Erinnerungen



„Willst du deinen Pfannkuchen mit Kompott?“
Sie blinzelte sich den Kummer aus den Augen, der noch tief von den Worten des Hexers saß. Er hatte sie genau da getroffen, wo es die junge Norn schmerzte. Ihr Blick hob sich zum Herd und dem Norn, der dort mit einer Pfanne in der Hand kniete. Unter dem kohlrabenschwarzen Bart zeichnete sich ein warmes Lächeln ab. Hier in der Sicherheit der Festung nahe Firnhallen wagte sie nun das erste Mal seit dem Aufbruch einen genaueren Blick auf den Koch... und schüttelte den Kopf. Der Hunger war ihr vergangen.
„Du musst was essen. Und jetzt sag nicht, dass du keinen Hunger hast. Als ob man bei meinen Pfannkuchen ‚nein‘ sagen könnte.“ Entgegnete er mit einem Schmunzeln auf ihre Geste. Allein der Tonfall des Norn zeigte ihr, dass er nicht locker lassen würde bis sie etwas gegessen hätte.
„Blank.“
„Blank?!“ hakte er schier ungläubig nach.
Sie nickte. „Blank. Richtig gute Pfannkuchen brauchen nichts, damit sie besser werden. Sie sind dann schon wunderbar.“ Kurz zuckten ihre Mundwinkel hinauf und er schüttelte leise lachend seinen Kopf, ehe eine Pfannkuchenrolle zu ihr gereicht wurde.



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Lange waren die letzten Kämpfe um Firnhallen bestritten. Lange waren sie wieder zurück in Hoelbrak und sie stand gemeinsam mit dem kohlrabenschwarzen Koch in der großen Halle. Viele Worte waren gesprochen. Sie genoss seine Nähe. Die Wärme und Ruhe die er ausstrahlte, hier an diesem lauten und unruhigen Ort. Die warmen Lippen, die ihr weitere Worte verboten und von denen sie sich für eine sehr lange Zeit nicht mehr losreißen konnte. Wollte. Sollte.



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Erschöpft sank sie in die Felle. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn und ihr gesamter Körper war von der Anstrengung ausgelaugt. Sie war müde. So unendlich müde. Doch das Plärren des Neugeborenen weckte in ihr den Instinkt von dem sie geglaubt hatte, sie hätte ihn nicht. Die Schamanin richtete sich auf und aus dem Augenwinkel konnte sie erkennen, dass der Koch vor Freude schier platzte.
„Es ist ein Junge. Er ist gesund und kräftig.
Tonlos musste sie lachen. Die Kunde, dass es ein Sohn war musste der Kerl sicher an diesem Morgen noch überall verbreiten.



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„Komm! Ich habe sie gefunden!“ Mit großen Schritten eilte der Norn voraus und führte sein Weib, den Sohn und die Ziehtochter einen kleinen Pfad hinauf. Vor einer heruntergekommenen Hütte blieb er stehen, breitete die Arme aus. Nachdem sie aufgeholt hatten, klopfte das Weib dem Säugling locker den Po während die Ziehtochter den Kopf schrägte. Beide blinzelten.
„Sieht aus, als müsste hier noch einiges passieren...“
„Ach, das geht schon. Kommt rein, los. Da draußen können dann die Dolyaks hin, dort ein Schuppen und Ina kann sich da hinten eine Schmiede aufbauen.“ Er wirkte aufgeregt, woraufhin die Norn leise lachen musste. „So aufgeregt warst du zuletzt, als bei mir die Wehen begonnen haben.“



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Vorsichtig schob sie sich auf die Hängebrücke, die weit oben am Minotaurenpass die Klippen miteinander verband. Die Spuren ihrer Beute führten genau auf die Brücke. Sie hasste Hängebrücken. Und das wusste ihre Beute, machte sich das zu Nutzen. Es war nicht das Problem mit der Höhe. Es war eher die Angst zu fallen, die sie lähmte. Jeder Windhauch war zu spüren, je weiter sie sich auf die Brücke schob. An den Seilen festgeklammert kam sie näher an die Mitte, als die Brücke unter ihr plötzlich absackte. Keinen Augenblick später wurden ihre Beine nach oben gedrückt und sie war kurzzeitig im Freiflug. Erschrocken und gänzlich starr vor Angst schrie das Weib auf, hörte zeitgleich das heitere Auflachen hinter sich. Es war ihre Beute. Ihr Kerl. Er hatte das kleine Versteckspiel auf grässliche Art und Weise beendet und gewonnen.



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Knapp eine Woche war es her, seit die Sippenhütte der Brandstiftung zum Opfer gefallen war. Die Gemüter hatten sich noch immer nicht beruhigt und die Kinder waren noch immer völlig neben sich. Doch nicht nur sie. Der Legendenkoch stand seinem Weib gegenüber und sie schauten sich still an. Seine Mimik zeigte die innere Zerrissenheit, wie er sich zurückhalten musste. Sein Blick wanderte über die Gestalt seiner Gefährtin. Tief war der Atemzug, bei dem er die Augen kurzzeitig schloss und woraufhin er das Wort ergriff.
„Ich liebe dich und die Kinder. So wie nichts anderes. Aber ich werde meinen Zorn nicht einfach vergessen. Diesmal nicht ... nicht so schnell.“
„Ich weiß,“ entgegnete die rotgelockte Norn, atmete langgezogen aus. Es brauchte einige Anläufe, bis sie ihre Worte und die Kraft soweit gesammelt hatte um zu sprechen. Dabei schaffte sie es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Stattdessen fixierte sie einen Punkt in seinem Bart.
„Ich weiß. Und deshalb wirst du gehen.“



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„Hier hat alles begonnen.“
Gemeinsam standen sie auf einer Anhöhe des Hjölmsholmir und zogen die kalte Luft tief ein. Es gab kein großes Fest, kein Gelage und auch niemanden, der Zeuge dessen wurde was gleich hier oben geschehen würde. Sie hatten sich dafür entschieden, es genau hier und genau so zu machen.
„Du willst wirklich, Wölfin?“
„Ich will.“ Mit einem Nicken löste sie sich von ihm und stellte sich dem Kerl gegenüber. Das Lächeln war warm und stolz. Auch er nickte.
„Also werden wir endlich den Bund eingehen.“



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Sie saßen noch auf dem Teppich mitten in der Hütte. Das Mädchen hielt sich locker an einem der Bartzöpfe ihres Pa fest und hatte den wachen Blick fest auf ihn gerichtet. Die Blicke trafen sich, woraufhin das Kind den Kopf ein klein wenig schräg legte. Die wilden roten Locken hüpften dabei über den Schopf und die Unterlippe wurde ganz leicht nach vorne geschoben.
„Bitte, Pa?“ hauchte die Tochter leise.
Er engte seine Augen und sah das Mädchen an. Seine Jüngste. Leise brummelnd und schnaufend wurde sie gedrückt, ehe er schier resignierend entgegnete: „Ich überleg es mir.“



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„Also, hast du Wünsche was wir in den nächsten Tagen jagen gehen?“
„Hab ich.“ Der Norn nickte und strich sich breit schmunzelnd mit der Hand über den Bart. Sein Blick legte sich auf sein Bundweib. Den Schalk in seinen Augenwinkeln sah sie im ersten Moment nicht.
„Wir jagen Moas. Und vor allem auch ein paar von ihren Eiern.“
Der Mund klappte der Norn auf und sie sah ihn mit einem Blick an, der ankündigte was sie daraufhin sagte.
„Echt jetzt?!“ Resignierend rieb sie sich die Stirn. Sie wussten Beide, dass Moas und die rothaarige Jägerin nicht zusammenpassten.



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„ICH SCHLAG AUCH GERN DEN ZWEIEINHALBRIESENTÖTER UM, DANN BIN ICH DER BEZWINGER DES ZWEIEINHALBRIESENTÖTERS!“ Die Stimme des Legendenkochs schallte über den Marktplatz. Sein Blick wanderte vom Steinmetz zu seinem eigenen Weib. „ACH! DIE EINE ZWEIEINHALBRIESENTÖTERIN HAB ICH JA SCHON FLACHGELEGT!“
Sprachlos stand das Weib vor dem Kerl und blinzelte ihn stumpf an. Mit einem breiten Lächeln präsentierte der Legendenkoch ihr die Fladenrolle und stockte mitten in seiner feierlichen Übergabe. Ihr Bein war nach oben geschwungen, um ihm zwischen seine zu treten. Keuchend sank er auf die Knie. Doch sein Stolz als Legendenkoch zwang ihn dazu, die Rolle weiter anbietend hochzuhalten. Erst als sie die Fladenrolle nahm, kippte er zur Seite um. „Das bekommst zurück!“ tönte er dabei mit hellerer Stimme.



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Weit oberhalb des Schreins der großen Bärin stand sie und wartete. Mehr oder weniger geduldig. Ihr Blick ruhte auf der Gestalt ihres Bundkerls, der sich auf den Schrein zubewegte um den Segen der großen Bärin zu erfahren. Sie selbst hatte es ihm vorgeschlagen, denn nicht nur sie hatte sich über die vergangenen Jahre mit ihm verändert. Auch er hatte sich verändert. Zwar nicht dem Raben abgewandt, doch selbst ein Blinder konnte erkennen, wie zugetan er in den vergangenen Monden der Bärin war. Und nun endlich hatten sie gemeinsam den Schrein aufgesucht. Jedoch musste er die kommenden Schritte alleine bewältigen und sie war gezwungen zu beobachten. Aber das Weib war sich sicher, dass er die Prüfung der großen Bärin bestehen und stärker aus dieser hervorgehen würde...




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Sie blinzelte sich aus ihren Gedanken und sah umher. Ihre Hand hatte sich in seine gelegt und hielt daran gut fest. Viele Stimmen mischten sich zu einem gewaltigen Chor aus Gesprächen. Charr, Norn, Menschen, Sylvari und Asura... Tengu und Quaggan. So viele hatten sich versammelt, um beim Kampf gegen die beiden Drachen und ihre Champions zu helfen. So viele würden in diesem Kampf fallen. Für sie selbst war es der letzte Kampf der bestritten werden musste. Sie drückte die Hand ihres Kerls fester und sah zu ihm hinauf. Ihre Blicke trafen sich. Entschlossenheit lag darin. Auch heute kämpften sie gemeinsam. Und wenn das Schicksal es so bestimmte, dann fielen sie auch gemeinsam. Jedoch war das keine Option. Denn nach diesem Kampf wartete eine Reise von der sie lange nicht zurückkehren würden.


Ihre Lippen formten Worte, die nur für ihn bestimmt waren. Er musste sich anstrengen, sie bei dem Lärm überhaupt hören zu können. Doch er kannte sein Weib. Jeden Millimeter kannten sie voneinander. Jeder Blick, jeder Laut, jede Emotion. Es war mehr als verständigten sie sich auch vollkommen ohne Worte.
„Ich liebe dich, Bär.“

„The Norn will not change simply because the Dwarves do not understand our ways.
I'd rather be hated for who I am than loved for who I am not.“

Jora

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