Wintertage

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  • 2 Tage zuvor:

    Als Diarmai die Tür öffnete hob die junge Frau ihr gegenüber den Kopf und schaute ihr entgegen. Sie sagte nichts, bewegte sich nicht einmal groß, sondern schaute ihr einfach bloß mitten ins Gesicht. Dabei flitterten die Augenlider ein wenig, als sie Diarmai ansichtig wurde – Eine kaum wahrnehmbare Regung, und doch hatte die große Liese genau diese eingefangen.
    „Ich… bin gefallen.“ raunte sie halblaut und sich erklärend. Aus irgendeinem nicht näher definierbaren Grund schämte sie sich plötzlich. So senkte sie den Blick und schaute an der Frau vorbei und zum Schneetreiben vor der Türe.
    „Ich weiß.“ gab ihre Nachbarin murmelig zurück – Und hob die Hand schlicht zum Gruß, sich weiterhin nicht von Ort und Stelle bewegend.

    Diarmai hatte nie verstehen können, wieso manche Leute ihre Nachbarin als seltsam oder gar gruselig beschrieben, war sie ihr gegenüber doch immer zuvorkommend und hilfsbereit gewesen – Etwas wortkarg, ja, und auch öfter einmal schlechter Laune, aber doch irgendwie nett. Als sie aber nun den Blick vom Flockentanz zurück zu Fräulein Yarim und deren starren, auf ihr liegenden Blick lenkte überkam sie ein unbequemes Gefühl von Nacktheit. Sie unterdrückte den Impuls, die Türe einfach wieder zu schließen, rang sich stattdessen ein Lächeln ab.
    „Wie kann ich -“ begann Frau Hogan, doch genau in dem Moment, als sie zu sprechen begann, öffneten sich auch endlich Hannahs Lippen erneut: „Ich habe einen Tee mitgebracht, du solltest jetzt nicht den ganzen Tag alleine sein.“ Diarmais Nachbarin trat über die letzte Stufe, welche zum Hoganschen Haus führte.

    Sie saßen eine ganze Weile lang beisammen, tranken den mitgebrachten Tee… schwiegen sich hauptsächlich an. Hannah schrieb den Brief, den Diarmai an Arya schicken wollte und in dem sie bescheid gab, das sie leider nicht an der Schneeballschlacht teilnehmen konnte. Sie hatte so gern zur Rast gehen wollen, und es tat ihr leid, die Verabredung nun doch absagen zu müssen.

    Sehr viel schwerer als der Brief an Arya aber fiel ihr der darauf folgende Brief an ihre liebe Arlassia. Als sie ihrer Nachbarin die Worte diktierte, die ihr Fernbleiben von ihrer Schwesterliese und deren Familie an diesen Wintertagen ankündigten, bildete sich ein Kloß in ihrem Hals, und sie hatte Mühe gehabt, die Tränen zurück zu halten. Die Wintertage nicht allein, sondern mit ihrer selbstgewählten Familie verbringen zu können war ihr ein wahrer Segen gewesen, und sie freute sich seit Wochen auf die gemeinsamen Tage. Doch so, in diesem Zustand, konnte und wollte sie sich ihren liebsten nicht zeigen – Die Schramme im Gesicht und auch die frisch geschiente Hand mochten ein unschöner, aber zumutbarer Anblick sein, ihr Gemütszustand aber war es nicht.

    Bank ausgeraubt - Beide Inhaber erschossen.
    Sie hatte die letzten Tage geweint und immer wieder geweint, bei dem Gedanken daran, das nun alles Geld für ihre geliebten Patenkinder wohl fort war. Jahrelang hatte sie gespart, und egal wie es um ihre finanzielle Situation beschaffen war: Nie hatte sie einen Einzahlungstermin versäumt, nie hatte sie an der Wichtigkeit dieser Rücklagen für den schlimmsten aller Fälle gezweifelt. Auch um das eigene Vermögen hatte sie geweint. Und dann hatte sie noch mehr geweint, aus schrecklicher Scham und Reue, das sie der Wegfall des Geldes mehr traf als der Tod von zwei Menschen, die Frau und Kinder hinterließen. Diarmai weinte für die armen Frauen und die Kinder, die doch noch so klein waren und sich später nie an die Väter erinnern können würden. Ja, Diarmai hatte schrecklich viel geweint, sich weigernd, überhaupt nur das Haus zu verlassen. Und sie wusste, das sie noch öfter weinen würde – Doch nicht vor Arlassia und ihren kleinen Patenkindern. Nicht zu den Wintertagen. Das konnte und wollte sie ihnen um nichts in der Welt antun.

    Bevor ihre Nachbarin die Briefe schließlich mit dem Versprechen, sie beim Boten abzugeben, mit sich nahm erzählte sie noch ein wenig von deren Alltag, und Diarmais Anspannung lockerte sich wieder: Anscheinend hatte sie in ihrem derzeit labilen Zustand zu viel in den Blick der Kräuterhannah hineininterpretiert.

    ~~~

    1 Tag zuvor:

    „Ich war gestern bei der Rast.“ Auch heute stand Hannah wieder vor Diarmais Türe, wieder hatte sie eine kleine Kanne Tee dabei. Der durchdringende Blick, der ihr gestern noch so seltsam hintergründig vorgekommen war, hatte für die Herzlichliese heute schon all seine Bedrohlichkeit verloren.

    Wieder saßen sie beisammen, tranken still Tee und schwiegen sich an. Diarmai war nicht nach Quasseln zumute. Eigentlich… ja, eigentlich wollte sie am liebsten alleine sein. Nachdem so einige Zeit verstrichen war und Diarmai das Gefühl hatte, sich langsam entschuldigen zu können, erhob Hannah plötzlich das Wort:

    „Weißt du, gestern war ein ganz besonders toller Abend.“ eröffnete sie der Hogan murmelnd.
    Diarmai gab einen unbestimmten Laut von sich, zwang sich zu einem Lächeln. Eigentlich wollte sie viel lieber zurück in ihr Bett eumeln und einmal mehr in Selbstmitleid und Weltschmerz schwelgen als weiteren Worten zu lauschen.
    Doch die Kräuterfrau sprach unbeirrt weiter: „Gestern, da war ich mit Rada bei der Rast. Rada ist eigentlich immer aufgeweckt und lustig, aber gestern war sie unheimlich schlecht gelaunt und hat ganz griesgrämig geschaut. Sie hat auch den ganzen Abend bloß von Arik gesprochen, sich geärgert und gemeckert. Nicht mal gefragt wie es mir geht hat sie. Sie war wirklich ganz schrecklich unleidlich.“ Diarmais Nachbarin lächelte ihr -völlig gegensätzlich des Gesprochenen - glücklich und zufrieden entgegen.

    Die Liese runzelte ihre Stirn. Weder verstand sie, warum das ein Grund zum Lächeln sein sollte, noch hatte sie eine unterschwellige Botschaft erkennen können. „Ööööh…“ kommentierte sie daher ratlos, versuchte herauszufinden, was genau sie wohl in der Erzählung verpasst hatte. Die Kräuterfrau erhob sich allerdings bevor Diarmai das Rätsel gelöst hatte.
    „Ich gehe jetzt. Morgen sind alle Menschen, die ich mag, bei mir. Rada auch. Deshalb muss ich noch viel vorbereiten.“
    Frau Hogan war so verdutzt und befremdet, das sie einen Moment lang vergessen hatte, das es ihr furchtbar schlecht ging. „Ja, aber.. Hannah!“ rief sie protestierend hinter der Nachbarin her. „Wieso.. äh. Also… Freust du dich etwa über Radas schlechte Laune?“
    „Ja.“ entgegnete Hananh, schon an der Türe angekommen. Es dauerte einen Moment, dann führte sie weiter aus: „Denn das war das erste Mal, das sie mir so richtig ihre garstige Seite gezeigt hat. Ich glaube, wir sind uns einen großen Schritt näher gekommen.“

    Hannah war schon lange fort, da saß Diarmai immer noch vor dem leeren Teebecher. Sie verstand nun natürlich, was die Nachbarin ihr mitteilen wollte – Doch alles in ihr wehrte sich dagegen, ihre liebste Liese mit ihren Sorgen und Nöten zu belasten. Zu belasten in einer Zeit der Freude und gemütlichen Ruhe. Alles, außer der hartnäckigen, quälenden Sehnsucht nach den Worten, die ihre Freundin schon so oft gesprochen hatte: „Ach, ist nicht wahr! - Das bekommen wir schon hin, Liese. Mach dir keine Sorgen!“

    ~~~

    Wintertage

    Am Morgen des ersten Wintertages schulterte Diarmai ihren dicken Rucksack, gefüllt mit vielen vielen und noch mehr Geschenken für ihre löwensteiner Familie. Sie war noch immer verzweifelt – und fühlte sich überdies auch noch wie der schlechteste aller schlechten Menschen. Denn sie hatte sich vorgenommen sich ganz arg zusammen zu reißen, einen schönen Tag zu verbringen mit der kleinen Rosalie und dem noch kleineren Andre, mit Lük und Arla. Sie wollte einfach nicht alleine sein. Sie konnte jetzt nicht alleine sein. Und wenn sie am Tag darauf genug gefeiert und gelacht hatten, gut geschlafen und auf einen ganz besonders tollen Wintertag zurückblicken konnten, dann… ja, dann wollte sie ihrer Liese erzählen, was geschehen war. Sie hoffte schon jetzt inständig, das sie lange genug stark bleiben konnte. Und sie hoffte noch viel mehr, das die Götter ihr diese Selbstsucht verzeihen würden.

    Als sich eine gute Weile später dann die Türe des Hauses Quessar öffnete und sie in das überraschte Gesicht Arlassias sah, da lächelte sie so weit auf wie sie konnte: "Überraschung! Hier bin ich!"
    Da war sie. Mit all ihren Wunden und Nöten. In all ihrer Unvollkommenheit. Die ich-mache-euch-mit-meinem-Scheiß-die-Wintertage-kaputt-Diarmai.
    "TANTE DIA! TANTE DIA IS DAAAA!" Rosalie schrie vor lauter Begeisterung so laut, das sich ihre Stimme überschlug. Arlassia umarmte ihre Freundin und weigerte sich eine ganze Weile lang einfach, sie wieder los zu lassen.
    Vielleicht... Vielleicht war doch alles gar nicht so schlimm wie sie dachte.




    (Anm.: Ich habe schon in Erfahrung gebracht, dass das Geld NICHT weg ist. Diarmai weiß das aber -noch- nicht, die kam nämlich nicht mehr dazu, den ganzen Artikel zu lesen.)
    (2. Anm.: Danke für das hier grob erwähnte RP, ihr lieben Schätze!)

Kommentare 24

  • Motte -

    Oh <3
    Ach, das habe ich gerne gelesen. Vielen Dank dafür. Schön.

  • Arlassia -

    <3 ein Glück ist sie doch da

  • Vetkin -

    > "Freust du dich etwa über Radas schlechte Laune?“
    > „Ja.“
    _

    Irgendwie find ich gerade das so unglaublich passend :D Und die arme Dia :( man reiche ihr reichlich Schoki, Tee und Umarmungen! Sofort!!

  • Harlem -

    Aaahw! QQ Voll schön geschrieben.

  • May -

    *traurig* Ich mag deine Geschichten. Sie sind toll... aber ich mag es nicht, dass es Dia nicht gut geht!

    • Lianne -

      Ich freue mich wahnsinnig, das sie dir immer wieder gefallen! :love:
      ... und ich vermute, dass Dias Verzweiflung nicht lang anhält. ^^

    • May -

      Gut! Die Glückliche Diarmai ist noch tollerer!

    • Lianne -

      Tollerer ist immer besser :D

  • Nana -

    Ach wundervoll! <3

    • Lianne -

      Es tut mir leid... Rada musste als Lehrobjekt herhalten.
      Aber es war einfach SO passend. Und ein für Hannah ganz besonderer Abend. <(^o^)><3

    • Nana -

      Dir muss gar nichts leid tun!
      Du hast den Abend nicht nur für dich in so wenigen Worten so treffend zusammengefasst. Dankeschön, dass Rada als Lehrobjekt hinhalten darf! <3

    • Lianne -

      aww *wirft Herzis*

  • Kanori -

    Was für eine tolle Geschichte! Schön geschrieben und man will Diarmai direkt mal in den Arm nehmen! :)

    • Lianne -

      Ich danke dir, liebe Arya!
      Und bedanke mich noch einmal für das schöne Rp bei der Rast - Und dem supersüßen Päckchen. Diarmai hat sicher gleich vom Fell Gebrauch gemacht und sich darin eingerollt, bevor es dann am nächsten Tag auf nach Löwenstein ging. :)
      <3

    • Kanori -

      Das ist gut! :) Dafür sind Felle da :) und ich gebe den Dank fürs RP zurück :)

    • Lianne -

      :love: