelnen Aspekt ihrer Umgebung fokussiert wurden. Die mentalen Schwächen eines Mesmers, nahm Ghabriel an. Menschen zu beeinflussen und dem eigenen Willen nach zu manipulieren, war das Eine; beeinflusst zu werden etwas vollkommen anderes.
    Ghabriel drehte den Kopf herum und ließ den Blick über die Silhouetten der Bücherregale schweifen, von denen er wusste, dass sie mit medizinischer Fachliteratur gefüllt waren, auch wenn er die Einbände über die Distanz hinweg und bei den vorherrschenden Lichtverhältnissen nicht erkennen konnte. Ein Schreibtisch. Ein Stuhl, auf dem Ghabriels zusammengefaltete… [Weiterlesen]
  • Die Scheibe klirrte, als ein umherwirbelnder Holzeimer durch eine Sturmböe gegen den Fensterladen geschleudert wurde und diesen in seinem Rahmen erzittern ließ. Ghabriel hob seine grünen Augen von der kleinen Kiste, die vor ihm auf dem Esstisch stand, und warf einen prüfenden Blick hinaus, doch es sah nicht so aus, als müsse er vor die Tür und ein weiteres Brett befestigen, um ihre Habe zu sichern. Seine Vorkehrungen schienen bisher ausreichend, um die größten Schäden abzuwenden, die das Unwetter über sie hätte bringen können. Das gleichmäßige Heulen des Windes und der beständig prasselnde Regen sorgten gemeinsam mit dem Krachen der Blitze und dem Donnergrollen über ihren Köpfen für eine Geräuschkulisse, die auch ohne Blanches Beschäftigungstherapie bereits dem Lärmpegel einer gut besetzten Festhalle glich.
    Die Frau hockte keine drei Meter von Ghabriel entfernt auf dem Sofa und versuchte, die Lautstärke des Holoprojektors hochzuregeln, den sie sich unlängst von einem Techniker in… [Weiterlesen]
  • Die Frau sah aus wie Claire. Einer der geflochtenen Zöpfe hatte sich gelöst und das lange schwarze Haar freigegeben, das in wirren, dunklen Strähnen in die aufgerissenen Augen und den offen stehenden Mund hing. Ihr Körper auf den nackten Stufen wirkte eigentümlich verdreht: wie der Leib einer Marionette, deren Fäden dem Puppenspieler entglitten waren. Der verrutschte Rock entblößte ihre dürren Unterschenkel und die krummen Knie. Ihr linker Damenschuh lag am Fuß der Treppe. Der andere steckte noch immer an seinem Platz.
    Langsam ging Ghabriel auf ein Knie herab und zog das Leder von den Fingern seiner Rechten. Mit dem Handrücken das Gespinst wild fallender Kohlenfäden von der blassen Haut streifend, presste er die Kuppen an den auf diese Weise freigelegten Hals.
    Ghabriel spürte keinen Puls, keinen Atem auf den blutleeren Lippen, die nicht unter seiner Berührung zurückzuckten.
    Sie war tot.
    Er ließ die Hand sinken. Über ihm krächzte ein Rabe in der beginnenden Morgendämmerung. Der… [Weiterlesen]
  • Staub brannte in seinen Augen. Ghabriel hob den Blick zu einer rötlich goldenen, ascalonischen Sonnenscheibe empor und verengte die Lider, um sie vor dem Licht und der Mischung aus Sand, Erde und längst ausgedörrter Grassaat zu schützen, die auf trockenen Böen durch die von Menschen verlassenen Häuserschluchten getrieben wurde. Der warme Wind griff in die roten Haarsträhnen in Stirn und Nacken des Elysiumswächters und ließ einen Teil davon durch sein Sichtfeld tanzen.
    Das Gebäude wirkte verlassen, obwohl Ghabriel wusste, dass dieser Schein trug. Der rissige Putz zwischen ausgebleichten Querbalken verriet das lange zurückliegende Baujahr, die Farbe an Fensterrahmen und –läden hatte schon in der letzten Generation zu bröckeln begonnen. Was einst Geranien in weiß gestrichenen Blumenkästen gewesen sein mochten, waren nur noch braungraue Stängel, in braungraues Holz gepfercht. Ghabriels Fokus schweifte über das von Schmutz und Regenschlieren milchig gewordene Glas.
    Auf die Entfernung war… [Weiterlesen]


  • „Du hast was?!“
    Ungläubig starrte Allan in Blanches fliederfarbene Augen, die sich auf seinen Ausruf hin enerviert verdrehten, während die Frau sich eine Handvoll Knabberkram in den Mund schob.
    „Eine Verabredung mit Victor für das canthanische Fest morgen getroffen. Hör zu, wenn Leute sprechen. Es ist anstrengend, alles wiederholen zu müssen.“
    Allan schnaubte. „Jetzt scharwenzelst du nicht mehr nur während deiner Arbeit um ihn herum, sondern beginnst auch noch, dich privat mit diesem Haifisch abzugeben. Habe ich dir immer noch nicht genügend Berichte geliefert, was mit den anderen Frauen und Männern passiert ist, die ihm nachgeeifert sind? Die das ‚Privileg genossen‘, eine Zeit lang seine Aufmerksamkeit zu besitzen? Im Grab können sie sich jetzt umdrehen bei der Erwähnung seines Namens. Oder sie bedienen im Gewürgten Flaschenhals Halunken, Flittchen und Drogenhändler für ihr Auskommen.“
    Blanche bohrte sich ihren Fingernagel zwischen die Zähne, um eine dort festhängende Walnusshaut… [Weiterlesen]


  • „Auf deine Ernennung zum Ersten Mädchen!“ Allans Bierhumpen klirrte geräuschvoll gegen Blanches erhobenes Weinglas, die das Gesicht verzog bei dem lauten Ton. „Vorsichtig, Allan“, mahnte sie ihn. „Wir sind hier nicht bei deinen Nornfreunden in Hoelbrak, wo direkt aus dem Holzfass getrunken wird. Das ist ein götterfelser Billigprodukt und sehr zerbrechlich.“ Sie stieß mit Ghabriel an, dem sie ob seines kleinen Lachens einen langen Blick zuwarf, und grunzte hoheitlich. „Mir gefällt die Bezeichnung Madame. Erstes Mädchen klingt, als würde ich nach Feierabend auf Victors Schoß landen, und von dieser Offenbarung kann er lange träumen.“
    „Darauf ein Prosit.“ Allan nahm einen tiefen Zug von seinem Löwenbräu und wischte sich mit dem Handrücken über die Kinnpartie. „Aber jetzt erzähl mal: nun, da du die Befugnisse dazu hast, was sind die ersten Ziele, die du mit den Frauen und Männern in Angriff nehmen willst?“
    Blanche angelte sich ein paar geröstete Erdnüsse und schob sie sich mit der… [Weiterlesen]
  • Ghabriel hatte den Kopf auf die Stuhllehne in seinem Nacken gelegt und betrachtete die niedrige Wohnzimmerdecke. Im fahlen Dämmerlicht des aufgehenden Morgens erkannte er hier und dort ein paar feine Haarrisse im Putz. Unter seiner Rechten spürte er das kühle Holz des alten Esstisches, an dem er saß. Es war der Platz, wo sie ihre Mahlzeiten einnahmen. Ghabriels Stiefel knarzten leise, während er sie bequemer darauf positionierte. Mörtel rieselte von seinen Sohlen auf die Tischplatte herab. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihn am Vortag abzubürsten, denn er plante, heute ebenfalls auf der Baustelle zu arbeiten. Vielleicht, nachdem er ein wenig geschlafen hatte.
    Ghabriel lenkte den Blick in das Buch hinab, das geöffnet auf seinen kräftigen Oberschenkeln lag.
    Drei Treffer, hatte die Frau gesagt. Drei Treffer vermochte das Artefakt abzufangen: Schüsse, Stiche, Hiebe, deren Wucht Muskeln reißen oder Knochen brechen lassen konnte, aber kein Fleisch verletzen, keine Haut durchdringen… [Weiterlesen]
  • Kaum ein Angelplatz eignet sich so gut zum Aale Fangen wie ins Wasser gestürzte Bäume. Der Köder sollte dabei so dicht wie möglich im Geäst ausgelegt werden. Eine starke Schnur hilft, den Fisch schnell in die freie Strömung zu bugsieren. Nach einem Platzregen lockt trübes Wasser die Tiere sogar bei Tageslicht in Ufernähe…“
    Allan ließ das Buch in seiner Hand sinken und warf einen Blick über den Esstisch hinweg zu Ghabriel hinüber, der auf der anderen Seite saß und eine Handvoll Köder vorbereitete. „Warum, bei Melandrus holzigen Brüsten, willst du verdammte Aale angeln?“ Blanche, die sich in die Durchreiche zur Küche gelehnt hatte, grunzte, während hinter ihr Kartoffeln in gesalzenem Wasser kochten und drei noch völlig ungesalzene Stücke Fleisch in der Pfanne darauf warteten, ihre Beachtung zu erlangen. Denn der Zeitpunkt, wann man würzte, betonte die Frau immer wieder, war von erheblicher Bedeutung für die Qualität des Essens.
    „Es ist ein Tauschgeschäft, Allan. Ghabriel fängt… [Weiterlesen]
  • Ghabriel verlangsamte seine Schritte, während er auf das Haus im Maskenwinkel zutrat, in dem Blanche und er die Erdgeschosswohnung hielten. Schon von weitem sah er durch das dichte Schneetreiben, das derzeit über Götterfels lag, die funkelnde Lichterkette, welche Dachrinne und Türrahmen umspannte und das Gebäude allein dadurch bereits von allen anderen in dieser sonst eher bescheidenen Gegend abhob. Tannengrün war an den kleinen Zaun gebunden worden, hinter dem der Grünstreifen lag, der das Wort „Vorgarten“ nicht verdiente. Kleine, kunstvoll geschnitzte Holzfiguren und sorgfältig gebundene Strohsterne schauten zwischen den Zweigen hervor, in die jemand silbernes und goldenes Lametta gewoben hatte. Glaskugeln und schillernde Glöckchen hingen wie Eiszapfen von den Ziegeln herab. An der Tür, neben der seit dem heutigen Abend ein Schneemann mit Schal und Mütze Wache stand, prunkte ein üppiger, sattgrüner Mistelkranz.
    „Fröhlicher Wintertag“, las Ghabriel von der Fußmatte ab. Levi… [Weiterlesen]
  • Das Fleisch war noch warm. Als seine Zähne die Dichte des Fells durchdrangen, die struppige Textur des wärmenden Haars an seinem Gaumen, spürte er, wie Blut in seine Mundhöhle zu laufen begann. Die charakteristische, eisenhaltige Schwere seines Geschmacks flutete Ghabriels Zunge und seinen Gaumen, bis die Flüssigkeit schließlich seinen weit aufgerissenen Rachen hinabrann und er einmal kräftig schluckte. Das Zucken zwischen seinen Kieferknochen ließ ihn fester zubeißen. Er wusste, es waren nur noch reflexartige Muskelkontraktionen, doch allein die Möglichkeit, seine Beute könne zu fliehen versuchen, sprach Instinkte an, die sich vor jeden bewussten Gedanken setzten. Er handelte einfach. Und war es nicht genau das, was er wollte?
    Ghabriel trug das Kaninchen zu seinem Unterschlupf. Niemand wartete dort auf ihn. Am Eingang empfing ihn der gewohnte Geruch vertrockneter Gräser, von nasser Erde und verrottendem Wurzelwerk, den er rasch hinter sich ließ, als er in den engen Gang tauchte und[Weiterlesen]
  • Es war der Gestank, der ihn weckte. Etwas Dumpfes, Fauliges, das stechend in seine Geruchskanäle drang. Sein eigener Atem?
    Mit einem Stöhnen rollte Ghabriel den Kopf zu seiner Schulterpartie, und er spürte die Mühe, die es ihm bereitete, den Rest seines Körpers folgen zu lassen, der wie eingemauert an dem Untergrund zu haften schien, auf dem er lag. Nur mit enormer Anstrengung konnte der Mann ihn davon überzeugen, seinen eigenen Befehlen zu gehorchen und die Gliedmaßen herumzudrehen, bis er stabil auf seiner rechten Seite ruhte.
    Eine bittere, zähe Flüssigkeit rann über seine Lippen und an diesen entlang sein Kinn herab. Speichel, der seit einer gefühlten Ewigkeit in seinem Mundraum verblieben sein musste, denn sein Rachen war so trocken, dass Ghabriels Zunge an seinem Gaumen festklebte, als er diesen zu befeuchten versuchte. Er hob seine Lider, doch um ihn herum herrschte eine beinahe vollkommene Dunkelheit.
    Seine Augen rollten in ihren Höhlen zurück. Ghabriel kämpfte den… [Weiterlesen]
  • Der Schlag, unter dem der Nagel in das Holz fuhr, war kraftvoll und durchdringend. Ghabriel prüfte den Sitz der langen Querlatte und beugte sich herab, um die nächste auszurichten, damit der Zaun später ein möglichst gleichmäßiges Bild abgab. Blanche hockte neben ihm auf einem umgedrehten Eimer und hatte die Beine in einen Schneidersitz hinaufgezogen, der aufgrund der kleinen Sitzfläche überhaupt nicht möglich hätte sein sollen. Wie Frauen auf solchen Plätzen ihr Gleichgewicht und ihre Grazie erhielten, würde ihm auf ewig ein Rätsel bleiben. Gedankenverloren betrachtete die Mesmerin ein von ihr selbst beschriebenes Blatt Papier, während sie nachdenklich den Kohlestift in ihrer Rechten über ihre Unterlippe zog und nicht zu bemerken schien, dass sie sie damit schwarz anmalte.
    „Wie findest du das: Denkt an all die gesellschaftlichen Anlässe, die es sich in stilvoller Begleitung aufzusuchen lohnt! Bei uns findet ihr eine Gesellschaft, die diskret und unterhaltsam ist.“
    Ghabriel markierte… [Weiterlesen]
  • Helena Iorga. Kein Zweifel. Es war die Leiterin der götterfelser Familiengeschäfte, die da vor Ghabriel zwischen einer Regentonne und ein paar aufgestapelten Gemüsekisten auf der Seite lag und die Augen geschlossen hatte, als würde sie den Rausch vom vergangenen Familienfest ausschlafen. Ihre bleichen Züge wirkten müde und abgespannt; friedlich in ihrer Reglosigkeit, und auf eine abschließende Art mit sich im Reinen. Ein Ausdruck, den der Söldner nicht auf ihnen erwartet hätte. Langsam ging er auf ein Knie herab und betrachtete das ebenmäßig geformte Gesicht.
    Helenas blasse Mimik besaß nichts Lebhaftes. Zu den wenigen Gelegenheiten, wo er der Iorga persönlich begegnet war, hatte sie auf Ghabriel den Eindruck einer inneren Energie und Rastlosigkeit gemacht, die er an keinem festen Punkt in ihrem Auftreten zu verankern in der Lage gewesen war. Möglicherweise hatte es zu dem Bild gehört, das sie von sich selbst in eine Öffentlichkeit zeichnete, die niemals sie, sondern lediglich… [Weiterlesen]
  • Blanches Hand glitt über die abgegriffene Oberfläche der Kommode und strich das raue Material entlang, aus dem sie gefertigt worden war. Die Mesmerin hatte keine Ahnung von Hölzern. Es hätte ebenso gut Esche wie Eiche sein können, und die Maserung verriet ihr nichts darüber, welches Alter der Baum erreicht haben mochte und ob er krank oder stark gewesen war, als man ihn gefällt hatte.
    Doch all diese Dinge kümmerten die Frau auch nicht. Das Möbelstück gehörte ihr, bis auf Weiteres wenigstens, und das war es, was es zu etwas Besonderem machte.
    „Die Vorräte sind verstaut.“
    Blanche betrachtete die tiefe Schramme, die quer über eine der schwergängigen Schiebetüren verlief, hinter die sie genau ein Buch geräumt hatte. Es war Besitz des Mannes, dessen schwere Schritte sie bereits vernommen hatte, lange bevor seine dunkle Stimme hinter ihr erklang. Sie drehte sich zu ihm um und lächelte. „Wir haben eine Badewanne, Ghab. Ist das nicht einfach unglaublich?“
    Ghabriel Reaves wirkte nicht über… [Weiterlesen]
  • „Das sollte reichen.“
    Blanche richtete sich über Ghabriel auf und betrachtete prüfend sein Gesicht, das sie so weit wie möglich von Blut- und Speichelresten gereinigt und mit Jod behandelt hatte, um zu verhindern, dass die aufgeplatzten Lippen sich entzündeten.
    „Danke.“ Ghabriel erhob sich von dem schmalen Stuhl, der zu ihrer neuen Unterkunft gehörte, und schob ihn zurück an seinen Platz in der Fensternische. Dass die windige Konstruktion sein Gewicht überhaupt gehalten hatte, grenzte an ein Wunder. Er durchquerte das Zimmer und ließ das geöffnete Hemd von seinen breiten Schultern gleiten, wo es unbeachtet auf den Holzdielen liegen blieb. Blanche räumte derweil ihren Medizinkasten wieder ein und wusch sich in der Schüssel auf dem Waschtisch die Hände.
    „Was für eine Lachnummer“, beschied sie und Ghabriel wusste, dass sie nicht ihn meinte, ohne dass er dafür den Ausdruck auf ihren Zügen hätte sehen müssen. „Sich jemanden zu greifen, der den alten Sack vielleicht fünf Mal… [Weiterlesen]
  • „… würde ich nicht empfehlen. Da schleppt ihr euch den ganzen Tag lang dumm und dämlich. Die Garde… nah. Löwenstein ist zwar nicht mehr das Alte, aber ihr habt genug eigene Schwierigkeiten, als dass ihr euch mit den Problemen anderer herumschlagen müsstet. Vielleicht könntet ihr als Türsteher bei der Moatränke anfangen? Oder wir fragen bei der Schmiedewerkstatt nach? – Hey, Ghabriel. Hörst du mir überhaupt noch zu?“
    Allan blickte von seinem Zettel auf und runzelte die Stirn, als er sah, dass der rothaarige Mann voll und ganz darauf konzentriert war, einen winzig kleinen Knopf durch die dazugehörige Öse seines Hemdes zu bugsieren. Das Hirschhorn glitt ihm immer wieder aus den Fingern oder rutschte an dem glatten Leinen ab, aus dem der Stoff gewebt war. Allan stieß sich von dem wackligen Tisch in seinem Rücken ab und klemmte das Papier unter seine Achsel, während er an Ghabriel herantrat.
    „Du bist ja immer noch nicht angezogen.“
    Er schob Ghabriels Gelenke beiseite und griff nach der… [Weiterlesen]
  • Ghabriel saß auf einer der Treppenstufen, die zum Asura-Portal nach Ebonfalke hinaufführten, und beobachtete abwesend einen canthanisch anmutenden Händler dabei, wie er einen mit Töpfer- und Glaswaren überladenen Handkarren ohne Verluste über das holprige Kopfsteinpflaster zu lenken versuchte. Das geräuschvolle aneinander Klirren der Vasen, Krüge und Zierteller mischte sich in den Morgenappell der Ministerialwächter, die vor der Rurikhalle ihren Wachwechsel vollzogen und dabei ebenso knappe wie prägnante Befehle bellten. Silberfarbene Rüstungen glänzten im Licht der steigenden Herbstsonne. Das kräftige Rot des Regimentes leuchtete weithin sichtbar über den Platz.
    Ghabriel atmete leise aus. Er hatte seinem freien Tag von der Hofarbeit entgegen gesehen. Dass auch der Abend beinahe schon zu frei zu werden drohte und er seine Zeit deshalb damit verbringen würde, Blanche und sich eine neue Anstellung zu suchen, war nicht geplant gewesen. Er griff an seine Seite und öffnete die kleine… [Weiterlesen]
  • „Ghab! Gha-hab!“
    Ghabriel richtete sich auf und schirmte seine Augen von der noch ungewohnt kraftvollen Herbstsonne ab, die über ihm ein paar feine Schleierwolken in fahlem Weiß gegen den blauen Himmel anleuchten ließ. Blanche kam über das Feld auf ihn zugelaufen und schwenkte einen Korb dabei. „Lass alles fallen! Jetzt wird geschlemmt! Es gibt Mittagessen!“
    Ghabriel stieg über den Holzeimer mit dem Unkraut hinweg, das er gestochen hatte, und klopfte Erde und Pflanzenreste von seiner Hose. Die groben Arbeitshandschuhe abstreifend, sah er der Frau entgegen, während er seine Ausrüstung über den Holzzaun an seiner Seite hängte. Als Blanche ihn erreichte, war sie völlig außer Atem. „Ah, hart schuftende, schwitzende Männer!“ Sie schmiegte sich an seinen Brustkorb und räkelte sich einen Moment lang daran. Ihre Laune hätte nicht besser sein können, da es Zeit für eine Pause von der ungeliebten Plackerei auf den Äckern um Hennings Hof war. Bereits im nächsten Moment
    [Weiterlesen]
  • Buntes Garn unter klarem Glas. „Ich will, dass du bestehst.“ - „Du hast mit meiner Frau gesprochen.“ Ein viel zu enger Kupferring. „Machen Sie mir ein unmoralisches Angebot?“ Die Falkentore. „Keine Bange, davon wird es mehr als genug geben.“ – „Es wäre nur zur Vorsorge.“ Schnitzel. Aus Schweinen. „Hast du den Verstand verloren?“ - „Ich verlange absolute Loyalität.“ Kupferring. „Den da!“

    Ghabriel öffnete seine Augen. Nur langsam begann das gleichmäßige Ticken der schmalen Taschenuhr unter seiner Hand das Gewirr an Stimmen und Eindrücken in seinem Kopf zu übertönen. Blonde Locken tanzten durch sein Sichtfeld. Ein kürbisförmiger Körper, der mitsamt dem Blond träge und zäh zu einer länglichen Karotte zerfloss. Erst allmählich wurde ihm klar, dass das dunkle Laub, das seine Sinne ihm außerdem vorgaukelten, schwarze Haarwellen waren, die das oval geformte Antlitz seiner Partnerin umrahmten. Ihre lackierten Fingernägel schienen aufgrund des arkanen Schleiers, der ihn
    [Weiterlesen]