Empathie

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  • Empathie

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    Beeinhaltet Spoiler zum Rabensanktum!


    Warum jetzt, hm? Warum machst du ausgerechnet jetzt den Mund auf, obwohl du genau weißt, dass dabei nichts rum kommt?

    Ärgerlich presste sie die Lippen aufeinander und ging in der Mitte der Gruppe weiter. Hätte sie nur ihre Klappe gehalten. Rabenstatuen die Fragen stellten waren eine Sache. Vor allem wenn die Frage so einfach zubeantworten war.

    Die Pflicht zu helfen steht an erster Stelle.

    Auch wenn man dadurch des Öfteren ins Sperrfeuer geriet. Das Problem am Helfen allerdings, merkte die Weißhaarige in Gedanken an, war selten die Situation in der man zu helfen suchte selbst und sehr viel öfter dafür die Tatsache, dass man nicht wusste wie.

    „Mensch, Empathie ist dir manchmal wirklich ein Fremdwort!“

    Ihre Hand schloss sich fester um den Griff des Dolches. Sie blieb nicht stehen. Noch nicht... Die Schritte um sie herum zwangen sie weiter zugehen. Immer weiter. Nur nicht anmerken lassen, worüber sie gerade nachdachte.

    Abgesehen davon, dass ein Stein bessere sozialeFähigkeiten hat, als ich.

    Alles hatte eine Ursache und eine Folge. Sie hatte doch schon vorher gewusst, dass der zwischenmenschliche Kontakt ihr nicht so gut lag,wie sie es sich hin und wieder gewünscht hätte. Man kann nicht weich und nett sein und gleichzeitig das Gefühl von Kontrolle über die Situation vermitteln. Manchmal musste es eben jemanden geben, der Angst und Schmerz und Trauer tiefin sich begrub und alle anderen weiter scheuchte. Stehen bleiben, keine Entscheidungen treffen, das waren keine Optionen. Keine Optionen, die ihr in den Sinn gekommen wären. Nein. Meistens war es deutlich einfacher weiter zumachen, ohne Rücksicht auf Gefühle oder Stimmungen. Und meistens… war das schlechte Gewissen für kaltherziges Weitermachen die Folge. Wie oft hatte sie jetzt schon im Nachhinein bereut, dass sie nicht verständnisvoll und freundlich sein konnte, wenn Andere stehen blieben? Wie oft hatte sie stattdessen die entsprechende Person zurecht gewiesen und auf Linie gehalten?

    Lineth… Lineth war eine der Personen denen gegenüber sie nicht in der Lage war, Verständnis oder Wärme durchsickern zu lassen. Wieder spannten sich die Hände um den Griff, suchten Halt daran. Die Ministerialwache war wie ein Kind für sie, ärgerte Marena sich. Wie ein Kind, das man zu beschützen versuchte, das man aus allem heraushalten wollte. Wenn Lineth wüsste, wie gefährlich der Norden wirklich war…

    Deshalb habe ich nicht zu viel erzählt. Deshalb werde ich auch bei meiner Rückkehr nicht zu viel erzählen. Sie muss nicht alles wissen. Sie muss nicht wissen, dass ich innerhalb von vier Tagen zwei Mal um mein Leben rennen musste. Oder das ein ominöser Rabengeist uns gerade einer Prüfung unterzieht deren Bewertung aus allem bestehen könnte.

    Umso empathischer sie sich zu verhalten versuchte, umso schlechter war das Resultat. Empathie war nicht ihre Königsdisziplin und wie gerne hätte sie so manches Mal die Tiefen der menschlichen Interaktion gegen die Untiefen eines Abenteuerromans ausgetauscht! Es war leiser geworden um sieherum. Kein Rabengeist mehr, der ihr Fragen stellte oder sie Sucherin nannte.Sucherin… nach was sollte sie denn überhaupt suchen, hier unten im fahlen Schein ein paar weniger magischer Fackeln! Außer dem Ausgang vielleicht…

    „Und du hast recht. Ein Stein hat definitiv mehr empathische Fähigkeiten als du.“

    Nicht umdrehen. Bloß nicht umdrehen. Auch wenn die Worte dieses Mal nicht von Lineth kommen, wenn du dich umdrehst, dann wirst du etwas sagen. Oder selbst in Tränen ausbrechen und dich vielfach für dein mangelndes Verständnis entschuldigen. Für dein Versagen.

    Sie würde sich sicher nicht umdrehen. Niemandem, der sich umgedreht hatte, war je etwas gutes Geschehen. Nicht in Märchen, nicht in Büchern und sicher nicht in einer potentiell gefährlichen Gegend, in der man nicht wusste, ob sich im nächsten Moment ein Abgrund auftun würde.
    Stattdessen hob sie den Blick und sah nach vorn.
    Ruckartig blieb Marena stehen und brach die gerade aufgestellte Regel. Sehr langsam vollführte sie eine Ganzkörperdrehung, um jeden Teil der Umgebung nach den eigenen Gefährten abzusuchen.
    Sie war allein.

    Die Weißhaarige erstarrte. Für gut fünf Sekunden blieb sie vollkommen bewegungslos in der Mitte des Gangs stehen. Da war keine Angst. Ein mulmiges Gefühl, ein sich beschleunigender Herzschlag, aber da war keine Angst.

    Eine Illusion. Die Anderen sind noch hier. Sie sind nichtgefressen worden, sie sind nicht tot, sie sind hier, das ist nur eine außergewöhnlich gute Täuschung. Gut… vielleicht sind sie panisch und verängstigt, nach allem was bisher passiert ist, aber niemand ist verletzt oder tot! Und da sind wir wieder bei den Prioritäten. Um verängstigte Reisegefährten kann man sich im Anschluss kümmern. Wenn man das hier hinter sich gebracht hat.

    Sie war dem Rabengeist fast dankbar für den Moment der Stille und Einsamkeit um sich herum. Jetzt gab es nur sie, nur ihre eigene unerträgliche Art. Und hier würde sie zumindest nicht jeden Versuch des sozialen Kontaktes, jeden Versuch nett zu sein… gnadenlos in den Sand setzen.Wann war sie eigentlich so eiskalt geworden? War das eine Begleiterscheinung der Heilerausbildung vor Jahren gewesen? Oder hatte sie nie wirklich gut mit emotionalen Personen umgehen können?
    Trotz der Erleichterung war die drückende Last der Einsamkeit nur zu deutlich zu spüren. Sie musste weiter.

    Langsam. Einen Fuß vor den Anderen setzen. Du hast keine Angst im Dunkeln. Du hast keine Angst, alleine unter einem Berg eingesperrt zu sein und möglicherweise nie wieder herau… du hast keine Angst. Das hier ist eine vollkommen alltägliche Situation für Reisende. Der Weg vor dir ist frei,der Rabengeist ist nicht böse, auch wenn diese Prüfung ziemlich hinterhältigist, und niemand versucht im Augenblick dich zu töten. Vielleicht später, wenn sie realisieren, wie grauenhaft du darin bist, nett zu jemandem zu sein, dem es nicht gut geht. Andererseits… gut gemacht, du hast immerhin versucht nett zusein. Wie würdest du dich selbst bewerten? Wirklich bemüht? Immerhin hat die großartige Magierin, die mächtige Ratsherrin, die außergewöhnlich charmante Marena Isolde Antonia Felicia Econde es versucht!

    Das innerliche Selbstgespräch reichte keineswegs um die Stille zu füllen und entgegen jeder Vernunft begann sie leise zu summen.

    Für Versagen gibt es keine Ausreden. Und für „Versuchen und Scheitern“ gibt es keine Bonuspunkte. Das hier ist kein Schachspiel.

    Summen würde nicht reichen. Es fühlte sich an als wäre sie kaum zwei Meter weit gekommen und egal wie erleichtert sie auch war, allein zu sein, einen Moment lang nicht in der einfachsten Sache der Welt – Empathie – zu versagen, die leeren, dunklen Flure und die unendlich hohen Decken, all das ließ ihre Schritte so unbedeutend und klein erscheinen. Das Gefühl zuschrumpfen, immer kleiner und schmaler zu werden, traf sie unvorbereitet. Ein schneller Schritt nach vorn, hastig. Sie durfte nicht rennen. Sie würde nicht rennen. Diesen Sieg konnte sie niemandem gönnen.

    So schnell ihr Herz auch schlug, Marena zwang sich ihr ursprüngliches Tempo beizubehalten. Das Summen wurde zu einem Singen, wurde lauter. Ein Versuch die Stille mit Leben zu füllen, ein Versuch gegen die Schatten anzusingen. Oder vielleicht doch eher gegen das beklemmende Gefühl.
    Stunden schienen zu vergehen. Jahre zogen vorbei. Oder auch nur Sekunden. Die Taschenuhr lag in der Feste und zur Orientierung konnte mansich hier nicht auf die Sonne verlassen. Die wurde durch den Berg immerhin effektiv ausgesperrt.

    Als sie in den zweiten Raum gelangte waren es die Bücher, die sie als erstes wahrnahm. Ohne weiter darüber nachzudenken, fast als würde sie magnetisch angezogen, stürzte sie in Richtung des ersten Bücherregals und riss sich den Handschuh mit dem Innenfutter aus Stoff herab. Bücher. Bücher,hier gab es Bücher. Eine Bücherei.
    Erleichterung. Jeder Schlag des rasenden Herzens verbreitete die Erleichterung in ihrem Körper. Worte kamen aus ihrem Mund, die Stimme klang rauer als normalerweise, aber die Worte waren vertraute ausgesprochene Gedanken. Hier, bei den Büchern war sie sicher. Für den Moment.
    Und dann realisierte sie, bereits in der Bewegung um eines der Bücher aus dem Regal zu angeln, dass sie vor einer Wand aus Flammen stand.Hinter ihr schrie jemand auf. Und dann, bevor sie herum fahren konnte, um zu sehen welcher ihrer Kameraden da geschrien hatte, erklang sie wieder, die Stimme des Raben.
    "Das nächste Mal fliehen wir nach dem Essen!"
    "So unfähig beim Teekochen zu sterben bin ich nicht!"
    "Ich wurde nicht vergiftet ich... War nur zur falschen Zeit am falschen Ort... GUT! Ich wurde vergiftet!"
    "Magier... Die überheblichsten Wesen des Universums. Ich darf das sagen... Ich bin Elementarmagierin."
    "Ich bin selten etwas. Im Grunde... glaube ich oft, dass ich von allen Personen in meiner Umgebung am wenigsten bin und am meisten scheine."
    ~ Marena Éconde


Kommentare 6

  • Kanori -

    Eine schöne Geschichte und ein toller einblick in einen mir bisher quasi unbekannten Charakter :)

    • May -

      Ich kam nicht umhin auch mal wieder etwas zu schreiben :) Vielen Dank!

  • Amnesyas -

    Gefällt mir!

  • Motte -

    "Niemandem, der sich umgedreht hatte, war je etwas gutes geschehen."

    Den Satz mag ich arg! Generell schöner parataktischer Schreibstil.

    • May -

      Vielen Dank :) Ja, jeder der sich umdreht fällt hin! Immer! Das ist wie ein physikalisches Gesetz!